Notizen am Rande #3

Ich finde es wertvoll, dass wir Menschen die immer wieder gleichen Erkenntnisse, Wahrheiten und Weisheiten in immer wieder von Mensch zu Mensch andere Bilder packen, um uns ihrer Essenz anzunähern und sie zu verstehen versuchen.
Vielleicht entstand aus dieser Fähigkeit die Literatur. Und die Philosophie. Und die Wissenschaft.

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Ja, natürlich, es sind vor allem die Großen, die in Sachen Klimakatastrophe tätig werden müssten, ja, die sich regelrecht einen Wettkampf in Sachen C02-Reduktion liefern sollten. Doch dort stehen leider noch immer andere kurzfristige Interessen im Vordergrund.

Umdenken geht uns aber alle etwas an, es ist etwas, das wir alle können – nicht nur Schüler*innen, Eltern und Wissenschaftler*innen. Es ist unser aller Zukunft und unabhängig davon, dass ich persönlich eher ein pessimistisches Zukunftsbild hege, möchte ich es dennoch nicht unterlassen, meinen Teil dazu beizutragen, den CO2-Ausstoß möglichst gering zu halten.

Ich fange dort an, wo ich es kann. Umweltschutz durch Vermeiden von Müll zum Beispiel oder Umweltschutz durch Benutzen von möglichst natürlichen und schadstofffreien Produkten. Und natürlich auch durch möglichst bewussten und möglichst wenig Konsum.

Spüli, Waschmittel, Putzmittel und Pflegeprodukte selbst herstellen ist einfacher als du denkst – mit Efeu aus dem Wald oder mit Zitronenschalen zum Beispiel.* Oder dann an Orten einkaufen, die nachhaltig handeln.

Nachhaltigkeit. Puh, ein großes Wort. Eins aber auch, das – ähnlich wie der Begriff Bio – droht, überstrapaziert und damit verwässert zu werden, seine Schärfe zu verlieren. Nichtsdestotrotz können wir versuche, dem was wir tun, mehr langfristigen Wert zu verleihen

Ja, natürlich, was ich als Einzelne tue, ist immer nur ein winziges Tröpfchen auf einen riesigen heißglühenden Stein. Aber wir wissen ja alle, dass noch jeder Regen mit einem kleinen Tröpfchen angefangen hat. Wenn wir also immer mehr sind, immer mehr werden, die bewusster leben, können wir etwas verändern. Hoffentlich.

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Wenn ich die Festplattenordnung meines Rechners anschaue, ist das wie ein Blick in mein Hirn. Eine Ordnerstruktur, die ich völlig logisch finde. Andere müssten sich erst einarbeiten. Ja, da gibt es manche Parallelen zwischen Hirn und PC. Dennoch ist der PC weit weniger komplex als mein Hirn.
Zuweilen wünsche ich mir beinahe, dass ich im Hirn auch so einfach aufräumen könnte.

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Zugegeben, die Umstellung vom gekauften Spülmittel meiner Biomarke auf mein selbstgemachtes war nicht ganz einfach. Mir fehlte vor allem der mit Frische verknüpfte Duft. Natürlich, ich könnte meinen Mitteln ätherische Öle zusetzen, doch wozu eigentlich? Frische Düfte sind in Sachen Sauberkeit ziemliche Verarsche. Frische Düfte sind in unserem Erfahrungsschatz mit Sauberkeit verknüpft, dabei sind die meisten Düfte synthetisch und tragen schon deshalb nicht zu Sauberkeit bei. Eher belasten sie das Abwasser.

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Ich fühle die Gedanken, die ich denke, ich fühle mein Gedachtes.
Und umgekehrt denke ich meine Gefühle. Nahtlos sind die Übergänge.
Trennen kann ich die beiden Bereiche nicht, so es überhaupt zwei sind.

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In der aktuellen ’Ökologie als Lifestyle’-Diskussion stört mich, dass immer mal wieder die Rede von Ersatz ist. Dieses Produkt hier ersetzt Fleisch, jenes Produkt ersetzt Haushaltfolie, Plastik, Kunststoff …

Mich macht das stutzig. Warum Ersatz? Wer braucht schon diesen ganzen Kunststoff wirklich? Oder Fleisch? Dafür brauche ich wirklich keinen Ersatz. Es gibt so viele wunderbare, köstliche Dinge, die meinen Bedarf an all den lebenswichtigen Dingen decken – Genuss inklusive.

Oke, bei Haushaltfolie sieht es ein wenig anders aus, manchmal ist sie einfach toll. Aber oft geht es ohne. Darum habe ich mir Bienenwachstücher selbst gebügelt.

Zurück zum Stolperbegriff ’Ersatz für’. Setzt diese Formulierung denn nicht gesellschaftlich verankerte Gewohnheiten und Muster voraus? Die gilt es heute zu überdenken. Welche Dinge, welche Produkte brauche ich wirklich? Welche benutze ich ohne über ihre Notwendigkeit nachzudenken?

Nein, mir geht es nicht darum, mir oder uns allen wegen unserer Nutzgewohnheiten ein schlechtes Gewissen einzureden. Eher darum, mir meine einmal näher anzuschauen. Und dich zu ermutigen, es mit deinen auch zu wagen.

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Du und ich können die gleichen Krankheitssymptome haben. Aber ob es die gleiche Krankheit ist, wissen wir oberflächlich betrachtet nicht. Und selbst nach einer genauen Diagnose ist es nicht gesagt, ob die Behandlung, die wir brauchen, für beide gleich ist noch ob sie bei dir und mir gleich wirken wird.

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Gott, so glaube ich übrigens, ist letztlich nur ein menschgemachter Begriff. Ein Hilfskonstrukt. In diesem Begriff steckt die geballte Sehnsucht der Menschheit danach, Unerklärliches zu verstehen. Gott wird so zur personifizierten Brücke von innen nach außen. Nachvollziehbar.

Doch, aufgepasst, sobald wir etwas derart Unfassbares personifizieren, dogmatisieren und mit Macht aufladen, kann es uns in Abhängigkeiten bringen, die denen zu Suchtmitteln ähneln.

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Ob das Chaos da draußen in dieser Menschheit daher rührt, dass wir den Kontakt zum Erdboden, zu den Wurzeln von Bäumen und Gräsern, verloren haben?


*Die Rezepte unter den Links habe ich erst teilweise getestet, eine Art Auswertung folgt später mal.

Notizen am Rande #2

Wieso soll man eigentlich körperlichen Schmerz auf keinen Fall ignorieren, weil er auf etwas Ernstes hinweisen könnte und sich möglichst schonen und Belastungen vermeiden, aber bei psychischem Schmerz sagen sie: da musst du durch!, denn dieser solle angeblich nämlich stark machen, weil er uns ja nicht umbringe …

»Apropos Vermeidung, schon mal jemand einem Nussallergiker gesagt, dass er durch den Walnusseisbecher einfach durch muss?«

Julia von Blütenstille

Ich werden den Eindruck nicht los, dass da etwas ziemlich falsch läuft in unseren Denkwelten. Schmerz ist doch Schmerz: ob nun die Seele schmerzt oder das Kniegelenk.

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Die Arbeitgeber*innen, die Wirtschaftsmenschen, die Was-auch-immers dieser männerdominierten Welt hätten es ja am liebsten, wenn wir Menschen alle stromlinienförmig wären, ohne Kanten, genormt, rund, flüssig, glatt und am liebsten ohne Fehler und gänzlich wartungsfrei. Der Druck auf uns Menschen ist enorm und fängt immer früher im Leben an. Nun, darüber müssen wir wohl nicht diskutieren. Auch nicht, dass immer mehr Menschen, die diesen Normen nicht entsprechen, aus dem Rennen fliegen, kaputt gehen, krank werden – körperlich ebenso wie psychisch.

Kranke aber sind unberechenbar, körperlich Kranke vielleicht noch ein bisschen weniger als psychisch Kranke. Aber letztlich sind alle Kranken nicht kalkulierbar. Also drangsaliert man sie von oben und von außen mit allen Mitteln und allen möglichen Sanktionen, um ihnen dieses Krankgewordensein-am-Leben schnellstens auszutreiben. Dass das vermeintlich ’kleinere Übel’, eine Rückkehr in die stromlinienförmige Anpassung an die Ansprüche der Arbeitswelt, aber langfristig eben eine Art JoJo ist, berücksichtigen sie dabei nicht.

Ich kenne so viele Beruftstätige, die immer am Limit leben. Doch am Limit lenkt der Zufall.

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»Der Krug geht so lange zum Brunnen, bis er bricht.«

Es muss ein sehr kluger Mensch gewesen sein, der diese Erkenntnis erstmalig in so einfache und klare Worte gegossen hat. Ich tippe auf eine Wasserträgerin.

Notizen am Rande #1

Wir puzzeln uns mit unseren Beobachtungen und Nachfragen, gesammelten Informationen und angestellten Vergleichen ein Bild zusammen – von der Welt, vom Leben, den anderen. Haben wir es vermeintlich fertig zusammengestellt, merken wir – manchmal auch nicht –, dass das gemachte Bild nur ein Ausschnitt ist.

Manchen ist das genug.

Andere wie ich können nur immer weiterpuzzeln. Oben, unten. links, rechts. Immer neue Ausschnitte. Darob vergessen, was wir bereits fertig zusammengesetzt haben. Oder feststellen, dass die vermeintlich richtig platzierten Teile, in Wirklichkeit ganz woanders hingehören.

Welche Wirklichkeit?

Hoffentlich hören wir nie damit auf, den einzelnen Teilen die Möglichkeit eines immer wieder anderen Kontextes zuzugestehen.

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Fast könnte ich schlafen, zumindest ein wenig dösen. Ich wage es nicht, denn es könnte auf einmal weitergehen und auf einmal wäre die Straße vor mir wieder frei.

Irgendwann ist der Stau immer vorbei. Jeder Stau, in dem ich je gesteckt habe, hat sich immer irgendwann aufgelöst.

Alle paar Sekunden schaue ich vom Handy auf, in welches ich diese Buchstaben tippe. Perlen auf einer Schnur. Wie die Autos hier, die dicht an dicht hintereinander gereiht auf der Straße im Irgendwo stehen.

Wir stehen nun schon fast eine halbe Stunde. Eine halbe Stunde Lebenszeit. Jemandes Todestag vielleicht. Heute ist – mutmaße ich – der Tag, der zum Tag werden wird, an welchem Xy tödlich verunfallte, in der Nähe von Blablub, auf der Autobahn.

Ich schaue immer seltener vom Handy auf. Fast ist dieses Warten auf die Weiterfahrt, dieses staustehende Lebensprovisorium, zu einem Normalzustand geworden. Über die Lautsprecher höre ich Hjatalin. Beinahe löse ich mich auf in der Melodie.

Der Fahrer im Auto hinter mir spielt – passend zu meiner Musik – ein Trommelsolo auf seinem Armaturenbrett. Auf dem Pannenstreifen fahren zivile Fahrzeuge mit Blaulicht.

All die Menschen, die mit mir im Stau stehen.
All die Menschen und ihre Geschichten.

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Wenn ich sehr reich wäre – und/oder sehr innovativ-kommunikativ und geschäftstüchtig – , ich würde eine Stiftung gründen.

Meine Stiftung hieße ’Bedingungslos’ und würde Menschen, die kein lebenswürdiges, wertschätzendes Einkommen erhalten, weil sie – wegen psychischer oder psychosomatischer Krankheit, sonstiger Inkompatibilität mit den Leistungsanforderungen der Gesellschaft oder aus ähnlichen Gründen – aus dem Hamsterrad gefallen sind, ein Grundeinkommen zahlen.

Ein paar Kandidat*innen wüsste ich bereits.