Die Ochsen mal wieder

Bereits vier Jahre und elf Monate ist es her, seit ich die Ochsen das letzte Mal in der Kupferschmiede Langnau spielen hörte. Natürlich war das nicht das letzte Konzert von Patent Ochsner, das ich seither gehört habe, doch gehe ich im Gegensatz zu früher aktuell nur noch selten an Konzerte. Den Ochsen und Ochsinnen aber halte ich die Treue.  Jahr um Jahr. Wann immer es geht.

Letztes Jahr tourte die Band leider nicht, darum besuchten wir, um das Leck zu füllen, vor elf Monaten ein Konzert, das Mimmo Locasciulli zusammen mit Büne Huber, dem Kopf von Patent Ochsner, ausgerichtet hatte (ich habe berichtet).

Langnau und Kupferschmiede? Das heißt endlich mal wieder Freundin B. (2) zu sehen. Vermutlich habe ich die meisten Ochsner-Konzerte mit ihr besucht. Mit ihr und immer wieder anderen Begleitungen. Auch Irgendlink war jetzt schon das xste Mal mit dabei – in über zehn gemeinsamen Jahren kommt da ja schon so einiges zusammen.

Nun ja, mit B. geht es irgendwie nicht anders als ganz vorne an der Bühne zu stehen. Und obwohl ich in den letzten Jahren deutlich lärmempfindlicher geworden bin, war es auch diesmal nicht zu laut. Vorne ist zudem am wenigsten Ablenkung durch tuschelnde Menschen, durch Unruhe im Publikum; und maximale Fokussierung auf die Musik ist möglich. Neben der tollen Musik ist man vorne einfach irgendwie ganz anders mitten drin. Die Menschen, die für uns ihre Tasten, Blechinstrumente, Saiten und Felle in Aufruhr versetzen, die uns mit ihrem Lachen, mit ihrer Kreativität, Übermut, Lebensfreude und Musikalität verzaubern, sind vorne ganz nah. Unmittelbar erlebbar.

Die Band hat eine Bühnenpräsenz, die mich jedes Mal mitreißt. Das hier ist nicht einfach nur eine tolle Show, das hier sind Menschen, die sehr präsent sind, sehr begeistert von dem, was sie tun, sehr lebendig und stark. Büne schiebt da und dort ein paar Worte ein. Zur Weltlage zum Beispiel. Über das Gute, das wir dem Hass entgegenhalten sollen. Er bezieht Stellung, er hat eine klare Haltung. Das Publikum, Jung und Alt, Kinder und Seniorinnen, hört aufmerksam zu. Es geht uns alle an. Wir alle können die Welt, unsere Umwelt, lebenswerter machen.

Eine Pause gibt es keine. Nach zwei Stunden ist das saugut zusammengestellte Konzert zu Ende gespielt und meine Füße sind müde vom Stehen und Tanzen. In mir drin diese Jetzt-Freude, wie ich sie bis jetzt an jedem Ochsen-Konzert erlebt habe. Eine Energie- und Akkuladung der ganz besonderen Art. Ich liebe diese Verbundenheit mit allem. Mit den Klängen, mit den lieben Menschen neben mir, mit den Musiker*innen auf der Bühne, mit mir selbst. Glück? Ja. Nennen wir es Glück.

Natürlich gibt es eine Zugabe. Und dann kommt er, dieser Moment, den ich jedes Mal habe, wann immer ich das Lied Für immer uf di höre. Ich löse mich auf. Ein Lied, das buchstäblich so schön ist, dass es weh tut. Dass mir jedes Mal, wenn ich es höre, von neuem die Tränen über die Backen rinnen lässt.

Vor der letzten Zugabe gibt es noch so einen Gänsehautmoment, einen, wie ich ihn noch an keinem einzigen meiner unzähligen Ochsner-Konzerte erlebt habe: Um die Ochsen und Ochsinnen wieder auf die Bühne zu locken singt der Saal den Refrain von Scharlachrot:

I boue mir myni tröim uuf rund um di
& male se scharlachrot a
I brönne mir di name z mitts i mys härz
chönnt schwöre dass I ewig blybe we üs nüt
drzwüsche chunnt.
(Lyrics)

Und jetzt passiert es: Auf einmal singt der ganze Saal mit. Kein Zugabe-Klatschen mehr. Kein Getuschel. Keine andere Geräuschen außer die singenden Stimmen. A cappella und saalfüllend.

Und natürlich kommt die Band nochmals. Und natürlich singt sie zum Abschluss Scharlachrot für uns. Eins der Lieder, die mir auch nach über zwanzig Jahren noch unter die Haut fährt.

Ich glaube, das war das berührendste und beste Oxenkonzert ever, sagte Irgendlink am Schluss.

Ich habe zwei kleine Videos auf Instagram eingestellt.
Büne über Gutmenschen
Monic rockt die Kupferschmiede

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Kleine Bildergalerie

Und jetzt noch zwei Screenshots aus den Stories* des Patent Ochsner-Accounts auf Instagram. Gescreenshotet, weil wir da drauf sind. Und weil ich mich so freue, dabeigewesen zu sein. (Die Pfeilchen zeigen, wo wir standen.)

EDIT: *Die Filmsequenz, aus welcher ich den ersten Shot geklaut habe, ist jetzt, 11.11.19, in den Ochsen-Highlights zu sehen.

Auf dem Screenshot ist die violett beleuchtete Bühne mit den Musiker*innen zu sehen, davor ein paar Reihen Publikum, ganz vorne sind wir drei, mit drei Pfeilen markiert.
Screenshot der Instagram-Stories von Patent Ochsner
Büne Huber singt ins Mikrofon, hellgrünes Licht, neben Bühne der Keyboarder. Auf dem Bild folgender Text: Always be yourself aber immer alwayser be a Gummibaum, in Anspielung auf das Lied Gummibaum. Rechts im Bild Irgendlinks halber Kopf als Schatten von hinten.
Screenshot der Instagram-Stories von Patent Ochsner

 

Tönen, hören, verstehen.

Alle Begriffe, alle Wörter, die wir sprechen, sind gefüllt mit unseren Erfahrungen. Alles ist Interpretation. Neutrale Begriffe gibt es nicht. Und zum Begriff kommt der Kontext.

Das Wort normal zum Beispiel, wie ich neulich auf Twitter gemerkt habe, ist je nach unserer Herkunft, sehr unterschiedlich gefüllt. Für mich ist und war es immer eine latenter Sehnsuchtsbegriff. Normal zu sein, nicht anzuecken, nicht aufzufallen, hatte ich mir schon als Kind gewünscht. Einfach weil ich nicht gerne anders bin.

Auch das Wort anders hat viele Gesichter. Ich plädiere für Weitung des Begriffes Normalität. Und es fragt sich, ob es ihn im menschlichen Umfeld überhaupt braucht. Wenn Papiergrößen, Schraubenmuttern und Litermaße genormt sind, ist das etwas anderes, aber bei Menschen? Denn, seien wir ehrlich, jede und jeder von uns hat einen Bereich in dem sie oder er von der sogenannten Norm abweicht.

Und wie sagt Frau Lakritze so schön? »Die einzig normalen Menschen sind die, die man nicht besonders gut kennt.« Recht hat sie.

Was der einen arrogant vorkommt, empfindet der andere frustriert.
Was der eine so, findet die andere so. Und dabei spielen nicht nur persönliche Unterschiede und Prägungen eine Rollen, sondern oft auch kulturelle. Nehmen wir Kuchen.

In der Schweiz zum Beispiel bedeutet Kuchen je nach Region etwas anderes. Im Kanton Bern ist der Kuchen das, was im Kanton Zürich die Wähe. Nämlich so was ähnliches wie die Quiche in Frankreich. In Zürich ist Kuchen das, was in Bern ein Cake oder eine noch nicht gefüllte Torte. Und die Wähe des Zürchers und der Kuchen der Bernerin? Sie ist ein dünn ausgewallter Teig mit Früchten oder Gemüse gedeckt und mit süßem oder salzigem Eiermilchguss gebacken. Eben Wähe, Tünne, Kuchen.

Gehen wir einen Schritt weiter zum

KäsekuchenCH

ChäswäheKäsekuchen in der Schweiz? Logisch: salzig, aus Käse, ein herrliches Mittagessen.

 

 

KäsekuchenKäsekuchen in Deutschland? Das heimatlichste Gebäck ever, sagen viele. Logisch, dass es süß ist, aus Quark, ein köstlicher Nachttisch.

 

 

Als ich vor sechseinhalb Jahren, Irgendlinkseidank, meine deutschen Nachbarinnen und Nachbarn besser kennenzulernen begann, stießen wir auf mancherlei Wörter und Begriffe, die unterschiedliche Bedeutung haben.

Paprika nennen meine deutschen NachbarInnen das, was ich Peperoni nenne, und ihre Zucchini heißt bei uns im Laden Zucchetti.

Estrich ist in der Schweiz das, was den Deutschen der Dachboden.
Estrich ist in Deutschland das, was in der Schweiz der Fußboden (oderrr???) und wenn ihr Deutschen diesen kehrt, wischen wir ihn. Wenn wir wischen, kehrt ihr. Darüber stolpere ich auch nach heute noch zuweilen, über Besen und Schrubber sozusagen.

Mir ist heute, als ich mit einem vierzehnjährigen Eritreer, der seit sechs Monaten mit seiner Familie in der Schweiz lebt und an unserer Schule den Integrationskurs besucht, am Tisch saß, bewusst geworden, wie mächtig Gewohnheiten sind, wie stark Wörter wirken, wie unterschiedlich Musik verstanden wird und auch auf wie viele Arten sie klingen kann. Und wie sehr wir Geprägte sind, wir alle, Geprägte unserer Kultur.

KrarCeder400Im Werkunterricht, so erzählte er, baue er zurzeit sein Instrument, Krar, das er in Eritrea gespielt habe. Er zeichnete uns, die wir mit ihm am Tisch saßen, etwas auf Papier, das wir Zither nannten. Mit Saiten. Und ich hoffe so sehr, dass er, wenn er das Instrument fertig gebaut hat, darauf ein Stück Heimat finden wird.

Besser oktobern

Manche Monate haben für mich kaum eine eigene Gestalt. Immerhin hat die schwedische Band Easy October dem mir bis anhin farblosen Monat Oktober vor zwei Jahren endlich Farben gegeben. Und Gerüche.

Nowhere But Here - Vol.1 cover artDass ihre dritte CD Nowhere But Here bereits im April 2015 erschienen ist, habe ich erst heute gemerkt. Was gut ist. Denn bessere Oktober-Musik gibt es für mich einfach nicht. Wenn man denn auf Hippiesound steht wie ich. Alle Stücke zum direkt anhören gibt es hier → klicken.

Seit ich Easy October kenne, ist Oktober für mich warm und weich; er riecht nach Holzfeuer und Herbstwind, nach goldenem Sonnenlicht und nach Regen. Er ist ein bisschen dunkel, aber diese Dunkelheit macht keine Angst, denn sie ist eine dieser Dunkelheiten, die mich in sich birgt und hält und mir Ruhe gibt. Sie bereitet mich auf den November vor, der mich auf den Dezember vorbereitet, der mich auf den Januar vorbereitet. Und dann erst kann ich wieder durchatmen. Denn dann kommt Februar, der ja schon fast März ist und März ist bekanntlich Frühling.

Ja, so eine bin ich. Ich verschiebe allzu gerne das eine oder andere auf später, sogar zuweilen das Leben. Aber Auf-die-lange-Bank-schieben geht definitiv besser mit Musik, die das Herz wärmt.

Brücken finden

Gestern in der Schule, ich musste, obwohl es Samstag war, arbeiten, stellten unsere Musiklehrpersonen ihre Instrumente vor, die an unserer Schule unterrichtet werden. Vor allem Eltern mit Kindern waren unserer Einladung gefolgt, doch es kamen auch Menschen ohne Kinder. Alle schauten sie sich um und probierten in den verschiedenen Schulzimmern die Instrumente aus. Ich war zwar meistens am Tresen und schenkte Kaffee ein und aus, sagte den Leuten, wo sie was finden können und beantwortete Fragen, doch zwischendurch machte ich eine Photografierrunde für die Webseite. Dabei packte ich die Gelegenheit beim Schopf und probierte selbst das eine oder andere Instrument aus. Nein, falsch. Nicht das eine oder andere, sondern genau diese drei: Violine und Cello. Und Oboe. Die ersten beiden, weil ich als Kind immer davon geträumt hatte, Geige spielen zu können. Eine Schulkameradin war eine begnadete Violinistin und bezauberte uns, als Klasse, einmal mit ihrem herrlichen Vortrag. Genau so spielen, so virtuos und leidenschaftlich, ja, das wünschte ich mir – damals wie heute. Klavier war mein zweites Wunschinstrument gewesen, doch dafür – ebenso für Violine – hätte das Geld nie gereicht. Beim Klavier dazu auch der Platz nicht. Zwar bin ich in einem Einfamilienhaus groß geworden, doch die einzelnen Zimmer wären alle nicht groß genug gewesen für ein Klavier.

Violine also. Die Musiklehrerin nötigte mir liebevoll eine Violine auf, damit ich meinem Kindertraum endlich ein klein wenig näher kommen könne. Ich gehorchte gerne, wenn auch vorsichtig. Mit dem Bogen über die Saiten streichend erschrak ich zuerst über den hässlichen Ton, der dabei entstand. Ich hielt den Bogen noch zu zaghaft, strich noch mit zu wenig Druck über die Saiten, traute mir noch nicht zu, zu tönen. Doch als die Lehrerin meine Hand führte, klang es auf einmal schon sehr schön. Sie ließ mich den richtigen Druck spüren, erleben, kennenlernen. Ein echt tolles Gefühl war das, als nun wohltuende Töne in mein linkes Ohr flossen. Ja, Fließen ist das richtige Wort, das die Farbe, das Gefühl und die Bewegung dieser Töne beschreibt. Ich stellte bald fest, dass ich von der Körperhaltung her wohl eher nicht so die Violinespielerin sein würde, denn bald hatte ich den Krampf im linken Arm. Mein linkes Ohr, das Tinnitus-Ohr, war auch ein bisschen überfordert und sirrte gleich ein bisschen lauter als sonst vor sich hin.

Weil im gleichen Schulzimmer auch die Cellolehrerin untergebracht und ich nun ein klein bisschen mutiger geworden war – und ja nichts zu verlieren hatte –, wagte ich mich nun auch an dieses Instrument. Ich war begeistert, denn – vom Klang, von der Handhabung und vom Spielgefühl her – gefiel mir das Cello noch viel besser als mein Kindertrauminstrument Geige. Nun ja, spielen lernen könnte ich wohl auch Cello nicht wirklich, da ich meinem Musikgehör das nicht so recht zutraue. Wie wenig es nämlich braucht, um von einem Ton zum nächsten zu gelangen, stellte ich sehr bald fest, als ich auf den Saiten mit meinen Fingern die verschiedenen Töne zu finden versuchte. Mein zu wenig gutes Musikgehör war damals ja auch einer meiner Gründe, dass ich den Wunsch, Geige spielen zu lernen, aufgegeben hatte. Die Sicherheit, die Tasten, Klappen und Löcher, wie sie Klaviere und Blasinstrumente zur Definition von Tönen haben, geben, ist da schon eher meins. Auch die Bünde, wie bei der Gitarre, die ich ein bisschen klimpern kann, sind mir lieb. Die Freiheit eines Cellostegs würde mich überfordern. Vermutlich. Noch zumindest.

Später, zurück am Tresen, fragte ich ein kleines Mädchen, es war vielleicht sechs Jahre alt, welches Instrument es denn am liebsten spielen möchte. Es zögerte keine Sekunde und sagte: Klavier. Aber, dass ich es schon kann.

Seine Mutter und ich lächelten über diesen weisen Satz, in welchem wir uns selbst erkannten. Die Mutter selbst will Gesangsstunden nehmen, sich ihren alten Kindheitswunsch erfüllen. Gut so. Und ich, ich werde eine Probestunde auf der Oboe nehmen. Einfach mal schauen, wie das zu mir passt. Und weil mir der Gedanken, etwas angefangenes, obwohl es damals ja die Flöte gewesen ist, weiterzubringen, gefällt mir. Etwas zu lernen, etwas neues zu lernen, es weiterzuentwickeln, meine Grenzen auszuweiten – ja, das reizt mich. Und eben: zu üben; einen Weg zu gehen; mich auf einen Prozess einzulassen. Schülerin zu sein.

Den Weg des Übens scheuen wir ja oft. Wir wollen etwas, das uns gefällt, schon können, wie es das kleine Mädchen so wahr gesagt hat. Etwas nicht gut zu können, war wir gut können wollen, ist uns peinlich. Da kommen wieder diese alten Schamgefühle aus der Schule hoch, die die meisten von uns bestimmt auf die eine oder andere Weise kennen.

Rückschläge gehören zum Lernen dazu, ja, klar, das wissen wir, aber wir mögen sie trotzdem nicht. Und natürlich gibt es Talent. Wir haben Begabungen, wir haben Begabungen erworben, entwickelt, per Geburt vielleicht  mitbekommen. Dennoch lernen wir immer auch ein Handwerk, wenn wir eine Kunst erlernen. Und das heißt eben auch üben. Ob nun beim Spielen eines Instrumentes, beim Schreiben, beim Malen, beim Bauen von Mauern, beim Schneiden von Bäumen, beim Pflegen alter Menschen, beim Unterrichten von Kindern, beim Mehren von PC-Wissen: immer ist lernen üben. Fehler machen und scheitern inklusive. Weitergehen.

Vielleicht mag ich meine neue Arbeitsstelle deshalb so gerne, weil ich hier etwas aus meiner Kindheit wiederfinde? Diese Freude am Lernen nämlich. Unsere Schülerinnen und Schüler haben die Möglichkeit, sich mit Musik ausdrücken zu lernen. Wir geben ihnen die Möglichkeit, ein Werkzeug kennenzulernen, mit dem sie sich ausdrücken können.

Die Möglichkeit, uns mit jenem Medium, das uns entspricht, auszudrücken, ist etwas vom heilsamsten, was es für uns Menschen gibt. Wir können uns so, beim Anwenden unseres Mittels, nahe kommen, nahe sein. Auch schon, während wir unser Medium kennen und anwenden lernen. Wir ermöglichen uns so ein zufriedeneres Leben als ohne dieses Medium.

Sinn im Leben finden heißt womöglich also auch, mein Medium zu finden, meine Brücke, meinen Schlüssel, der mir hilft, das Leben aufzunehmen, zu verstehen versuchen und es auf meine Weise auszudrücken?