Das fleissige Huhn und der gute Apfelbaum

Wie ich gestern mit Irgendlink einen Freund besuchte, der schon länger gesundheitlich sehr eingeschränkt ist, sprachen wir zwangsläufig einmal mehr über all die ganz und gar überflüssigen Behinderungen durch die Gesellschaft, die sich vordergründig sozial nennt, doch vor allem eins will: wirtschaftlich sein.

Irgendlinks Huhn beim Eierlegen

Heute las ich im Internet von einem Antrag jener deutschen Partei, deren Namen ich in meinem Blog nicht nennen will. Sie will Kosten bei der Förderung kranker Kinder sparen.

Ach, und da ist ja auch noch dieser unsägliche deutsche Politiker, dessen Namen fast wie Wahn klingt und der Menschen, die einen Großteil ihrer Lebensqualität dem Zuhausewohnen trotz Beatmungsmaschinen verdanken, in Heime stecken will. Ebenfalls um Kosten zu sparen.

Ja, kranke Menschen kosten viel.

Dieser Satz ist je länger je mehr negativ statt wertfrei mit der Botschaft konnotiert, dass  kranke Menschen auf Kosten anderer leben und dass dass eben nicht gut sei. Denn die Andern, die Gesunden, die Normalen, die Guten wollen schließlich nicht ihr ganzes Geld den Kranken in den Rachen werfen. Die können schließlich nichts dafür, dass die Kranken krank sind und die Andern anders.

Sozial und solidarisch war gestern, heute ist Profit und Geiz.

Ohne zu übertreiben könnte ich aus dem Stehgreif ziemlich viele sehr persönliche Geschichten aus erster Hand erzählen, Geschichten von Menschen, denen der politisch verordnete Spardruck die Lebensqualität immer weiter in den Keller schraubt. Menschen, die sich darum unwert fühlen. Menschen, die über Suizid nachdenken. Die ihres Lebens im Kampf gegen die Windmühlen des Sozialstaats müde geworden sind. Die sich diesen Schuh angezogen haben und sich, obwohl sie für ihre Krankheit – körperlich oder mental – nichts können, als Schmarotzer fühlen. Nein, gesund wird davon niemand.

Druck. Überdruck. Spardruck. In den reichsten Ländern, die Überschüsse wie noch nie erwirtschaften. Für wen da Geld gespart wird, ist doch die große Frage. Ein Schelm, wer sich hier Übles denkt. Nicht.

Gestern, vorm Einschlafen, fiel mir auf einmal ein Song ein, den ich vor vielen Jahren kannte, als ich noch jung war und an den lieben Gott aus jenem Märchenbuch namens Bibel glaubte. Das Lied besang eine Bibelstelle worin dieser liebe Gott wie ein Gärtner seine Bäume pflegte und die schlechten Bäume, also jene, die keine Früchte bringen, abschneidet und ins Feuer wirft. So weit so schlecht. Als ich über das mir inzwischen ganz und gar fremdgewordene biblische Menschenbild nachdachte, realisierte ich wieder einmal, wie ableistisch es im Grunde ist.

In der Bibel kommen behinderte oder sonst wie andere zum Beispiel queere Menschen eigentlich nur darum vor, um vom lieben Gott oder seinen Jungs repariert zu werden. Aber nur, falls sie oder ihre Mitmenschen genug glauben.

Der Sprung zu den sogenannt christlichen und/oder noch mehr rechts angesiedelten Parteien, die behinderten und anderswie aus dem Raster fallenden Menschen ans Eingemachte gehen, ist klein. Kapitalismus wächst auf dem Boden von Christentum und Nationalismus bestens. Und umgekehrt. Einer der Gründe, warum ich letztlich diesem Weltbild den Rücken gekehrt habe.

Folgendes schrieb ich neulich auf Twitter:

»Ein kleiner Rant über Scheinheiligkeit:
Gucken wir uns doch mal die sehr bibelgläubigen Freikirchler*innen oder auch die sogenannt christliche Politiker*innen an. Menschen halt, die sich den ’Richtlinien der Bibel’ verschrieben haben. Diese Menschen bezeichnen Homosexualität des Teufels. Gleichzeitig aber häufen viele von ihnen Reichtum auf ihre Konten an. Ich bin zwar nicht bibelfest, meine mich aber zu erinnern, dass Jes^s im Neuen Testament sagt, dass kein*e Reiche*r in den Himmel kommt. Ob er etwas über Homosexuelle sagte, weiß ich grad nicht, aber vor allem redete er über Liebe und Selbstliebe. Nicht, dass ich an solche Überlieferungen noch glaube, aber an Liebe glaube ich. Dennoch. An bedingungslose Liebe. Götter, die dieses ’Bedingungslos’ nicht können, kann ich nicht ernstnehmen.«

Ach, und was war da gleich noch mit dem fleißigen Huhn im Titel? Es legt noch immer fast jeden Tag ein Ei, obwohl es schon recht betagt ist. Als einziges von Irgendlinks drei Hühnern. Futter bekommt es nicht mehr als die beiden anderen. Für alle gleich viel. Denn solange sie leben, sollen sie es gut haben. So gut wie möglich. Sie sind es wert.

Fehlhaltungen

Ein kleines anatomisches Gleichnis zum Samstag gefällig? Na dann los. Wir widmen uns dem Thema Fersensporn.

Laut Wikipedia ist das ein knöcherner Sporn am Fersenbein. Der untere Fersensporn geht gelegentlich mit einer Entzündung der Plantarsehne an der Fußsohle einher. (Und, pssst, so eine Entzündung tut verdammt weh.) Heißt: Nicht der Fersensporn an sich entzündet sich und tut weh, sondern es schmerzen die involvierte Nerven und Sehnen. Die eigentlich therapiebedürftigen Beschwerden treten, laut Wiki, bei […] einer Entzündung in diesem Bereich, auf. Da ein abgesenktes Fußlängsgewölbe als Ursache einer chronischen Zugbelastung der Sehnenansätze am Fersenbein anzusehen ist, in dessen Folge es zu einer Ansatzverkalkung (dem sogenannten Fersensporn als Röntgendiagnose) kommen kann, besteht die wichtigste therapeutische Maßnahme in der passiven Korrektur mittels Schuheinlagen.

Mit https://photomosh.com/ gemachte Bildanimation, aus einer Ölpfütze, die aussieht wie ein stilisiertes, tanzendes Paar.
Mit https://photomosh.com/ gemachte Bildanimation

Supervereinfacht gesagt bewirkt eine zu große Belastung an der einen Stelle eine Verkalkung an der anderen Stelle, die wiederum zu einer schmerzhaften Entzündung führt. Eine falsche Körperhaltung, die wir uns aus Gründen über eine lange Zeit angeeignet haben, macht, dass der Körper zu Selbstreparatur(re)aktionen greift und mit Kalk hantiert. Allerdings sind solche Aktionen nicht immer dasjenige, was eigentlich wirklich langfristig heilsam wäre, sie dienen eher der Schadensbegrenzung und Stabilisierung.

Ich bin weder Ärztin noch sonstwie medizinische Fachperson und das eben Gesagte habe ich vermutlich – oder sogar ziemlich – sicher anatomisch nicht ganz korrekt interpretiert, aber als Gleichnisgrundlage passt so ein Fersensporn allemal.

Es gibt ja nicht nur unsere Körperhaltung, sondern wir haben auch dem Leben gegenüber eine innere Haltung eingenommen. Da sind die Gedanken, die wir denken. Die Gefühle, die wir empfinden. Da ist die ständige Wechselwirkung zwischen all unserm Erleben und unserem Weltbild, das wir uns im Laufe unseres Lebens zurechtgezimmert haben.

Kann es da die eine ’richtige Haltung’ überhaupt geben? Ich glaube nicht, aber vielleicht kann ich immer wieder neu die für mich am besten passende, mich am besten fördernde Haltung herausfinden. In dem ich laufend reflektiere, welche Haltung zu welchen Reaktionen führt und welche Haltung welche Schmerzvermeidungsmuster erzeugt – ob nun auf der Körper- oder auf der Seelenebene ist letzlich egal, den beide sind miteinander verbunden. Körper und Seele versuchen beide ’von Natur aus’, Schmerzen zu vermeiden. Darum hilft es mir, in Kontakt mit mir und meiner Natur zu sein.

So weit so gut? Jetzt gehen wir einen Schritt weiter und übersetzen unser hübsches Gleichnis vom Fersensporn auf die menschliche Gesellschaft, denn auch hier wirken sich kollektiv eingenommene Haltungen heilsam oder schmerzhaft auf die besonders sensiblen Stellen des Gesellschaftskörpers aus.

Gesellschaft, zeige mir deine wunden Stellen und ich sage dir, welche Haltung du hast!

Ich denke da politisch. Mir fallen Gesetzesentwürfe* ein, die es – wenn sie zu Gesetzen werden – Menschen, die aus Gründen eh schon wenig Ressourcen haben, noch schwieriger machen, in Würde zu leben.

Wir brauchen alle mehr Solidarität.

’Von Natur aus’ kümmert sich ein gesunder Mensch um die Stellen an Körper undn Seele, die schmerzen. Er verhält sich sich selbst gegenüber solidarisch. Er sucht nach Lösungen, Selbsthilfe, Hilfe, Besserung. Das ist das Natürlichste der Welt. Wäre es jedenfalls.

Wieder schreibe ich ’von Natur aus’ und wieder mit Gänsefüßchen. Ich beobachte, wie uns – als kapitalistische Gesellschaft – diese Natur mehr und mehr abhanden kommt, diese Natur-in-uns (Selbst-Natur-Sein) ebenso wie diese Natur da draußen (Nahrungsanbau, Tiere, Werden und Vergehen). Vor allem aber fehlt uns der Zusammenhang zwischen mir selbst und der Natur da draußen, denn da wäre eigentlich keine Trennung. Natur ist Natur, ob nun innerhalb oder außerhalb meines und deines Organismus. Das Wissen um den kleinen (internen) und großen (externen) Zusammenhang fehlt uns immer mehr. Fehlen im Sinne von Lücke, von Verlust, von Sehnsucht.

So kann ich, kannst du auch nicht wirklich solidarisch sein, weder innerhalb des eigenen Organismus noch innerhalb der Gesellschaft.

Wir haben von klein auf gelernt, Schmerzen zu ignorieren, Druckstellen auszublenden. Wir ignorieren Störfaktoren, bis die Schmerzen nicht mehr nur Schmerzen sind und die Symptome sich nicht mehr ohne weiteres behandeln lassen. Wir Menschen tun es bei uns selbst und wir Menschen tun es auch in der Politik, wir tun es mit der Erde, wir tun es bei unseren Mitmenschen.

Wie sagte neulich eine kluge Frau zu mir? Wäre da mehr Selbstliebe, sähe die Welt ganz anders aus.

Selbstliebe, Selbstfürsorge, Mitgefühl für sich und andere, Empathie. Nenn es wie du willst. Im Grunde meine ich hier einfach das Gegenteil von Egoprofilierung, Selbstbeweihräucherung, Ich-zuerst-Denken.

Wir brauchen wieder mehr von diesem Ding, das wir ’von Natur aus’ in uns drin haben. Hätten. Von diesem Ding, das macht, dass wir merken, wenn etwas nicht mehr rund läuft. Wenn die Erde brennt zum Beispiel. Oder wenn die Füße schmerzen.


* Aktuell in der Schweiz (Abstimmung vom 9. Februar 2020) empfehle ich herzlich folgende Parolen. Fpr ein lebenswerteres Miteinander.

  • Gesetz über das Kantons- und das Gemeindebürgerrecht (KBüG); Änderung vom 7. Mai 2019: NEIN
  • Volksinitiative vom 18. Oktober 2016 „Mehr bezahlbare Wohnungen“: JA
  • Änderung vom 14. Dezember 2018 des Strafgesetzbuches und des Militärstrafgesetzes (Diskriminierung und Aufruf zu Hass aufgrund der sexuellen Orientierung): JA

Das Schöne und das Biest

Womöglich ist es per Werkeinstellung nicht vorgesehen, dass ein Lebewesen nur dem Schönen, dem Lebensfördernden frönt. Umgekehrt ist es kaum erstrebenswert, immer nur auf das Biest, den Schweinehunde, den internen, zu hören. Es muss wohl dieses ewige Hin und Her sein, dieses Auf-dem-Lebensseil-Balancieren, dieses ständige Ringen um das Gleichgewicht, was uns Lebewesen lebendig hält. Balancieren wir nicht mehr, sind wir tot.

Wollen und müssen.
Essen und scheißen.
Tun und lassen.
Helfen und weggucken (wenn ja oder nein und wann und wo?).
Ruhen und arbeiten.
Reiben und entspannen.

Zugegeben, für meinen Geschmack ist da zu viel Schweinehundkram. Zumindest in meinem Fokus. Schwindlig wird mir ob der Einseitigkeit. Ob der Berichterstattung auch, die schwerpunktmäßig über den Zerfall nicht nur berichtet, sondern in zunehmend instrumentalisiert. Und schlecht wird mir auch immer wieder ob all der subtil-manipulativen Methoden, deren wir uns bedienen.

Mir wir schlecht vom Zustand der Welt, wie gesagt, im Großen ebenso wie im Kleinen. Insbesondere vom Zustand der Spezies Mensch (mich eingeschlossen). Mir fehlt in all dem Hässlichen drin, das Gegengewicht, damit wir nicht kollektiv vom Seil fallen. Mir fehlt das Leichte, Schöne, Nährende, Ermutigende. Obwohl ich natürlich auch all die Menschen sehe, die aufstehen. Die Wahres sprechen, die Dinge beim Namen nennen und verändern. Ich bin also nicht ganz und gar hoffnungslos. Noch balancieren wir, noch leben wir.

»Muss ich aufgeben, wegschauen, mich durch ein Wurmloch zurückziehen, um in einer selbst erdachten Blümchenwelt neu in Erscheinung zu treten?«, fragte Irgendlink im Flussnotenblog vor ein paar Tagen angesichts der Zustände dieser Welt.

»Muss ich wegschauen, um überleben zu können, muss ich wegdenken, wegfühlen, weghören, um nicht von all dem Mist überflutet zu werden, den wir Menschen mit uns Menschen anstellen,« frage ich. »Müsste ich nicht vielmehr Kürbisse in diesen Mist setzen? Oder Luthers berühmten Apfelbaum, den man pflanzen sollte, selbst wenn morgen die Welt unterginge?«

Mit Schönheit der Hässlichkeit antworten. So twitterte ich vor Monaten.

Schönheit? Ist das nicht ein bisschen banal? Und ein bisschen unpolitisch, ein bisschen naiv und, ähm, vor allem ein bisschen langweilig und ununterhaltsam? Außerdem: Wer will denn immer nur Sonnenuntergänge und Blümchen? Zumal … gerade KünsterInnen sollten doch etwas aussagen … Stellung beziehen.

Schönheit − was immer sie ist oder nicht ist, aber unpolitisch ist sie zuletzt, denn Politik meint neben den Strukturen und Prozessen einer Bevölkerungsgruppe immer auch die Inhalte zur Führung der Gruppe nach innen sowie die Beziehungen der einzelnen Gruppenmitglieder, der einzelnen Menschen zu- und miteinander: Ohne Schöheit als Leitplanke ist das Wohl einer Gemeinschaft nicht umsetzbar.

Schönheit sei zumindest im Kontext mit Kunst zu banal? Sorry, aber ich kann es nicht mehr hören, dieses Kunstgedönse; und dieses Bewerten, was geht und was nicht, langweilt mich je länger je mehr. Dieses gegenseitige Sich-Messen, dieses Sich-Ausbooten, dieses Sich-Profilieren und Sich-Dekorieren (nun ja, nicht nur in der Kunstszene natürlich).

Ich sehne mich nach aus Lebensfreude und dem Bedürfnis nach Lebendigkeit oder einfach so, aus Lust am Kreieren, Gewachsenem, nach Organischem statt Konstruiertem. Ob von Kunstwerk oder Apfel, ob Kürbis oder Erzählung ist dabei zweitrangig. Ich sehne mich danach, von Kunstwerk, Apfel, Kürbis oder Erzählung berührt zu werden, berührt von deren Unabsichtlichkeit, von ihrem Einfachso, von ihrer Phantasie und ihrem Humor. Ja. Ich wünsche mir auch mehr Ermutigung statt Selbst- oder Einander-Zerfleischung. Und ich wünsche mir mehr Wahrhaftigkeit und weniger Selbstdarstellung. Mehr Teilen und Sich-mit-Freuen und weniger Das-war-meine-Idee. Mehr kreative Hingabe an den Fluss und weniger meist vom Verstand gesteuertes Andere-Überzeugenwollen. Mehr Erzählen, was ist und es auch wirklich so meinen und weniger Interpretieren und Nacherziehen.

(Und damit meine ich wirklich immer auch mich selbst mit.)

Wir sind immer auch die andern

Montagmorgen kurz nach acht Uhr. Im Zug. Seltsamerweise liegen heute keine Gratiszeitungen herum. Es ist ungewöhnlich still. Ich habe einen Platz in einem Viererabteil gefunden. Mein Gegenüber ist eine schwarze Frau in meinem Alter mit wunderbaren Zöpfchen. Wider meine morgenmuffelige Gewohnheit habe ich sie gegrüßt. Der Zeitung lesende Nachbar im Abteil nebenan hat mir einen seltsamen Blick zugeworfen. Ob mein Guter Morgen-Gruß auch für ihn gilt, hat er sich vielleicht gefragt? Ich weiß es nicht.

Wenn er ein JA-Stimmer ist, was ich vermute – sein akurater Haarschnitt und das modische Haarzöix  im Gesicht (ist das ein Bart?) lassen Rückschlüsse auf eine gewisse konservative Weltschau zu – wenn er also ein JA-Stimmer ist, mag ich ihn nicht in meinen Gruß einschließen. Wenn ich ehrlich bin.

Der Gedanke, dass von den vielleicht vierzig Leuten in diesem Wagenteil – abzüglich die wohl ungefähr acht Reisenden ohne Schweizer Stimmrecht, obwohl sie a.) hier geboren, oder b.) bestens integriert sind oder c.) sich um eine gute Integration bemühen – item, wenn also von diesen vierzig minus acht siebzehn JA gestimmt haben, was heißt das nun? Dass die Frau mir gegenüber ihr Deutschübungsbuch, in dem sie arbeitet, zuklappen soll? Dass sie Bleistift und Gummi wegstecken und schleunigst das Land verlassen muss? Zurück in ihre Heimat, die nicht mehr Heimat ist …

Ich denke noch immer über diesen einen Satz nach, den ich gestern auf fb aufgeschnappt habe: Die Integrierten wollen wir schon, aber die andern nicht!

Wir und die andern? Ehrlich gesagt fühle und fühlte ich mich immer den andern näher. Mit diesem WIR habe ich wenig gemeinsam. Entweder sind wir alle WIR oder niemand. Naiv?

Eigentlich wäre es ja bei dieser Abstimmung nicht wirklich um AusländerInnenfeindlichkeit gegangen, sondern um Arbeitsplätze. Sprich Geld, viel Geld. Und um Futterneid, um die Angst, unsern Wohlstand teilen zu müssen. Einen Wohlstand, den wir nicht zuletzt diesen nun unerwünschten ausländischen Mitarbeitenden verdanken.

Hat dir teilen je geschadet? Hat dir teilen je Nachteile beschert? Gut, du hattest zwar weniger für dich, dafür das gute Gefühl des Teilens im Herzen. Nur: da wo das Herz sein sollte, haben viele stattdessen den Geldbeutel eingebaut.

Die SVP hat sich die Unsicherheit vieler Menschen zunutze gemacht.  Sie nützt einmal mehr die Angst vieler Menschen aus, teilen zu müssen (= weniger zu haben). Wozu auch sollen wir mit den Unbekannten, mit den Fremden, mit den Bösen, mit den Kriminellen teilen.

Gezielte angstschürende Propaganda und schon sieht ein Volk braun. Jedenfalls fünfzig Komma sieben Prozent dieses Volkes. Warum die Propaganda in der deutschen Schweiz fruchtbarer war, wo der Anteil an ausländischen MitbewohnerInnen tiefer ist als in der französischsprachigen Schweiz mit mehr AusländerInnen? Weil die Erfahrungen fehlten, respektive von manipulativen Informationen übertüncht wurden. Oder vielleicht, weil die WelschschweizerInnen ihre irrationalen Ängste längst verloren haben und weil für sie das WIR eben auch Menschen aus andern Ländern miteinschließt?

Wie es wohl heute Morgen – am Tag danach – all den Menschen geht, die keinen Schweizer Pass haben? Nicht dass sie von heute auf morgen die Schweiz verlassen müssten, nein, doch wie fühlen sie sich wohl? Unwillkommen, vermute ich.

Ich weiß nicht, ob ich Ausnahme oder Regel bin, aber ich habe eine ganze Anzahl in der Schweiz lebende FreundInnen ohne Schweizer Pass. Viele leben schon so lange hier, dass ihr Land nicht mehr Heimat ist. Wie sie sich fühlen heute? Muss ich jetzt den Koffer packen?, fragte einer von ihnen auf fb.

Wenn du, die oder der du das liest, keinen Schweizer Pass hast: Lass dir gesagt sein, dass es nicht alle sind, die JA gestimmt haben. Nur die Hälfte. Ich klammere mich an die andere Hälfte, an die neunundvierzig Komma drei Prozent NEIN-Stimmenden und gebe die Hoffnung nicht auf, dass die Schweiz nicht an Rassismus zu Grunde geht.