Frisch geschüttelt irgendwie

Das hab ich gestern Abend getwittert, nachdem ich schon etwa den fünften Abend in Folge inklusive Wochenende an der sehr schlecht geschriebenen hundertzwanzigseitigen Diplomarbeit eines Kunden als Lektorin gearbeitet habe. Normalerweise etwas, das ich gerne mache. Diesmal war es aber ziemlich schwierig. Es gab echt kaum einen Satz, den ich nicht irgendwie verbessern musste. Und waren es nicht einzelne Satzzeichen, die fehlten, oder Rechtschreibefehler, dann war es ein falsch eingesetztes Wort oder eine Redewendung, die weder hinten noch vorn in den Satz passte. Fast fühlte ich mich hinterher von all den Fehlern verwirrt und beschmutzt, so wie ein Hund, bevor er ein Seebad nimmt. Darum dieser Wunsch danach, mich schütteln zu wollen. Und nach Ruhe.

Mein Kunde ist ein Fachmann für ein Handwerk, ein Kunsthandwerk sogar, das ich nicht wirklich beherrsche. Und er hat diesen Text geschrieben, um im Leben weiterzukommen − wie man das halt so macht. Und er hat sich bestimmt extrem angestrengt für diesen Text. Und doch ist es ihm nicht wirklich gelungen, einen guten Text zu schreiben.

Nein, ich lästere hier nicht über schlechte Texte, keine Angst. Eher ist es inzwischen eine Art Staunen darüber, wie unterschiedlich begabt wir alle doch sind.

Was er kann, kann ich nicht.
Was ich kann, kann er nicht.
Und ich träume mal wieder von Tauschhandel.

Und doch bin ich froh, dass ich von ihm Bares bekomme. Fürs neue Auto brauche ich das. Und damit ich wieder mal ein paar tolle Fundraising-Projekte sponsern kann. Und den Bloggern für Flüchtlinge noch eine Batzen rüberschieben. Dies und das halt.

Ja doch, ich tue mich schwer mit Haben. Mein Reichtum ist meist immateriell.

Im Moment bin ich zum Beispiel reich an Vorfreude. Ab morgen habe ich Ferien. Zwei Wochen plus das kommende Wochenende.

Am Samstag und am Sonntag feiern wir ein kleines Fest auf Irgendlinks einsamem Gehöft − ein paar treue Followerinnen und Follower, die mit Irgendlink und mir virtuell mit #ansKap geradelt sind. Mit Feuer, Wein und Bier, mit Geschichten und Bildern, mit Lachen und Schweigen. Menschen, die ich zur Hälfte erst virtuell kenne. Wie ich mich freue!

Diese Art Reichtum meine ich. Sie ist immer wieder ein Geschenk.
Danke, Leben!

Der andere Reichtum

Was sein Leben reicher macht, beantwortet Martin Lagrange hier. Eine Erfahrung, die ich ihm von Herzen gönne. Da ich vermutlich nicht 102 Jahre alt werde, wird es bei mir nie genau so sein. Aber ähnlich.

Auch mein Leben wird reicher durch mir kostbare Menschen, allen voran der Liebste, gleich danach Freundinnen und Freunde. Der herzliche, warme und offene Austausch mit ihnen allen. Ob nun persönlich, per Telefon, in Mails oder über die sozialen Medien wie Threema, Twitter und so weiter …

Quelle: ZEITmagazin
Quelle: ZEITmagazin

Mein größter Reichtum, mein größter Schatz ist es, Liebe zwischen Menschen zu erleben. Andere Menschen so zu nehmen, wie sie sind. Ach, ich Romantikerin ich, denn ich stelle ja auch immer mal wieder fest, dass ich in der Praxis nicht immer so empathisch sein kann, wie ich es eigentlich von mir erwarte. Wie ich es gerne möchte.

Gestern las ich auf Twitter diesen genialen Satz hier von 4. März

„Ich wünsche niemandem etwas Schlechtes. Ich wünsche allen nur, dass sie Menschen wie sich selbst begegnen.“ (Direkter Link zum Tweet)

HA! Was wäre wenn? Würde ich mich mit mir selbst anfreunden? Wäre ich eine meiner Freundinnen, wenn ich mir begegnen würde? Sind meine Freundinnen und Freunde eher „Gegenteile“ von mir selbst? Hm, Fragen über Fragen …

Und wie steht es mit der Liebe zu mir selbst? Ja, auch sie macht mich reich. Vermutlich bin ich nicht nur gerne alleine mit mir, weil ich mich mag, sondern auch, weil es mich manchmal auch anstrengt, mit anderen Menschen zusammenzusein. Das klingt wohl wie ein Widerspruch zu meinen Aussagen am Anfang dieses kleinen Textchen hier? Ist es aber nicht – nicht wirklich.

Reicher macht mein Leben nämlich auch die Stille. Wandern in der Natur. Sitzen an einem Fluss. Lauschen in einem Wald. Im Gras zu sitzen. Den Himmel zu betrachten. Und das geht am besten, wenn ich allein bin.

Was mein Leben auch noch reicher macht? Gefühle, Gedanken, Erfahrungen in Worte oder Bilder zu kleiden. Weiter macht mein Leben reich, dass ich mir und andern Gutes gönne.

Diese Grundhaltung war nicht immer da. Ich kenne Neid.

Es war aber nicht so, dass ich andern nichts Gutes gönnte, aber dass ich immer mal wieder dachte oder eher wohl fühlte: Das will ich auch! Warum kann die, warum darf der, und ich nicht?! Dieser Hader war ein Teufelskreis; geboren aus Minderwertigkeitsgefühlen hat er dazu geführt, da ich mich dafür schämte, dass ich mich noch kleiner machte. Es war ein langer Weg zu mir. Heute weiß ich: Mir und andern Gutes zu gönnen, tut mir gut und tut andern gut. Und mir bricht dabei kein Zacken aus der Krone.

Ironisch augenzwinkernd bringt das Twitterin @schusanne auf den Punkt.

Es lebe das Leben!