Tönen, hören, verstehen.

Alle Begriffe, alle Wörter, die wir sprechen, sind gefüllt mit unseren Erfahrungen. Alles ist Interpretation. Neutrale Begriffe gibt es nicht. Und zum Begriff kommt der Kontext.

Das Wort normal zum Beispiel, wie ich neulich auf Twitter gemerkt habe, ist je nach unserer Herkunft, sehr unterschiedlich gefüllt. Für mich ist und war es immer eine latenter Sehnsuchtsbegriff. Normal zu sein, nicht anzuecken, nicht aufzufallen, hatte ich mir schon als Kind gewünscht. Einfach weil ich nicht gerne anders bin.

Auch das Wort anders hat viele Gesichter. Ich plädiere für Weitung des Begriffes Normalität. Und es fragt sich, ob es ihn im menschlichen Umfeld überhaupt braucht. Wenn Papiergrößen, Schraubenmuttern und Litermaße genormt sind, ist das etwas anderes, aber bei Menschen? Denn, seien wir ehrlich, jede und jeder von uns hat einen Bereich in dem sie oder er von der sogenannten Norm abweicht.

Und wie sagt Frau Lakritze so schön? »Die einzig normalen Menschen sind die, die man nicht besonders gut kennt.« Recht hat sie.

Was der einen arrogant vorkommt, empfindet der andere frustriert.
Was der eine so, findet die andere so. Und dabei spielen nicht nur persönliche Unterschiede und Prägungen eine Rollen, sondern oft auch kulturelle. Nehmen wir Kuchen.

In der Schweiz zum Beispiel bedeutet Kuchen je nach Region etwas anderes. Im Kanton Bern ist der Kuchen das, was im Kanton Zürich die Wähe. Nämlich so was ähnliches wie die Quiche in Frankreich. In Zürich ist Kuchen das, was in Bern ein Cake oder eine noch nicht gefüllte Torte. Und die Wähe des Zürchers und der Kuchen der Bernerin? Sie ist ein dünn ausgewallter Teig mit Früchten oder Gemüse gedeckt und mit süßem oder salzigem Eiermilchguss gebacken. Eben Wähe, Tünne, Kuchen.

Gehen wir einen Schritt weiter zum

KäsekuchenCH

ChäswäheKäsekuchen in der Schweiz? Logisch: salzig, aus Käse, ein herrliches Mittagessen.

 

 

KäsekuchenKäsekuchen in Deutschland? Das heimatlichste Gebäck ever, sagen viele. Logisch, dass es süß ist, aus Quark, ein köstlicher Nachttisch.

 

 

Als ich vor sechseinhalb Jahren, Irgendlinkseidank, meine deutschen Nachbarinnen und Nachbarn besser kennenzulernen begann, stießen wir auf mancherlei Wörter und Begriffe, die unterschiedliche Bedeutung haben.

Paprika nennen meine deutschen NachbarInnen das, was ich Peperoni nenne, und ihre Zucchini heißt bei uns im Laden Zucchetti.

Estrich ist in der Schweiz das, was den Deutschen der Dachboden.
Estrich ist in Deutschland das, was in der Schweiz der Fußboden (oderrr???) und wenn ihr Deutschen diesen kehrt, wischen wir ihn. Wenn wir wischen, kehrt ihr. Darüber stolpere ich auch nach heute noch zuweilen, über Besen und Schrubber sozusagen.

Mir ist heute, als ich mit einem vierzehnjährigen Eritreer, der seit sechs Monaten mit seiner Familie in der Schweiz lebt und an unserer Schule den Integrationskurs besucht, am Tisch saß, bewusst geworden, wie mächtig Gewohnheiten sind, wie stark Wörter wirken, wie unterschiedlich Musik verstanden wird und auch auf wie viele Arten sie klingen kann. Und wie sehr wir Geprägte sind, wir alle, Geprägte unserer Kultur.

KrarCeder400Im Werkunterricht, so erzählte er, baue er zurzeit sein Instrument, Krar, das er in Eritrea gespielt habe. Er zeichnete uns, die wir mit ihm am Tisch saßen, etwas auf Papier, das wir Zither nannten. Mit Saiten. Und ich hoffe so sehr, dass er, wenn er das Instrument fertig gebaut hat, darauf ein Stück Heimat finden wird.

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Besser oktobern

Manche Monate haben für mich kaum eine eigene Gestalt. Immerhin hat die schwedische Band Easy October dem mir bis anhin farblosen Monat Oktober vor zwei Jahren endlich Farben gegeben. Und Gerüche.

Nowhere But Here - Vol.1 cover artDass ihre dritte CD Nowhere But Here bereits im April 2015 erschienen ist, habe ich erst heute gemerkt. Was gut ist. Denn bessere Oktober-Musik gibt es für mich einfach nicht. Wenn man denn auf Hippiesound steht wie ich. Alle Stücke zum direkt anhören gibt es hier → klicken.

Seit ich Easy October kenne, ist Oktober für mich warm und weich; er riecht nach Holzfeuer und Herbstwind, nach goldenem Sonnenlicht und nach Regen. Er ist ein bisschen dunkel, aber diese Dunkelheit macht keine Angst, denn sie ist eine dieser Dunkelheiten, die mich in sich birgt und hält und mir Ruhe gibt. Sie bereitet mich auf den November vor, der mich auf den Dezember vorbereitet, der mich auf den Januar vorbereitet. Und dann erst kann ich wieder durchatmen. Denn dann kommt Februar, der ja schon fast März ist und März ist bekanntlich Frühling.

Ja, so eine bin ich. Ich verschiebe allzu gerne das eine oder andere auf später, sogar zuweilen das Leben. Aber Auf-die-lange-Bank-schieben geht definitiv besser mit Musik, die das Herz wärmt.

Brücken finden

Gestern in der Schule, ich musste, obwohl es Samstag war, arbeiten, stellten unsere Musiklehrpersonen ihre Instrumente vor, die an unserer Schule unterrichtet werden. Vor allem Eltern mit Kindern waren unserer Einladung gefolgt, doch es kamen auch Menschen ohne Kinder. Alle schauten sie sich um und probierten in den verschiedenen Schulzimmern die Instrumente aus. Ich war zwar meistens am Tresen und schenkte Kaffee ein und aus, sagte den Leuten, wo sie was finden können und beantwortete Fragen, doch zwischendurch machte ich eine Photografierrunde für die Webseite. Dabei packte ich die Gelegenheit beim Schopf und probierte selbst das eine oder andere Instrument aus. Nein, falsch. Nicht das eine oder andere, sondern genau diese drei: Violine und Cello. Und Oboe. Die ersten beiden, weil ich als Kind immer davon geträumt hatte, Geige spielen zu können. Eine Schulkameradin war eine begnadete Violinistin und bezauberte uns, als Klasse, einmal mit ihrem herrlichen Vortrag. Genau so spielen, so virtuos und leidenschaftlich, ja, das wünschte ich mir – damals wie heute. Klavier war mein zweites Wunschinstrument gewesen, doch dafür – ebenso für Violine – hätte das Geld nie gereicht. Beim Klavier dazu auch der Platz nicht. Zwar bin ich in einem Einfamilienhaus groß geworden, doch die einzelnen Zimmer wären alle nicht groß genug gewesen für ein Klavier.

Violine also. Die Musiklehrerin nötigte mir liebevoll eine Violine auf, damit ich meinem Kindertraum endlich ein klein wenig näher kommen könne. Ich gehorchte gerne, wenn auch vorsichtig. Mit dem Bogen über die Saiten streichend erschrak ich zuerst über den hässlichen Ton, der dabei entstand. Ich hielt den Bogen noch zu zaghaft, strich noch mit zu wenig Druck über die Saiten, traute mir noch nicht zu, zu tönen. Doch als die Lehrerin meine Hand führte, klang es auf einmal schon sehr schön. Sie ließ mich den richtigen Druck spüren, erleben, kennenlernen. Ein echt tolles Gefühl war das, als nun wohltuende Töne in mein linkes Ohr flossen. Ja, Fließen ist das richtige Wort, das die Farbe, das Gefühl und die Bewegung dieser Töne beschreibt. Ich stellte bald fest, dass ich von der Körperhaltung her wohl eher nicht so die Violinespielerin sein würde, denn bald hatte ich den Krampf im linken Arm. Mein linkes Ohr, das Tinnitus-Ohr, war auch ein bisschen überfordert und sirrte gleich ein bisschen lauter als sonst vor sich hin.

Weil im gleichen Schulzimmer auch die Cellolehrerin untergebracht und ich nun ein klein bisschen mutiger geworden war – und ja nichts zu verlieren hatte –, wagte ich mich nun auch an dieses Instrument. Ich war begeistert, denn – vom Klang, von der Handhabung und vom Spielgefühl her – gefiel mir das Cello noch viel besser als mein Kindertrauminstrument Geige. Nun ja, spielen lernen könnte ich wohl auch Cello nicht wirklich, da ich meinem Musikgehör das nicht so recht zutraue. Wie wenig es nämlich braucht, um von einem Ton zum nächsten zu gelangen, stellte ich sehr bald fest, als ich auf den Saiten mit meinen Fingern die verschiedenen Töne zu finden versuchte. Mein zu wenig gutes Musikgehör war damals ja auch einer meiner Gründe, dass ich den Wunsch, Geige spielen zu lernen, aufgegeben hatte. Die Sicherheit, die Tasten, Klappen und Löcher, wie sie Klaviere und Blasinstrumente zur Definition von Tönen haben, geben, ist da schon eher meins. Auch die Bünde, wie bei der Gitarre, die ich ein bisschen klimpern kann, sind mir lieb. Die Freiheit eines Cellostegs würde mich überfordern. Vermutlich. Noch zumindest.

Später, zurück am Tresen, fragte ich ein kleines Mädchen, es war vielleicht sechs Jahre alt, welches Instrument es denn am liebsten spielen möchte. Es zögerte keine Sekunde und sagte: Klavier. Aber, dass ich es schon kann.

Seine Mutter und ich lächelten über diesen weisen Satz, in welchem wir uns selbst erkannten. Die Mutter selbst will Gesangsstunden nehmen, sich ihren alten Kindheitswunsch erfüllen. Gut so. Und ich, ich werde eine Probestunde auf der Oboe nehmen. Einfach mal schauen, wie das zu mir passt. Und weil mir der Gedanken, etwas angefangenes, obwohl es damals ja die Flöte gewesen ist, weiterzubringen, gefällt mir. Etwas zu lernen, etwas neues zu lernen, es weiterzuentwickeln, meine Grenzen auszuweiten – ja, das reizt mich. Und eben: zu üben; einen Weg zu gehen; mich auf einen Prozess einzulassen. Schülerin zu sein.

Den Weg des Übens scheuen wir ja oft. Wir wollen etwas, das uns gefällt, schon können, wie es das kleine Mädchen so wahr gesagt hat. Etwas nicht gut zu können, war wir gut können wollen, ist uns peinlich. Da kommen wieder diese alten Schamgefühle aus der Schule hoch, die die meisten von uns bestimmt auf die eine oder andere Weise kennen.

Rückschläge gehören zum Lernen dazu, ja, klar, das wissen wir, aber wir mögen sie trotzdem nicht. Und natürlich gibt es Talent. Wir haben Begabungen, wir haben Begabungen erworben, entwickelt, per Geburt vielleicht  mitbekommen. Dennoch lernen wir immer auch ein Handwerk, wenn wir eine Kunst erlernen. Und das heißt eben auch üben. Ob nun beim Spielen eines Instrumentes, beim Schreiben, beim Malen, beim Bauen von Mauern, beim Schneiden von Bäumen, beim Pflegen alter Menschen, beim Unterrichten von Kindern, beim Mehren von PC-Wissen: immer ist lernen üben. Fehler machen und scheitern inklusive. Weitergehen.

Vielleicht mag ich meine neue Arbeitsstelle deshalb so gerne, weil ich hier etwas aus meiner Kindheit wiederfinde? Diese Freude am Lernen nämlich. Unsere Schülerinnen und Schüler haben die Möglichkeit, sich mit Musik ausdrücken zu lernen. Wir geben ihnen die Möglichkeit, ein Werkzeug kennenzulernen, mit dem sie sich ausdrücken können.

Die Möglichkeit, uns mit jenem Medium, das uns entspricht, auszudrücken, ist etwas vom heilsamsten, was es für uns Menschen gibt. Wir können uns so, beim Anwenden unseres Mittels, nahe kommen, nahe sein. Auch schon, während wir unser Medium kennen und anwenden lernen. Wir ermöglichen uns so ein zufriedeneres Leben als ohne dieses Medium.

Sinn im Leben finden heißt womöglich also auch, mein Medium zu finden, meine Brücke, meinen Schlüssel, der mir hilft, das Leben aufzunehmen, zu verstehen versuchen und es auf meine Weise auszudrücken?

Der Tag danach

Gestern … (Impressionen)

Schön wars mit all den Gästen, die gestern unser offenes Atelier besucht haben. Schöne Gespräche. Feine, differenzierte Rückmeldungen. Gemütliches Zusammensitzen.

Am Abend Grillen und schlussendlich – noch zu viert in der Formation von letztem Sonntag – abhängen am Tresen. QQlka als DJ. Eine Reise in die Vergangenheit. Youtubing vom feinsten. Von Dire Straits über Veen zu Rio Reiser hin zu heute, zu Easy October und Konsorten. Herrlich.