Das Ressourcending | #notjustsad – #Depressionen

Wann immer ich mir und anderen Menschen zuhöre, wenn wir über unsere Beschädigungen sprechen, kommt irgendwann die Rede auf die Kindheit. In Büchern ebenso. Im Internet sowieso. Gerade, wenn es darum geht zu verstehen, warum wir uns selbst so wenig zutrauen. Sind aber eigentlich wirklich immer die Eltern schuld? Müßige Frage. Womöglich tragen sie die Verantwortung für unsere Minderwertigkeitsgefühle und Depressionen, aber tragen sie auch Verantwortung an einem missglückten Leben? Haben sie uns, anders gefragt, für immer die Möglichkeit verbaut, unser eigenes Ding zu machen? An den Ursachen lässt sich nichts mehr ändern; rückwärtsleben geht nicht. Ändern kann ich einzig mein Denken. Und das ist verdammt harte Knochenarbeit, machen wir uns da nichts vor. Da hilft keine Medizin. Einzig ich selbst kann meinen Umgang mit von mir gemachten Erlebnissen schrittweise umgestalten, meine Absichten, meine nächsten Schritte. (Und wenn ich es nicht schaffe, bin ich keine Versagerin, dann war es einfach zu schwer. Das darf sein.) Knochenarbeit, wie gesagt, Schwerarbeit für die Seele. Dazu eine Mutprobe vom feinsten, denn ich muss mich ja erst mal trauen, solche Schritte zu tun. Was aber wenn ich mich aus vielerei Gründen nicht (mehr) traue, mich zu trauen und mir zu trauen? Und ja, natürlich hat auch dieses Mir-nicht-(ver)trauen damit zu tun, wie ich mich als Kind wahrgenommen habe und von anderen wahrgenommen worden bin und wiederum diese Fremdwahrnehmung wahrgenommen und daraus mein Bild von mir selbst gezimmert habe. Aber. Ich bin dennoch die Einzige, die herausfinden kann, ob ich innere Zustände wirklich oder wirklich nicht verändern kann. Mein heutiger Wissensstand sagt, dass ich nur meine Innenausstattung verändern kann, nicht aber meine Innenräume an sich, die Grundausstattung also: meine Hirnchemie, meine Gene, meine Anlagen.

An den Wänden meiner Innenräume hängt die Angst noch sehr prominent. Ich brauche dringend neue Bilder. Bilder mit Sicherheit drauf. Nein, nicht Bilder mit Pseudo-Sicherheiten drauf wie ’Mein Haus, mein Auto, mein Boot’, denn das alles ist letztlich Illusion. Ich weiß es nur zu gut: Jede und jeder von uns kann von jetzt auf gleich alles verlieren – Materie, Erinnerungen und Gedächtnis, Gesundheit, liebe Menschen … Nichts ist wirklich sicher, nichts ist für immer.

Dennoch vermittelt uns alles, was wir haben und was wir tun ein ganz bestimmtes Grundgefühl und wird somit zu einer dieser vielen Wechselwirkungen, die unser Leben formen. Die Summe dieser Grundgefühle ist es, die unser Lebensgefühl hauptsächlich bestimmt. Ob es also eher Grundgefühle von Sicherheit sind oder voller Angst, die uns bestimmen, ist somit entscheidend dafür, wie entspannt und wohl letztlich auch wie glücklich wir leben können. Und wie kraftvoll. Angst frisst Kraft. Je mehr Angst, desto weniger Kraft, sag ich mal ein bisschen salopp.

Ich brauche also, wie gesagt, dringend mehr Sicherheit, Selbstsicherheit. Ich will sie in mir wissen und an sie glauben, zumal sie auf der Liebe zu mir selbst basiert, auf Respekt vor mir selbst inklusive all meiner persönlichen Grenzen, die ich ihr und mir zuliebe ernst nehme.

Womöglich ist es ja – und nein, das ist nicht zynisch gemeint! – sogar eine Ressource, was uns unsere Eltern mitgegeben haben. Gutes ebenso wie all die Fehler, all  also, das uns für eine gesunde Entwicklung fehlte. Wie jetzt? Wir sollen das Versagen unserer Eltern und unserer Bezugspersonen uns gegenüber als mögliche Ressourcen zu sehen?

Seit vielen Jahren kaue ich an diesem bitterschmeckenden Satz, den mir mal eine ziemlich kluge Person mit auf den Weg gegeben hat. Und ich weiß noch nicht so genau, ob er wahr ist. Wahr aber ist, dass ich ohne manche gemachten bitteren Erfahrungen nicht die und nicht so wäre, wie ich heute bin. (Und das versuche ich jetzt, als Kompliment von mir an mich zu verstehen.)

Die Neidspirale oder Das Habenwollending

Die Mützenfalterin hat heute einen Auszug aus Knausgårds letztem Buch ’Kämpfen’ zitiert, in welchem sich seine Frau Linda Teil eines größeren Kontextes zu sein wünschte, eine Großfamilie im Park beneidete, die offenbar Teil eines solchen zu sein schien.

Ich gestehe, dass ich diesen Neid bestens kenne. Für mich muss es allerdings keine Großfamilie sein wie im Falle Lindas, die sich verspricht, in dieser verschwinden zu können. (»Stell dir vor, wir hätten etwas, worin wir verschwinden könnten!«). Ich meine, für mich könnte es auch ganz einfach eine kleine Familie sein. Hauptsache etwas, worin ich verschwinden kann. (Danke, Linda, für diesen Denkanstoß.)

Aber mit dem In-etwas-hinein-Verschwinden ist es ja so eine Sache: Verschwindet man wirklich darin, will man es auf einmal doch nicht mehr, auf einmal will man gesehen werden.

»… und was er hat, das will er nicht, und was er will, das hat er nicht …«, weiß ein Kinderlied, das wir oft gesungen haben.

Wie ich über dieses Phänomen der latenten Unzufriedenheit, das ich von mir und anderen sehr gut kenne, nachdenke, wird mir bewusst, wie viel wir alle haben, worauf andere womöglich neidisch sein könnten. Immer picke ich mir ja für meinen Neid Dinge heraus, die ich nicht habe. Und die ich nicht kann. Materielles und Immaterielles wie bestimmte Fähigkeiten. Immer das also, was mir vermeintlich fehlt. (So werde und bin ich blind für das, was ich kann und habe …)

Auf diese Weise lebe ich und leben viele von uns in einer Dauerneidspirale, die weder mir noch anderen gut tut. Als wären es wirklich Dinge, die uns glücklich machen!

Heute Morgen, beim Duschen, wurde mir auf einmal bewusst, wie viel ich habe: Eine Dusche mit fließend Heißwasser zum Beispiel. Und ich habe einen wunderbaren Liebsten, der diese Tage mit mir verbringt, weil er mich liebt. Und ich habe eine gemütliche Wohnung. Ich habe … und ich bin … sooo viel. Wie ich diesen Gedanken so Raum gab, wurde ich mir bewusst, wie reich ich bin. Doch offenbar reicht dieser Reichtum dennoch nicht aus, mich dauerhaft glücklich machen zu können? (Ist Glück eines der Gegenüber von Depression?)

Es sind innere Schalter und innere Knoten, die uns, sind sie so oder so gedrückt oder geknotet, davon abhalten, uns dem, was ist und wie es ist, hinzugeben. Sie lassen sich auch nicht einfach dadurch verändern und auflösen, dass ich mir ein bisschen mehr Mühe gebe, mich weniger mimosenhaft – kurz: anders – verhalte, auf die Zähne beisse oder was immer noch an Tipps von der Front der Helden kommt, die für alle Probleme eine Lösung haben (die meistens nicht wirklich taugt).

Nein, jahrelang verinnerlichte Programme lassen sich nicht mit ein bisschen gutem Willen verändern (obwohl es wohl schon auch viel Willenskraft ist, die wir brauchen, wenn wir etwas langfristig ändern wollen). Mehr noch als guter Wille verändert mich persönlich und langfristig nur wachsende Selbstliebe und die mit ihr in mir wachsende Erkenntnis, dass ich mir genug bin, dass ich genug bin, so wie ich bin, dass ich genug habe mit dem, was ist.

So abgedroschen Sätze wie diese auch klingen mögen, sind sie doch wahr; sie sind die einzige Möglichkeit, die ich persönlich kenne, der Neidspirale langfristig zu entkommen. Und ja, ich gestehe, ich würde das alles hier gerne anders, schöner, wohlklingender, literarischer ausdrücken können, doch weil ich es nicht kann, ist es so, wie es ist, genug. Gut genug.

Wirklich und wahr

Wie wahr ist die sogenannte Wirklichkeit und wie sie auf mich wirkt? Ist wahr, wie ich sie wahrnehme, diese Welt, in welcher ich versuche, nicht unterzugehen? Und wo verläuft der Grat zwischen Wahrheit und Wahrnehmung und was meint Wahrheit wirklich?

Ist wirklicher, wie ich selbst mich wahrnehme oder ist wahrer, was andere in mir sehen? Meine Wirkung, mein Wirken, meine Auswirkung, die von außen wahrgenommen wird: ist sie wahr? Und wer sagt, was wahr ist? Ist sie womöglich nur dann wahr, wenn die Fremdwahrnehmung kongruent mit meiner Selbstwahrnehmung ist?

Aber werde ich denn nicht immer durch irgendwelche Filter gesehen? Meine eigenen Filter – mal liebevoll, mal selbstabwertend – ebenso wie die anderer? Im Umkehrschluss sehe ich ein, dass auch ich andere durch Filter sehe.

Darum muss der Versuch zu verstehen, wirklich zu verstehen, letztlich scheitern. Ein Satz wie ein Kehrreim in meinem Leben. Heute ergänze ich ihn: Auch der Versuch, mich selbst wirklich verstehen zu wollen, muss scheitern. Es ist vermutlich die Absicht dieses Verstehenwolllens, die diesem Ansinnen im Weg steht. Paradox, ich weiß. Die Absicht, das Ziel,  sie verstellen meinen Blick, behindern meine absichtslose Gegenwärtigkeit und gleichen laufend meine Wahrnehmung mit Vergangenem, Erfahrenem, Erinnertem ab. Bereits das Ziel, verstehen zu wollen, duftet verdammt stark nach Interpretationsversuch.

Nehmen wir diese vielen Ichs in diesem Text. Sie sprechen aus, was ich persönlich denke, tragen aber zugleich, latent zumindest, die Hoffnung spazieren, dass andere sich in meinen Ichs spiegeln können.

Doch jedes andere Ich, das sich selbst in meinen Worten begegnet, blickt in ein anderes Spiegelbild. Sieht sich selbst, versteht meine Gedanken anders, interpretiert sie anders, hält einen anderen Filter in der Hand. Und scheitert, zumindest teilweise, daran, dass er/sie/es mich nicht wirklich verstehen kann.

Wohnt hier die Enttäuschung? Sind wir an immer wieder diesem einen Punkt vom anderen Menschen enttäuscht – oder eher doch ent-täuscht? –, also am Ende der Selbsttäuschung angelangt? Vielleicht ist es ja einfach so, dass wir uns enttäuscht fühlen, wenn (oder weil?) wir auf die Illusionen und Bilder in unserm ganz persönlichen Rucksack mit all seinen Schatzkästchen und Müllsäcken reingefallen sind. Ist meine Enttäuschung über die Welt mit all ihren Wesen letztendlich also schlicht und einfach mein Problem?

Ich gehe ja immer von meinen persönlichen Maßeinheiten aus. Ich trage sie in meinem Rucksack. Wir alle, vermutlich. Wo immer ich gehe, trage ich mein ganz persönliches Schatzkistchen und meine ganz persönliche Abfalltüte, meine am eigenen Leib gemachten Erfahrungen und Erinnerungen mit mir herum. Alles, was mir begegnet, lese ich durch den Filter, der an meinem Rucksack baumelt. Alle meine Gefühle entschlüssle ich mit ihm, mein Denken ist gefiltert, meine ganze Wahrnehmung, die Für-Wahr-Nehmung meiner Mitwelt: Dinge, Menschen, Natur. Dass du/er/sie/es die Welt aus einer anderen Warte sieht, ist zuweilen, obwohl es logisch ist, schwer nachzuvollziehen, schwer zu verstehen; oder eben vermutlich gar nicht, nicht wirklich. Wissen, was du/er/sie/es wirklich sieht, kann ich nicht. Noch weniger, was du/er/sie/es wirklich meint. Ich meine: Wirklich.

Darf ich dir also vorwerfen, wie du auf mich wirkst? Wenn ich es mir recht überlege, eigentlich nicht. (Außer du tätest es in der Absicht, mir zu schaden.) Darfst du mir also vorwerfen, wie ich auf dich wirke? Wenn du es dir recht überlegst, eigentlich auch nicht. (Außer ich täte es in der Absicht, dir zu schaden. Wovon nicht auszugehen ist.)

So sind wir alle andere, als die, die andere in uns sehen. Und darum ist wohl nur bedingt wahr, wie die wahrgenommene sogenannte Wirklichkeit auf mich wirkt. Was du in mir siehst und wie ich auf dich wirke, ist also nicht wirklich ein Kriterium für Wahrheit (was immer sie ist); ebensowenig wie das, was ich in dir sehe und wie du auf mich wirkst.

Ich ahne, dass, wenn ich das irgendwann verinnerlicht habe, es ein klein bisschen einfacher ist, dieses Leben.

Vertrauen oder nicht vertrauen

Gut oder böse?, fragte ich neulich den Liebsten über eine Figur in einem Film aus. Sie will das Gute, wählt aber einen Weg, der nicht über alle Zweifel erhaben ist. Heiligt der Zweck die Mittel?

Nein. Nein? Nein!

Aber. Aber?

Schnitt.

Wie ich heute über die Autobahn von Süd nach Nord durchs Elsass, durch die Stadt Strasbourg, gefahren bin, holen mich auf einmal diffuse Ängste ein. Ich gestehe, dass mir auf einmal ein klein bisschen mulmig zu Mute war, als ich die „Europäische Hauptstadt“ querte. An Paris denkend. Was wenn?

Es braucht nur ein klein bisschen Gift, um einen Kuchen ungeniessbar oder gar tödlich zu machen.

Auch in mir steckt Gift. In mir steckt Gutes und Böses, um es mal ein bisschen salopp, naiv, kindlich, einfach zu sagen. Ich entscheide, ob das in mir, was mir oder anderen schadet, mehr Raum erhält oder das, was mir und anderen gut tut. Ich entscheide, wie ich auf Schicksalsschläge reagiere. Und ich entscheide, wie ich mit Ungerechtigkeiten umgehe. Wie ich mit Menschen, die mich unfair behandeln, spreche.

Nein, ich bin wirklich keine Heldin diesbezüglich. In der letzten Zeit habe ich im Büro oft emotionale Energie für Dinge verbraten, die es nicht wirklich wert waren. Energieverschwendung habe ich betrieben, zelebriert zuweilen, um meiner Empörung über Dinge, über Menschen, über Situationen Luft zu machen. Bis zu einem gewissen Punkt psychohygienisch, durchaus, und auch durchaus normal und gesund, aber … manchmal trete ich mitten in die Hundesch*** und schon stinkt es gewaltig. Und niemandem ist im Grunde gedient mit meiner Motzerei. Auch die Psyche wird davon nicht sauber.

Einen Samen hegen und giessen und stützen, damit er wachsen kann und Baum werden, braucht mehr Kraft als Unkraut beim Wachsen zuzusehen. Und auch mehr Kraft als Unkraut zu jäten.

Gut und böse, Himmel und Hölle, Schatten und Licht sind nur im Doppellpack zu haben. Leben und Tod auch.
Vertrauen und Misstrauen – nein, hier will ich das Doppelpack nicht. Ich will nicht aufhören, zu vertrauen, immer wieder neu. Auch wenn ich grad heute wieder ziemlich ent-täuscht, zu Ende getäuscht worden bin (auf Twitter, punktuell). Nein, ich will dem Misstrauen nie die Überhand geben. Ich will nicht aufhören, der Angst (der diffusen ebenso wie der vermeintlich konkreten) ins Gesicht zu schauen und ich will nicht aufhören, das Gift wahrzunehmen und zu meiden. Auszuspucken.