Über das Weben von Geschichten | F wie Figuren- und G wie Geschichteentwicklung | Mein ABC des Schreibens

Stell dir einen Stück Wolle vor. Direkt vom Schaf. Roh. Ungewaschen. Ungesponnen. Braun. Weiß. Schwarz. Hellbraun. Das Stück Wolle als Gleichnis für dein Leben. Oder für das Leben einer Figur aus einer Geschichte.

Du fühlst, denn du fühlst genau hin!, du fühlst also, dass es an der Wolle noch Wollfett hat. Und Grassamen. Und kleine Ästchen, vielleicht sogar winzige Steinchen. Und Sand. All das ist Teil deines Lebens.

Um aus deiner Lebenswolle eine Geschichte stricken, häkeln oder weben zu können, brauchst du ein Spinnrad. Oder eine Spindel. Ohne spinnen geht nämlich gar nichts. (Außer du willst filzen. Das geht auch ohne zu spinnen.)

Eine Spindel* also. Was der Spinnerin die Spindel, ist übrigens der Schreiberin der Schreibblock. Die Spindel – bestehend aus einem stabförmigen Schaft und einem Spinnwirtel als Schwungmasse – macht nun durch entspanntes, dosiertes Drehen und Ziehen aus einem wilden Stück Rohwolle einen feinen (oder groben) Wollfaden. Fingerspitzengefühl braucht es dabei also schon ein wenig.

Sieh an! Das hier ist dein Lebensfaden. Du kannst ihm eine Farbe geben, wenn du willst. (Manche tun das.) Es ist dein Faden, deine Geschichte. Zwar konntest du das Material nicht selbst aussuchen und auch die Spinnerin nicht, aber ein bisschen kannst du jetzt mitbestimmten, wo dein Faden sich hin- und herschlängelt.

Vielleicht aber steht dieser Faden hier auch für die Geschichte einer Figur. Einer Figur, die du dir für deine Erzählung ausgedacht hast.

Und jetzt, da wir schon so schön dabei sind mit Bildern zu weben, stellen wir uns all die anderen Fäden vor. Andere Lebensgeschichten. Kannst du sie vor dir sehen? Kannst du sie fühlen? Manche Fäden sind glatt, andere eher flauschig, manche weich, andere rauh. Es gibt dicke, zähe, leicht reissbare, fast unsichtbare, glitzernde Fäden. Und es gibt solche, die ganz kurz und andere, die lang sind und auf große Knäuel gewickelt.

Sie fangen irgendwo an, diese Fäden, treffen aufeinnder, verweben sich miteinander, verbinden sich zu Zöpfen. Zu Zopfmuster, Lochmuster, Gewebe, Strickpullover, Häkelarbeit.

Egal wie … Faden liegt an Faden. Faden wickelt sich um Faden. Mal durcheinander und verknotet, mal ganz ordentlich.

Und jetzt willst du also die Geschichte dieses Gezöpfels, das da vor dir liegt, in Worte fassen? Nimm eine Schere. Erzählen erfordert eine scharfe Klinge.

Denn jetzt geht es darum, den Zopf sorgfältig auseinanderzuschneiden. Lege jetzt Fadenstück für Fadenstück hintereinander. So dass sich die Materialien abwechseln. So dass sie eine einzige bunte Spur bilden. Erzählen kann man nämlich immer nur nacheinander, immer nur eine Spur aufs Mal.

Achte gut darauf, kein Fadenstück zu verlieren.

Erzählen bringt es mit sich, dass die Choronologie der Geschichte nicht wirklich eingehalten werden kann, dass wir erzählend durch die Zeit reisen. Gleichzeitiges kann nicht gleichzeitig erzählt werden. Was aber geht, ist von dieser Gleichzeitigkeit zu erzählen. Worte können Fäden hin und her schieben.

Und nun hast du deine Geschichte fertig erzählt. Sieh mal! Jetzt ist der Zopf, der auseinandergeschnittene, wieder zusammengewachsen.

Erzählkunst versus Schere: Die Erzählkunst gewinnt. Immer.

Schere – Stein – Papier? Na, dann erzähl mal!


Das hier ist ein weiterer Teil meiner Serie Mein ABC des Schreibens. Ich teile hier in loser Folge persönliche Schreiberfahrungen  – mehr nicht. Aber auch nicht weniger.


*Wenn du spinnenphobisch sein solltest, bitte nicht Spindelbilder suchmaschinen, alle anderen bitte hier lang für mehrere Spindel-Bilder und hier gibts ein einzelnes Spindel-Bild.

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R wie Rohtext und wie Rückblende | Mein ABC des Schreibens

Hier nun ein weiterer Teil meiner  Serie Mein ABC des Schreibens. Es ist dies eine Sammlung persönlicher Schreiberfahrungen. Im Menü werden die einzelnen Beiträge alphabetisch geordnet angezeigt, so kann ich beim Erstellen der Texte quer durch die Liste springen. 😉

Heute hüpfe ich zum R.

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R wie Rohtext

Ein Rohtext heißt so, weil er tatsächlich noch roh ist wie ein ungekochtes Ei, ungekocht, schwer verdaulich.

Das Schreiben des Rohtextes ist immer(!) der erste Schritt zu einem fertigen Text. Selten können wir einen Text, den wir uns ausgedacht und in die Tasten oder aufs Papier gebracht haben, genauso für eine Artikel, eine Geschichte, deine Dokumentation oder einen Roman verwenden (von absoluten Geistesblitz-Sequenzen und von einzelnen Sätzen, die einfach so sitzen, einmal abgesehen). Ich spreche hier natürlich nicht von kurzen Texten, die wir auf die Schnelle für einen Tweet oder einen kurzen Blogpost raushauen, ich spreche von längeren, komplexeren Texten, die mehr als nur Tagesfliegen sein sollen. Ich spreche von Texten, die publiziert und gelesen werden wollen.

Das Schreiben eines Rohtextes fordert uns viel ab. Dieses Schreiben ist wie die Phase erster Verliebtheit zum Text, den wir in uns tragen, ein Feuer, das in uns brennt, und in diesem Moment, wenn wir ihn niederschreiben, gebären wir unseren Text. Somit ist dieser Schreibprozess eine große kreative und sehr herausfordernde Arbeit. Eine Arbeit, die ohne jegliche Zensur geschehen sollte. Ohne Schere im Kopf. Ohne jemanden, der die einzelnen Kapitel oder Absätze anschaut und dazwischen ruft, das da was fehlt und dort ein Stück zu viel herausragt. Ohne Stimme, die kritisiert.

Mit diesem Rohtext schaffen wir das Skelett eines jeden fertigen Textes. Seine Urform. Er ist der Tonklumpen auf dem Tisch. Bis zur fertigen Geschichte wird dieser Klumpen in aller Regel noch mindestens dreimal überarbeitet.

Das erste (zweite, dritte …) Mal überarbeitet ihn die Autorin* (mit oder ohne Hilfe) selbst – und das heißt nicht in erster Linie nach neuen Synonymen suchen, Fehler finden und Sätze umstellen, das heißt das Skelett mit Fleisch unterfüttern. Nach diesem ersten Überarbeitungsprozess sollte eine Fachperson dazugezogen werden, eine Lektorin*. Auch diese Person sollte sich definitiv nicht nur auf Fehler, sondern auch auf den Erzählstrom und auf mögliche Unstimmigkeiten in der Geschichte einlassen.

Vorhin habe ich folgendes getwittert: »Ich bin übrigens die, die merkt, wenn der Protagonist, der angeblich am Morgen danach wegen der Putzaktion des Tatortreinigungsteams keinen Kaffee mehr im Haus hat, am Abend vorher welchen getrunken hatte.«

Es sind diese kleinen Unstimmigkeiten, die wir im Rohtext getrost übersehen dürfen, die uns aber bei der Überarbeitung, also wenn wir den Text das erste Mal als Ganzes vor uns haben und am Stück lesen, auffallen sollten, uns selbst oder dann spätestens unserer Lektorin*.

Falls das Bisherige noch nicht deutlich genug war: Rohtexte gehören nicht veröffentlicht. Sie sind privat und sollten wirklich nur jenen Menschen gezeigt werden, die mit ihnen umzugehen wissen. Rohtexte sind Sandburgen, rohe Eier, Glashäuser und darum sehr empfindlich gegen Erschütterung und Bruch. Der rohe Schreibprozess ist so gesehen der sensibelste Teil des Schreibens, der auf Störungen und Verunsicherungen anfälligste. Im Rohtext spielt es keine Rolle, ob eine Geschichte genießbar oder zumutbar ist. Das sollte sowieso nie Hauptkriterium fürs Schreiben sein, nicht im Rohtext jedenfalls.

Wichtiger in diesem Schreibstadium ist die Authentizität. Denk beim Schreiben möglichst wenig ans Lesepublikum. Denk daran, die Geschichte so zu erzählen, wie sie erzählt werden will, denn jede Geschichte hat eine ihr eigene Dynamik.

Und vergiss nicht: Eine Geburt muss nicht genießbar sein, eine Geburt ist eine blutige Sache … und Rohtextschreiben ist gebären.

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R wie Rückblende

Alle, die Bücher lesen und/oder Filme schauen, kennen Rückblenden. Sie sind ein sogenanntes Stilmittel, das es den Lesenden ermöglicht, rasch die Zeitebenen zu wechseln. In Filmen wird zuweilen – je nachdem wie weit in der Zeit zurückgeblendet wird – ein Grunge-Filter über die Szene gelegt, damit sichtbar wird, dass wir uns in einer vergangenen Zeit befinden. In Büchern gibt es solche Filter nicht, weshalb wir neben der schlichten Konjugation der Verben auch mit Erzählperspektiven und anderem arbeiten sollten.

Erzählen wir beispielsweise den Hauptstrang unserer Geschichte im Präsens, der Gegenwartsform, wird die Rückblende – je nachdem, wo auf der Zeitachse sie sich ereignet hat – in einer der drei uns zur Verfügung stehenden Vergangenheitsformen erzählt.

Ich verwende in der Regel die ’vollendete Vergangenheit’ (Präteritum) für vollendete Tatsachen. Vorvergangenheit (Plusquamperfekt) und Vorgegenwart (Perfekt) bieten sich je nach Zeitebene als Zwischenetagen an. Nicht ganz einfach, das hier in aller Kürze zu theoretisieren. Außerdem können andere solcherlei Theorie besser erklären (hier zum Beispiel).

Was ich sagen will? Die Erzählebenen sind Stilmittel, die wir gezielt einsetzen können, um unserer Geschichte mehr Dimension zu geben.

Ein weiteres für Rückblenden oft genutztes Stilmittel sind Überschriften mit Orten und/oder Jahreszahlen, die in Titeln vorkommen und den Lesenden zeigen, wo genau wir uns gerade jetzt befinden.

Auch ein veränderter Blickwinkel, aus welchem wir eine bestimmte Stelle erzählen, sagt etwas darüber aus, dass wir uns gerade jetzt in einer vergangenen Zeit befinden, und eignet sich darum als Arbeitsmittel für Rückblenden ausgezeichnet: Wird also normalerweise die Geschichte aus der Perspektive von Figur X und Figur Y im Jetzt erzählt, kommt mit dem Rückblende-Stilmittel namens Blickwinkelwechsel eine weitere Perspektive und/oder Figur ins Spiel. Beispielsweise eine nicht namentlich definierte Figur, die wir nur ’er’ oder ’sie’ nennen. So kann bewusst Spannung aufgebaut werden, da die Lesenden nicht wissen, wer diese Person ist.

In Rückblenden können zudem auch eher faktische Informationen zum Hintergrund, welche die Lesenden auf der Hauptstraße der Geschichte noch nicht erfahren haben, die aber für den Verlauf der Geschichte gut oder gar notwendig zu wissen sind, eingewoben werden.

Kurz gesagt: Rückblenden verleihen einer Geschichte Tiefgang und können – mit Stilmitteln wie Zeitebenen, Perspektive und Zusatz-Informationen – einen Kontext, eine Erzählumgebung schaffen.


*Männer sind natürlich mitgemeint.

A wie Adjektiv | Mein ABC des Schreibens

Das hier ist der erste Teil meiner neuen Serie Mein ABC des Schreibens. Ich teile hier in loser Folge persönliche Schreiberfahrungen  – mehr nicht. Aber auch nicht weniger.

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Adjektive, die sich umgehen lassen, sollten umgangen werden. Das sage ich oft und gern. Adjektive? Na, diese kleinen, netten, süßen, doofen, aufdringlichen, errötenden Wörter, die ein Wort beschreiben.

Insbesondere mag ich persönlich ja die vorhersehbaren, verdoppelnden, allzu oft gehörten nicht. (Außer sie werden als Stilmittel genutzt und natürlich gibt es zu jeder Regel Ausnahmen.) Ich behaupte, dass Adjektive viel zu oft bevormunden und den Leseerlebnishorizont unnötig einschränken. Meinen auf jeden Fall.

Beispiel:
Statt: Er lehnte sich erleichtert zurück.
Vielleicht so: Er lehnte sich zurück, blies die Luft aus den Lungen und dachte, dass er es nicht besser hätte machen können. Jedenfalls nicht heute.

Einerseits ist bereits im erwähnten Sich-zurück-Lehnen eine latente Erleichterung fühlbar, was ein Adjektiv überflüssig macht. Andererseits illustriere ich hier, wie statt mit Adjektiven mit kleinen sinnlichen Sätzchen eine Atmosphäre gezeichnet werden kann, die die Erleichterung der Figur fühlbarer macht als es ein Adjektiv je kann. Außerdem habe ich so die Gelegenheit neue Spuren zu legen und aus der Perspektive der Figur neue Informationen einzubringen.

Ich empfehle, statt mit Adjektiven, die gewünschte Stimmung – wie gesagt aus der Sicht der Figuren – in ergänzenden Sätzen fühl- und sichtbar zu machen. Mit Details für alle fünf Sinne. Auch darf die Leserin neugierig gemacht werden. In obigen Beispiel liegt der Fokus auf dem Wort heute. Die Leserin fragt sich: Was ist denn heute für die Figur so besonders?

Für Adjektive gilt für mich:

    • so wenig wie möglich, so viel wie nötig
    • so unerwartet wie möglich
    • so originell wie möglich

Ganz vermeiden lassen sie sich nicht, aber wenn man sich erst einmal darauf eingelassen hat, sie nicht – wie viel zu oft – als Platzhalter oder Abkürzung für Handlungen zu verwenden, wird das Schreiben herausfordernder.

Und nein, es geht mir nicht um ein krankhaftes Suchen nach möglichst originellen Begriffen, sondern darum, aus der Box zu steigen, sich noch mehr auf die Szene, die erzählt wird, einzulassen und mit sinnlichen Eindrücken die Lesenden zu überraschen, ihnen Wiedererkennungsmomente zu schenken oder aber sie aus vertrauten Lesegewohnheiten herauszuholen und – ganz besonders – sie so in die Geschichte hineinzuholen.

Denn darum geht es letztlich: die Lesenden wollen mit auf die Reise genommen werden und nicht als Zuschauende außen vor gelassen werden.


*Männer sind natürlich mitgemeint.

Mein ABC des Schreibens

In loser Folge ergänze ich mit Blogartikeln folgendes kleines Schreib-ABC und erzähle über meine persönlichen Gedanken und Erfahrungen beim Schreiben & Publizieren.

Tipps oder Wünsche bitte in den Kommentaren oder per Mail.

A wie Adjektiv
B wie Backup
B wie Buchmarkt
C wie Chronologie
D wie Deppenapostroph
D wie Dramaturgie
E wie Erzählperspektive
E wie Epilog
E wie eBook
E wie Écriture automatique
F wie Figurentwicklung
G wie Geschichteentwicklung
G wie Genitiv
H wie Humor
I wie Indieverlage
I wie Inhalt
J wie Journalismus
K wie Klischee
K wie Korrektorat
L wie Lektorat
M wie Mindmapping
M wie Manuskript
N wie Novemberschreiben/Nanowrimo
O wie Orthografie
P wie Phantasie
P wie Prolog
P wie Plotten
Q wie Querverweis/Quellen
R wie Rohtext
R wie Rückblende
S wie Selbstverlag/Selfpublishing
S wie Scrivener/Schreibsoftware
Sch wie Schreiblähmung/Schreibflow
Sch wie Schreibstil/eigene Stimme
T wie Tippfehler
U wie Unterhaltung
Ü wie Überarbeitung
V wie Verlegen/Verlagssuche
W wie Wasser und Wein
X wie Xaver (Figuren und ihre Namen)
Y wie Y-Writer/Linux-Schreibsoftware (siehe S)
Z wie Zurückweisung/Absage
Z wie Zuschussverlage