Zwischen Menschen

Im Zeitalter abgelutschter und inflationär missbrauchter Begriffe wie Liebe und Freundschaft denke ich oft darüber nach, was sich wie verändert hat und warum; und was eigentlich hinter diesen Begriffen und ihren schon fast beliebig gewordenen Interpretationsansätzen für mich steckt.

Freundschaft nennen wir unsere Beziehungen heute ziemlich schnell. Freundschaft zu sich selbst, ja, das finde ich gut; da gibt es aber auch die Freundschaft zu Büchern, zum Handy, zum Auto, zu Serienhelden, zu Stars und Sternchen … Nun ja, da reicht mir das Wort ‚mögen‘. Doch wenn ich das Wort Freundschaft in den Mund nehme, denke ich sofort an Menschen. An einige meiner Lieblingsmenschen. Den Liebsten, der auch bester Freund ist, an Freundinnen und Freunde …

Bevor ich Freundinnen hatte, haben wir alle, die Kinder unserer Straße, mehr Buben als Mädchen, einfach zusammen gespielt und uns über so Dinge wie Freundschaft keine Gedanken gemacht. Wir waren im Wald, wir waren im Garten, in den Feldern streunten wir herum, wir waren Indianer, Cowboys, Polizisten und Räuber und wir waren vor allem eins: Menschen mit dem Bedürfnis zusammen zu lachen. In den ersten Schuljahren waren sich die meisten Mädchen zu gut für mich, zumal ich in der Pause lieber auf den Baum auf dem Schulhaus kletterte als seilzuspringen. [Noch war ich kaum domestiziert, noch war ich halbwild.]

Mag sein, dass ich mir Freundschaft darum schon damals als etwas Großes, als etwas Großartiges vorgestellt habe, größer als jeder Pausenplatz. Größer jedenfalls als dieses Smalltalk-Ding, das ich damals mit meinen  Kameradinnen erlebte.

Vertrauen ist der erste Begriff, den ich mit Freundschaft assoziiere. Sich etwas anvertrauen, was nicht alle wissen sollen. Ja, ich will dir vertrauen und ich will, dass du mir genauso vertraust. Dass du mir nicht nur Schönes erzählst, dass du mir nicht nur deine Schokoladeseiten zeigst, sondern dass du dich mir öffnest und mir deine Abgründe zumutest. Auf dass auch ich dir von den Dellen in meinem Leben erzählen kann, dir meine Bitter- und Hässlichkeiten, meine Höllen, zumuten kann. Und so vertrauen wir gemeinsam darauf, dass keine von uns beiden unser Wissen, Fühlen und Ahnen, das wir einander geschenkt haben, missbraucht. Loyalität, ja, sie ist ebenfalls Teil meines Verständnisses von Vertrauen. [Doch keine Angst, ich will nicht die einzige Freundin und Vertraute sein, die du hast. Das würde mich überfordern, und nein, du bist auch nicht die einzige Freundin und Vertraute, die ich habe. Mit Freundin X. teile ich andere Erfahrungen und Gedanken als mit dir, und mit Freund Y. nochmals anderes. So wie wir alle viele sind und viele Seiten in uns tragen, so teilen wir diese Vielfalt auch mit unterschiedlichen Menschen auf unterschiedliche Weise.]

Wahrhaftigkeit ist ein weiterer Begriff, den ich mit Freundschaft verbinde. Vielleicht kommt wahrhaftig zu sein gar noch vor Vertrauen, denn es ist für mich die Voraussetzung desselben, wenn denn eine Freundschaft wirklich diesen Namen verdient. So, wie ich mich dir ungekünstelt und unverstellt zumute, erlöst vom Wunsch, dich beeindrucken oder dir gefallen zu wollen, so wahrhaftig – und damit auch bereit, von dir verletzt zu werden –, so echt, so authentisch wünsche ich mir auch dich. Denn nur wenn wir beide uns einander offen und unverstellt zumuten und anvertrauen, kann etwas zwischen uns wachsen, das ich Freundschaft nenne.

Auf alles andere verzichte ich gerne. Alles andere ist Treten an Ort. Alles andere ist Smalltalk, Kleingeschwätz. Alles andere ist Zeitverschwendung. Ich mag meine kostbare Lebenszeit nicht mehr auf Menschen verschwenden, die mir nicht mit gleicher Offenheit, wie ich sie ihnen entgegenbringe, begegnen. Die sich unter und hinter Floskeln verstecken, die mir nur ihre Fassade zeigen und diese immer schön auf Hochglanz polieren. Nur weil wir damals Freunde waren, müssen wir heute nicht zwingend und noch immer Freunde sein. Nur weil wir vieles zusammen erlebt haben, müssen wir nicht auf Gedeih und Verderb einander geschönte Rapporte dessen liefern, was uns das Leben so antut. Wenn ich anmerke, dass ich deine Hochglanzwelt und dein So-tun-als-ob nicht glauben kann, weil sie mir nicht wahrhaftig genug ist, und du entgegnest, dass du mich nicht verletzen wolltest, schlucke ich leer. Sehr leer.

Kritikfähigkeit und -bereitschaft gehören für mich ebenfalls und unbedingt in eine Freundschaft. Ja, ich will dich verstehen, aber ich will dass du das auch tust. Versuchen wir es zumindest. Klar will ich, dass du mir sagst, wenn du findest, dass ich auf dem Holzweg bin oder etwas das ich tue, nicht toll findest. Aber bitte nicht pauschal, sondern differenziert und begründet. Ich will mich mit dir nämlich auseinandersetzen, ich will dich sehen, ich will dein Herz sehen, nicht die Glasur, die hochglänzende Fassade. Und ich will auch nicht dein Bad samt dem Kind-in-dir auskippen. Und darum erwarte ich das alles auch von dir.

Ich hoffe, dass wir einander – wenn du es brauchst, wenn ich es brauche – Stützen sind. Dass wir einander helfen. Dass wir – selbst wenn wir nicht immer alles toll finden, was der oder die andere tut – wohlwollend miteinander sprechen können. Oder aber dass wir unser Gespräch für immer beenden.

Ein paar Erwartungen hab ich offenbar doch an eine Freundin, an einen Freund. Die Sache mit der bedingungslosen Liebe ist so bedingungslos wohl doch nicht. Bedingt denn Liebe nicht immer ein Gegenüber? Ob nun zwischen Freunden, als Paar oder auch als Elternteil oder Kind: Liebe setzt eine Verbindung voraus und bedingt, dass wir einander Zugewandte sind. Meint, dass wir diese Liebe, die den Boden unserer Freundschaft ausmacht, mit wahrhaftigen Begegnungen nähren. Mit wahrhaftigem Sein. Mit einem Blick ins Herz. Diese Bedingungen brauche ich. Sonst verdorrt eine Freundschaft. Dann sag ich lieber ‚Lebewohl!‘ und ‚Machs gut!‘ und ‚Danke für alles!‘

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Alle meine Wörter

Mein Leben wird nie ohne Staub sein, sagen die Wörter in mir, die ich zuweilen meine Gedanken nenne. Sie sagen es nicht, sie stellen sich auf. und bilden in meinem Kopf gemeinsam diesen Satz. Meine Wörter sagen weiter, dass ich mir meinen Wunsch nach einem Leben ohne Staub & Dreck besser aus dem Kopf schlagen solle. Sie sagen es immer wieder, während ich Staub sauge. Was ich nicht gerne mache. Und weshalb ich froh bin, dass die Wörter da sind. Sie sagen, dass ich dennoch nicht aufhören soll, mich danach zu sehnen, wie es denn so wäre, ohne Staub zu leben, denn nur diese Sehnsucht lasse mich den Staub halbwegs ertragen. Ihr spinnt doch, denke ich. Und ich frage mich einmal mehr, ob sich meine Wörter zuweilen auch so nackt und unbeholfen fühlen, wenn sie sich mir so zeigen wie heute, wie ich mich manchmal fühle, wenn ich mit Buchstaben jongliere.  So wie heute, so wirr, so unvernünftig, ja genau. So verdammt unvernünftig, unlogisch und sinnlos. Wohl ahne ich, dass sie Scham und Hemmungen nicht kennen. Die haben es gut. Ich möchte ein bisschen sein wie sie, wie meine Wörter.

Obwohl ich mir ja eher (unter uns gesagt) manchmal wünschte, dass die andern (nun ja) ein bisschen mehr so wären wie ich. (Natürlich nur, damit es ein wenig einfacher wäre, sie zu verstehen.) [Wobei. Einfach zu verstehen bin ich ja auch nicht wirklich.] Die gemeinsame Schnittmenge wäre halt größer als jetzt, wo ich ganz viele Menschen da draußen, meist sogar solche, die die gleiche Sprache wie ich sprechen und aus meinem Land stammen, einfach nicht verstehen kann. Oke, ich höre wohl, was sie sagen und was sie meinen, aber alle meine Übersetzungstools scheitern. Denn obwohl diese Menschen mir bekannte Wörter verwenden, scheinen sie etwas anderes zu meinen mit den Wörtern als ich. Zum Beispiel sagen Sie: „Wir sind besorgt um unser Land!“ Klar, das bin ich auch. Aber. Eben. Anders. Kurz und gut: Es wäre doch viel einfacher, wenn sie so wären wie ich. Singt ja schon Büne Huber in seinem uralten Song Grossbrand. [Es gieng mängs viu ringer we sie so wär win i ||| Oder i viellech so wie sie … → Lyrics → Song]*

Aber wie war das gleich noch beim kategorischen Imperativ**? Würden denn meine Maximen taugen? Oder wären sie nur ein weiterer Nährboden, um egoistische Ziele zu erreichen, wie wir das neulich auf Twitter diskutiert haben?

Nachtrag:

Ich schweife ab.

Wörter, so bleibt doch mal stehen, drängelt nicht so, ich kann euch ja so gar nicht lesen. Haltet still. Ihr seid ja wie wir Frauen in der Konzertpause vor den beiden einzigen Klos, die nicht verstopft sind.

Wie? Was sagt ihr? Dass ich mir ja immer vorstellen würde, dass kein Menschen von Anfang an böse sei, sondern erst im Laufe seines Lebens böse geworden wäre. Stimmt. Das ist meine These: Menschen werden destruktiv, weil sie zu wenig konstruktive Kraft erlebt haben, will heissen, zu wenig oder falsch geliebt worden sind. Ja, liebe Wörter, das glaube ich. Bis ihr mir das Gegenteil beweist und mir ein von Geburt an böses Neugeborenes zeigt.

Liebe, sagt Jonathan Safran Foer in seinem wunderbaren, herrlich-schräg-weisen Roman Alles ist erleuchtet, Liebe ist womöglich vor allem eine Idee. Die junge Brod begnügte sich jedenfalls in seinem Roman, da nichts ihren Ansprüchen liebenswert genug für ihre Liebe zu sein genügte, mit der Idee von Liebe.

Sie liebte sich selbst als Liebende, sie liebte es, die Liebe zu lieben, so wie die Liebe das Lieben liebt, und war dadurch imstande, sich mit einer Welt zu versöhnen, die allzu weit hinter dem zurückblieb, was sie sich erhofft hatte. Die große, rettende Lüge war nicht die Welt selbst, sondern Brods Bereitschaft, sie schön und gerecht zu machen und ein Leben zweiten Grades zu leben.

Quelle: Jonathan Safran Foer: Alles ist erleuchtet

Versöhnung. Da komme ich je länger je mehr drauf. Weil sie der Anfang jeden Friedens ist. Am Anfang ist sie ein Same. Eine Idee. Gerne wird sie zur Aktion: Ich reiche dir meine Hand. Ob du mir deine auch reichst, ist für mich letztlich nicht entscheidend.

Ich habe auch, so sagen mir die Wörter nun sehr aufgeregt und ein bisschen verlegen, ich habe mich die größte Zeit meiner ersten Lebenshälfte aktiv (oder zumindest latent) selbst abgelehnt. Oh. Hm. Stimmt wohl. Doch nun will ich den Rest meines Lebens darauf verwenden, das entstandene Minus auszugleichen. Wozu? Um der Balance willen, um der Ausgeglichenheit und Gesundheit willen.

Und ja, es ist gut, dass wir uns damit abwechseln, die heißen Kartoffeln aus der Glut zu holen, sagen die Wörter als letztes. Mal hole ich sie für dich raus, mal du für mich. (Und machmal andere für dich oder mich, mal ich oder du für die andern.)

Ich klopfe Glut, Ruß und Asche weg. Wie Staub kleben sie an der Haut, die ich wie ein Kleidungsstücke abstreifen kann. Die Kartoffel, mit ein bisschen Salz bestreut, schmeckt wunderbar nach Heimat. Obwohl ihre Grosseltern von weit her gekommen sind.

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* NACHTRAG: Achtung: Ironiemodus! 

**»Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.« -Immanunel Kant