immer weiterschreiben

Eignet sich Schreiben als Betäubungsmittel gegen Schmerz? Eignet sich Lesen als Stimulans*?

Genau genommen gibt es im Leben doch nur zweierlei: Lebenswichtige Notwendigkeiten und Stimulantia*. Doch selbst diese zwei sind eins, denn alles hängt mit allem zusammen.

Ohne atmen, essen, trinken, schlafen und ausscheiden würden wir physisch sterben. Körperpflege klammere ich hier mal aus. Oder ein. Sie ist bereits, wie alles andere, wie alles, was wir außerdem tun, Zugabe, die einzig und allein dazu dient, uns das Leben angenehmer und erträglicher zu machen, unser Lebenszeit zu füllen und uns, dank dieser Handlungen, die Lebensnotwendigkeiten zu ermöglichen. Puffer. Stimulanzia.

Darum bewegen wir uns, darum arbeiten wir an unsern Projekten und darum pflegen wir soziale Kontakte. Diese drei Stimulanzia stehen als Beispiele für grundlegende Stimulanzia. Jegliche Form des Selbstausdrucks – Kunst und Kultur aller Art wie Literatur oder Malerei – ist ebenfalls einzig Stimulans. Um nicht nur physisch zu überleben.

Selbst eine schlichte To-Do-Liste ist bereits ein Stimulans. Und falls es sich dabei um die Einkaufsliste für die lebenswichtigen Lebensmittel handelt, mischen sich hier Notwendigkeit und Stimulans, denn alles hängt zusammen.

Gestern Nacht, vor dem Einschlafen, im Briefsteller von Schischkindie Mützenfalterin hat das Buch hier wunderbar besprochen – schier unerträgliche Kriegsbeschreibungen gelesen.

Weit weniger als die Hälfte aller Menschen auf dieser Erde leben so behaglich wie ich, dachte ich, ins Dunkel starrend. Der größte Teil der Menschen meines Landes lebt luxuriöser als ich.
Je nachdem, in welche Richtung ich schaue, bin ich also reich oder arm.
Je nachdem wie ich denke, könnte ich verzweifeln ob meiner fragilen Lebensperspektiven oder könnte ich vor lauter Freude über den geplanten Neuanfang abheben. Sich selbständig zu machen, ist zwar ein leiser, alter Traum, doch daran kleben noch immer viele Ängste. Kann ich das? Werde ich mich im Wettbewerb behaupten können? Werde ich Aufträge bekommen? Werde ich davon leben können? Vor allem letztere Frage spukt durch meinen Kopf – und dann diese: Was brauche ich zum Leben wirklich? Werde ich von dem, was ich als Selbständige verdienen werde, meine Notwendigkeiten bezahlen können. Das Dach über dem Kopf, die Krankenversicherung und die sprichwörtliche Butter auf dem Brot und werde ich mir auch weiterhin meine Lieblingsatimulantia leisten können, als da wären zum Beispiel Schokolade (weniger die Menge als die Stückgröße der bitteren schwarzen Köstlichkeit, die langsam auf der Zunge zergeht, ist entscheidend) und Bücher?

Eins werde ich hoffentlich immer können: Schreiben. Auch eine Stimulans, natürlich. Und wohl nur eine andere Form von Denken – notwendig und stimulierend.

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* Ich verwende das Wort in Ein- und Mehrzahl hier bewusst losgelöst von seiner pharmazeutischen/medizinischen Bedeutung

Sonne, Mond und andere Fragen

1.)
Vermutlich würde ich noch einmal richtig intensiv leben wollen, sollte der Arzt eines Tages sagt, dass … Vielleicht würde ich mit dem Liebsten eine letzte Reise wagen? Nach Australien-Neuseeland zum Beispiel. Und Schreiben würde ich. Ganz viel. Und ganz still werden. Vielleicht sogar anfangen, das Leben zu lieben, zu genießen. Vielleicht dem Tod, der mich holen will, dankbar sein dafür, dass er mir das Leben doch noch lieb gemacht hat. Ob ich mich dagegen wehren würde? Ob ich versuchen würde, dem Tod zu entkommen? Ich lebe auf diesen einen Moment hin: Endlich möglichst unbeschadet am Ende ankommen, glücklich auf mein Leben zurückschauen, das Lebensbuch zuklappen und sagen: Well done!

Zuweilen beneide ich „Menschen ohne Phantasie“, wie sie Marlen Haushofer in der Wand nennt. Sie müssen nicht über solche Dinge nachdenken.

Gibt es dieses Lied in allen Dingen wirklich, das alles verbindet? Oder ist alles aus purem Zufall entstanden und nichts hat einen tieferen Sinn außer den des Augenblicks, wie das Marlen Haushofer hinter der Wand erkennt und ihre Protagonistin schreiben lässt ? Meine Sehnsucht danach, dass alles eine sinnvolle Ursache hat, ist sehr groß. Ein Leben ohne solche mag ich mir einfach nicht vorstellen. Und tue ich es ab und zu doch, erfüllt mich größte Abscheu dem Leben gegenüber. Alles Tun und Sein wäre vergeblich und würde uns von jeglicher Mitverantwortung für die Welt entbinden.

2.)
Ich lese, also bin ich. Und immer werde ich Teil der Geschichte, die ich lese. Ich identifiziere mich mit Figuren, werde selbst zur Figur, lebe andere Leben als nur meins. Das eigene Leben ist nicht begrenzbar. Alle andern Leben, reale und fiktive (so es diesen Unterschied denn gibt) fließen an mir vorbei und durch mich durch. Wie Jostein Gaarder sinngemäß in Der seltene Vogel schreibt: Jeder einzelne Wassertropfen, der ins Meer fließt, ist nicht nur und nicht länger ein einzelner Tropfen im Meer, er ist das Meer. Und er war immer schon das Meer. Auch.

Ich bin nicht nur Teil des ganzen, ich bin das Ganze. Auch. Selbst im Spektrum aller Kontraste und Dualitäten. Sie sind nur Facetten des Ganzen. Ebenso wie alle Rollen, die wir spielen. Doch jetzt, und jetzt, und jetzt, wo ich diese Gedankenfetzen und Ideen in Sätze umforme, den Formen Namen gebe, zeigen sie sich als Teile. Um anschließend ihre Form wieder zu verlassen und eins zu sein …

All das schreitet durch die Tür meiner Wahrnehmung, zieht dort die Schuhe aus und setzt sich hin. Ich schaue und nehme für wahr. Manchmal bin ich überfordert. Zu viele Eindrücke.

Ich lese Siri Hustvedt. Was ich liebte. In Worte gegossene differenzierte, detaillierte Beobachtungen. Bilder, die auf eigenen Füßen stehen. Einfach nur ihre Worte zu lesen, ist das pure Vergnügen – die Handlung in ihrer Dramatik mal ausgeblendet. Jedes Wort stimmt. Nie schwülstig, nie auf Effekt angelegt. Schlicht, aber nie billig. Zwar eine bewusste Sprache, aber keine raffinierte oder eitle. Authentisch und unexhibitionistisch. Die Sprache transportiert den Inhalt so, dass der Inhalt optimal gesehen werden kann. Die Form stellt den Inhalt dar, Inhalt und Form sind eins.

Dem Ich-Erzähler gelingt es mehrheitlich, sich – obwohl er wesentlicher Teil der ganzen Geschichte ist – auszublenden, die Rolle des Beobachters und Chronisten auszufüllen. Das Ziel, endlich die Geschichte zu erzählen, die erzählt werden soll, stellt er höher, als seine eigene Befindlichkeit, die trotz des Dramas, das er zu verarbeiten hatte, wenig Raum* einnimmt. Dennoch: Kein Roman ist ein objektiver Bericht. Ein Roman erzählt die Sichtweise von Dingen aus einem bestimmten Winkel. Wie der zehnjährige Matt es nach einem Basemallmatch sinngemäß sagt:
Nur schon, wenn ich da statt dort gesessen wäre, hätte ich alles ganz anders erlebt.

(((Lies zwei Zeitungsartikel zum gleichen Thema: In aller vorgeblichen Objektivität wird Subjektivität sichtbar: Wo setzen die verschiedenen AutorInnen ihre Schwerpunkte, wenn die Fakten abgehakt sind? Sind sie kritisch?)))

Schreiben ist das Übersetzen von persönlich gefärbter Wahrnehmung in Buchstaben. Schreiben ist die Wiedergabe von verdautem Geschautem. Ein Schauen, das nicht aufhört sehen zu wollen, was dahinter wirklich ist, was wirkt, was einwirkt, was bewirkt, was ursächlich ist. Und eher was hinter als vor dem Vorhang ist, wirkt bei den Lesenden nach. Wiedererkennen tun wir uns, wenn der Spiegel klar ist. Dann sehen wir mit dem Herzen. Der ganze Farbkreis steht uns zur Verfügung. Alle Farben. Deshalb ist jedes einzelne Bild, das wir mit Worten, Pixeln und Pinseln malen eine Synthese. Ist Ausschnitt und ist alles zugleich. Spezifisch, also alle Details mit der ihnen eigenen Struktur, wiederzugeben, ist die große Kunst jeder Kunst.

Schreiben ist Leben, ist Malen mit allen möglichen Farben und Techniken. Wir arbeiten am sich stetig wandelnden Bild. Dabei lassen wir immer weit mehr weg, als wir sagen und schreiben können. Doch selbst was wir weglassen, ist Teil des Bildes. Des ganzen …

3.)
Sonne und Mond zu sein

Ich lese.
Verdaue Geschriebenes.
Bin Mond.
Reflektiere.
Folge.

Ich schreibe.
Verdaue Wahrgenommenes.
Bin Sonne.
Strahle.
Denke.

Du liest.
Verdaust Geschriebenes.
Bist Mond.
Reflektierst.
Folgst.

Du schreibst.
Verdaust Wahrgenommenes.
Bist Sonne.
Strahlst.
Denkst.

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* EDIT: Vom zweiten Teil des Buches an wird der Autor in seiner Befindlichkeit sichtbarer. Er resümiert frühere Erkenntnisse und überträgt sie auf die Gesamtzusammenhänge und sein Leben.