Fehlhaltungen

Ein kleines anatomisches Gleichnis zum Samstag gefällig? Na dann los. Wir widmen uns dem Thema Fersensporn.

Laut Wikipedia ist das ein knöcherner Sporn am Fersenbein. Der untere Fersensporn geht gelegentlich mit einer Entzündung der Plantarsehne an der Fußsohle einher. (Und, pssst, so eine Entzündung tut verdammt weh.) Heißt: Nicht der Fersensporn an sich entzündet sich und tut weh, sondern es schmerzen die involvierte Nerven und Sehnen. Die eigentlich therapiebedürftigen Beschwerden treten, laut Wiki, bei […] einer Entzündung in diesem Bereich, auf. Da ein abgesenktes Fußlängsgewölbe als Ursache einer chronischen Zugbelastung der Sehnenansätze am Fersenbein anzusehen ist, in dessen Folge es zu einer Ansatzverkalkung (dem sogenannten Fersensporn als Röntgendiagnose) kommen kann, besteht die wichtigste therapeutische Maßnahme in der passiven Korrektur mittels Schuheinlagen.

Mit https://photomosh.com/ gemachte Bildanimation, aus einer Ölpfütze, die aussieht wie ein stilisiertes, tanzendes Paar.
Mit https://photomosh.com/ gemachte Bildanimation

Supervereinfacht gesagt bewirkt eine zu große Belastung an der einen Stelle eine Verkalkung an der anderen Stelle, die wiederum zu einer schmerzhaften Entzündung führt. Eine falsche Körperhaltung, die wir uns aus Gründen über eine lange Zeit angeeignet haben, macht, dass der Körper zu Selbstreparatur(re)aktionen greift und mit Kalk hantiert. Allerdings sind solche Aktionen nicht immer dasjenige, was eigentlich wirklich langfristig heilsam wäre, sie dienen eher der Schadensbegrenzung und Stabilisierung.

Ich bin weder Ärztin noch sonstwie medizinische Fachperson und das eben Gesagte habe ich vermutlich – oder sogar ziemlich – sicher anatomisch nicht ganz korrekt interpretiert, aber als Gleichnisgrundlage passt so ein Fersensporn allemal.

Es gibt ja nicht nur unsere Körperhaltung, sondern wir haben auch dem Leben gegenüber eine innere Haltung eingenommen. Da sind die Gedanken, die wir denken. Die Gefühle, die wir empfinden. Da ist die ständige Wechselwirkung zwischen all unserm Erleben und unserem Weltbild, das wir uns im Laufe unseres Lebens zurechtgezimmert haben.

Kann es da die eine ’richtige Haltung’ überhaupt geben? Ich glaube nicht, aber vielleicht kann ich immer wieder neu die für mich am besten passende, mich am besten fördernde Haltung herausfinden. In dem ich laufend reflektiere, welche Haltung zu welchen Reaktionen führt und welche Haltung welche Schmerzvermeidungsmuster erzeugt – ob nun auf der Körper- oder auf der Seelenebene ist letzlich egal, den beide sind miteinander verbunden. Körper und Seele versuchen beide ’von Natur aus’, Schmerzen zu vermeiden. Darum hilft es mir, in Kontakt mit mir und meiner Natur zu sein.

So weit so gut? Jetzt gehen wir einen Schritt weiter und übersetzen unser hübsches Gleichnis vom Fersensporn auf die menschliche Gesellschaft, denn auch hier wirken sich kollektiv eingenommene Haltungen heilsam oder schmerzhaft auf die besonders sensiblen Stellen des Gesellschaftskörpers aus.

Gesellschaft, zeige mir deine wunden Stellen und ich sage dir, welche Haltung du hast!

Ich denke da politisch. Mir fallen Gesetzesentwürfe* ein, die es – wenn sie zu Gesetzen werden – Menschen, die aus Gründen eh schon wenig Ressourcen haben, noch schwieriger machen, in Würde zu leben.

Wir brauchen alle mehr Solidarität.

’Von Natur aus’ kümmert sich ein gesunder Mensch um die Stellen an Körper undn Seele, die schmerzen. Er verhält sich sich selbst gegenüber solidarisch. Er sucht nach Lösungen, Selbsthilfe, Hilfe, Besserung. Das ist das Natürlichste der Welt. Wäre es jedenfalls.

Wieder schreibe ich ’von Natur aus’ und wieder mit Gänsefüßchen. Ich beobachte, wie uns – als kapitalistische Gesellschaft – diese Natur mehr und mehr abhanden kommt, diese Natur-in-uns (Selbst-Natur-Sein) ebenso wie diese Natur da draußen (Nahrungsanbau, Tiere, Werden und Vergehen). Vor allem aber fehlt uns der Zusammenhang zwischen mir selbst und der Natur da draußen, denn da wäre eigentlich keine Trennung. Natur ist Natur, ob nun innerhalb oder außerhalb meines und deines Organismus. Das Wissen um den kleinen (internen) und großen (externen) Zusammenhang fehlt uns immer mehr. Fehlen im Sinne von Lücke, von Verlust, von Sehnsucht.

So kann ich, kannst du auch nicht wirklich solidarisch sein, weder innerhalb des eigenen Organismus noch innerhalb der Gesellschaft.

Wir haben von klein auf gelernt, Schmerzen zu ignorieren, Druckstellen auszublenden. Wir ignorieren Störfaktoren, bis die Schmerzen nicht mehr nur Schmerzen sind und die Symptome sich nicht mehr ohne weiteres behandeln lassen. Wir Menschen tun es bei uns selbst und wir Menschen tun es auch in der Politik, wir tun es mit der Erde, wir tun es bei unseren Mitmenschen.

Wie sagte neulich eine kluge Frau zu mir? Wäre da mehr Selbstliebe, sähe die Welt ganz anders aus.

Selbstliebe, Selbstfürsorge, Mitgefühl für sich und andere, Empathie. Nenn es wie du willst. Im Grunde meine ich hier einfach das Gegenteil von Egoprofilierung, Selbstbeweihräucherung, Ich-zuerst-Denken.

Wir brauchen wieder mehr von diesem Ding, das wir ’von Natur aus’ in uns drin haben. Hätten. Von diesem Ding, das macht, dass wir merken, wenn etwas nicht mehr rund läuft. Wenn die Erde brennt zum Beispiel. Oder wenn die Füße schmerzen.


* Aktuell in der Schweiz (Abstimmung vom 9. Februar 2020) empfehle ich herzlich folgende Parolen. Fpr ein lebenswerteres Miteinander.

  • Gesetz über das Kantons- und das Gemeindebürgerrecht (KBüG); Änderung vom 7. Mai 2019: NEIN
  • Volksinitiative vom 18. Oktober 2016 „Mehr bezahlbare Wohnungen“: JA
  • Änderung vom 14. Dezember 2018 des Strafgesetzbuches und des Militärstrafgesetzes (Diskriminierung und Aufruf zu Hass aufgrund der sexuellen Orientierung): JA

Auflösen

Manchmal brauche ich offenbar Schmerzen, körperliche zum Beispiel, damit ich endlich aufmerke, mich endlich frage, was ich wirklich brauche. Wegschauen geht nicht mehr. Also gut: was brauche ich? Was kann ich tun, um wieder beweglich zu werden?

Nun ja, mit der Selbstmotivation ringe ich, seit ich mich erinnern kann. Außer natürlich bei Gerne-Dingen, dort nicht. Dort fließt es. Und so lange es fließt, so lange ist alles gut. Und so lange geht es mir gut. Wenn nicht, dann nicht. Dann staut sich der Fluss, dann friert der Fluss ein und dann fängt es in meiner Landschaft, in meinem Körper, über kurz oder lang irgendwo zu schmerzen an. Zuerst ganz leise.

Am besten wäre es also, ich könnte-dürfte-wollte-würde diesen Gerne-Dingen Raum geben, schamlos und ohne schlechtes Gewissen.

Ich weiß, manche der unlieben Dinge sind unumgänglich: Einkaufen (außer ich wäre totale Selbstversorgerin), Steuererklärung ausfüllen (außer ich würde auf dem Mond leben), Rechnungen bezahlen (außer ich würde nichts mehr konsumieren, weder Strom noch Wasser), Fenster putzen (außer es wäre mir egal, wenn die Sonne nicht mehr hineinscheinen kann). Kurz: Sachen halt, die, unerledigt noch lästiger sind als erledigt.

Doch es gibt unliebe Dinge, die eigentlich gar nichts mit mir zu tun haben und sich doch in mir eingenistet haben wie Viren: sich vergleichen mit, sich sorgen um.

Derweil stehen die Gerne-Dinge bereit, hüpfen übermütig, wollen lostanzen; und ich, ich halte sie zurück. Ich muss doch schließlich zuerst noch.

Muss ich wirklich so viel müssen, wie ich zu müssen meine? Müsste ich nicht vielleicht mehr mir zuliebe leben lernen? Die Gerne-Dinge tun?

Ich schweife ab. Die Schmerzen. Die Schulter, die wehe, die nun so langsam meine Lehrerin geworden ist, eine mir eigentlich wohlgesinnte, aber eine, die sich weigert, das Lernziel aus den Augen zu verlieren.

Je länger sie mich fordert – sprich: weh tut –, desto lauter fragt sie mich, ob ich daran glaube, ob ich hoffe, ob ich mir vorstellen kann, dass es je wieder anders werden könnte. Manchmal zweifle ich. Weil ich keine Kraft mehr zu haben glaube, weder zum Hoffen noch zum Vorstellen. Dennoch will ich meine Beweglichkeit zurück und so nicke ich. Meine wehe Schulter fordert mich auf, mich der Dehnung, dem Schmerz darin, zu stellen, mich ihm sogar hinzugeben, ihm zu vertrauen (ja, so habe ich auch geguckt!). Sie fordert mich zu Geduld auf und zu Ausdauer, beides eher nicht so meine Tugenden. Und ja, Zielstrebigkeit – auch diese will sie mir beibringen: Das Ziel heißt in diesem Fall größtmögliche Beweglichkeit der Schulter und des Arms; wie vor dem Vorfall. Das klare Ziel heißt Heilungserfolg. Ich übe. Dehne. Spanne. Drücke. Täglich mehrmals. Allfälliger Kolleteralnutzen könnte sein, dass ich auch in anderen Situationen hinfort ausdauernder, geduldiger, zielstrebiger und beweglicher bin. (Für einmal kein Konjunktiv. Ich will es so. Punkt.)

Ja, klar, ich bin mir bewusst, sehr sogar, dass ich auf einem schmalen Grat wandere, denn nicht alles ist heilbar. Andererseits: Heilung ist eine Tochter von Akzeptanz. Was geworden ist, wurde zuerst als Idee akzeptiert. Erst dann konnte es werden, sich manifestieren, wahr werden. Darum akzeptiere ich also jetzt, so gut es geht, die eingeschränkte Beweglichkeit; und ich imaginiere mir dazu eine bewegliche Schulter, einen wieder wunderbar geschmeidigen Arm.

Nur schon, damit ich hinfort wieder einen Wanderrucksack anziehen kann. Damit wären wir wieder bei meinen Gerne-Dingen, die ich viel mehr tun sollte.