Ich suche (das Glück), also bin ich

Am Anfang war und ist die Suche. Nein, Stopp, falsch. Ganz am Anfang war und ist alles gut. Ganz und gut und gesund. Intakt. Unkaputt. Wir sind in uns selbst Ruhende. In engstem Bezug zu uns und zu allem, was in und um uns ist. Seiende.

Bis etwas dieses Ganz kaputt macht. Vielleicht nur ein bisschen. Oder aber sehr. Dennoch währte das Ganz am Anfang lang genug, damit wir uns ein Leben lang daran erinnern, uns nach ihm sehnen. Mal ist unsere Sehnsucht nach diesem Ganz eher ein Hintergrundrauschen, mal eine handfeste Suchaktion. Wir (ver)suchen, uns ihm auf alle möglichen Arten wieder anzunähern. Denn wir wollen Bezug nehmen; wir nehmen immer Bezug. Ohne Bezug zu nehmen, können wir gar nicht leben. Beziehen wir uns nicht letztlich immer irgendwie auf dieses Ganz, das ganz am Anfang war? Wir beziehen uns aber auch auf jene Dinge, die sich uns in den Weg stellen. Auf die Herausforderungen. Auf Ereignisse, auf die Umgebung, auf Menschen, auf Geschichten oder auf die Geschichte der Menschheit. Es gibt nichts, auf das wir uns auf unserer Suche nicht beziehen könnten, denn – wie gesagt – ohne Bezug zu nehmen können wir nicht leben.

Ich glaube – im Gegensatz zu den Aussagen der Bibel – nicht, dass es unsere (eigene) Sünde war, die uns aus unserm Ganz herausfallen lassen hat. (Dazu müssten wir eh erst einmal das Wort Sünde frei von jeglichem klerikalen Kontext definieren). Ich ahne, dass es eher eine Ur-Wunde ist, die uns aus der Geborgenheit im Ganz herausfallen ließ, ein Ur-Übergriff, ein Ur-Überfall.

Genau dort hat unser Suchen angefangen, unser Sehnen, unser Verlangen, die Verzweiflung auch, weil wir ab genau dort nicht mehr eins sind, sondern Getrennte, Un-Ganze, von uns selbst Losgelöste (Un-Erlöste). So machten wir uns auf den Weg. Und weil wir sind, wie wir sind, gehen wir auf dem Weg zurück zu uns, Umwege. Vielleicht, weil wir unterwegs den Rückweg vergessen haben. Vielleicht, weil wir vermuten, dass es da noch andere – womöglich sogar bessere – Wege geben könnte. Vielleicht aber auch, weil wir inzwischen vergessen haben, wonach genau wir eigentlich gesucht haben, als wir aufbrachen und wonach genau wir uns eigentlich sehnen. (Wann haben wir eigentlich verlernt zu wissen, was wir wirklich brauchen und seit wann leben wir eigentlich im Konjunktiv?)

Zu allen Zeiten haben wir Menschen uns auf die Suche nach Antworten gemacht. Nach Aufgaben. Unsere Seele und unser Verstand wollen begreifen. Wir wollen – wir müssen sogar! – verstehen, um uns als Teil des großen Ganzen fühlen zu können, wir müssen uns rückversichern, wir müssen uns in einen Bezug bringen – historisch ebenso wie gesellschaftlich –, um uns lebendig, dem Leben zugehörig, fühlen zu können. Denn wir wollen Bezug nehmen; wir nehmen immer Bezug. Denn ohne Bezug zu nehmen, können wir gar nicht leben, wie gesagt.

In den letzten vielleicht hundert oder hundertfünfzig Jahren kam zur Suche nach Antworten immer mehr auch auf die Suche nach dem kollektiven und persönlichen Glück dazu. In den Nachkriegsjahren sogar immer mehr mit dem Subtext eines berechtigten Anspruchs darauf. »Glück als moralischer Imperativ«, titelt die Autorin Katharina Herrmann einen Abschnitt ihres lesenswerten Essays¹ über zwei sehr unterschiedliche Bücher.

Das eine – The Happiness Fantasy von Carl Cederström – ist leider erst auf Englisch erhältlich. (Bis es auf Deutsch übersetzt ist, lese ich mich durch seine anderen Bücher, die sich der Selbstoptimierungssucht und dem Wellnesszwang widmen.) Das zweite Buch, das Herrmann auf 54books.de bespricht, heißt Hippie und ist von Paulo Coelho. Ein Buch übrigens, das vor der Autorin wenig Gnade findet. Was ich heute nachvollziehen kann. Früher, als ich jünger, unkritischer und leichtgläubiger als heute war, mochte ich Coelho. Seinen Alchimisten habe ich vor zweiundzwanzig Jahren geradezu verschlungen, doch beim näheren Hinsehen ist in seinen Büchern doch vieles, »holprig aneinandergeklatscht worden […] und – wenig überraschend – der esoterische Kitsch (ist) mit Händen zu greifen.«¹ Frau Herrmann hat es für mich auf den Punkt gebracht. (Und nein, ich werde Hippie nicht lesen.)

Es geht mir hier eh weniger um die Bücher als um das Thema. Um diese verflixte Suche nach dem persönlichen Glück. Oder vielleicht eher noch um die Suche nach Antworten auf die Fragen nach den Ursachen, nach den Zusammenhängen. Nach unserem Platz im großen Ganzen.

»Der Bergarbeiter bekommt eine kranke schwarze Lunge, sein Sohn bekommt es auch und dann dessen Sohn. Die meisten Leute haben nicht die Vorstellungskraft – oder was auch immer –, um die Minen zu verlassen. Sie haben ’es’ nicht.« So zitiert Cederström eine Selbstbeschreibung des aktuellen US-Präsidenten aus dem Jahr 1990. Dieser inszeniert sich ja selbst gerne als Selfmade-Mann und verschweige dabei die geerbten Millionen.

In den späten 1960er Jahren war die Rede immer mehr darauf gekommen, dass der Mensch einfach nur sich selbst finden und sein Potential entfalten müsse, um glücklich zu werden. »Glück ist hier zu einem moralischen Imperativ geworden: Gelungenes Leben ist glückliches, authentisches Leben in individueller Freiheit. Nach Glück hat jeder zu streben. […] Schon früh waren dabei auch Ratgeber der 1930er wie „Think and Grow Rich“ von Napoleon Hill oder „How to Win Friends and Influence People“ von Dale Carnegie von Bedeutung, schon in der Entwicklung von diesen Trainingsprogrammen war also die Verbindung von Idealen und kapitalistischen Motiven angelegt¹«, schreibt Herrmann (Hervorhebung durch mich). Muss man wirklich einfach nur genug erfolgreich oder wahlweise glücklich sein wollen, genug an sich selbst glauben – oder wahlweise an Gott –, um beispielsweise US-Präsident werden zu können? Oder zumindest um glücklich zu werden? Wurde uns das nicht sogar auf allen möglichen Kanälen so ähnlich eingetrichtert? In den Schulen, in den Kirchen, in den Selbsthilfebüchern?

Coelho schlägt in Hippie in die gleiche Kerbe: »Auch hier ist es also das einzelne Ich mit seinem Willen, das die Realität bestimmt: So deutet Paulo seine Entführung durch die brasilianische Polizei bereitwillig als „Strafe der Götter“, „[w]egen all der Traurigkeit, die er hervorgerufen hatte, musste er nackt auf dem Boden einer Zelle mit drei Einschusslöchern in der Wand sitzen.“ (Hippie, S. 50) Er hat sein Schicksal also selbst über sich gebracht – aber kein Problem, denn dann kann er es auch weiterhin steuern: So bemüht er sich während des Verhörs durch die Polizei um Selbstbeherrschung, denn „[n]egative Schwingungen ziehen negative Schwingungen an“ (Hippie, S. 59), und wenn man nur positiv genug herumschwingt, dann wird noch der größte Folterknecht handzahm.« (Katharina Herrmann, Zitat Ende¹; Hervorhebung durch mich)

Unter Zuhilfenahme unterschiedlicher vulgär-psychoanalytischer und schlicht psycho-manipulativer Techniken habe diese Idee schnell zur Herausbildung von Trainingszentren wie „est“ geführt, in deren natürlich kostenpflichtigen Kursen die Teilnehmer zuverlässig bis zum Nervenzusammenbruch zur psychischen Selbstentblößung gezwungen wurden – um ihre Angst zu überwinden, um frei zu sein, um ihr wahres Selbst zu finden und ihr ganzes Potential entfalten zu können. So fasst es Cederström – von Herrmann zitiert – sinngemäß zusammen. Ein zentraler Aspekt der Gegenkultur der 1960er sei es gewesen, dass Realität nicht außerhalb des Willens des Einzelnen existiere. Cederström zitiert eine Teilnehmerin im Zentrum „est“, die in ihrem Kurs gelernt habe, dass der Wille des Einzelnen allmächtig und das Schicksal völlig vorherbestimmt sei. Sie fühle sich weder schuldig noch schäme sie sich für das Schicksal anderer Menschen; die Armen und Hungrigen müssen sich das alles selbst gewünscht haben (sinngemäß zusammengefasst, siehe¹).

Wäre dieses Manifestieren von Erfolg und Glück wirklich so einfach wie die Gurus und Erfolgreichen auf der ganzen Welt behaupten, wäre die Welt heute eine andere. Dass im Umkehrschluss Unglück, Armut und Hunger ebenso selbstgestrickt seien wie Erfolg und Glück, ist geradezu zynisch. Wären gewonnene Erkenntnisse, wäre die Rückverbindung, die Bezugnahme zu uns, zu unserer Mitte, zu unserm Anfang, wo alles ganz und gut und gesund war, wirklich so einfach umzusetzen, wie es uns der eine oder andere sogenannt erfolgreiche Mensch vorgaukelt, würden wir doch nicht hier sitzen und uns mit Problemen wie Rassismus, Sexismus, Krieg und Flucht herumschlagen müssen. Ja, klar haben wir Macht, aber nicht im Sinn von Allmacht, und auch nicht so, als ob wir die Geschicke der ganzen Welt beeinflussen könnten. Ja, wir sind mächtig, eigenmächtig, und ja, wir tragen Verantwortung. Und das nicht nur ausschließlich für uns und für unsere persönliche Selbstverwirklichung und unser persönliches Glück. Auch die anderen Menschen gehen uns etwas an. Eine menschliche Gesellschaft funktioniert nur als Solidargemeinschaft.

Menschliches Verhalten, das auf verinnerlichten Glaubenssätzen – meist aus der frühen Kindheit – und auf epigenetisch vererbten Traumata fußt, lässt sich nicht einfach per Knopfdruck, umwälzender Erkenntnis, Erweckungserlebnis oder Gehirnwäsche ändern, überschreiben oder gar ausschalten. Auch nach derartigen Erfahrungen dreht sich die Erde weiter. Und wir … wir leben weiter mit unseren Fragen und suchen weiter nach Antworten, denn wir wollen die Auswirkungen unseres Tun begreifen, unsere Selbstwirksamkeit erfahren und letztlich Verbundenheit finden.

Womit wir bei Milena Mosers neuem Roman wären. In Land der Söhne erzählt die vor einigen Jahren nach New Mexico ausgewanderte Schweizer Autorin vom jungen Luigi, der mit seiner Mutter im zweiten Weltkrieg aus der Schweiz ohne den verschollenen Vater nach Amerika flüchtete und seine Oberstufenjahre in einem Outdoor-Internat in der Nähe von Santa Fe verbrachte. Moser erzählt auch die Geschichte seines Sohnes Giovannis – Gio genannt –, der mit seiner Mutter vor dem jähzornigen Vater Luigi, inzwischen The Big Lou genannt, in eine Hippiekommune in der Nähe von Santa Fe geflüchtet ist. Die dritte Protagonistin ist Sofia, Giovannis Tochter. Sofia, die Tochter zweier Väter, ist in der Schule ein Opfer von Cybermobbing. Und letztlich trägt auch ihr Cousin Nestor Narben. Alle verbindet die Tatsache, dass sie von übergriffigen Menschen teils böswillig und vorsätzlich, teils aus purer Dummheit schwer verletzt wurden. Auch sexueller Missbrauch kommt dabei zur Sprache, für einmal an Buben begangen, nicht an Mädchen oder Frauen.

In Mosers Roman sehen wir Menschen wie du und ich, Menschen mit Wunden. Milena Moser gelingt es durchgängig Menschen- und Geschlechterbilder zu zeichnen, die keine herkömmlichen Klischees bedienen. Im Gegensatz zu Coelho, der – gemäß Katharina Herrmann – sein Hippie-, Menschen- und Weltbild unverkennbar männlich-patriarchal zeichnet. Was sie in ihrer Rezension sehr pointiert titelt: »Männer finden sich selbst, Frauen finden einen Mann.« (Zitat Ende, siehe¹)

In Mosers Land der Söhne hat sich Gio nach dem Tod seines Vaters zusammen mit seiner Tochter auf die Suche nach seiner verschollen geglaubten Mutter gemacht, deren Adresse er erst kürzlich erfahren hat. Inzwischen leitet diese unter neuem Namen eine esoterische, exklusive und elitäre Frauenoase in New Mexico. Als Gio sie auf das Geld, das sie ihm seit seiner Kindheit schuldet, anspricht, fällt ihre Maskerade und sie beschimpft ihren Sohn, den sie vor vielen Jahren auf der Suche nach sich selbst verlassen hat. Von ihrer nach außen hin glänzenden Fassade bleibt nichts mehr übrig. Trotz der »… Sinnsprüche, die in Schönschrift an die Wände gemalt waren.
Erfolg wird in Strahlen gemessen.
Wohlstand ist eine Frage der Einstellung.
Weil ich es wert bin.« (Zitat Ende, siehe²)

Nein, Veränderung wird wirklich nicht durch Schönschriftglaubenssätze manifestiert. Veränderung und Heilung geschehen still und leise. Dort nämlich, wo wir zulassen, wo wir integrieren, wo wir akzeptieren, was ist, wie es ist. Dort, wo ich mir erlaube, eine Suchende zu sein. Quaero ergo sum | Ich suche, also bin ich. Eine Unfertige. Auf dem Weg zurück in mein Ganz, das mir eine Richtung gibt.

Am Ende von Land der Söhne sagt Gio zu seiner Tochter, zu seinem Neffen Nestor und letztlich auch zu sich selbst: »Das ist schlimm, keine Frage. Aber es hat nichts mit euch zu tun. Es ist nicht euer Problem. Stellt euch vor, ihr fahrt im Bus die Mission Street entlang und ein Betrunkener übergibt sich plötzlich. Ihr könnt nicht ausweichen, das Erbrochene trifft euch. Das ist widerlich, zweifellos, aber ihr denkt nicht darüber nach, ob ihr etwas falsch gemacht habt, ob es an euch liegt, ob etwas nicht stimmt mit euch. Nein, das ist allein das Problem des Betrunkenen. Und das, was euch passiert ist […], das, was uns passiert ist, ist genau dasselbe. Es hat nicht mit uns zu tun.« (Zitat Ende, siehe ²) Für mich die Schlüsselszene. Und nein, das widerspricht nicht meiner Überzeugung, dass alles mit allem zusammenhängt. Dieser Ansatz – dieses Es-hat-nicht-mit-uns-zu-tun – nimmt uns jedoch den Druck, dass wir uns angeblich kraft unseres Willens und unserer Gedanken alles, was uns geschieht und geschehen ist, selbst aufgeladen haben sollen. Und den Druck auch, dass alles, aber auch wirklich alles – sogar Schmerz und Wunden, die uns andere zugefügt haben –, einen Sinn haben und mir und/oder meinem Körper etwas sagen wollen. Denn unglücklich und un-ganz zu sein gehört eben auch zum Leben.

Ob es jenseits von Zeitgeistströmungen und deren Methoden überhaupt ein dauerhaftes Glück im Gefundenhaben und im Angekommensein, ein anhaltendes Zurück-ins-Ganz geben kann?


¹Quelle: Katharina Herrmann auf 54books.de
²Quelle: Milena Moser in Land der Söhne

Die erwähnten Bücher:

The Happiness Fantasy, Carl Cederström
ISBN: 978-1-509-52380-1
200 Seiten (englische Ausgabe)
erschienen im September 2018

Hippie, Paulo Coelho
ISBN: 978-3-257-07049-1
Hardcover Leinen
304 Seiten
erschienen am 26. September 2018

Land der Söhne, Milena Moser
ISBN: 978-3-312-01093-6
gebundene Ausgabe
420 Seiten
erschienen am 20. August 2018

Wertewandel

»Entscheide du dich für eine Philosophie und richtest dein Leben danach aus oder suchst du dir eine Philosophie, die zu deinem Leben passt?«, fragte Kai gestern auf Twitter.
» Wie wäre es mit einer flexiblen Philosophie, die man dem eigenen Lebensweg immer wieder anpasst?«, fragte Irgendlink zurück.
»Es fängt viel früher an, mit Werten, mit Identifkation. Darum herum schneidert man sich seine Philosophie wie ein maßgeschneidertes Kleid«, schlug ich vor.
»Mir scheint, das ist mehr als alles andere einem Wandel unterworfen. (Außer die ethischen Grundwerte.)«, warf Frau Rebis ein.
»Welche Variante ist besser für mein Leben? Uff …«, fragte sich der Emil.
Ist das Konzept, das uns im Leben motiviert, womöglich ein Sowohl-als-auch-Ding, wie es Frau Traumspruch und Frau Rebis später zur Diskussion vorschlugen?

Wandeln sich die Werte oder wandelt sich ihre Glaubwürdigkeit? Oder wandelt sich unser Verhältnis zu unseren Werten? Und wie ist es mit den Fakten, auf die wir diese gründen? Wie wahr sind sie? Sind sie noch immer vertrauenswürdig? Nützen sie sich womöglich im Laufe der Zeit ab oder werden von anderen Fakten widerlegt? Wem können wir überhaupt noch vertrauen?

Genau darüber hat Christine Steiger in der neuen SPUREN-Ausgabe, Nr. 123, eine wunderbare Kolumne geschrieben. Wahre Fakten versus Fake News. (Und ja, das war soeben ein hemmungsloser Werbespot für diese tolle Zeitschrift!)

Vertraue ich mir? Vertraue ich dem, was ich zu wissen meine und für richtig halte? Warum glaube ich, dass das genau so richtig und wahr ist? Wer hat es mir gesagt? Welche Beweise brauche ich, woran halte ich mich fest?

Was ist mir wichtig und warum?
Schreiben. Weil es mir gut tut.

Und weil wir alle viel mehr das tun sollten, was uns gut tut. Wie es die schwedische Thrillerautorin Kristina Ohlsson in ihrem Nachwort zum grandiosen Thriller Papierjunge meisterhaft geschrieben hat (Link zum Nachwort). Und warum sie die Spirale durchbrochen hat, ausgestiegen ist, nur noch schreibt. Warum wohl? Ja. Weil es ihr gut tut.

Und ja, auch ich könnte zurzeit, rein theoretisch, jeden Tag schreiben. Weil es mir gut tut, mich erdet, mich zentriert. Ich könnte ganz viel schreiben. Stundenlang. Aber wie nannte es Milena Moser in ihrem letzten Blogartikel, Ein ziemlich guter Tag, gleich noch? Der Fluch der perfekten Bedingungen. Ja, das ist es vielleicht auch bei mir, wenn auch mit ein bisschen anderen Vorzeichen. Jetzt, wo ich könnte, weil ich zurzeit ja auf Stellensuche bin und darum gaaanz viel Zeit für mich habe, fallen mir immer wieder alle möglichen Gründe ein, nicht zu schreiben. Und das, obwohl ich schreiben will. Natürlich sind auch die Schmerzen in der Schulter, im Nacken und im Kopf, wenn ich zu lange an der Kiste sitze, ein Vorwand, es nicht zu tun. Oder aber ich arbeite weiter an der Trauer-Webseite, die ich mit anderen zusammen für andere verwaiste Eltern oder Geschwister gebaut habe. Viel Zeit und Herzblut habe ich schon in dieses Projekt investiert und mich gestern – aus Gründen wie Arztrechnungen und »Ich brauche unbedingt neue Turnschuhe« – sogar dazu durchgerungen, dort ein Spendenschweinchen einzurichten. Oder vielleicht auch aus dem Gedanken heraus: Ich gebe etwas in die Welt, also darf mir die Welt dafür etwas zurückgeben. Das Prinzip des Ausgleichens. So was in der Art.

Fakt ist, dass ich zwar Schriftstellerin bin, mich als Schriftstellerin fühle, mich als Schriftstellerin denke, aber davon nicht leben kann. Aus Gründen mangelnden Talents in Selbstvermarktung unter anderem. Und ja, auch Selbstzweifel sind ein Thema. Und ja, da beneide ich manchmal jene Menschen, die weniger gehemmt und weniger publikumsängstlich sind, die einfach hingehen und ihr Ding in den Raum stellen können. Sich vermarkten, ohne dass es nach Vermarktung stinkt.

Ausgerechnet in diese Gedanken hinein lese ich bei Luisa Francia über den Neid: »Neid ist die dunkle schwester des erfolgs. Sie kriecht überall hinein und verbreitet das schleichende gift. Warum hat die das und ich nicht? Warum kann sie sich das leisten und ich nicht? Warum hat die erfolg, die ist doch total blöd! Dabei ist neid eigentlich die therapeutin: schau hin. Das fehlt dir! Das willst du erreichen! Das ärgert dich!
Wenn eine/r etwas erreicht hat das fast nie damit zu tun, dass ein/e andere/r das nicht erreicht. Doch im kopf der neidischen person verbindet sich das. Die eigene enttäuschung, wut, der eigene mangel wird mit dem gelingen der anderen person verkoppelt. Das ist doch ungerecht! Und ja: diese welt ist nicht gerecht. Doch die beste möglichkeit diese ungerechtigkeit zu durchbrechen ist die entschlossenheit herauszufinden was wirklich fehlt, was erreicht werden soll und die mittel und wege zu finden, die da hin führen.«
Quelle: salamandra.de | luisa in one world – 28.03.2017 um 07:01:47

Ich schlucke leer und wünsche mir genau diese Hartnäckigkeit. Und diesen Mut. Und ja, ich wünsche mir langsam auch etwas, das ich bis vor kurzem nicht mal ohne Gänsehaut denken konnte: Erfolg. Gelingen. Auch in Form von endlich mal genug Geld auf dem Konto.

(Und schon will ich gleich wieder erklären, schon will ich nachschieben, dass das falsch klingen und falsch verstanden werden könnte, egoistisch zum Beispiel etc. …, aber ich lasse es jetzt einfach mal so stehen.)

Ah, meine massgeschneiderte Lebensphilosophie? Alles hängt miteinander zusammen. Darum denke und handle ich so liebevoll ich kann, lege da und dort ein paar gute Spuren aus, und mache möglichst wenig kaputt.

Zufällig

Ob zufällig oder nicht, zurzeit stolpere ich über Bücher, die keine Krimis und weder belletristische noch hochgeistige Literatur sind, auch nicht klassische Biografien. Eher so Bücher, wie das, woran ich selbst arbeite. Bleuel_raushier Biografische Essays, Ausschnitte, Lebensabschnitte, Hinblicke, Einblicke. Das eine habe ich heute auf Onleihe entdeckt: Ich will raus hier. Nataly Bleuel beschreibt den Moment in ihrem Leben, als sich alles wendete und das, was danach kam. Diese Sehnsucht nach dem Leben, das sich vom Leben im Hamsterrad unterscheidet.

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Auch Milena Mosers neues Buch geht in eine sehr ähnliche Richtung. Sie schreibt in Das Glück sieht immer anders aus über ihre Reise durch die USA, in der sie sich von ihrer Erschöpfungsdepression oder was immer es war, erholt und sich selbst und ihrer inneren Stimme wieder gehorchen will.

Bücher über Wandlungen mochte ich schon immer.

Und nun übergebe ich Nataly Bleuel das Wort:

bleuelraus

Und ihr? Was braucht es, damit ein Buch, ein persönliches Buch, euch berührt?

Ausgelesen II. #4 – Das wahre Leben

So leidenschaftlich gerne ich schreibe, so leidenschaftlich gerne lese ich auch Bücher. Am liebsten sind mir jene Geschichten, wo ich das Umfeld irgendwo tief in mir drin wiedererkenne. (Wie das bei skandinavischen Krimis war, weiß ich nicht. War Skandinavien schon immer in mir und haben mir darum Bücher, die im Norden spielen, von der ersten Minute an gefallen? Oder habe ich mich in Skandinavien von der ersten Minute an immer wie zu Hause gefühlt, weil ich schon so viele Bücher darüber gelesen habe?) Huhn oder Ei – einerlei.

Bücher, in denen ich die Umgebung sogar real kenne, mag ich besonders gerne. Schweizer Krimis und Schweizer Romane haben daher schon mal Vorschusslorbeeren. Die sie sich aber trotzdem by reading verdienen müssen. Nur schon im letzten halben Jahr habe ich mindestens zwei Schweizer Bücher – einen Zürcher und einen Berner Krimi – nach den ersten Kapiteln zugeklappt. Meine Lebenszeit ist mir zu kostbar für schlechte Bücher und Filme. Lieber lese oder schaue ich etwas gutes zweimal.

Auf meiner Kopfliste mit den Büchern und SchriftstellerInnen, die ich lesen will, sind in der letzten Tagen ein paar neue Namen hinzugekommen:

Philipp Probst: Die Boulevard-Ratten

Gabriela Kasperski: Besondere Umstände

Arno Camenisch: Fred und Franz

Angelika Waldis: Aufräumen

Markus Feldenkirchen: Keine Experimente

John Williams: Stoner

Sehe ich diese Liste und denke an all die andern im Kopf notierten Bücher, wird mir bang. Den Rest meines Lebens könnte ich mit Lesen verbringen, locker sogar!, und selbst wenn ich nichts anderes tun würde, hätte ich am Ende meiner Tage noch nicht alle Bücher gelesen und nicht alle Filme gesehen, die ich je lesen und sehen will.

Und weil ich ja nicht nur lesen und Filme schauen will und kann, sondern zwischendurch auch mal zum Beispiel bloggen – von arbeiten, schlafen, essen, trinken, küssen und anderen Bedürfnissen und Notwendigkeiten ganz zu schweigen – stelle ich euch jetzt ein gutes Buch vor. Eins, das sich sicher auch ohne meine Werbung gut verkaufen wird, denn Milena Moser ist inzwischen auch im großen Nachbarkanton der Schweiz ein Begriff, weil sie einfach gute Bücher schreibt.

Ich habe ihr neues Buch, Das wahre Leben, letzte Woche in einer Buchhandlung gesehen und konnte einfach nicht widerstehen. Warum auch. Kaufen würde ich es ja sowieso.

Milena Moser Das wahre Leben-Cover_sm

Zwei Frauen in der Mitte ihres Lebens, beide in der Krise. Nevada ist krank und lernt gerade damit umzugehen. Immer noch unterrichtet sie Yoga und das so erfolgreich, dass ihr eine Klasse mit schwierigen, absturzgefährdeten Mädchen anvertraut wird. Erika dagegen beschließt angesichts ihres Versagens als Mutter und Ehefrau das zu tun, was ihr niemand zutraut: Sie verlässt ihr luxuriöses Zuhause am Zürichberg und zieht in eine heruntergekommene Vorstadtsiedlung. Dort lernt sie Nevada kennen, die unverhofft von der großen Liebe erwischt wird. Mit Witz, Verve und voller Zuneigung lockt Moser ihre Figuren durch existentielle Höhen und Tiefen. Eine intensive Liebesgeschichte rund um Schmerz, Krankheit und Trennung.

(Quelle: milenamoser.com)

Ich habe das Buch verschlungen. Habe mich in Nevada und in Erika wiederentdeckt. Mich auch in Suleika, Erikas Tochter, und all den andern Yoga-Mädchen wiedergefunden. Sogar in Dante, der nicht weiß, ob sein Tumor heilbar ist und sich dennoch auf Nevada einlässt – und sie sich auf ihn.

Ich liebe Mosers Bücher, weil sie ganz und gar ungekünstelt sind. Ihre Figuren sind echt, lebendig, ambivalent, verletzlich, chaotisch, immer auf der Suche nach Erleuchtung und allen möglichen Dingen, die das Leben erträglicher machen, glaubwürdig, voller Galgenhumor und oft genug verbittert, verzweifelt und kurz vor dem Aufgeben. Kurz: ganz normale Alltagsmenschen wie du und ich.