Von Bergen, Übergängen und warum Schönheit so gut tut

Bereits sechs Tage ist es her, dass ich Irgendlink am Bodensee von seiner #UmsLand Bayern-Tour abgeholt habe. Nach acht Tourtagen hatte er ungefähr einen Viertel der von ihm angedachten Bayernumradelung geschafft und das geplante Zwischenziel, Lindau, erreicht. Nach einem Bad im Bodensee – natürlich dort, wo wir damals auf unserer Flussnoten-Wanderung den Bodensee erreicht hatten – fuhren wir mit dem Rad im Kofferraum gemeinsam zu mir nach Hause.

Zu meinen Bildern gilt folgendes:
Für Sehbeeinträchtigte und Blinde: Alle Bilder haben Bildbeschreibungen, die vorgelesen werden sollten.
Für Sehende: Auf die Bilder klicken, um zur Galerieansicht zu kommen.

Spontan beschlossen wir, am Wochenende das Team Unserwegs zu besuchen. Nach einer viereinhalbjährigen Reisezeit schlagen die beiden nun am Hinterrhein, in den Bündner Bergen, wieder Wurzeln. Noch leben sie in ihrem Reisebus, bevor sie Anfang Oktober ihre neue Wohnung beziehen können. Auf dem Camping Thusis waren wir drei Tage lang ihre Gäste. (An dieser Stelle nochmals herzlichen Dank für alles, liebe Annette und lieber Beat.)

So fuhren wir also am Freitagnachmittag nach Thusis, in die Region Heinzenberg an den Hinterrhein. Unterwegs picknickten wir bei Fläsch und erfreuten uns an den schönen Erinnerungen, die in uns aufstiegen. Damals, vor zwei Jahren auf unserer Flussnoten-Wanderung hatten wir nicht weit von hier, an einem wunderbaren Platz, wild gezeltet. Diesmal bauten wir zwei große gemeinsame Steintürme.

Gegen Abend langten wir in Thusis an und wurden im Schatten des weitgereisten Reisebusses mit Leckereien verwöhnt.

Am Samstag fahren Irgendlink und ich von Thusis aus auf den Glaspass, wandern von dort aus – nach einem Abstecher ins Häärdställi, wo eine überdimensionierte Kugelbahn zum Spielen einlädt – auf den Glaser Grat und wieder zurück zum Auto (unsere GPS-Daten) (Infos | Bilder).

So sieht meine Glückseligkeit aus: Weitsicht, Berge, gute Luft, ein feines Lüftchen, Stille – und, ähm, sagte ich Weitsicht schon? Wir wandern berghoch, rasten, genießen, schauen, hören und sind einfach nur da … Ein Tag wie ein Jahr.

Unterwegs auf dem Abstieg finden wir den ehemaligen Lüschersee, der vor über hundert Jahren entwässert wurde. Bereits beim Lüschersee zickt mein linkes Knie leise. Wie neulich beim Abstieg vom Creux-du-Van. Die Schmerzen entschleunigen mich noch mehr. Ein positiver Effekt immerhin.

Fast schon unten angelangt, kommen wir an der Bruchalp vorbei und fragen nach Alpkäse. Leider nein, keiner mehr da. Wegen der Trockenheit war der Alpabzug dieses Jahr ungewöhnlich früh und der ganze Käse ist schon bei den Molkereien und Einzelverkaufsstellen gelandet. Schade.

Wie wir mit dem Auto zurück nach Thusis fahren, entdeckt Irgendlink am Straßenrand ein Schild, das einen Hofladen verspricht. Jippiee, sagen wir, und schon bald sind wir mit der jungen Bäuerin mitten im Gespräch über das Einmachen von Zucchini und anderen Gartengemüsen. Wir kaufen Bündner Nusstörtchen – ein großer Genuss, darum ein Muss, nicht nur um des Reimes willen – zum abendlichen Dreigangmenü auf dem Campingplatz. Auch Alpkäse finden wir hier, von der vorhin passierten Bruchalp. Über diesen unerwarteten Glücksfall freuen wir uns auf dem Rückweg wie kleine Kinder.

Am Sonntag kommt das Team Unserwegs mit uns mit in die Höhe. An der Ruine Hohen Rätien vorbei soll es gehen, Richtung Traversinersteg zur Via Mala-Schlucht. (Details/Infos) Schon nach nicht einmal fünfhundert Metern merke ich, dass ich das nicht schaffen werde. Am Samstag hatte mein Knie nur beim Abwärtslaufen geschmerzt, jetzt zickte es auch beim geradeaus gehen. Nicht lustig das. Ich entscheide mich, umzukehren und den anderen an einen definierten Ort entgegen zu fahren.

Gesagt getan. Nach einem kleinen Spaziergang, der meine Entscheidung bestätigt, setze ich mich ins Auto und suche eine schöne Waldlichtung, wo ich die anderen erwarte. Mit einem guten Buch vergeht die Zeit wie im Flug. Vom Treffpunkt aus fahren wir gemeinsam zum Via Mala-Zentrum, dem Herz der Sehenswürdigkeiten des Hinterrheins.

Der Weg am Hinterrhein entlang war schon sehr früh in der menschlichen Geschichte ein Handelsweg und verband den Süden mit dem Norden. Die Via Mala – der böse, der schlechte Weg – forderte viele Todesopfer, denn hier ist das Rheintal am engsten, ein Durchkommen auf engen Pfaden war zuweilen lebensgefährlich und noch heute ist die Schlucht ein Nadelör, und noch immer auch ein Ort des Staunens. Wie klein wir doch sind, wir Menschen!, sagen wir zueinander, wie wir über Treppenstufen in die enge Schlucht hinuntersteigen. Selbst Friedrich Nietzsche soll hier wortlos gestaunt haben, stattdessen schrieb er: «Ich schreibe nichts von der ungeheuren Grossartigkeit der Via Mala: mir ist es, als ob ich die Schweiz noch gar nicht gekannt hätte. Bis zu 300 Meter hohe Felswände ragen, teils nur wenige Meter voneinander, in den Himmel. Sprudelnd, rauschend, zieht das Wasser in schönsten Blau- und Türkistönen durch die Schlucht.»

Gestern Vormittag machten wir uns nach dem Brunch auf den Rückweg in die Deutschschweiz (Rückweg-Link). Allerdings wollten wir zuerst, nicht zuletzt um die unvermeidliche Rückkehr hinauszuzögern, noch ein wenig Kultur tanken. So fuhren wir ein weiteres Mal durch die Via Mala, diese enge Schlucht, südwärts. Nach Zillis. In die Kirche.

Wer mich kennt, weiß, dass ich es nicht so mit Kirchen habe. Doch diesmal war die kulturelle Neugier größer gewesen als die Abneigung. Die St. Martinskirche in Zillis ist bekannt für ihre uralten Dachgemälde. Im Gemeindehaus Zillis sehen wir uns eine kleine Ausstellung und eine spannende Multimediaschau über die berühmte Kirchendecke an. In der Diaschau wird Dionysius Areopagita zitiert und ich erlaube mir, ihn deshalb auch hier zu zitieren: »Das Gute stammt aus der einen und universellen Tatsache, das Böse aber aus vielen und partialen Defekten. […] Wenn nun das Gute dem Bösen entgegengesetzt ist, so sind die Ursachen ds Bösen viele. Die schöpferischen Faktoren des Bösen sind nicht Prinzipien und positive Kräte, sondern Ohnmacht, Schwäche, unsymmetrische Vermischung der unähnlichen Dinge.«

Neugierig geworden spazierten wir zur Kirche. Was soll ich sagen? Es hat sich gelohnt. In vielen Einzelbildern sahen wir über uns das mittelalterliche Weltbild, Mystik inklusive, abgebildet. Nicht sehr detailreich, schlicht, aber gekonnt und ausdrucksstark. Ja, ich war wirklich tief beeindruckt.

Wir fuhren nordwärts nach Reichenau, wo Hinter- und Vorderrhein aufeinander treffen und wo wir damals auf unserer Tour gepicknickt hatten. Wieder tauchten wir in schöne Erinnerungen ein und beschlossen, später, vor dem Taminser Dorfladen rastend, dass wir der alten Zeiten willen über den Oberalppass zurück nach Hause fahren wollten. An den Orten vorbei, an denen wir vor zwei Jahren vorbei gewandert sind.

Guck dort! Schau, da sind wir doch damals …! Unterwegs halten wir irgendwo am Vorderrhein an und bauen wieder. Ja, was wohl? Steintürme natürlich. Weils so schön ist. Und entschleunigt. Und gut tut.

Später landeten wir über Hunderte von Kurven auf dem Oberalppass, wo damals unsere Wanderung ihren Anfang genommen hatte. Wir schauten uns die Wegweiser an und verstanden nicht, wie wir damals den falschen Weg hatten gehen können. Eigentlich hatten wir ja den Wanderweg zum Tomasee nehmen wollen, zur Rheinquelle, stattdessen waren wir den Bergwanderweg, der über den Pazzolastock zum Tomasee führt, gewandert. Was im Grunde ein Glücksfall gewesen war.

 

Irgendwann gegen Abend sind wir gut, zufrieden, müde, glücklich, sonnensatt und hungrig wieder zuhause angelangt. Und dankbar, ja, das auch, das vor allem.

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Ein Ferienreise-Bilderbuch | #kursnord

In meinem Bildern reise ich hier nochmals von Süddeutschland nach Nordschweden, südwärts durch Mittelschweden, Norddänemark und zurück nach Hause.

1. Etappe (11. Mai – 15. Mai 2018)
An den ersten beiden Tagen reisten wir durch Deutschland und Süddänemark und erreichten am zweitern Abend die Öresundbrücke und Malmö. Von dort aus fuhren wir an den nächsten Tagen immer weiter der Ostseeküste entlang nordwärts.

Link zur ungefähren Karte: hier klicken.

Mehr Infos zur historischen Steinuhr in Kåseberga gibt es hier.

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2. Etappe (16. Mai – 22. Mai 2018)
Von Oknö aus ging es weiter an die Hohe Küste. Vorbei an Stockholm – zum Frühstück nach einer Wildzeltnacht nach Uppsala – und weiter Richtung Hudiskvall, Härnösand und Norrfällsviken, dem ’Kern’ unserer Reise.

Zum ungefähren Kartenlink: hier klicken.

Screenshot der Reisekarte

Mehr Infos zu Axmar bruk gibt es hier.

Mehr Infos über die Hohe Küste und den Nationalpark Skuleskogen gibt es unter anderem hier.

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3. Etappe (23. Mai – 27. Mai 2018)
Von der Hohen Küste fuhren wir südwärts über Uskavigården und Örebro nach Göteborg.

Zum ungefähren Kartenlink: hier klicken

Screenshot des Kartenausschnittes

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4. Etappe (28. Mai – 1. Juni 2018)
In Göteborg nahmen wir die Fähre nach Frederikshavn in Dänemark. Am dänischen Nordzipfel haben wir eine Nacht gezeltet und sind schließlich der Nordseeküste entland via Rømø zurück nach Deutschland gefahren.

Zum ungefähren Kartenlink: hier klicken

Ich bedanke mich bei allen, die mitgereist sind.

Wieder daheim | #kursnord – im Rückblick

Würden wir überhaupt wegfahren, wenn wir über das Land, das wir bereisen wollen, im Voraus schon alles wüssten? Ich meine: so richtig wissen. Wissen, wie die Menschen in diesem Land, wie die Politikerinnen und Politiker ticken. Wie sie über Flüchtlinge denken zum Beispiel, oder wie sie mit ihren Ärmsten umgehen, mit Randgruppen, mit Kranken. Wie sie sich wirtschaftlich – gegenüber anderen Staaten und in eigenen Land – verhalten. Wie sie Umweltschutz konkret umsetzen. Wie sie mit ihren Minderheiten umgehen. Wie sie forschen und wie sie lehren. Was für ein Schulsystem sie haben. Wie sie über Fremde denken.

Hätte ich Schweden bereist, wenn ich alles über dieses Land wüsste. Oder auch nur schon mehr wüsste als ich tatsächlich weiß? Anders gefragt: welche Fakten und welches Wissen würden mich hindern?

Das perfekte Land gibt es nicht. Vieles an Schweden mag ich, vieles betrachte ich heute – nach meiner fünften längeren Reise durch Schweden – deutlich weniger weichgezeichnet als noch vor Jahren. Und manches hat sich eben schlicht auch verändert in den letzten Jahren. (Ich schrieb darüber, ansatzweise zumindest.)

Dennoch erlaube ich mir auf Ferienreisen auch mal einfach nur das Offensichtliche zu sehen. Die Natur zum Beispiel. All die schönen Plätze. Die fast überall sehr freundlichen Menschen. Ich verhalten mich unkritischer, als ich es sonst bin und erwarte für einmal nicht hinter jedem Glücksmoment einen Hammer. Uafassend wahrnehmend, ja, das schon, aber für einmal nicht alles hinterfragend. Natürlich könnte ich nicht auf Dauer so leben – so unkritisch, so oberflächlich – aber für die Dauer von drei Wochen habe ich es mir erlaubt.

Ich habe es mir erlaubt, zu genießen. Das fast ständig gute Wetter. Die Schönheit der Natur. Die Weite. Die gute Meerluft. Das Barfußlaufen über Sand- und Felsstrände. All die Sonnenuntergänge. Die Kiefernwälder. Die Gerüche von all den vielen Blumen und Blüten. Der Wind auf meiner Haut. Das entspannte Fahren auf ruhigen Straßen. Die Sprache mit ihren fremden Lauten und Buchstaben. Spaziergänge durch Wälder und Städte. Unsere Wanderungen.

Im Sieb der Erinnerung bleiben letztlich diese kraftspendenden Erlebnisse. Obwohl es all die anderen natürlich auch gab. Die kalten Nächte an der Hohen Küste zum Beispiel oder die müden Beine nach unserer Zwanzigkilometer-Wanderung, doch schon jetzt stelle ich fest, dass die mühsamen Momente schon fast nicht mehr abrufbar sind.

Well done, Sofasophia!

Meine Batterien fühlen sich seit langem das erste Mal wieder so richtig aufgefüllt an und ich hoffe, dass ich diese Energie halten kann.

Ferien machen ist nicht schwer,
Alltagsleben umso mehr?

Wir werden sehen.


[Die Bilder sind nun auf unseren Rechnern und vielleicht werde ich in den nächsten Tagen noch eine Galerie einstellen. Mal schauen.]

Deutschland, dein Bier | #kursnord

Die Tastatur auf den Oberschenkeln, das Handy zwischen ebendiesen ein bisschen weitervorn eingeklemmt – gerade so weit weg, dass die kleinen Buchstaben noch lesbar sind, die aus den Fingern via Bluetooth auf das digitalweiße Notizbuchblatt purzeln. Links Irgendlink, der das letzte Stück, noch an die zweihundert Kilometer, angepackt hat, rechts von mir die rechte Fahrspur. Obendrüber blaue Tafeln mit Namen von Orten, wo Menschen wohnen. Vielleicht sogar solche, die das hier lesen.

Deutschland, deine Autobahnen!

So hatte ich gestern schon bald geseufzt. Sehr bald schon nachdem wir Dänemark verlassen hatten. Noch in Dänemark hatten wir – von Rømø kommend – die E45 erreicht, doch dort war das Fahren noch kein Gemetzel gewesen.

Der Schock kam – wie immer – gleich nach der Grenze. Am liebsten hätte ich ganz viele Fahrerinnen und Fahrer zurück in die erste Klasse geschickt, damit sie die Zahlen neu lernen. Da steht 80 nicht 120!, hätte ich ihnen beigebracht, nur so als Beispiel, was ist daran so schwer zu verstehen? Schulmeistern will ich nicht, und schnell – will heißen zügig – vorankommen will ich natürlich auch. Aber das hier?

Deutschland, deine RaserInnen!

Die erste Pinkelpause. Raststätten-WC. Ohne Papier, was mich nicht wirklich wundert, während es mich in Schweden wunderte, wenn es mal kein Papier hatte. Nun denn, ich hatte ja noch welches in der Tasche. Alter Camperinnentrick.

Deutschland, deine Raststättentoiletten!

Bald ist es Zeit zum Tanken und für eine kleine Erfrischungs- und Picknickpause und wir halten in Handewitt, nahe Flensburg, wo wir schon letztes Jahr auf unserer Norddeutschland-Süddänemark-Tour gehalten hatten. Nach dem Tanken entdeckt Irgendlink unter der Motorhaube eine Pfütze und ein Rinnsal. Alarmiert bückt er sich nach der Flüssigkeit und ist erleichtert, dass es weder Benzin noch Öl ist. Wasser? Er kontrolliert die Kühlwasserflüssigkeit und stellt fest, dass wir ziemlich wenig davon haben. Ein Leck im Kühlwassertank? Schnell kaufen wir noch eine Flasche destilliertes Wasser und füllen es nach. Ich finde im Internet eine nahe Autowerkstatt und lotse uns dorthin. Unterwegs finden wir aber erst mal einen Park und machen Pause. Und weitere Wassertests. Es tropft nur, wenn die Klimaanlage läuft, findet Irgendlink heraus. Und wenn die Lüftung läuft. Fazit: Wenn wir ohne beides fahren, verlieren wir kein Wasser. Wir zwei Klimaanlageungewohnten überlegen, dass vermutlich ein Schlauch, der die beiden Kühlungsmaschinen bedient, undicht ist und verzichten auf einen Werkstattbesuch. Sicherheitshalber kauft Irgendlink noch eine Flasche destilliertes Wasser, während ich auf Twitter den Stoßseufzer teile, dass wir ohne Kühlung (bei 30 Grad) südwärts fahren werden. Wir kurbeln die Fenster auf und essen das Eis, das der Liebste mitgebracht hat. Und wir schicken uns in das Unvermeidliche: Brutofenhitze. LAUT Ist es und HEISS, schreib es groß!

Deutschland, deine Twitternden! (Und ja, auch eine Schweizerin hat uns mitgecoacht).

Nach und nach trudeln auf Twitter Entwarnungen ein, die uns Klimaanlangebanausen erleichtern: Die Wasserpfütze sei normal; einfach nur Kondenswasser. Die Kühlmaschine schwitzt und tropft dann eben. Das mus so. Je heißer, desto mehr. Wie wir. Nach kurzen Tests mit Kimaanlage und Kühlerwasserstandzwischenmessungen sind wir überzeugt: Unsere Twitterfreundinnen und -freunde haben recht. Da ist nichts kaputt.

Ich danke euch, ihr Lieben, für die Soforthilfe!

Inzwischen haben wir die Plätze getauscht und ich hangle mich von Stau zu Stau. Eigentlich hatten wir den Campingplatz Düderode als letzte Zeltnachtlagerstätte angedacht, doch in diesem Tempo würden wir frühestens um acht, neun, ähm, zehn Uhr oder gar noch später dort ankommen. Alternativen müssen her. Stichwort Querdenken und entschleunigen.

Deutschland, deine Gaststuben!

Wir entscheiden uns für eine Pause. Etwas essen. Die Füße vertreten. In einem kleinen Dorf knabbern wir auf einer Bank ein paar Karotten und schmieden Pläne: Auf der Sitzbank etwas kochen versus etwas zu essen kaufen versus essen gehen. Wir wählen die zweite Option und steuern den Dorfladen an. Aber es ist fast sieben und der Laden ist schon zu. Am Dorfplatz stehen massenhaft Gasthäuser. Gerade als es zu tropfen anfängt, huschen wir in jenes, das uns am nettesten angelächelt hat. Eine Zeitreise vom feinsten. Gaststube trifft es wahrlich, die Holzböden knarren, die Wirtin trägt Tracht und die Atmosphäre ist gediegen. Wir schielen in die Menükarte und finden etwas Zahlbares. Wir teilen unsere beiden Menüs – einmal großer Salatteller und einmal panierte Rote Beete-Scheiben mit Kartoffeln, Dip und Salat –, die köstlich schmecken und uns Kraft für die Weiterfahrt geben. Denn die brauchen wir. Schon bald schleichen wir nämlich wieder im Stop-and-Go-Modus Richtung Süden.

Deutschland, deine Staus!

Bei Essel, vor Hannover, fängt ein neuer Stau an. Vollsperrung des Autobahnabschnitts sagt die Guugl-App, viele Kilometer. Gründe sind nicht ersichtlich und erst kurz vor Stauende sehen wir, dass das Ganze ein Rückstau ist. Drei Spuren werden auf eine zusammengeschrumpft und auf Bundesstraßen umgeleitet. Reißverschlussverfahren. Können leider nicht alle, was das ganze Staumonster zusätzlich in die Länge zieht.

Die Straße als Metapher. Der Stau auch. Fürs Menschsein. Für die Mitverantwortung der Einzelnen fürs Kollektiv – oder eben nicht.

Endlich – eine knappe Stunde später – haben wir die Ampel erreicht, die uns wieder in eine Art Freiheit – auf eine Bundesstraße – entlässt. Noch sind wir Teil der Riesenraupe, die Hannover ansteuert oder auch einfach die eben verlassene Autobahn, die es auf Umwegen wieder zu finden gilt.

Ausscheren. Eine kleine Atempause. Platzwechsel. Weiter gehts durch schmale Alleen, durch Dörfer, die wir sonst nie berührt hätten, und schließlich lotst die Handystimme uns wieder auf die E7 zurück. Gut so. Eine Weile rollt es richtig gut. Wir haben inzwischen beschlossen, immer weiter zu fahren, bis wir müde sind, und uns dann irgendwo unter freiem Himmel schlafen zu legen.

Wäre da bloß nicht das aufziehende Unwetter! Die Alternative, eine Pension zu finden, schrumpft mit fortschreitender Uhrzeit und war eh nur so eine Art Rettungsleine für alle Fälle. Auch die Option, im Auto zu schlafen, spielen wir durch. Die Sachen vom Kofferraum müssten dazu in den Fahrbereich umgeladen werden. Könnte gehen. Selbst die ganze Nacht durchzufahren könnte klappen. Dann halt daheim, auf dem Hof, ein paar Stunden nachschlafen. Dieses Spiel mit all den Möglichkeiten schafft Raum im Kopf und gebietet potentiellen Ängsten Einhalt. Auch die Tatsache, dass es die letzte Nacht dieser Reise ist, hat entspannende Wirkung. Dennoch bin ich langsam müde und es ist ja auch schon elf, halb zwölf. Ein leises Kopfweh bahnt sich an. Das Wetterleuchten am Nachthimmel wird intensiver. Erste Tropfen prasseln auf die Frontscheibe und keine MInute später regnet es so heftig, dass mit auch mit stärkster Scheibenwischerleistung kaum etwas zu sehen ist.

Fahr an den Rand!, flehe ich und bin froh, dass es Nacht ist, dass man sich an Lichtern orientieren kann, dass nicht mehr so viel Verkehr ist. Zum Glück kommt eine Ausfahrt, wir haben eben Hildesheim passiert, und so landen wir unweit der Autobahn auf einem kleinen Camping. An einem kleinen See. Direkt an der E7.

Deutschland, deine Campingplätze!

Zuerst starkregnet es nur, die Blitze sind noch weit weg, die Donnerschläge kaum zu hören. Doch schon blitzt und donnert es kurz hintereinander. Manchmal nur Sekunden nacheinander. Das Wissen, dass das Auto als faradayscher Käfig gilt, hilft ein wenig. Unheimlich ist es trotzdem. Wir legen uns bequem hin, Beine quer übereinander aufs Armaturenbrett, und versuchen, ein wenig zu dösen. Viel anderes als abwarten, können wir ja nicht. Schließlich twittern wir gegen unser Unbehagen an und bekommen zum zweiten Mal an diesem Tag Zurspruch.

Endlich, etwa zwanzig, dreißig Minuten dürften vergangen sein, zieht das Gewitter ab und lässt der Regen langsam nach. Wir beschließen, doch noch nach Düderode zu fahren, jenem Camping, wo wir vor einem Jahr geschlafen hatten. Kurz vor eins parken wir vor dem Schwimmbad, das ebenfalls zum Campingplatz gehört und machen uns ein feines Lager unter freiem Himmel. Hier hat es wohl auch ein wenig geregnet, doch der Boden ist schon fast wieder trocken und regnen, so verhieß die Wetterapp, regnen würde es auch erst wieder gegen neun Uhr morgens. Kaum habe ich mich hingelegt, bin ich auch schon eingeschlafen.

Irgendlinks Nacht ist ein bisschen weniger entspannt und er ist es denn auch, der mich um sechs Uhr weckt, weil es tröpfelt. Die Sachen sind schnell verstaut und bald darauf fährt auch schon das erste Auto auf den Parkplatz. Dass das Schwimmbad schon um halb sieben geöffnet wird, haben wir ja nicht erwartet. Es ist ein Glücksfall. Herrliches Bad in fünfundzwanzig Grad warmem Wasser, während sich die Luft mit neunzehn Grad fast kühl anfühlt. Wohltuend ist es, mir so die kurze Nacht und die intensiven Träume aus den Gliedern zu waschen.

Deutschland, deine Brezel!

Später frühstücken wir in Northeim, wo wir nochmals volltanken und dann sind wir auch schon bald wieder auf der Straße. Es flutscht. Dazu Musik. Mein Unterwegs-Mix, eine Reise durch meine Plattensammlung quasi … Fahrflow. Ja, ich mag das. Fast fühle ich mich in solchen Momenten unbesiegbar. Für immer im Jetzt des Fahrens geborgen.

In der Streckenmitte wechseln wir und jetzt sind wir bald da. Also bald dort meine ich. Bald wieder sesshaft. Bald wieder in Betten Schlafende. Die schwedische Lakritze ist auch alle und ich bin traurig, froh, glücklich und dankbar aufs Mal. Und ich lächle vor mich hin.

Dieser Text sei (roh) hundertzwanzig Kilometer lang, sagt der Liebste soeben.

Eben haben wir Bier gekauft. Deutsches Bier. Willkommen zurück.