viel oder wenig

Man sollte immer nur so viel Gepäck dabeihaben, wie man selber tragen kann. Gedacht heute Morgen, als ich einer Familie beim Zugausstieg zugeschaut habe. Und dabei festgestellt, dass ich keine Ahnung von den wahren Bedürfnissen dieser Familie habe. Von den vermeintlichen auch nicht wirklich. Gemerkt auch, dass ich mal wieder in Vorurteilen zapple, dass ich andere verurteile und, vor allem, dass ich im Grunde keine Ahnung habe.

Womit wir mitten im Thema Was-denken-die-andern? wären, bei den Konventionen und Konditionen, die unser Leben prägen. Ich weiß, ich weiß, über Freiheit und Unfreiheit wurde schon viel geredet und geschrieben – auch hier in diesem Theater Blog.

Zwar hat mich das Darüberschreiben nicht freier gemacht, doch verändern sich meine Perspektiven zu diesen Zusammenhängen immer wieder ein wenig.

Von allem (und damit auch von allen) frei zu sein ist mein Bestreben nicht. Freiheit kann für mich immer nur eine differenzierte, spezifische sein. Anders gesagt: Die Freiheit, die ich anstrebe, ist, selbst zu definieren, wo ich von andern Dingen und Menschen wie sehr abhängig sein will (und davon bin ich noch meilenweit entfernt). Ja, meinen Kontext größtmöglich selbst zu definieren, strebe ich an.

Ich verstehe mich immer als Teil eines Ganzen, eines Gesamtzusammenhanges – sowohl im ganz irdischen Sinn (Teil der irdischen Gemeinschaft) als auch im metaphysischen Kontext, auch wenn sich zweites nur vage benennen lässt.

Um zu den Konventionen zurückzukommen: Dem Kontext, in den ich hinein geboren bin, verdanke ich eine so und so geartete Lebensweise, die funktioniert, wenn ich mich daran halte. Wenn ich … (Merke: Funktionalität ist nicht bedingungslos). Damit eine Gesellschaft funktionieren kann, hat jede menschliche Kommune Verhaltensregeln geschaffen (samt Göttern und Schuld, Gesetzen und Sanktionen). Irgendwie muss man sich ja auf etwas einigen …

Wer hat wohl das erste Mal Danke gesagt und wer bitteschön Bitte? Müssen wir, sollen wir, immer brav Dankeschön sagen, auch dann, wenn wir keine Dankbarkeit empfinden und um etwas bitten, auch wenn wir keinen Bedarf haben? Sind Danke- und Bitte-Sätze sowie andere ähnliche Formeln mehr als Dressur ohne Sinn oder gehören sie abgeschafft? [Ich denke laut – sprich schreibend – vor mich hin, während der Zug mich nach Olten fährt, wo ich umsteigen muss, wozu mich die höfliche Stimme per Lautsprecher auffordert.] Ach, die Höflichkeit! Sie ist eine der Konventionen, die ich immer wieder sehr ambivalent betrachte. Zum einen angenehm, zum andern oft sehr künstlich, so dass ich mich frage: wie authentisch kommunizieren wir? Vor allem dann, wenn uns etwas nahe geht? Sagen wir Aua, wenn uns jemand verbal – ob unbeabsichtigt oder vorsätzlich – auf die Zehen oder den Schlips tritt?

Was bestimmt unsere Art, zu kommunizieren? Scham und Angst, wie ich das immer wieder zu beobachten glaube? Oder sind es Mut und Offenheit? Wenn ja, wann und wie?

Über eine weitere Konvention in unsern Breitengraden denke ich auch wieder mehr nach, seit ich wieder angestellt bin: über die Sache mit dem Geld und seinem Erwerb. Ich arbeite für eine Institution, die Stellensuchenden temporäre Arbeitsplätze und Unterstützung bei der Stellensuche anbietet und bin darum sehr nahe an dem Thema Geld und Identität dran. Aus Fallakten und Gesprächen schließe ich, dass den meisten Menschen, die nicht im Arbeitsmarkt sind, ein paar Sachen – vom Geld mal abgesehen – fehlen: Sie fühlen sich aus der Gesellschaft herauskatapultiert und als Außenseiter, ihnen fehlt eine sinnvolle Tagesstruktur und sie fühlen sich vom Leben unterfordert oder ausgestoßen. Auch hier wieder: Scham, dazu Angst vor einem Leben außerhalb der Gesellschaft.

Zu wenig gut zu sein oder zumindest von einem grundsätzlichen oder punktuellen Mangel auszugehen, scheint mir ein weitverbreitetes Lebensgefühl zu sein und mir ebenfalls bestens bekannt. Bekannter als das Leben in Fülle.

Meist ist es nicht die fehlende oder vorhanden Materie, die über Mangel- und Fülle-Wahrnehmung entscheidet. Das Problem sitzt tiefer. Meistens ist es die grundsätzliche Wertschätzung uns selbst gegenüber, die uns fehlt. Ach, und das ist ja nur die Spitze des Eisberges …

… eigentlich ganz schön verrückt: Unsere ganze westliche Gesellschaft ist so „reich“ und wird doch von einem ganz tiefliegenden Mangeldenken und -fühlen dominiert.

Ob die Familie von vorhin, die mit acht Koffern und Taschen vorhin den Zug verlassen hat, darum so viel mitgenommen hat?

[Heute Morgen unterwegs im Zug zur Arbeit geschrieben]

Urlaub im Lazarett

Wie wir gestern auf dem Seeuferweg zurück zum Wasserschloss Hallwil wandern, entdecken wir immer noch mehr Badeplätze, die zu immer noch mehr Seebädern einladen. Die bald ablaufende Parkuhr im Hinterkopf ticken zu hören ist das eine, ein anderes sie zu ignorieren und dem lockenden Baderuf des Hallwilersees nachzugeben.

Wann, wenn nicht jetzt?, zitiert Irgendlink ein bekanntes philosophisches Bonmot.
Wer, wenn nicht ich?, sage ich.
Wo, wenn nicht hier?, sagt er und setzt sich auf die sonnengewärmten Treppenstufen. Warum, wenn nicht darum?, spinnt er weiter, während er sich aus den Kleidern schält.
Wie, wenn nicht so?, vollende ich unser philosophisches Meisterwerk und stürze mich ins Wasser.

Es ist das vierte Seebad an einem Tag, doch auf der andern Seeseite kam mir das Wasser deutlich wärmer vor. Mag sein, dass ich drüben aufgeheizter war, denn jetzt sind wir ja vor allem im Schatten der Bäume gewandert und die Seefahrt vorhin hatte auch eher eine abkühlende Wirkung. Lange bleiben können wir eh nicht, auf Parkbuße haben wir keine Lust.
Die letzten drei Tage waren wie eine Woche Urlaub, schwärme ich. Heute ganz besonders. Man soll ja immer aus allem das beste machen, auch aus der Tatsache, dass ich erst im September richtig Urlaub machen kann.

Beim Auto angelangt, sind die Haare schon fast wieder trocken. Mit offenen Fenstern fahren wir nach Hause.

Dort macht sich bald ein erstes Kratzen im Hals bemerkbar. Irgendlink sagt, dass er es auch spürt, seit dem Morgen schon. Vielleicht vom gestrigen Reussbad? Oder vom Freitagsbad in der Aare? Wie auch immer … den Rest des Abends verbringen wir mit dem Lutschen von Halsbonbons und in der netten Gesellschaft von Tröpfchen und Halswehspray.

Heute Morgen nun habe ich fast kein Halsweh mehr, dafür ein bisschen Fieber. Matt fühle ich mich und bin froh, dass ich erst morgen wieder ins Büro muss. Hoffe, dass das geht. Irgendlink hat schlecher geschlafen als ich, hat einen rauhen Hals, hustet und fühlt sich mies. Erholung ist angesagt. Keine Bäder heute. Ruhe.

Dennoch, ich bereue nichts. Es gibt nicht viel, das ich mehr liebe, als ruhig auf dem Rücken im Wasser zu liegen, die Ohren untergetaucht, den Blick in den Wolken. Solche Inseln im Leben geben mir Kraft. Die Schönheit dieser Stille, dieses Innehalten, dieses nach Innen-Lauschen – ich liebe es; und nein, ich bereue nichts.

EDIT: Irgendlinks „Wort zum Sonntag“ gibts hier zu lesen: Fleisch so weit das Auge reisch …

hallwilerseecollage__________________________

Bilder und Montage:
Appspressionismen (iPhoneArt)

Über das Nachdenken nachdenken

Im Buch „Briefsteller“ von Schischkin lese ich, wie die Soldaten in China sich ständig beschäftigt haben, um nicht ins Grübeln zu kommen. Um nicht durchzudrehen.

Na ja, nicht grübeln geht wohl nicht und zu viel macht krank. Das individuelle Maß an persönlicher Grübelei zu finden, ist eine große Herausforderung.

Die eine oder andere kleine und große Frage muss ich mir stellen, auch wenn die Antworten darauf sich im Laufe der Jahre verändert haben.

Sich dem Nachdenken zu verweigern, sich das Grübeln zu versagen, befreit von Ethik, Verantwortung, Moral und Gewissen – eine Freiheit, die ich nicht anstrebe. Macht nun umgekehrt übermäßiges Grübeln moralisch und gar missionarisch? Depressiv zu werden ob zu vielen Nachdenkens, ist eine weitere Option.

Das Leben muss uns, um es leben und verstehen zu können, irgendwie fassbar werden. Und da sind Fragen unvermeidbar.

Selbst Kinder stellen Fragen. Kinder grübeln über andere Dinge nach. Wie weit sie buddeln müssen, bis sie die Mitte der Welt erreicht haben. Und warum-warum-warum die Welt …

Warum? Warum auch nicht!

Doch jetzt packe ich besser mal meine Sachen fertig für die kleine Reise in die große Stadt. Warum? Darum!

Sonne, Mond und andere Fragen

1.)
Vermutlich würde ich noch einmal richtig intensiv leben wollen, sollte der Arzt eines Tages sagt, dass … Vielleicht würde ich mit dem Liebsten eine letzte Reise wagen? Nach Australien-Neuseeland zum Beispiel. Und Schreiben würde ich. Ganz viel. Und ganz still werden. Vielleicht sogar anfangen, das Leben zu lieben, zu genießen. Vielleicht dem Tod, der mich holen will, dankbar sein dafür, dass er mir das Leben doch noch lieb gemacht hat. Ob ich mich dagegen wehren würde? Ob ich versuchen würde, dem Tod zu entkommen? Ich lebe auf diesen einen Moment hin: Endlich möglichst unbeschadet am Ende ankommen, glücklich auf mein Leben zurückschauen, das Lebensbuch zuklappen und sagen: Well done!

Zuweilen beneide ich „Menschen ohne Phantasie“, wie sie Marlen Haushofer in der Wand nennt. Sie müssen nicht über solche Dinge nachdenken.

Gibt es dieses Lied in allen Dingen wirklich, das alles verbindet? Oder ist alles aus purem Zufall entstanden und nichts hat einen tieferen Sinn außer den des Augenblicks, wie das Marlen Haushofer hinter der Wand erkennt und ihre Protagonistin schreiben lässt ? Meine Sehnsucht danach, dass alles eine sinnvolle Ursache hat, ist sehr groß. Ein Leben ohne solche mag ich mir einfach nicht vorstellen. Und tue ich es ab und zu doch, erfüllt mich größte Abscheu dem Leben gegenüber. Alles Tun und Sein wäre vergeblich und würde uns von jeglicher Mitverantwortung für die Welt entbinden.

2.)
Ich lese, also bin ich. Und immer werde ich Teil der Geschichte, die ich lese. Ich identifiziere mich mit Figuren, werde selbst zur Figur, lebe andere Leben als nur meins. Das eigene Leben ist nicht begrenzbar. Alle andern Leben, reale und fiktive (so es diesen Unterschied denn gibt) fließen an mir vorbei und durch mich durch. Wie Jostein Gaarder sinngemäß in Der seltene Vogel schreibt: Jeder einzelne Wassertropfen, der ins Meer fließt, ist nicht nur und nicht länger ein einzelner Tropfen im Meer, er ist das Meer. Und er war immer schon das Meer. Auch.

Ich bin nicht nur Teil des ganzen, ich bin das Ganze. Auch. Selbst im Spektrum aller Kontraste und Dualitäten. Sie sind nur Facetten des Ganzen. Ebenso wie alle Rollen, die wir spielen. Doch jetzt, und jetzt, und jetzt, wo ich diese Gedankenfetzen und Ideen in Sätze umforme, den Formen Namen gebe, zeigen sie sich als Teile. Um anschließend ihre Form wieder zu verlassen und eins zu sein …

All das schreitet durch die Tür meiner Wahrnehmung, zieht dort die Schuhe aus und setzt sich hin. Ich schaue und nehme für wahr. Manchmal bin ich überfordert. Zu viele Eindrücke.

Ich lese Siri Hustvedt. Was ich liebte. In Worte gegossene differenzierte, detaillierte Beobachtungen. Bilder, die auf eigenen Füßen stehen. Einfach nur ihre Worte zu lesen, ist das pure Vergnügen – die Handlung in ihrer Dramatik mal ausgeblendet. Jedes Wort stimmt. Nie schwülstig, nie auf Effekt angelegt. Schlicht, aber nie billig. Zwar eine bewusste Sprache, aber keine raffinierte oder eitle. Authentisch und unexhibitionistisch. Die Sprache transportiert den Inhalt so, dass der Inhalt optimal gesehen werden kann. Die Form stellt den Inhalt dar, Inhalt und Form sind eins.

Dem Ich-Erzähler gelingt es mehrheitlich, sich – obwohl er wesentlicher Teil der ganzen Geschichte ist – auszublenden, die Rolle des Beobachters und Chronisten auszufüllen. Das Ziel, endlich die Geschichte zu erzählen, die erzählt werden soll, stellt er höher, als seine eigene Befindlichkeit, die trotz des Dramas, das er zu verarbeiten hatte, wenig Raum* einnimmt. Dennoch: Kein Roman ist ein objektiver Bericht. Ein Roman erzählt die Sichtweise von Dingen aus einem bestimmten Winkel. Wie der zehnjährige Matt es nach einem Basemallmatch sinngemäß sagt:
Nur schon, wenn ich da statt dort gesessen wäre, hätte ich alles ganz anders erlebt.

(((Lies zwei Zeitungsartikel zum gleichen Thema: In aller vorgeblichen Objektivität wird Subjektivität sichtbar: Wo setzen die verschiedenen AutorInnen ihre Schwerpunkte, wenn die Fakten abgehakt sind? Sind sie kritisch?)))

Schreiben ist das Übersetzen von persönlich gefärbter Wahrnehmung in Buchstaben. Schreiben ist die Wiedergabe von verdautem Geschautem. Ein Schauen, das nicht aufhört sehen zu wollen, was dahinter wirklich ist, was wirkt, was einwirkt, was bewirkt, was ursächlich ist. Und eher was hinter als vor dem Vorhang ist, wirkt bei den Lesenden nach. Wiedererkennen tun wir uns, wenn der Spiegel klar ist. Dann sehen wir mit dem Herzen. Der ganze Farbkreis steht uns zur Verfügung. Alle Farben. Deshalb ist jedes einzelne Bild, das wir mit Worten, Pixeln und Pinseln malen eine Synthese. Ist Ausschnitt und ist alles zugleich. Spezifisch, also alle Details mit der ihnen eigenen Struktur, wiederzugeben, ist die große Kunst jeder Kunst.

Schreiben ist Leben, ist Malen mit allen möglichen Farben und Techniken. Wir arbeiten am sich stetig wandelnden Bild. Dabei lassen wir immer weit mehr weg, als wir sagen und schreiben können. Doch selbst was wir weglassen, ist Teil des Bildes. Des ganzen …

3.)
Sonne und Mond zu sein

Ich lese.
Verdaue Geschriebenes.
Bin Mond.
Reflektiere.
Folge.

Ich schreibe.
Verdaue Wahrgenommenes.
Bin Sonne.
Strahle.
Denke.

Du liest.
Verdaust Geschriebenes.
Bist Mond.
Reflektierst.
Folgst.

Du schreibst.
Verdaust Wahrgenommenes.
Bist Sonne.
Strahlst.
Denkst.

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* EDIT: Vom zweiten Teil des Buches an wird der Autor in seiner Befindlichkeit sichtbarer. Er resümiert frühere Erkenntnisse und überträgt sie auf die Gesamtzusammenhänge und sein Leben.