Löcher im Eis und anderes Schreibzöix

Auf dem Heimweg wars, gestern, nach dem Schreibtreffen in Bern. Im Auto. Und diesmal war der Liebste mitgekommen, sein erstes Mal.
Ich hätte Lust, sagte er, die Geschichte von R. mit meinen eigenen Worten zu erzählen. Geschichtencoverer wäre eigentlich ein toller Beruf für mich. Wir spinnen ein wenig darüber, wie sie weitergehen könnte, diese Geschichte, und wie inspirierend doch der Austausch am offenen Herzen eines Textes ist.
Wie immer hat es mich fasziniert, wie unterschiedlich die einzelnen Personen der Schreibgruppe auf die unterschiedlichen mitgebrachten Texte und auf verschiedene Textstellen darin reagiert haben. Während den einen eine Stelle richtig gut gefiel, wünschten sich die andern genau da mehr Dialoge, dort weniger Ausschmückung, an jener Stelle kürzere Sätze und am Schluss diese zwei Wörter weg.
Ich finde es auch immer wieder genial, die verschiedenen Lebens- und Leseerfahrungen, die aus den jeweiligen Rückmeldungen sprechen, zu beobachten.

Mein mitgebrachter Text, ein Ausschnitt aus meinem Romanprojekt Alessa und das Loch im Eis, gefiel mir nicht so richtig. Irgendwie fand ich ihn fad. Nicht schlecht, aber nicht wirklich so, wie er sein könnte. Wie könnte man ihn lebendiger machen, so, dass die Bilder darin noch eindringlicher und fühlbarer würden? Kurz: wie bringe ich ihn von der derzeitigen Rohform zum geschliffenen Stein inklusive aller Kanten, die durchaus sein dürfen, ebenso mit Brüchen da und dort und Einschlüssen.
Jetzt ist eins der Textblätter, die ich gestern mit dabei und den andern vor meiner kurzen Lesung verteilt hatte, vollgekritzelt mit Ideen, Anregungen und Verbesserungsvorschlägen. Danke, Leute, für diese Text-Massage!

Wie andere den Inhalt meines Textes in ihren Worten wohl schreiben würden?

Irgendlink sitzt mit am großen Tisch und schreibt ebenfalls an einem Text. Ich unterbreche ihn mit meiner Frage, wie es wohl wäre, den Plot einer noch ungeschriebenen Kurzgeschichte kurz zu skizzieren und ihn danach verschiedenen Schreibenden zur Ausarbeitung in die Hand zu drücken. Oder, wie seinerzeit bei Hansjörg Schertenleibs Anthologie-Projekt Wiener Walzer*: Nur minimale Vorgaben skizzieren. In diesem Fall waren der Zug, sein Fahrplan von Zürich nach Wien sowie das Zugpersonal. Schließlich versammeln sich zig verschiedene Nachtzug-Geschichten in einem einzigen Buch. Ein Buch, das mir übrigens sehr gut gefallen hat.

Ja, es geht mir um Diversität. Obwohl ich immer wieder der Versuchung erliege, bei Dingen, die ich zu können oder zumindest deren Prozesse ich zu durchschauen glaube, meine Vorgehensweise als die einzig Richtige zu betrachten (ich weiß, das tun viele von uns, was es für mich nicht toller macht). Eigentlich ist es ja genau das, was die Schreibarbeit, den Umgang mit andern Menschen, kurz: das Leben und das Leben, so spannend machen: Dass wir unterschiedliche Lebenserfahrungen auf unterschiedliche Arten sammeln, verarbeiten (oder auch nicht) und irgendwie ausdrücken. Ob nun als Schreibende, als Kunst Malende, als Fotografierende, als Twitternde, im Tagebuch, klagend oder tratschend … Output-Diversität. Alle scheißen ein klein bisschen anders. Und doch irgendwie gleich natürlich, denn wirklich Neues gibt es nicht wirklich. Nur viele Varianten des Immergleichen, immer wieder neue Ideen, sich diesem Immergleichen auszusetzen, sich mit ihm auseinanderzusetzen.

Dennoch finde ich es spanennd, dass ich mit unsern bekannten fünfundzwanzig Buchstaben, mit bekannten und teils neu geschaffenen Wörtern, mit den bekannten Satzzeichen immer wieder andere, zumindest für mich neue Satzkonstruktionen schaffen kann, um dieses Immergleiche ein klein bisschen anders zu beschreiben.

Beseelt von der Frage, wie ich etwas so schreiben kann, dass das Ergebnis nicht nur meiner Intention gerecht wird, sondern auch beim lesenden Menschen eine Resonanz erzeugt, die sowohl meinem Erlebnis so nahe wie möglich kommt als auch die individuellen Erfahrungen der Lesenden wertfrei stehenlässt und nicht überschreibt. Und ja, ich weiß, dass Intention und Wirkung auf die Lesenden zwei Paar Schuhe sind.

Genug der Theorie. Nun sollte ich wohl den Text von gestern auch überarbeiten, solange die Erinnerungen noch warm und meine Kritzeleien im Text noch verständlich sind. 🙂

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* Wiener Walzer. Eine literarische Reise mit dem Nachtzug von Zürich nach Wien, (Hrsg. Hansjörg Schertenleib)
188 Seiten. Fr. 32.90; Nagel & Kimche. Zürich 2008. (mehr …)

Über das Schreiben

Es geht doch nichts über meine Berner Schreibgruppe. Dass wir damals, vor bald sieben Jahren, beschlossen haben, uns regelmäßig zur Textarbeit zu treffen, war etwas vom besten, das ich je mitentschieden habe. Von der Ur-Besetzung sind zwar nur noch S. und ich an Bord, aber egal …

Gestern Abend. Zu fünft sitzen wir im Wartsaal, unserer Lieblingskneipe im Berner Lorrainequartier, und essen etwas Kleines (schreibt man nach etwas groß oder klein weiter? Muss ich mal nachschauen …). Wir tauschen aus, diskutieren angeregt, lachen und scherzen. S., A. und ich setzen uns kurz draußen hin, um A. beim Rauchen Gesellschaft zu leisten.

R. liest seinen Text als erster vor, denn er muss heute früher gehen. Ich mache mir derweil Notizen und Kringel auf meinen Ausdruck seiner Kurzgeschichte. Schließlich ist er fertig und wartet gespannt auf unsere Rückmeldungen. Wir andern verständigen uns mit Blicken. Okay, dann fang ich eben an.

Zuerst sage ich, was mir am Text gut gefallen hat, was er in mir auslöst, wie ich ihn verstehe, um dann auch jene Stellen zu erwähnen, über die ich gestolpert bin oder die ich nicht ganz verstanden habe … Er fragt zurück, um alles richtig zu verstehen. Eine Formulierung, die ich seltsam finde, mag K. besonders gern. Das kommt zum Glück oft vor. Selten sind wir uns über alles einig und das ist hier gut und richtig so. Jeder Text wird, vom Handwerk einmal abgesehen, persönlich und individuell wahrgenommen und wirkt nie auf alle gleich. Für mich ist diese Runde deshalb so unentbehrlich. Sie ist ein Spiegel für meine Texte.

Als zweitletzte teile ich Ausdrucke eines bereits neu geschriebenen Ausschnittes aus Loch im Eis aus. Besonders bin ich auf die Feedbacks von S. und K. gespannt, die meine neue Figur noch nicht kennen, weil sie das letzte Mal nicht dabei waren, als ich das erste Kapitel vorstellte. Sie reagieren positiv, sehen auch schon, wie Alessa tickt und geben Tipps, wie meine Antiheldin noch mehr Profil bekommen könnte. S. stellt fest, dass er bei einem bereits gut geschriebenen, leicht überarbeiteten Text viel mehr ankritzle als bei einem rohen Text. Dort melde er eher gröbere Kanten, die ihm auffallen, zurück, hier jedoch seien es eher kleine, feine Dinge, die ihm auffielen.

Ich bin sehr dankbar über alle diese feinen, wohlwollend-kritischen Schleifspuren, die meine Schreibfreunde an meinem Text hinterlassen. Wie war das doch gleich, vorhin beim Essen? Wir hatten über Kritik und Kritikfähigkeit diskutiert und wie ein Mensch auch dadurch der geworden ist, der er ist, wie er im Laufe des Lebens mit seinen alltäglichen Schleifsteinen umgegangen ist. Solche haben wir alle immer und überall. Angefangen hatte diese hochspannende Diskussion mit der simplen Frage, ob wir jemandem sagen würden, dass er eine feuchte Aussprachen hat. Wem eher, wem gar nicht und wem unbedingt.

Als Schlussbouquet las A. das letzte Kapitel ihres ansonsten noch ungeschriebenen, philosophischen Märchens vor. Ich war hell begeistert, hatte ich den Plot doch das letzte Mal bereits gehört. K. und S. waren sich über die Kernstelle uneinig. S. fand sie unverzichtbar, K. zu stark und zu missverständlich. Ich überlegte, während die beiden diskutierten, wie man die Stelle für beide passend neu schreiben könnte, als ich begriff: Es muss nicht immer zum Kompromiss kommen. Bleib dir treu, A., denn wenn dieser Text schon bei uns solche Emotionen auslösen kann, dann ist der Text auf gutem Weg. Auch Kontroversen dürfen sein. Sollen sogar. Es muss nicht immer alles weichgespült und kantenlos geschliffen werden. Ein Text darf reiben.

Wie wir am Ende des Abends als letzte Gäste unsere Texte wegpacken und die Zeche bezahlen, richte ich liebe Grüße von Irgendlink aus. Erwähne dabei, dass er mir den Tipp gegeben habe, für einmal einen aus einem Buch abgeschriebenen Text mitzubringen. S. fand die Idee super, meinte jedoch, dass wir sicher auch bei einem fertig lektorierten Text Unstimmiges und zu Optimierendes fänden.
Was da manchmal zwischen zwei Buchdeckeln daher kommt …!, seufzt er.

Später auf der Autobahn, die Scheibenwischer auf der schnellsten Stufe, grinse ich wie blöd vor mich hin und bin einfach nur froh. Froh, so tolle Menschen zu kennen, die meine Schreibleidenschaft teilen.