Dass du nicht mehr leben willst. Ein Brief | #Depression #notjustsad

Lieber Mensch

Du sagst, dass du keine Kraft mehr hast, weiterzuleben. Dass das Leben so weh tut, dass du es kaum mehr erträgst. Ich sehe deine Tränen. Ich spüre deinen Schmerz. Ich höre dir zu, halte dich und weine mit dir. Ich versuche, zu verstehen, auch wenn ich weiß, dass das nicht wirklich geht.

Du magst nicht mehr leben. Immer wieder sagst du es.

Die Fragen, die ich mir stelle, wenn ich dich das sagen höre, sind vielleicht nicht die, die sich die meisten anderen stellen. Ich studiere zum Beispiel definitiv nicht über deine Zwangseinweisung in die Psychiatrie nach. Und nein, ich studiere auch nicht darüber nach, wie ich dich retten könnte.

Ich versuche einfach nur zu fühlen, wie du dich wohl fühlst. Ich nehme dabei wahr, was dir jetzt weh tut, aber ich nehme auch wahr, was früher war. Was du schon alles erlebt hast. All das, was dich schon als sehr junger Mensch immer wieder aufgerieben hat. (Natürlich gelingt mir das nicht ohne Vergleiche mit meinen eigenen Wunden, doch solange ich mir dessen bewusst bin und nicht von mir auf dich schließe, ist das in Ordnung. Zumal ich ja deine Wunden nicht heilen kann. Ich kann bestenfalls Salbe auftragen.)

Ja, es ist eine verdammte Scheiße, was dir da alles passiert ist, was du alles erlebt hast. Was dich alles geprägt hat. Schrecklich auch, dass damals niemand da war, der dir geholfen hat. Nein, niemandem dürfte das passieren, auch nicht Teile davon. Kein Mensch darf einem anderen Menschen solche Dinge antun! (Auch wenn man selbst kaputt ist, darf man andere Menschen nicht kaputt machen.) Es geschieht dennoch. Tagtäglich.

Ich spüre dein Leid. Manchmal ist es für mich als Zuhörerin schier unerträglich schmerzhaft. Wie viel schlimmer muss es dann für dich sein?

Ja, ich verstehe, dass du nicht mehr leben magst.

Die Fragen, die ich mir stelle, sind nicht: Wie kann ich dich retten? Wie kann ich verhindern, um jeden Preis, dass du dir etwas antust, dass dir das Leben nimmst?

Damit wäre dir nicht geholfen, nicht wirklich. Ich darf dich nicht zum Leben zwingen.

Die Fragen, die ich mir stelle, lauten: Womit kann ich dich überzeugen, dass sich ein Weiterleben lohnt, trotz all des erlebten Bullshit, trotz all der Feindseligkeiten auf dieser Welt und in deiner Umgebung, trotz all der existentiellen Ängste, die in deinem Leben sehr real sind? Wie kann ich dir erlebbar machen, dass du um deinetwillen ein liebenswerter Mensch bist, auch wenn du keine Kraft mehr hast? Wie kann ich dich unterstützen? Wie kann ich dazu beitragen, dass die Welt ein Ort ist, auf dem es sich auch für Menschen, die keine Kraft mehr haben, erträglich leben lässt.

Ich bin die Letzte, die es verurteilen oder nicht verstehen würde, wenn du eines Tages genug hast und den Tod wähltest. Du würdest eine große Lücke hinterlassen, nicht nur bei mir, bei anderen, aber ich würde es akzeptieren.

Ich wünsche mir, dass du nicht in erster Linie aus Rücksicht auf andere hier bleibst, am Leben. Ich wünsche dir, dass du in erster Linie dir zuliebe leben kannst.

Ja, das ist es, worüber ich nachdenke, während ich dir zuhöre. Während ich deine Tränen sehe. Während ich deinen Worten und deinem Schmerz lausche.

Mögest du entdecken, wie gut es sich anfühlt, dir zuliebe zu leben.
Mögest du dich lieben, von Kopf bis Fuß, immer ein bisschen bedingungsloser, immer ein bisschen befreiter vom Denken und den Rückmeldungen anderer.

Du bist es wert. Du bist liebenswert.


Ich habe diesen Brief für dich geschrieben – und für dich und dich auch. Und ja, ich habe ihn auch für mich selbst geschrieben. Für den Fall, dass ich es mal wieder vergessen sollte, dieses Liebenswertvollsein.

Inspiriert hat mich unter anderem ein Text, den ich heute im Blog Dare to be mad gelesen habe. Er heißt Ein paar Worte zu Suizid:

Ich zitiere:
»Es macht mich unendlich traurig, wenn ein Mensch so lange gekämpft hat, eine Zeit lang sogar glücklich war, therapeutisch an sich gearbeitet hat, für andere viel bedeutet hat, anderen Betroffenen helfen konnte und so viel zu geben hatte und am Ende doch unter der Last seiner seelischen Wunden zusammenbricht. Chester Bennington wurde als Kind sexuell missbraucht. DAS hat ihn umgebracht. Wenn einer schuldig ist, dann die Täter aus seiner Kindheit. Manchmal ist das, was Menschen erleben und erleiden mussten, so unendlich furchtbar, dass sie nicht mehr damit leben können. Therapie hin, liebevolle Familie her. Es zerreißt mir das Herz, wenn ein Mensch psychisch so schwer verletzt ist, dass ihn nichts Heilendes mehr erreicht.«

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Plädoyer fürs Umvollkommene

Ja, das muss so. Dieses M im Titel war eigentlich ein der Müdigkeit geschuldeter Tippfehler, doch als ich ihn korrigieren wollte, lachte er mich aus:
Du plädierst für Unvollkommenheit und willst mir an den Kragen? Wie konsequent ist das denn bitte?

Seit bald zwei Wochen steht dieser Text hier. So ungefähr jedenfalls. Als Entwurf. So lange schon tüftle ich also an Sätzen und Aussagen herum. Gestern habe ich sogar statt ’speichern’ versehentlich ’veröffentlichen’ angeklickt und darum war der Artikel etwa zehn oder zwanzig Sekunden online. Schnell habe ich ihn wieder aus dem Netz geholt, denn er war ja noch gar nicht fertig. Noch nicht perfekt genug. Äh …

Ob Vollkommenheit im umvollkommenen Zustand nicht doch irgendwie viel erträglicher ist?
Anders gefragt: Sind wir denn nicht alle schon irgendwie vollkommen. Alles da. Eigentlich. Aber eben. Es gibt da so viel zu feilen, so viel zu perfektionieren, so viel zu bedenken, zu verändern, zu machen. Obwohl alles da ist. (Schrödingers Vollkommenheit sozusagen.)

Ist Perfektionismus womöglich eine Vermeidungsstrategie, die darauf hinzielen soll, uns unverletzbar zu machen?
Unverletzbarkeit, Unangreifbarkeit – zwei Schutzbedürfnisse, denen wir mit viel und gleich noch mehr Selbstoptimierung entsprechen wollen. Je schneller die Welt sich dreht, desto besser müssen wir sein. Meinen wir, sein zu müssen.

Ich kenne vor allem junge Frauen, die der Selbstoptimierung, dem Selbstoptimierungswahn verfallen. Noch besser, noch schöner, noch bezaubernder, noch erotischer, noch deeper wollen sie sein. Dass die sozialen Medien diesem Wahn Vorschub leisten, ist bekannt. So viel Schein ist mir suspekt …

Wie las ich neulich?

»Das polierte Glück der andern schmälert das eigene

Soziale Plattformen, auf denen «schöner leben» zelebriert wird, wirken in dieser Hinsicht wie mächtige Neidgeneratoren. Allein schon die schiere Zahl an Vergleichsmöglichkeiten mit hunderten von Freunden kann unser Selbstbewusstsein strapazieren.«

Quelle: www.srf.ch/kultur/netzwelt/

Wir messen und vergleichen. Ständig. Und wir setzen uns ständig unter Druck. Und noch mehr Druck. Ob bei der Arbeit oder in der Freizeit – Hauptsache wir haben eine glatte Fassade. Alles dreht sich darum, den Ansprüchen zu genügen, die wir denken, dass andere sie an uns haben. Oder wir selbst. Denn auch das ist Perfektionismus: Wir halten uns nur bedingt liebenswert, solange wir nicht unsern hohen Ansprüchen genügen, die wir an uns haben. (Dieses Wir meint alle, die sich betroffen fühlen. Ich kenne da so einige …). Ich behaupte, dass das hier eine Ursache für viele Krankheiten ist.

Bis zu einem gewissen Grad kann uns Konkurrenzkampf ja inspirieren und herausfordern, etwas Neues auszuprobieren, aber jener Konkurrenzkampf, der heute oft praktiziert wird, ist lebensfeindlich, lebensgefährlich. (Vergessen wir dabei aber nicht, dass am meisten Druck von uns selbst kommt.) Bei all dem aus Angst geborenen, oft sehr existentiellen Druck, dem so viele Menschen ausgesetzt sind, ist uns das Miteinander abhanden gekommen. Im Blick auf den eigenen Kampf verlieren wir den solidarischen Blick aufs große Ganze. Und ja, das meine ich durchaus auch politisch.

Umso mehr freue ich mich immer, wenn ich inmitten all der Schlammschlachten in den Medien eine Perle finde. Menschen, die einander unterstützen. Wie in diesem kleinen Film, den ich neulich schon auf FB und Twitter geteilt habe.

Das ist der > Spendenlink.

Oder, oder, oder …
Ja, es gibt sie, diese Menschen. Und ich ziehe vor ihnen dankbar meinen Hut, auch wenn ich selbst im Moment aktiv nicht viel tun kann.

Was ich zu tun versuche:

  • Nicht wegschauen, aber beim Hinschauen den Fokus immer wieder auf Heilsames zu richten versuchen (was mir oft nicht gelingt)
  • Mir bewusst machen, woher der ganze Druck kommt, der so viele Menschen erfasst und sich an Feindbildern vollfrisst. Es ist die Angst mit all ihren Gesichtern. Angst vor dem Fremden, Angst vor dem Unbekannten, Angst vor der Zukunft. (Sie wirkt auf viele wie eine Droge, sagte Irgendlink neulich. Sehe ich auch so.)
  • Mir bewusst machen, dass wir alle miteinander verbunden sind.
  • Mir bewusst machen, dass wir alle eine Art Werkeinstellung in uns haben, die auf ’Lebenserhaltung und Gemeinschaft’ programmiert ist. Wäre. Ist. (Leider ist dieses Programm bei ganz vielen Menschen aus vielerlei traurigen Gründen nie installiert und konfiguriert worden, viele von uns haben stattdessen mehr oder weniger ständig den Notfall- und Überlebensmodus eingeschaltet.)
  • Mir bewusst machen, dass ich mit meinem ’göttlichen Kern’ (Seele, innere Mitte etc.) verbunden sein kann, wenn ich das will.
  • Mich mit meinem ’göttlichen Kern’ verbinden.

Ich ahne, dass es letztlich die Verbundenheit mit diesem ’göttlichen Kern’ in uns ist, die uns hilft, wenn wir Hilfe brauchen. Verbundenheit mit mir selbst, mit meiner Mitte, mit meinem göttlichen Inneren, mit diesem mit allem und allen verbundenen weisen Zellkern. Könnte er es gar sein, der auf uns aufpasst, der uns unterstützt, wenn wir ihn brauchen, zumal er ja nicht an Zeit und Raum gebunden ist? (Von all den göttlichen Theorien scheint mir das eigentlich die Nachvollziehbarste. Zumal ich nicht an einen Gott außerhalb von uns Wesen glauben kann. Aber ich kann auch nicht an nichts glauben.)

Schon seit längerem bin ich davon überzeugt davon, dass jegliche Religion, jeder Glaube, jede Spiritualität, jede Lehre, jedes Dogma, jeder kluge Gedanke und jede esoterische oder sonst wie geartete Weisheit ein Flop ist, wenn wir sie praktizieren ohne mit uns selbst – mit unserm weisen Kern – verbunden zu sein. Und damit meine ich jetzt weder Hokuspokus, noch Gebete, noch Rituale (die können, müssen aber nicht, dabei helfen). Ich meine schlicht und einfach diese innere Selbstverbundenheit: Auf sich hören. Sich spüren. Sich selbst wahrnehmen. Sich vertrauen. Klingt einfach. Der Weg dorthin ist allerdings zäh, denn wir haben möglicherweise Erfahrungen gemacht, die dazu beitragen, dass wir den Zugang nach innen nach und nach verbarrikadiert haben.

Du musst nicht dem Leben vertrauen, sagte einst sinngemäß eine kluge Frau zu mir, denn das Leben ist gefährlich. Du hast selbst erlebt, dass sich von einer Minute auf die andere alles verändern kann. Das Leben ist unberechenbar. Die Natur, die Welt, die Erde ist unparteiisch, neutral, wild. Es ist ratsamer, wieder dir selbst zu vertrauen, wieder Vertrauen in dich zu finden. Den Mut finden, dich in deinem So-Sein, in diesem Schwachsein, in diesem Unvollkommensein anzunehmen.

Dich auszuhalten in deinem So-Sein.
Zulassen statt verändern.
Sein statt werden.
Das Chaos in dir tolerieren.
Im Frieden sein, mit dem, was ist.

Und genau darum geht es mir, bei diesem meinem Plädoyer zum Umvollkommenen: Lasst uns wieder menschliche Menschen sein. Menschen, die es wagen, andere um Hilfe zu bitten. Die es wagen, zu sein. Die es wagen, schwach zu sein. Und die es wagen, zu fallen. Lasst uns einander Raum geben, zu fallen. Und einander aufzufangen.

Ein vollkommenes Leben gibt es nicht. Keine noch so schöne Blüte ist vollkommen, und wenn auch nur darum, weil sie eines Tages verblüht. Und auch die Hochglanzmenschen in den Medien, die so tun, als ob alles gut sei, haben ihre wunden Stellen.

Ich darf so sein – du darfst so sein.
Ich muss nicht erst etwas werden – du musst nicht erst etwas werden.
Ich bin – du bist.
Unvollkommen.
Unperfekt.
So what?

»Manchmal frage ich mich, ob wir statt Durchhalteparolen zu verbreiten, nicht besser daran täten, jemandem weich aufzufangen, damit er sich endlich fallen lassen kann«, twitterte ich neulich.

Und jetzt klicke ich einfach auf ’Veröffentlichen’, auch wenn dieser Text noch sehr umvollkommen ist.
So what?

Über das Recht auf das eigene Tempo

Ich weiß, dass ich mit dieser meiner Sehnsucht fast allein bin. Ich spreche von jener, mich zuweilen danach zu sehnen, langfristig ohne das Konzept der messbaren Zeit zu leben. Ich sehne mich nach einem Leben ohne Maßeinheiten wie Wochentage und Uhrzeiten, ohne Zählung und Benennung der Tage und vor allem ohne das Bestimmtwerden von diesen. Als einzige Maßeinheit tolerierte ich Sonne, Mond und Sterne, Wind und Wetter, Temperatur und was immer noch zu den Rhythmen des Lebens, der Natur gehört.

Bei allen Dingen, denen ich mich zeitweilig − bewusst oder unbewusst − fast exzessiv hingebe oder ausliefere, sehne ich mich nach einer Weile nach deren Gegenteil. Nach deren Gegenbewegung. Ich will das Geländer, das die Uhr zu sein vorgibt, gegen einen Stock austauschen. Geländetauglicher ist dieser eh. Ja, heute, nach all den Jahren in Büros und bei anderen Jobs, wo es unter dem Strich immer irgendwie um das Einhalten von Terminen ging, sehne ich mich nun danach, keinen von außen getakteten Strukturen mehr folgen zu müssen; einzig dem Rhythmus der Natur gehorchen will ich, meiner Natur ebenso wie der Natur an sich.

Wie die meisten von uns habe ich mich im Laufe des Lebens ziemlich entfernt von meiner eigenen Natur − und von der Natur an sich sowieso. Natürlich gehe ich oft raus, radle, spaziere, wandere, pflanze etwas in meinem Gärtchen, erfreue mich der Blumen, Bäume, Blüten, säe und ernte … aber wirklich eins mit der Natur – meiner und der Natur an sich – bin ich, wenn ich ehrlich bin, längst nicht mehr. Zu viele Eingeständnisse mache ich. Ich könnte, nur so als Beispiel, ohne Einkaufsmöglichkeiten, ohne Geld, ohne menschliche Hilfe, da draußen nicht lange überleben. Nicht dass ich das heute und morgen können müsste, ich bin ja nicht auf der Flucht. Ich meine ja nur … und ich denke nach. Über diese Sehnsucht. Und über unsere Wanderung im Juli. Wie vor zwei Jahren auf unserer Reusswanderung auf den Gotthard wollen Irgendlink und ich auch diesmal einfach loswandern. Mit allem im Gepäck, was wir für das Leben in der Natur brauchen. Zelt und Bordküche, Schlafsäcke und Wechselkleider. Loswandern mit Start in den Bündner Bergen.

Und ja, wir wollen dazu bloggen. Vermutlich sogar gemeinsam, im gleichen Blog. Reiseblogs boomen. Ich lese fast immer bei irgendwem mit, die oder der jetzt, immer, heute, unterwegs ist und über ihre oder seine Tageseindrücke schreibt. Ich mag das. Sehr sogar. Vor allem, wenn es nicht nur bei Streckenbeschreibungen bleibt.

Tag 1, Tag 2, Tag 3 … schon oft war ich Irgendlinks Homebase und gab mit meinen Beiträgen seinen Reiseberichten einen äußeren Rahmen.

Mir wird zunehmend klar, dass ich mich je länger je schwerer tue mit Rahmen und Vorgaben. Und vor allem mit diesem immer wichtiger scheinenden Messen und Vergleichen. Dahinein habe ich gestern, eher zufällig, einen feinen, wichtigen Text über das Vergleichen gelesen. Seither spinne ich noch intensiver am Thema weiter. Ich beobachte es ja nicht erst seit gestern, wie sich selbst im Reisebereich eine Art Vergleich eingeschlichen hat.

[Wie viele Kilometer hast du heute gemacht?
Oh, so viele! Wow. Toll!]

[Viel ist nämlich besser als wenig, weil … ähm, hab ich vergessen …]

Gestern Abend, am Telefon, als Irgendlink und ich über unsere geplante Wanderung im Juli sprachen, schlug ich – natürlich spaßeshalber – vor, dass wir ja möglichst langsam wandern könnten.

Das geht natürlich nicht. Und es wäre zudem kindisch. Und genauso trotzbestimmt wie viele andere meiner Gedankenspiele, mit denen ich zuweilen gesellschaftlichen Vorgaben um des Widerspruchs willen widerspreche.

Nein, mir geht es nicht um Trotz. Mir geht es um das Recht auf das eigene Tempo. Eigentlich eine Art Menschenrecht, finde ich.

Das Recht auf die eigene Natur.
Das Recht auf artgerechtes Leben.
Ein Recht sollte man nicht einfordern brauchen müssen.
Ein Recht sollte für alle selbstverständlich gelten.
Ein Recht sollten wir andern selbstverständlich zugestehen. Auch uns.

Wer schnell sein will, soll schnell sein dürfen. Daran ist nichts falsch. Nur dürfen die Langsamen eben auch langsam sein. Denn auch daran ist nichts falsch. Und auch ein mittleres Tempo darf sein. Nein, auch daran ist nichts falsch.

Falsch, oder besser krankmachend, ist unser ständiger Blick nach rechts und links, das Messen, das Abgucken, das Vergleichen und Sich-Anpassen, das oft aus dem Vergleich resultiert.

Auffallen wollen, weil man sonst in der Masse unterzugehen glaubt? Vielleicht. Wer will und zu müssen meint, soll halt. Hauptsache echt.

Im eigenen Rhythmus unterwegs zu sein, will ich lernen. Beim Radeln, beim Wandern, bei der Arbeit. Den Mut dazu sammle ich noch.

99 Jahre Einsamkeit?

Es gab eine Zeit in meinem Leben, da ich von den Ereignissen in meinem Leben so sehr aus der Bahn geworfen worden war, dass ich nicht einfach nur depressiv war (obwohl schon einfach nur depressiv zu sein zu viel Leid ist). Damals also gesellte sich zur tiefsten Depression die unverrückbare Gewissheit, dass ich niemals wieder ein normales Leben würde führen können. Normal stand damals bei mir sowohl für die Fähigkeit, je wieder soziale Kontakte pflegen zu können, zu lieben, geliebt zu werden, als auch dafür, mich adäquat um mich selbst kümmern und mein Ein- und Auskommen wieder selbst bestreiten zu können. Meine einzige Perspektive war die, dass ich vereinsamen, verbittern und verarmen würde, in der Gosse landen, ungeliebt und unbeachtet sterben. Keine schöne Aussicht.

IMG_6146Meiner alles übertönenden Angst standen zwar Freundinnen, Freunde und liebe Familienangehörige gegenüber, die in dieser schweren Zeit da waren und mir alle nur erdenkliche Hilfe anboten; doch taten sie das, da war ich mir in meiner damaligen Verblendung sicher, eh nur, weil sie sich mir gegenüber dazu moralisch genötigt fühlten; nicht etwa wegen mir, nicht für mich, nicht, weil sie mich mochten oder gar liebten. Undenkbar!

Suizid war zwar natürlich auch eine Option, doch da ich ja damals an den unmittelbaren Folgen eines erweiterten Suizides litt, war es doch keine zu Ende denkbare Lösung. Zumal irgendwo in mir drin doch eine klitzekleine Hoffnung hinter den Erinnerungen an das Lachen meines toten Sohnes funkelte.

Von meinen drei Hauptängsten – zu vereinsamen, zu verbittern und zu verarmen – war seltsamerweise die vor der Vereinsamung damals die allergrößte. Sie höhlte mich aus und mästete meine Panikattacken zu Monstermaßen. Über diese eine Angst sprach ich kaum, wohingegen ihre beiden Schwestern immer wieder Thema von Gesprächen mit meinen Lieben waren. Wie hätte ich auch mit Freundinnen über die Angst vor der Einsamkeit sprechen können?

Kurz vor besagtem Drama hatte ich die gemeinsame Familienwohnung verlassen und war mit meinem kleinen Sohn in eine neue Wohnung umgezogen. Zum allerallerersten Mal in meinem Leben wohnte ich zeitweise, wenn unser Sohn beim Papa war, allein in einer Wohnung, die weder Partner- noch klassische Familienwohnung war und schon gar nicht WG.

Und auf einmal war ich ganz allein. Allein mit mir. Des Allerliebsten beraubt. Wozu also weiterleben? Einsamkeit und Leere sind mir auf die Pelle gerückt, obwohl wunderbare Menschen in der Nähe waren, die sich offenbar für mein Befinden interessierten.

Natürlich, auch davor war ich hin und wieder alleine gewesen, hatte mich ab und zu zurückgezogen, um in Ruhe zu schreiben, nachdenken oder kunsten zu können, doch waren solche Allein-Zeiten als Familienfrau und Teilzeit-Flüchtlingsbetreuerin damals ziemlich rar gewesen. Und ganz gewiss nicht einsam.

Einsamkeit riecht nach Niemand-mag-mich, nach abgeschoben, nach unwichtig, nach Sinnlosigkeit, nach abgestempelt, unwichtig, unwürdig, unwirklich. Wäre das erwähnte kleine Flämmchen der Hoffnung nicht dagewesen, ich hätte resigniert, hätte meine drei Hauptängste mich auffressen lassen.

Wo genau und wann genau ich den Schalter umlegen konnte, weiß ich nicht mehr so genau. Das Wissen um die Notwendigkeit des Akzeptierens muss mit im Spiel gewesen sein. Und ja, gewiss hatte ich mich auch irgendwie an meinen neuen, anderen Alltag gewohnt, den ich − vorerst als Krankgeschriebene später als Stellensuchende − neu gestalten lernen musste. Lernen wollte. War es im Trauerseminar gewesen, als ich das erste Mal wieder herzhaft gelacht hatte?

Einsamkeit. Irgendwann hat sie ihre Maske ausgezogen und sich von mir umarmen lassen. Ich habe das Bedürfnis, gerne und viel alleinsein zu wollen, zu meiner bevorzugen Lebensform gemacht. Nicht, weil ich keine andere Wahl hatte, sondern bewusst-unbewusst, weil ich gemerkt habe, dass ich die Freundschaft mit mir nur im Alleinsein pflegen kann. Und nur wenn ich diese Freundschaft pflege und lebe, bin ich wirklich fähig, anderen eine wahre Freundin sein zu können.

Happy End? Nein. Noch immer hocken da ein paar Ängste. Dass ich eines Tages verbittern werde, halte ich im Moment für ziemlich ausgeschlossen, denn dazu ist meine Werkzeugkiste zu gut mit mentalem Zöix und Lebenserfahrungen bestückt. Dass ich verarmen werde, ist hingegen nicht auszuschließen. Obwohl ich in einem Land lebe, dessen Sozialsystem mehr oder weniger gut funktioniert. Heute. Aber wer weiß heute schon, was übermorgen ist?

Mehr noch als über meine Ängste vor dem Leben denke ich heute allerdings darüber nach, wie ich gut älter und alt werden kann. Wie ich möglichst gesund und möglichst lebendig leben kann, möglichst echt und aufrichtig, wahrhaftig, übermütig und beherzt.

Gestern las ich in einem Artikel über Gesundheit, wie wichtig eine basische Ernährung, genug Entspannung und Bewegung seien. Stimmt sicher alles, aber für mich gehört da noch eine vierte Säule dazu: Die seelische Ausgeglichenheit, die sich aus Zufriedenheit, Gelassenheit, Verbundenheit mit allem, Verantwortung für die Mitwelt und einigen anderen Essenzen zusammensetzt. Der Frieden mit mir selbst ist das größte Geschenk, das ich mir in den letzten sagen wir mal anderthalb bis zwei Jahren gemacht habe. Ich habe mir erlaubt, dieses Geschenk, das vermutlich immer da, vor meiner Nase lag, endlich auszupacken.

Ich habe Frieden mit dem Wissen gemacht, dass ich vergänglich bin. Dass ich nicht alles verstehen kann. Dass ich nie alles geschafft haben werde, wenn es eines Tages mit mir zu Ende geht.

Auf dieser übergeordneten, inneren Ebene lebe ich endlich gerne. Auf der ganz alltäglichen materielle Ebene tue ich mich allerdings noch immer schwer. An Baustellen fehlt es mir nicht.

Aber gut und sehr gut sind gut genug; perfekt ist etwas für Außerirdische.

Wir sind ja nicht hier, um perfekt zu sein, sondern menschlich.

Du bist hier, um menschliche Liebe zu lernen.
Allumfassende Liebe. Schmuddelige Liebe. Schwitzige Liebe.
Verrückte Liebe. Gebrochene Liebe. Ungeteilte Liebe. […]
Dass Du leuchtest und fliegst und lachst und weinst
und verwundest und heilst und fällst und wieder aufstehst.
und spielst und machst und tust und lebst und stirbst als unverwechselbares DU.
Das genügt. Und das ist viel.

(Quelle: Courtney A. Walsh. Dear human, ins Deutsche übertragen von Kai-Uwe Scholz)

[Den ganzen wunderbaren Text, den ich allen sehr ans Herz lege, gibt es bei Ulli auf Deutsch. Danke, dass du ihn neulich in deinem Blog geteilt hast (hier → klicken).]