Mehr Platz für den Friedensbaum

Wie ich heute Mittag nach der Arbeit auf meiner Terrasse das Wochenende einläutete, mich an den geschenkten Merci-Schöggeli einer Arbeitskollegin erfreute und gemütlich einige Kapitel meines aktuellen Buches las, hörte ich auf einmal einen Staubsauger an der Haustür brummen.

Wie jetzt, ist unsere Haus-Putzfee gekommen, ohne dass ich sie habe kommen sehen? Wie toll ist das denn! Ich habe sie ja schon ewig nicht mehr getroffen! Die letzten zwei Jahre hat sie immer die Pflanzen auf meiner Terrasse gehütet und gegossen. Doch seit ich meistens dann im Büro bin, wenn sie Treppen, Böden & Waschküche unseres Miethauses putzt, gab es so schon lange keine Gelegenheit mehr für einen kleinen Schwatz mit ihr. Die gebürtige Italienerin und schon viele Jahre Alleinerziehende hat – obwohl es das Leben nicht wirklich gut mit ihr gemeint hat – eine unglaublich positive Ausstrahlung und es macht Spaß, mit ihr zu reden. Sie ist eine starke, eine strahlende Frau, die mit ihrer inneren Kraft scheinbar (oder offensichtlich) jeder Mühsal trotzt. Ich bewundere ihren Mut im Alltag und die Würde, mit welcher sie ihre viel zu oft viel zu gering geschätzte Arbeit macht.

Schnell huschte ich also, nachdem ich den Staubsauger gehört hatte, durch die Wohnung in die Waschküche rüber, wo ich sie hantieren hörte und freute mich sogleich über ihre herzliche Freude, mich zu sehen. Doch ich hatte ja auch einen Hintergedanken. Ob sie vielleicht wieder meine Topfpflanzen …? Aber ja, sie könne ja eh einmal mehr nicht in die Ferien, auch diesen Sommer nicht … (Hach, wäre ich reich, würde ich ihr Ferien schenken. Oder ihre Steuerschulden begleichen. Oder gleich beides!)

Wir gehen wandern, sage ich, mit dem Zelt. Diese Art Ferien kann ich mir leisten. (Aber wir machen das nicht nur so, weil es die billigste Art Ferien zu machen ist, denke ich. Nein, auch weil wir es so mögen. Weil es uns entschleunigt und weil es uns ruhig und einfach macht, weil es uns gut tut, wieder näher am Boden zu leben, auf der Erde zu sitzen und ihr nahe zu sein, auf ihr zu liegen, zu schlafen. Ja, auch das denke ich nur.)

Sie erzählt mir unter anderem von den Schwierigkeiten ihres Sohnes, eine Lehrstelle als Automechaniker zu finden. Für den Sommer 2017. Er sei kein Superschüler, eher schüchtern, eher klein, eher mollig wegen seiner Schilddrüsenerkrankung, und bisher hätten ihn alle Schnupperbetriebe abgelehnt, weil sie ihm diese Lehre nicht zutrauten. Schade.

(Aber vielleicht weiß ja eine/r meiner Aargauer LeserInnen etwas? Es müsste allerdings wohl im Raum Brugg/Baden sein, wegen der Fahrkosten, die möglichst tief sein sollten.)

Friedensbaum Wie auch immer … wir erzählen und erzählen und lachen immer wieder … es tut mir gut mit ihr zu lachen. Lachen gegen all diese Widrigkeiten, die das Leben uns immer mal wieder geboten hat. Nebenbei biete ich ihr einige Merci-Schöggeli an, die ja, wie gesagt, bei mir auf dem Tisch herumliegen. Ich teile Dankbarkeit mit ihr. Darüber freut sie sich und schließlich geht sie wieder an ihre Arbeit und ich an meine. Aufräumen ist angesagt. Und den kleinen Friedensbaum sollte ich auch endlich mal in einen größeren Topf setzen, damit der Frieden wachsen kann.

Zerrissenheiten

Vielleicht bin ich zu müde. Eigentlich sogar viel zu müde. Zum Bloggen. Für Denkarbeit, obwohl es im Grunde nie nicht denkt in mir. Und darum passt es perfekt zum Thema. Zum Titel oben.

Ja, zerrissen bin ich sehr oft. Leben in dieser Welt ist wohl nichts anderes als ein fortwährender Balanceakt zwischen – … hm … gute Frage. Zwischen?

Ein Seiltanz ohne Netz?

Wie Radfahren auf dem Deich, wie es Frau Rebis beschrieben hat, die zurzeit von Nord nach Süd auf der deutsch-deutschen Grenze radelt. Und bloggt. Mal Ex-DDR, mal Ex-BRD … immer hin und her.

Wie Leben.

Die eine Seite, auf der ich lebe, ist dieser ganz gewöhnliche, eher unspektakuläre Alltag, in dem ich mir mein Brot verdiene und mich davon ausruhe. Ich tue sehr oft Dinge, die ich mag, die, die kein Geld einbringen, mach ich besonders gerne, aber auch die andern sind ganz okay; ich tue sie, will heißen, ich arbeite, um Ende Monat das Dach über dem Kopf für den nächsten Monat zu bezahlen. Und die kranke Kasse. Und das Futter auf dem Tisch. Dazu immer mal wieder ein paar neue Bücher. Und Benzin fürs Auto. Und für den einen oder andern kleinen Luxus. Neben der Arbeit die sozialen Kontakte. Virtuelle über das große weltumspannende Netz und persönliche, also solche mit lebendigen, anfassbaren Menschen im richtigen Leben. Neben den sozialen Kontakten sind da noch die eigenen Projekte. Die Arbeit am Buch. Andere Texte, die ich schreibe, für und ohne Geld. Und Kunstzöix da und dort.

Auf der anderen Seite die Mitwelt, in der ich lebe. Und du auch. Diese große weite Welt. Diese schöne Welt. Diese schreckliche Welt. Diese Welt mit ihren Katastrophen. Mit ihren Kriegen. Ihren Flüchtlingen. Ihren Heimatlosen. Und hier ist sie: Meine ganz konkrete Hilflosigkeit, Zerrissenheit. Unklarheit. Mit all den Ideen, die ab und zu auftauchen: Könnte ich zum Beispiel Deutsch unterrichten? Könnte ich dies, könnte ich das? Nur eins: Viel spenden kann ich nicht.

Beim Einkaufen in der Stadt treffe ich ihn drei- oder gar viermal, den Mann, der neuerdings vor dem Coop Surprise – das Straßenmagazin verkauft. Seit ich nicht mehr mit dem Zug pendle, sehe ich die VerkäuferInnen kaum mehr. Ich kaufe darum ohne Zögern mal wieder das neueste Heft und fühle mich gut dabei. Ich habe mir und ihm einen Dienst getan. Mir habe ich eine sehr gute Zeitschrift gekauft. Und er hat die Hälfte vom Erlös, nämlich drei Franken, Taschengeld verdient. Obdachlose gibt es nicht nur in Griechenland immer mehr.

Wer das Buch mit Lebensgeschichten von Straßenmagazin-Verkaufenden per Crowdfunding unterstützen möchte, kann das gerne tun. → Hier gibts mehr Infos. ←

Wenn ich über all die Menschen nachdenke, die vom Leben an die Ränder der Gesellschaft gespült werden, sind es vor allem zwei Menschengruppen, die mein Herz besonders hastig poltern lassen. Es sind dies erstens die jungen Frauen, die fürs horizontale Gewerbe in unsere Länder geködert und gekarrt werden. Meistens mit riesigen Schulden, die sie niemals werden zurückzahlen können. Die Papiere bekommen sie erst wieder, wenn die Schulden bezahlt sind. Also nie. Die zweite Gruppe sind jene Menschen, die als moderne Sklaven, ähnlich den jungen Frauen, in unsere Länder geholt werden und ohne Rechte auf Baustellen und in Lagern und Fabriken arbeiten, ebenfalls mit immensen Schulden und ebenfalls ohne Papiere. Dazu in meist menschenunwürdigen Unterkünften.

Natürlich leide ich auch mit all jenen Menschen, die als BilligarbeiterInnen und SexsklavInnen in ihren Ländern ausgenützt werden. Extremst sogar. Und mit allen, die in ihren Ländern Krieg erleben müssen. Mit allen Unterdrückten. Warum es aber genau die vorher genannten Menschengruppen sind, die mich besonders beschäftigen? Vermutlich weil sie noch mehr als alle anderen Gefangene sind, denn sie haben nicht mal mehr ihre Heimat, ihre Familien, ihre Sprachen. Nichts mehr außer Schulden und Angst. Und wir, unsere Gesellschaft mit unserer Dekadenz und unserm Ruf nach „Immer mehr“, geben dieser Entwicklung Vorschub.  Auch „Immer billiger“ hat seinen Preis.

Mein Herz schmerzt ob des Leids dieser Menschen. Und ob meiner Zerrissenheit. Weil ich nicht weiß, wie ich mit all diesem Wissen überhaupt leben soll. Leben kann. Wie kann ich froh sein und über Alltägliches lachen, überhaupt alltäglich leben, wenn andere so verdammt leiden müssen?

Und ich tue es doch. Und ich vergesse sie ab und zu, diese anderen. Weil ich es nicht ertragen würde. Durchdrehen müsste ob des Irrsinns. Verdrängen und wegschauen, um mein Leben leben zu können. Im Hinschauen wegschauen. Irgendwie. Und im Wegschauen hinschauen. Es ist wohl dieses Wissen, dass alles verbunden ist, dass mich leiden lässt. Aber ich leide auch an meiner Hilflosigkeit. Was ich ein ziemlich sinnloses Leid, ein sehr egoistisches Leid finde, das ich am liebsten nicht wahrnehmen würde.

Keine Ahnung, warum ich das aufgeschrieben habe. Es wollte raus.

Begegnungen

Dass ich über die Menschen am Weg schreiben könnte, ist mir erst gestern zum ersten Mal eingefallen. Seltsam eigentlich, wo ich doch ständig am Beobachten bin. Ziemlich wertfrei meistens, manchmal mit Unverständnis, manchmal mit Staunen. 

Gestern aber war so ein Tag, an dem wir noch und nöcher über Lebensgeschichten, über Ausschnitte von Lebensgeschichten, gestolpert sind.

Nach unserer Rückkehr vom Einkauf und unserer schon beinahe rituellen Teatime im Zeltplatz-Café fahren wir mit unseren Rädern zum Zelt. Oh, wie leer er ist! Nur noch die Familiengruppe ganz hinten (die im Vorvorartikel vermuteten acht Zelte sind übrigens nur drei) und am zweiten Tisch ein Wanderzelt, das etwas größer ist als unseres. Vorne, gleich nach dem Eingang der Zeltwiese, mühen sich zwei junge Menschen, ein Mann und eine Frau, erfolglos mit dem Aufbau eines kleinen Zeltes ab. Mühen im doppelten Sinn: Der Wind spielt ihnen ganz schön mit und die Technik, die Handhabung des Zeltbaus, scheint ihnen wenig vertraut. Wir grüßen im Vorübergehen freundlich, stellen unsere Räder ab und schielen zurück. Irgendlink hat kaum den Fahrradständer aufgeklappt, als er sich auch schon auf dem Absatz dreht und auf die beiden zugeht. 

Ob sie Hilfe brauchen, fragt er. Sie nicken erleichtert. Ich habe meine Sachen vom Rad genommen und gehe nun auch hinüber zu der kleinen Gruppe, denn ein Zelt hat ja vier Stangenenden, die in  vier Ecken müssen. Ergo braucht es vier Menschen für den Aufbau. Wir lächeln uns an und bauen nun zu viert das Zelt ruckzuck fertig auf. Ein kleines, einfaches Zelt aus dem Supermarkt – ohne Überzelt. Hoffentlich regnet es nicht, sag ich noch. Wir reden ein wenig, bekommen von den beiden jungen in Schweden aufgewachsenen Iranern – die Frau ist seit einjährig im Land, der junge Mann seit zweijährig – Nougatgoodies mit auf den Weg. Und viele Dankesworte. 

Solange die Sonne scheint, ist der Wind erträglich, und die Temperatur ebenfalls. Irgendlink überlegt sich sein zweites Seebad heute. Held spielen heißt das bei uns beiden. Er verzichtet. Zugunsten einer heißen Dusche, diesem Heldentum des kleinen Mannes. Ich setze mich derweil ins gemütliche Wohnzimmer, denn es ist kühl geworden und ich tauge wenig zur Heldin und masochistisch veranlagt bin ich ja auch nicht wirklich, obwohl man sich – so von außen betrachtet – ja fragen kann, ob Menschen, die sich Wander- und Radtouren antun, ein bisschen selbstquälerisch veranlagt sein müssten. Von außen betrachtet natürlich nur.

Außen- und Innensichten weichen oft sehr voneinander ab. Im warmen Wohnzimmer setze ich mich an „unsern“ Tisch, wo wir schon am Vorabend gemütlich gehockt und unsere Telefone an den Steckdosen aufgefüllt haben. 

Am Nebentisch sitzen die Kinder der Nachbarszeltsippe und spielen ein Kartenspiel – mit ganz normalen Jasskarten. Ganz normale gesunde Kinder zwischen neun und vielleicht fünfzehn Jahren. Die beiden Elternpaare wuseln unaufgeregt zwischen Küche und Wohnzimmer herum, decken Tisch, kochen für alle und es fühlt sich ein bisschen an wie in einem Schullager. Die beiden Wanderer-Nachbarn sind ebenfalls da, sitzen am Tisch vor der Küche und studieren Wanderkarten, derweil ich den gestrigen Blogartikel fertig schreibe.

Als Irgendlink, frisch geduscht, zu uns allen stößt, entspinnt sich ein Gespräch mit der einen der beiden Mütter, die sich nun zu den spielenden Kindern gesetzt hat und mitspielt. Aus Leipzig seien sie und kennen sich aus Kindergartenzeiten der Kinder. Sie machen oft zusammen Urlaub. Mit Zelten auf günstigen Plätzen wie dem hier. Norwegen schon paarmal. Nun eben Schweden. 

Als das Essen der Famiilien fertig ist – und mein Blogartikel ebenfalls – überlegen wir beide hin und her. Am Zelt kochen (bei Wind und Kälte) oder unsere Sachen holen und hier in der Campingküche kochen … Irgendlink geht schon mal vor. Als ich ebenfalls zum Platz komme, steht er mit den beiden jungen Iranern, die ihr Zelt soeben wieder abgebaut haben, zusammen. Sie werden zurückfahren, nach Ludvika, wo sie wohnen. Das Zelt ist ihnen doch ein wenig zu witterungsunsicher. Der kurze Platzregen von vorhin hat sie ernüchtert. Wir tauschen Nummern, denn sie möchten uns unbedingt zum Essen bei sich einladen, wenn wir ab Montag für zwei Tage in Ludvika sein werden. Wir sind gerührt und freuen uns. Verabschieden uns herzlich. Bis bald!

Irgendlink hat die fürs Kochen und Essen notwendigen Sachen in die Packrolle geladen und wir gehen rüber in die Campingplatz-Küche. Gemüseschnippeln, Reiskochen, Tischdecken … ja, wirklich, es ist gemütlich hier. 

Während wir die Dinge vor sich hin kochen lassen, erfahren wir mehr vom Wanderpaar, das ich so auf Mitte fünzig schätze. Sie wandern seit fast drei Wochen den Bergslagsleden, sind hier nun auf der zweitletzten Etappe angelangt und tragen 24 resp. 28 kg auf den Rücken. Mindestens je acht Kilo sind dabei gefriergetrocknete Lebensmittel und andere Survivals, denn auf diesem 280 km langen Wanderweg gibt es kaum Einkaufs- und Verpflegungsmöglichkeiten. 

Sie kommen ursprünglich aus Magdeburg, aus der Jerichower Gegend, leben nun aber, der Arbeit wegen, die ihnen dort abhanden gekommen ist, in Bayern. In Augsburg.   Warum sie so schwer tragen, wird mir später bewusst, als ich sie nach einer Webadresse frage: Resrobot.se ist DIE Adresse, wenn man in Schweden mit ÖV unterwegs ist. Gibt auch einf tolle App!

Die Adresse hat die Frau in ihrem Leerbuch, das mindestens ein halbes Kilo wiegt, notiert. Er liest einen dicken, kiloschweren Wälzer. Das Kartenmaterial wiegt sicher ebenfalls zweihundert Gramm. All das habe ich, wird mir bewusst, in meinem smarten Telefon: Karten, Bücher und Notizbuch.

Irgendlink schenkt ihnen seine angebrochene Schokolade. Meine schwarze Bitterschokolade mögen sie nicht (zum Glück, ähm ja …).

Wir sitzen noch eine Weile da, surfen Infos über den Camping von Ludvika, dessen Standort nicht ganz klar ist – gibt es einen oder zwei?  – und gehen schließlich ins Zelt. 

Dort ist es, wie immer, schnell kuschelig warm, sobald wir drin sind. Wie es jedoch bei zehn Grad oder weniger sein wird, will ich lieber nicht wissen. 

Nun ist es früher Morgen. Irgendlink ist rausgekrochen und hat Kaffee und Tee gekocht und nun sind wir wieder im Zelt. Der Wind, nun schon über vierundzwanzig Stunden sehr stark, geht an die Nerven. Nicht nur, weil er am Zelt rüttelt, er ist auch laut und – wenn man draußen ist – auskühlend. Ich würde ihn gerne in den Süden schicken, wo er bestimmt willkommen ist, falls es dort noch immer so heiß ist wie in den letzten Tagen. Könnte man doch das Wetter ausgleichen. Gewichte und Lasten gehen bedingt, aber Wetterverhältnisse?

Da gibt es nur das Ja. Ein Nein zum jeweils herrschenden Wetter macht krank. Dinge, die sich nicht ändern lassen, zu akzeptieren, gehört zu meiner Lebensaufgabe mit dazu. Ich übe noch.

Panorama Zeltwiese Uskavigården

Über das zLeidwerchen

Letzte Gedanken vor dem Einschlafen haben bei mir oft was Unzähmbares. Sie kommen und gehen, wann und wie sie wollen und fragen nicht, ob ich Zeit und ob ich Lust habe, ob ich mit ihnen am gleichen Tisch, im gleichen Bett liegen will.

Gestern, nachdem ich zuerst auf arte Die Eisläuferin und später auf ARD einen alten Borowski-Tatort geguckt hatte, stellten sich, als ich so in der Stille und Dunkelheit meines Schlafzimmers lag, Gedanken über das subtile zLeidwerche ein. Leider kenne ich, trotz guter Kenntnisse, kein deutsches Wort, das diesem schweizerdeutschen Ausdruck gerecht wird. Tipps willkommen. Wörtlich übersetzt heißt es zu Leide werken, zu Leide wirken, meint also dass wir beim zLeidwerche vorsätzlich Dinge tun, die einem anderen Menschen Leid zufügen. Sabotage en miniature sozusagen.

Wer von euch noch nie, muss nicht weiterlesen.
Alle andern dürfen. Willkommen in der Runde derer, die …

Neulich, es muss am letzten Sonntagnachmittag gewesen sein, habe ich auf dem Dachboden, der hierzulande Estrich heißt, für den internen Büro-Umzug ein paar Umzugkartons geholt. Drei sperrige Dinger. Unser Treppenhaus ist wendelrund und die Treppe relativ schmal. So stieß ich also immer mal wieder seitlich an Mauer oder Treppengeländer, was im Resonanzkörper des Treppenhauses ganz schön lärmte. Zu sagen ist, dass ich Lärm nicht mag. Und dass ich Lärm, wann immer möglich, vermeide. Zu hörenden ebenso wie selbstgemachten. Und nun machte ich also, noch immer unabsichtlich, Lärm.

Zu sagen ist auch, dass der Nachbar über mir, im ersten Stock, ein junges Männlein ist, das sehr oft sehr laut ist. Nicht mehr so oft wie früher und auch kaum mehr zu Unzeiten, nachdem wir das zum Glück im Gespräch klären konnten. Dennoch. Laut ist das Männlein, wie gesagt, immer noch oft. Heute aber, heute ist es still. Aber es ist da, wie das Auto vor dem Haus verrät. Vermutlich schläft es seinen Rausch aus, so es denn einen hatte?

Und ich? Ich lärme durch das Treppenhaus! Unabsichtlich noch. Statt nun aber aus Rücksicht, wie ich das immer von andern mir gegenüber unausgesprochen erwarte, leiser zu sein, lärme ich gleich noch ein bisschen lauter. Ich kann ja nichts dafür, dass das Treppenhaus so eng ist. Ich lärme an seiner Wohnung vorbei, schramme gar ein bisschen gegen seine Tür – ooops, sorry! – und als ich unten angelangt bin, wäre ich vor Scham im Boden am liebsten im Boden versunken. Scham vor mir selbst.

Gut, das mag harmlos klingen. Aber … nein, ich will nicht moralisieren. Doch, ich will moralisieren. Weil es so unkuhl ist. Und weil sich kaum jemand traut, es hin und wieder zu tun.

Nach den beiden Filmen gestern  – in denen der Zufall eine entscheidende Rolle gespielt und ungeahnte Kräfte in Bewegung gesetzt hatte –, grübelte ich im Bett liegend über Kollateralschäden, Zufälle und Zusammenhänge nach, darüber, wie eins nach dem anderen ruft. Und warum – warum das so ist.

Wir Menschen. Was steht hinter dem zLeidwerche? Ohnmacht vermutlich. Die Erkenntnis eigener Kleinheit und einer Art Mangel? Ich weiß es nicht wirklich – schon gar nicht für andere. Ich weiß nur, dass es immer eine Sackgasse ist.

Wie viele Momente meines bewussten und unbewussten Lebens verbringe ich mit überflüssigem Ärger auf Dinge und Menschen, die und denen ich am liebsten …

Gift.

Wie die Welt wohl aussehen würde, wenn wir unseren Impulsen des zLeidwerchens nicht nachgehen und stattdessen zLiebwerchen würden?

Anders handeln ist eine Frage des Bewusstseins. Der Selbsterkenntnis. Reflexion ja gerne – aber liebevoll.
Mir zLiebwerche? Das wäre doch schon mal ein guter Anfang.