Ausgelesen #21 – Drei Worte von Sabine Wirsching

Liebesgeschichten sind ja nicht wirklich mein Lieblingsgenre, darum hätte ich ohne Sabine Wirschings Namen auf dem Buch Drei Worte wohl nicht gelesen. Doch weil mich die Autorin bereits mit ihrem Debütroman Druckstaueffekt überzeugt hat, bekam auch Drei Worte seine Chance.

Ich brauchte eine ganze Weile, um bei Milka und Till anzukommen, die in Ich-Form abwechselnd in tagebuchartigen Momentaufnahmen über ihre Erlebnisse erzählen – mal zeitversetzt im Rückblick, mal zeitgleich. Auf den ersten zwanzig Seiten des Buches kam ich mir gar wie eine Forscherin in einer fremden Welt vor, die eine ihr unbekannte, künstliche Kultur erforscht. Nun ja, die beiden könnten immerhin fast meine Kinder sein.

Auf einmal bin ich dann doch mittendrin. Ich tauche in das Berliner Großstadt- und Club-Universum ein mit all seinen Codes, mit denen sich jede Jugend von Neuem erfindet. Die beiden parallelen Geschichten entwickeln sich und ziehen mich mit und irgendwann kann ich das Buch kaum mehr zur Seite legen und stelle überrascht fest, dass mir das alles hier ja doch nicht so fremd ist. Wollen wir letztlich nicht alle dasselbe? Glücklich sein. Lieben. Geliebt werden. Nein, einfach war das noch nie.

Dass Ariane, eine von Milkas besten Freundinnen bei einem One-Night-Stand schwanger geworden ist und das Baby behalten will, gibt dem Roman seine Struktur und so begleite ich Milka und Till sechsunddreißig Wochen lang.

Nachdem sich Till und Milka gefunden haben, hängt ihr Himmel voller  Geigen Luftgitarren. Doch schon bald hängt auch die schon lange geplante Ferienreise Milkas über ihnen. Wie ein Damoklesschwert. Drei Wochen Trennung scheinen unvorstellbar. Dennoch fliegt Milka mit ihrer Freundin Lynn Richtung Süden und genießt die Tage in Tansania, obwohl es sie zuweilen vor Sehnsucht nach Till beinahe zerreißt.

Till verheddert sich derweil in seinem Leben. Er kommt immer schlechter mit seinem Alltag klar und als Milka zurückkommt, finden die beiden nicht mehr zur früheren Leichtigkeit zurück. Als dann auch noch Beck, Tills Freund aus Kindertagen, beschließt nach Hannover umzuziehen, um Verantwortung für das in Arianes Bauch heranwachsende Kind zu übernehmen, fällt Tills Welt wie das vielzitierte Kartenhaus in sich zusammen. Nichts geht mehr. Er lässt niemanden mehr an sich heran und verschanzt sich nach Becks Umzug in Milkas Wohnung. Ich möchte den beiden am liebsten sagen: »Redet doch endlich richtig miteinander, zeigt euch einander, sagt euch doch endlich, was ihr wirklich denkt und fühlt!«

Wenn man sich einander nicht wirklich öffnet, wie kann man sich denn da je richtig ’haben’, richtig lieben? Was gäbe es denn da zu verlieren? Vielleicht jene Illusion von Leichtigkeit aus den Anfangszeiten? Es nur schön, leicht und nett miteinander zu haben, kann doch nicht alles sein? Liebe ist mehr, geht tiefer.

»Depression kann man behandeln«, sagt Robbie, Milkas Tätowierer, dem sie ihr Herz ausschüttet. Stimmt. Depression lässt sich allerdings nur dann behandeln, wenn die Betroffenen erkennen, dass sie Unterstützung brauchen. Und wenn sie erkennen dass diese Phasen, so brutal und schmerzhaft sie auch sind, nicht alles sind. Nicht mehr nämlich als ein Ausschnitt vom Ganzen – ein brutaler Ausschnitt zwar, und einer, der ganz reale Auswirkungen hat, dennoch: Nicht alles. Das Leben ist mehr.

Till sperrt sich allerdings gegen diese Diagnose und erst recht gegen fachliche Hilfe. »Ich will sagen, dass ich ganz bestimmt keinen an der Latte habe …«, denkt er. Sagen kann er oft überhaupt nichts mehr. Als Milka ihn bittet, eine Therapie zu machen, schreibt er: »Wobei soll das helfen? Ich bin kein Psycho!« Vorurteile, Uneinsicht und Unkenntnis sind die Feinde, mit denen sich Milka vergeblich abmüht. Sie klärt sich selbst eingehend über die vielen Gesichter der Krankheit Depression auf und begreift erst allmählich, wie komplex das alles ist. Inzwischen ist der Graben zwischen Till und Milka tief geworden, unüberwindbar womöglich. Tristan und Isolde auf berlinerisch. Dieser Graben hier besteht nicht aus Wasser, dieser Graben hier heißt Depression. Milka kapituliert schließlich und Till verlässt eines schweren Tages ihre Wohnung und ihr Leben.

Sabine Wirschings Innenschauen sind überzeugend und streckenweise äußerst schmerzhaft. So lässt sie Till auf sehr maskuline Weise vor seinen innern Monstern davonlaufen, er verstummt, trinkt noch mehr Bier als sonst und verweigert das Gespräch, derweil Milka verletzt und noch immer voller Liebe zu verstehen versucht. Wie viele andere weibliche Co-Betroffene gibt auch sie sich die Schuld für das schreckliche Ende ihrer Beziehung. Wie es wohl umgekehrt gewesen wäre – Milka als Depressive, Till als ihr Gegenüber?

Milka holt sich in ihrer Krise Hilfe bei Janina, Sascha und Ariane, mit denen sie tiefe Freundschaften verbindet. Diese andern lässt Wirsching zuweilen über Kurznachricht-Zitate zu Wort kommen. Ihren Freundinnen gegenüber kann Milka sich öffnen – mehr als sie es Till gegenüber je getan hat.

Meine Lieblinge in dieser Geschichte sind übrigens Ariane und Beck. Ich mag ihren unaufgeregten Pragmatismus. Und weil Beck eben ist, wie er ist, ist er auch da, als Till ihn braucht – Hannover-Berlin ist schließlich nicht die Welt – und einmal mehr hilft er seinem Freund auf die Beine.

Als Milka und Till sich Wochen später zufällig über den Weg laufen, wird ihnen klar, dass sie sich trotz des brutalen Endes eine zweite Chance geben wollen.

Sabine Wirsching gelingt eine dichte Aufnahme dieser Zeit, einer Großstadt und ihrer Sounds; und vor allem der Menschen, die diese Stadt bevölkern. Nah dran sind wir als Lesende, wenn wir Milka und Till beim Leben zuschauen, fast voyeuristisch nah. Nicht dass ich daran zweifle, dass es nicht wirklich genauso ist, doch für meinen Geschmack wird oft zu viel geredet, und zu wenig gesagt. Manches nervt und vieles schmerzt, doch ich zweifle nicht daran, dass Wirsching ein treffendes Abbild dieser Stadt und dieser Zeit gezeichnet hat.

Drei Worte steckt voller Leben, voller Tränen auch und voller Wenden und ist letztlich, trotz der Verortung im heutigen Berlin, eine universelle Geschichte. Eine, die unter die Haut geht.

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Ausgelesen #2 – Druckstaueffekt von Sabine Wirsching

Selten hat mich ein Buch so überrascht, positiv überrascht.

DruckstaueffektcoverIch gestehe, dass ich – trotz der tollen Lesung letzten Herbst in Hamburg – ein klein bisschen Bammel vor diesem Buch hatte. Was kann man schon über die promiskuitive Liebe schreiben, dass nicht irgendwie wiedergekaut, trivial oder platt daherkommt. Und dann das!

Ein literarisch anspruchsvolles Buch, das dazu meinen haptischen und ästhetischen Ansprüchen, die ich bisweilen an ein Buch habe, gerecht wird. Das meine Augen und meine Hände verwöhnt. Außen und innen ist das Buch wie aus einem Guss.

Lesen!

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Danke, Sabine, dass du dieses Buch geschrieben hast. Auch wenn ich nicht in Berlin lebe, gibt es doch ein paar ähnliche Erfahrungen in meinem Leben. Und ein paar ähnliche Erkenntnisse. Mehr verrate ich hier aber nicht.

Worum es geht?

Na, um die Suche. Nach der Liebe im allgemeinen, und jener zu sich selbst im speziellen. Aber das hört sich leichter an, als es ist.

Lesen! (Oh, ich wiederhole mich …)

DefinitionDruckstaueffekt

Wörterstiche

Die Wörter flattern in meinem Bauch herum und furzen sich frei. Man riecht’s. Aber nur, wenn ich die Decke lüpfe. Sie wecken mich um halb acht, obwohl ich bis eins gelesen habe (im schwedischen Thriller Letzter Gruss von Marklund/Patterson***). Es gähnt mich und der Schlaf wacht hinter den Lidern, um mich nochmals rumzukriegen. Er weiß es nicht und ich weiß es nicht, ob ich jetzt aufstehen oder mich noch einmal drehen soll. Ich bin noch so müde. Andererseits gibt es heute viel zu tun, so dass es gut wäre, jetzt aufzustehen. Weil ich sonst nicht um sechs Uhr abends reisefertig sein werde.

Nervös? Ja, das bin ich ein wenig. Wie immer, wenn ich eine Reise ins Unbekannte mache. Und meistens auch vor Reisen ins Bekannte. Heute Abend fahre ich ja erstmal zum Liebsten aufs Einsame Gehöft. Morgen geht’s dann zu zweit weiter nach Hamburg, bevor es dann am Montag weiter nach Berlin geht. Ick freu‘ mir.

Und ja, ich bin nervös, angespannt, ein bisschen aufgekratzt. Man kann ja nie wissen. Bin auf Vorrat nervös sozusagen. Und auch ein wenig fremdnervös – ganz klar – stellvertretend für die Lesenden. Drei Bloggende lesen nämlich am Fraitagabend in Hamburg aus ihren Texten. Andreas Glumm, dessen Blogs ich schon lange lese, Sabine Wirsching, die ich inzwischen auch ab und zu auf ihren Blog besuche und und Candy Bukowski. Candys Texte hauen mich immer mal wieder fast um, so authentisch sind sie. Geschichte aus dem vollen Leben geschöpft – so nahe dran, so schmerzhaft nahe.

Ja, ich bin sehr gespannt auf diese drei. Glumm und Sabine kenn ich von Bildern, Candy nicht. Sie ist auch die einzige, die sich hartnäckig mit einem Synonym* vor allzu aufdringlichen Blicken schützt.

Doch was ist schon das Bild eines Menschen gegen das echte Leben, gegen den echten Menschen? Ach ja … Am Freitagabend werden noch andere Bloggende vor Ort sein, die ich bisher nur – wenn überhaupt – aus der virtuellen Welt kenne. Ich bin echt sooo gespannt. Und ja, eben nervös und angespannt..

Enttarnungen mag ich, ich mag das Echte, das, was unter und hinter Papieren und Tüchern und Vorhängen zum Vorschein kommen kann, wenn wir es zulassen. Enttarnungen sind ein bisschen wie Geburtstagsgeschenke. Wie damals, als Irgendlink und ich uns – richtig: zwecks BloggerInnenenttarnung! – in Bern kennenlernten. Vor über fünf Jahren. Enttarnt war das Pseudonym (* ja, so heißt es natürlich richtig) – dahinter zwei Menschen aus Fleisch und Blut. Doch ist ein Pseudonym, ein Nickname, nicht eher noch ein Synonym, wie ich es gerne nenne? Auch wenn ich als Sofasophia ein klein bisschen mutiger und frecher bin als in echt, ist sie dennoch ich; und ich bin sie. Und die andern Schreiberlinge? Wie ist es bei denen? Sind sie so, wie sie schreiben, ähm, will natürlich heißen, wie ich sie als Schreibende wahrnehme?

Ja, meine Anspannung bezieht sich auch auf die lange Fahrt von der Pfalz in den Norden. Sieben oder acht Stunden im Auto. Nicht dass das neu für uns wäre. Wir waren schon zusammen am Polarkreis und so. Aber eben: Es ist immer wieder herausfordernd. Dann der Zeltplatz im Süden Hamburgs – hoffentlich finden wir ihn auf Anhieb. Ach, Sofasophia, mach dir doch nicht so viele Sorgen und Gedanken. Das kommt schon gut … Das wird gut.

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Privat – oder so …

Wird es? Wird es bestimmt. Sage ich. Glaube ich. Hoffe ich.

So, und jetzt bin ich sogar endlich wach genug, um aufstehen zu können. Schreiben ist fast wie Kaffeetrinken, obwohl … da kann ich ja nicht mitreden, denn den trinke ich ja schon lange nicht mehr, weil er mich hyperig macht. Das kann ich ganz gut allein, auch ohne Kaffee.

Welcher Tag ist heute? Muss ich gleich mal zählen. Ach, schon Tag sechs. Fünf Tage ohne Nikotion sind geschafft, juhu … Ja, ich hatte einen Rückfall. Etwa zwei Wochen lang. Und das nach über fünf Jahren! Doch nun ist schon Tag sechs. Der erste Tag, an dem ich nicht mehr dieses Ziepen in der Brust, diese raue Gefühl in der Kehle habe. Der körperliche Entzug war diesmal echt hart. Aber ich wollte es so. Und ich will es so.

Heute waren es Wörter, die mich wachgeküsst haben. Wörter, die wie Mücken um mich herum geschwirrt sind. Wörterstiche können auch jucken. Und dabei kommt dann sowas raus. Blogartikel sind – sag es laut, Sofasophia!: – BLOGARTIKEL sind manchmal einfach nur Wörterstiche, nicht mehr und nicht weniger. Da hilft kein Kratzen, da hilft nur Schreiben.

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*** Oh weh, was für grottenschlechte Kritiken! Da bin ich mal gespannt. Bin erst am Anfang.