Geschichten vom Meer | #kursnord

Der Tag fing eigentlich ganz okay an gestern. Na ja, so okay wie es mit Regen eben ist, wenn man im Zelt liegt. Aber gerade weil ich im Zelt lag, war es ja okay, dass es regnete. Denn fast hatten wir es ja ein bisschen vergessen, dieses Regending und nun hatte es uns eben wiedergefunden. So what?

Noch während ich gestern gebloggt hatte, war die Regenfront abgezogen und das Zelt trocknete vor sich hin. Gute Sache, so ein Windchen. Bei meinem kleinen Spaziergang zum WC hatte ich festgestellt, dass die dortigen Duschen für Heißwasser einen Coin oder eine Münze brauchen. Wie gut also, dass wir am Vorabend, bei geschlossener Rezeption, gar nicht erst versucht hatten, heiß duschen zu gehen. In der jetzt geöffneten Rezeption erklärte mir die freundliche Wartin, dass dieses alte von uns benutzte Badhaus nicht mehr oder noch nicht in Betrieb sei. Jedenfalls nur kaltes Wasser und so. Für das neue Duschhaus – am andern Platzende – brauche es eine Chipkarte, die mit soundsovielen Heißwasserminuten aufgeladen sei und die sie am Schluss, wenn wir gehen und die Zeche zahlen, auslese und unsere Duschzeit auf die Zeltplatzrechnung draufschlage. Aha.

So ganz erschließt sich mir ja nicht, dass die Duscherei auf immer mehr Campingplätzen separat berechnet wird. Und überhaupt, ich vermisse die guten alten Campingplätze ohne Schranken, mit Pauschalpreisen, mit ganz normalen kuscheligen Plätzen und Räumen. Diese neue Hypermodernität macht mich nachdenklich. Immer mehr Animation gehört offenbar zum Campingplatzleben, immer mehr Pfannenfertigkeit von Konsumgütern. Wollen das die campenden Leute wirklich? Ist es ’nur‘ die Antwort auf Nachfragen? Was war zuerst? Nehmen wir den Platz hier, ein bisschen südlich von Løkken, wo wir gestern Abend fast zufällig gelandet sind. Denn eigentlich hatten wir ja gestern viel weiter vorankommen wollen. Südlicher nachtlagern. Damit die letzten zweieinhalb Reisetage nicht ganz soooo lange werden. Kilometerfressen, nennen wir das. Daraus war nichts geworden. Aus Gründen. Die mit M anfangen und mit eer aufhören.

Zurück zum aktuellen Zeltplatz. Wie so oft in dieser Jahreszeit war auch diese Rezeption nicht mehr besetzt. Dafür stand da so ein Eincheckautomat. Wie an Flughäfen. Wir klickten uns in einer Mischung von abgestoßen, angezogen und fasziniert durch die Menüs und landeten bei der Zeltplatzkarte, auf der der gewünschte Platz anzuklicken wäre. Doch dazu müssten wir ja den Platz kennen, der sich da riesig – und ich meine: RIESIG! – vor uns ausbreitete.

Wir spazieren los. Überall Wegweiser. Einer zu einem Familienbadehaus. Hm. Sollen wir da in der Nähe …? Vorne war noch ein weiteres Badehaus, ein kleineres, und in der Nähe ein guter Zeltplatz, nicht direkt an der Hauptstraße, der uns gefiel. Nummer 207.

Zurück bei der Rezeption das gleiche Automatenspielchen von vorne. Bloß blöd, dass der Automat außer Platz 137 und Platz 138 nichts konnte. Ich wollte schon klein beigeben und murmelte ‘ist ja egal, kosten tun ja wohl alle gleich viel‘, als ein Mann aus dem Häuschen neben der Rezeption trat und uns zu helfen versprach. Er radebrechte halbwegs gut auf Deutsch mit uns und wollte uns unbedingt einen Platz in der Nähe des neuen ultramodernen Badehauses andrehen. Doch wir blieben hart. 207. Das andere Badehaus war nämlich sehr okay, nicht so groß, überschaubar und den Platz hatten wir persönlich ausgewählt. Also: Platz 207 bitteschön. Zum Glück habe ich meine Campingapp noch nicht vom Handy gelöscht, denn hier ist sie ebenfalls gültig. Wieder bekommen wir Chipkarten für die Dusche, die beim Auschecken ausgelesen werden. Die Rechnung wird auch dann bezahlt. Puh. Geschafft.

Gestern morgen waren wir ziemlich überrascht, wie groß der schnuckelige kleine Campingplatz dann doch war, als wir uns auf dem Weg zur Abwaschküche und zur Dusche aufgemacht hatten. Vorbei an einem Spielplatz mit Hüpfburg.

Auf dem Weg zurück zum Zelt gab es kein Halten mehr. Irgendlink und ich betraten das seltsam gestreifte Ding. Noch nie hatte ich eine Hüpfburg betreten, noch nie diese Lust verspürt, herumzuhüpfen, wie ich sie gerade jetzt erlebte. Tolles Gefühl irgendwie, trampolinartig, raufrunterraufrunter. In einer Pfütze, die die noch zaghafte Sonne noch nicht aufgetunkt hatte, rutschte ich aus und landete ziemlich unsanft, der linke Fuß knickte um und es schmerzte kurz höllisch. Bald ließ er zum Glück nach und ich setzte mich auf eine Schaukel. Solche Spielplätze sollte es definitiv und offiziell auch für Erwachsene geben, dachte ich – wie schon oft. Die Welt sähe besser aus.

Zurück beim Platz packten wir unsere Sachen und fuhren los.

Erstes Ziel: Grenen. Dieser wirklich nördlichste Zipfel des nördlichsten Ortes Dänemarks. Der Punkt, wo sich Kattegat (Norden, Ostsee) und Skagerrak (Süden, Nordsee) begegnen, diese beiden Meeresströmungen aufeinander prallen, sich vereinend. Faszinierender Platz! Die Idee, meinem Bruder, der morgen Geburtstag hat, eine Dose Nordsee mitzubringen, kommt spontan. Gesagt getan, denn die Pfanddosen aus Schweden können wir hier ja eh nicht mehr umtauschen. Macht Spaß, Meer und Sand und Steine und Muscheln in die kleine Öffnung zu quetschen. Zum Abschied lasse ich die Dose ein bisschen von Meer umspülen.

Nach einem längeren barfüßigen Strandspaziergang zum allernördlichsten Punkt des nördlichsten dänischen Zipfels tut mein Fuß so weh, dass ich froh bin über den Shuttleservice zurück zum Parkplatz. Das Passagiergefährt wird von einem Traktor gezogen und wir können uns gerade noch reinquetschen. Eine Schulklasse, ein Haufen vielleicht Vierzehnjähriger, hat heute und hier wohl Klassenfahrt. Spannende Sozialstudie das!, sag ich da nur.

Wir fahren ein Stück weiter südwärts wo eine Wanderdüne einen Leuchtturm verschlungen hat. Vor sechs Jahren war Irgendlink bei seiner Tour um die Nordsee hier gewesen. Nun sieht alles anders aus. Vom Turm ist mehr zu sehen als damals, man kann ihn sogar besteigen. Hier war damals der Fahrradparkplatz, heute ist hier fester Sand. Kaum kann man es sich vorstellen, wie das alles geschehen kann, wo dieser ganze Sand doch so kompakt wirkt. Eine Tafel zeigt an, wo in vierunddreißig Jahren die Sandlinie stehen wird. Das macht Hoffnung, irgendwie, auch für die Menschheit. Was wird sich bis dahin alles verändert haben? Zum Guten? Zum Schlechten? Gesellschaftliche Sandlinien, die Wandlungen verheißen.

Wir picknicken, doch langsam ziehen Regenwolken näher und so spazieren wir zum Auto zurück. Ich bin froh, dass ich mir vor diesem Spaziergang den Fuß eingesalbt und verbunden habe. In den festen Schuhen geht es sich schmerzfreier.

Kaum sind wir im Auto, regnet es. Allerdings nicht sehr lang und nicht sehr fest und bald ist der Himmel wieder hellblau.

Wir kaufen ein und suchen uns einen Campingplatz. Meine Laune ist, wegen der Fußschmerzen und der Gedanken an das baldige Ferienende eher auf Halbmast. Ich bin müde, gereizt und entscheidungsunfreudig. Und nerve mich darüber, dass ich so bin. Der Liebste hält das einfach aus, hält mich aus, hält mich. (Danke!)

Schließlich sind wir, wie gesagt, hier gelandet. Nach dem Essen, die Sonne zeigt sich endlich wieder unverhüllt und es ist abendlich warm, beschließen wir einen kleinen Strandspaziergang. In den Dünen, die wir zuerst durchwandern, stehen wie hingetupft, da und dort Ferienhäuschen. Die meisten an kleinen Sackgässchen, die – wie ich vermute – die Namen der BewohnerInnen tragen.

Endlich am Strand. Ich ziehe Schuhe, Socken und Verband aus, denn die Schmerzen sind deutlich weniger geworden.

Irgendlink erinnert sich daran, wie er damals, mit Ray zusammen, diesen Strandweg entlang gefahren ist. Elf Kilometer Sandpiste. Wir sehen Autos in der Ferne. Die Szene hat etwas Surreales, im Licht der untergehenden Sonne erst recht. Aus Jux markiert Irgendlink mit den Füssen einen Zebrastreifen über die Fahrspuren. Auf dem Rückweg verirren wir uns nur dank Navigationsapp nicht in den vielen kleinen Weglein in den Dünen. Meinem Fuß geht es noch immer gut bis sehr gut. Nur noch ein bisschen geschwollen ist er, aber das wird schon.

Vollmond. Pinker fetter Mond am helllblaugrauen Abendhimmel. Herrlich! Apropos: am Nachmittag war ja Vollmond! Was meine Laune erklären könnte? Und jetzt, jetzt geht es mir auch schon wieder viel besser …

Die Nacht ist heiß und die Hitze im Zelt weckt uns um halb acht. Mit Durchzug, wie jetzt, und von Winden umtost, ist es nun aber sehr gemütlich im Zelt. Kein Vergleich mit einem Hotelzimmer. Sagte ich schon, dass ich gerne zelte?

Collage mit Szenen vom Tag, Meer, Strand, Düne, Leuchtturm.

Vom Kattegat zum Skagerrak | #kursnord

Jetzt aber! Der Regen gibt alles, holt nach, holt auf vielleicht schon bald. Die Erde freut sich, trinkt, saugt auf, während ich diese Zeilen hier schreibe. Wir sitzen im Zelt und nippen an unseren heißen Getränken. Zwischen zwei Regenpausen ist Irgendlink kurz rausgehuscht, um Kaffee und Tee zu holen, desgleichen ich, später, für die Tastaturen. Und nun sitzen wir da. Über uns das schützende Zeltdach. Hat was. Zumal die Aussichten nicht schlecht sind, dass die Regenfront mit ihren Gewittern, die wir gestern und in der Nacht erleben konnten, weiterzieht.

Nach unserer Siesta gestern in der Göteborger Kirche sind wir – in weiser Voraussicht, wie wir später erkannten – auf direktem Weg und trockenen Fußes zurück zum Auto spaziert. Dieses hatten wir bereits in der Spur für die Fähre geparkt und nun stand es in bester Gesellschaft anderer Autos nach uns. Überholt hatte uns niemand, obwohl wir extra so geparkt hatten, dass das kein Problem gewesen wäre. (Das sähe in Deutschland vermutlich ganz anders aus.) Kurz vor der Rückkehr zum Hafen hatten wir unsere letzten hundertfünfzig Kronen in Zimtschnecke (ich), Donuts (er) und zwei Falafel investiert. Ohne schwedisches Bargeld sind wir hierher gekommen, ohne schwedisches Bargeld gehen wir. 

Kaum sitzen wir im Wagen, öffnet sich der Himmel. Fast orkanartig prasselt der Regen gegen die Fensterscheiben, während wir unser leckeres letztes Mahl in Schweden verspeisen. Wir sind noch über eine Stunde zu früh, die Fähre startet um sechzehn Uhr. Schau an, in meinem Goodiesbeutel, den ich mir während unserer ersten Schwedenwoche gekauft hatte, ist doch tatsächlich noch etwas drin. Zum Glück, denn so Lakritzeschnecken versüßen Schwedenabschiede und Wartezeiten doch sehr.

Nächste Szene: Fährenntetris. Mit unglaublicher Präzision dirigieren die Fährmänner unser Auto in die genau richtige Lücke. Ganz und gar unbedeckt allerdings. Was beim aktuellen Wetterchen nicht gerade lustig ist. Halbwegs trocken besteigen wir die Treppen ins Schiffinnere und verirren uns sogar ein wenig, da wir ja die ersten sind und zum ersten Mal auf dieser Fähre; und auch niemandem hinterherwatscheln können. So führen wir allerdings jene, die uns hinterherwatscheln erstmal falsch, Richtung Sonnendeck, wo der Regen uns kalt erwischt. Meine Turnschuhe und Socken sind von den tiefen Pfützen inzwischen nass. Zum Glück hat Irgendlink vorsorglich die Wanderschuhe angezogen. Well done.

Was für ein Kahn! Zum einen riesig – zehn Stockwerke hoch –, zum anderen … nun ja: In allen Räumen und Wänden hängen plappernde Fernseher, die einen wechselnden Mix aus Schwarzweißkino, Werbung, Kinderprogramm und Naturfilmdokus zeigen. Und natürlich auch – wie im Flugzeug – einen Film für Notfälle. Rettungswesten. Rettungsboote. Rettungswege. Ein Spielcasino für große und kleine Kinder darf natürlich nicht fehlen. Auch nicht die Kabinen in den Zwischendecks mit Duschen für die Fernfahrenden von all den Brummis, die mit uns auf der Fähre sind. Dann natürlich Zollfreishop. Kiosk mit Bücherladen. Kinderparadies. Pi Pa und Po hoch neunundvierzig. 

Außer Ruhe, Ruhe gibt es kaum. Gut, dass ich ein wenig Vorrat im Gepäck habe. 

Als der Regen dann doch endlich aufhört, gehen wir aufs Sonnendeck und begrüßen sie, die Sonne, die sich zwar noch immer bedeckt hält, aber doch da und dort hinunterblinzelt. Kalt ist es zum Glück nicht, um die siebzehn Grad oder so.

Zurück in den Aufenthaltsräumen finden wir eine etwas ruhigere Ecke und ich fange einen neuen Krimi zu lesen an; das angefangene Buch mit den schwedischen Kurzkrimis ist gestern abgelaufen. Wie so ein Stück Käse, nur in Geschichten.

Kurz nach sieben Uhr ist Land in Sicht. Wir stehen wieder draußen und sehen den Hafen Frederikhavns näher kommen. 

Und auf einmal sitzen wir im Auto. Und auf einmal rollen wir von der Fähre und auf einmal fahren wir durch Dänemark Richtung Skagen, diesen nördlichsten Zipfel der dänischen Halbinsel. Vom Kattegat in den Skagerrak. 

Da drüben, sagt Irgendlink, dort irgendwo müsste die versinkende Kirche sein – als auch schon ein Wegweiser auftaucht. Sollen wir morgen hin fahren oder heute noch? Ach, komm, ist ja nicht weit. Und schon biegen wir ab und fahren fast an einem Campingplatz vorbei, den wir hier nicht erwartet hatten. Es ist ruhig, so ruhig, dass wir überlegen, hier zu bleiben statt zu jenem Platz zu fahren, auf welchem Irgendlink auf seiner Tour um die Nordsee vor sechs Jahren mit Ray gezeltet hatte. Die Schranke öffnet uns die Platzwartin via Fernbedienung, als Irgendlink die Nummer an der Rezeption anruft. Magiiieee! 

Das schöne Wetter lockt uns nach dem Zeltaufbau zur versandeten Kirche, die sich uns sonnenuntergangsbeleuchtet präsentiert. Ein kleiner Abstecher auf einen kleinen Hügel, der uns einen herrlichen Ausblick auf das Meer beschert. Auf dem Rückweg folgen wir kleinen Wanderwegen und staunen immer wieder über die Schönheit dieser Landschaft. Wanderdünen. Sandig-kiesiger Waldboden, Büsche, Bäume und da: ein Rast- und Abenteuerspielplatz mitten im Wald. Hier möchte man Kind sein!

Zurück kochen wir vor dem Zelt, doch die Mücken werden immer anhänglicher und so essen wir drin. Und schon bald fängt der Regen an. Und die Augenlider werden immer schwerer.

Nachts Gewitter. Keine Stürme bis jetzt, zum Glück. Dafür Regen. Viel Regen. Jetzt scheint sich die Regenfront verabschiedet zu haben.

Wir fahren heute weiter bis an die Nordspitze und dann der Westküste Dänemarks entlang Richtung Süden. Kurs Nord-Süd.

Der Sand in unserer Feriensanduhr rinnt unaufhaltsam durch das Loch. Von mir aus könnten wir gut und gerne noch ein paar Wochen so weiterreisen. Überhaupt: Es fühlt sich an, als wären wir schon seit vielen Monaten unterwegs. Die Zeit, die Zeit …  

Göteborg

Aufnahmen aus Göteborg von unterwegs und in der Kirche als Collage

Die Überfahrt

Verschiedene Aufnahmen von Schiffsdetails, des Meeres, des Landes vor Abfahrt und Ankunft als Collage

Skagen und seine im Sand versunkene Kirche

Collage mit diversen Aufnahmen des versunkenen Kirchturms. Man sieht noch den Teil ab Oberhälfte der Tür

Ein Regenlied | #kursnord

Ich habs ja nicht so mit Kirchen. Dennoch bin ich jetzt froh, dass wir, gerade als der Himmel sich zuerst zögerlich, dann immer heftiger zu öffnen begann, im Gelände der Svenskakyrkan ‚Masthuggskyrkan‘ herumgelungert sind. Wir waren vom Hafen, wo wir das Fährticket gekauft und das Auto geparkt hatten, Richtung Stadtzentrum spaziert, als uns auf einmal rechterhand eine Treppe bergan lockte. Mitten in den Häusern der Stadt ein felsiges Gelände: Das wollten wir uns unbedingt ansehen. Vielleicht ein kleiner Park?, hatte ich gemutmaßt. War es. Ein Kirchpark. Mitten drin eine große ziegelsteinge Kirche.

Als der Regen einsetzte, waren wir froh, dass ihre Türen offen standen. Nix wie rein und Tür zu.

Stille. So umfassend, dass jedes Geräusch und die berühmte Stecknadel lärmen.

Beim ersten Versuch, die Kirche zu verlassen, fing gerade der nächste Regenguss an. Fast hagelartige harte Tropfen prasselten auf uns herab, so dass wir schnell wieder in die Kirche flohen. Blitz und Donner über Göteborg. Selbst durch die dicken Kirchenmauern hören wir das Gewitter.

So sitzen wir also zum zweiten Mal im Pilgergastraum in einem Nebentrakt des Gebäudes. Auf bequemen Polsterstühlen. Danke, Schwedenkirche.

Schon gestern Abend, als wir uns der Stadt genähert hatten, hatte sich der Himmel verschleiert und kurz nachdem wir am Askim Camping Göteborg unser Zelt aufgebaut, gekocht und gegessen hatten, mussten wir vor unseren ersten diesjährigen Schwedenregentropfen ins Zelt flüchten. Es hörte zum Glück bald wieder auf, so dass wir an den wunderbaren Nordseestrand spazieren konnten. Was für unbeschreibliche Stimmungen, die meine Handybilder in der Collage unten nur annähernd wiedergegeben können.

Nach der Dusche waren wir soeben wieder im Zelt, als es erneut heftig zu regnen anfing: Gutes Timing. Regentropfen auf dem Zeltdach als Schlummerlied. Selten schlief ich besser.

Den gestrigen Morgen hatten wir in Örebro verbummelt, sind aber doch noch irgendwie weggekommen. Über die Autobahn und Landstraßen fuhren wir häppchenweise weiter südwestwärts. Vorwärtsprokrastination. Da eine Pause, dort ein Pipihalt und schließlich noch den Vänernsee, unweit von Lidköping, mit meinen Füßen bekannt machen. Die Hitze war gewaltig. Ich bin froh, dass die Nacht Kühlung brachte.

Ein bisschen seltsam ist mir zu Mute. Der Abschied von Schweden – auf unbestimmte Zeit – macht mich traurig. Die bevorstehende Überfahrt nach Frederikshavn, im Nordosten Dänemarks macht mich hibbelig und beides zusammen erzeugt eine Spannung, die ich nicht sehr mag. Darum ist es vielleicht ganz gut, dass wir jetzt hier sind. Diese Ruhe tut gut.

Das Gewitter scheint sich, während ich geschrieben habe, verzogen zu haben.

Ob wir zurück zum Hafen sollen? Oder Weiterbummeln?

Diverse Strandsonnenuntergangsstimmungsbilder als Collage
Diverse Strandsonnenuntergangsstimmungsbilder als Collage

Örebro | #kursnord

Örebro also. Grad recherchiert Irgendlink, dass jenes flächendeckende Kunstevent – Open Art –, das uns vor drei Jahren den Stadtspaziergang durch Örebro so vergoldet hat und im doppelten Sinn zu einem Artwalk hat werden lassen, nur alle zwei Jahre stattfindet. Aha. Das erklärt einiges.

Wir parken in einer Nebenstraße und finden – oh Wunder! – einen Automaten, der Münzen frisst. Wir kaufen uns zwei Stunden Parkzeit. Für vier Kronen. Nicht viel, aber es fühlt sich gut an, so als würden wir damit unsere bisherigen Parkschulden aus Malmö und Uppsala gleich mitbezahlen. Das Ticket sagt, dass wir hier bis Montagmorgen halb neun stehenbleiben dürfen. Oh, Wochenende ist gratis? Steht das irgendwo? Oder weiß man das hier einfach? Egal. 40 Cent tun nicht weh.

Schwedischer Parkautomat

Die Suche nach allgegenwärtiger Kunst – Open Art – wie letztes Mal, vor drei Jahren, fällt also, wie gesagt, flach. Egal. Die Stadt ist auch so faszinierend. Ein kunterbuntes Getümmel. Von oben, auf dem großen Pilz – einem Aussichtsturm in Nordosten der Stadt, wo wir uns einen ersten Überblick verschafft hatten – war alles so weit weg gewesen. Nun stecken wir auf einmal mittendrin. Samstagsnachmittagfreizeitmenschsein ‘in da City‘. Handy und Kamera im Anschlag nähern wir uns dem Schloss.

Junggesellinnen und Junggesellen geben sich heute allüberall den Abschied aus dem alten Leben. Und – zack! – beim Schloss reichen sich nun auch die Bräute den Stab weiter. Vorne rein, hinten raus. Örebros Schloss scheint das Las Vegas Schwedens zu sein. So viele Hochzeitspaare habe ich echt noch nie aufs Mal gesehen. Und da drüben – wir haben uns auf eine schattige Bank gesetzt – wird ein Junggeselle mit einer Fußballelf auf dem Rücken sogar in den Bach gestürzt. Seine ernüchternde Taufe ins neue Leben? Sollten wir eines Tages je heiraten, machen wir bei sowas nicht mit!, schwören wir uns.

Auf dem Weg zurück zum Auto verirren wir uns. So viele Straßen, Sträßchen, Gassen und Gässchen aber auch! Und so viele Fotosujets. Fast bin ich überfordert von all diesem vielen Sehen. Dazu die Hitze.

Auf dem Zeltplatz zurück stellen wir fest, dass unser Zelt, das wir – wie vor drei Jahren – auf einem Hügel im Schatten von Kiefern aufgebaut hatten, nun doch Sonne abbekommen hat. Heiß ist es selbst hier und müssten wir nicht noch einkaufen, hätte ich mich einfach ein bisschen ins Zelt gelegt und ein Nickerchen gemacht.

Irgendlink erinnert sich ans Coop, ganz nah beim Campingplatz. Da hinten. Hinter den neuen Häusern, zeigt er vage Richtung Süden. Wir schlüpfen durch den Hinterausgang und spazieren durch die neue Siedlung. Nett sieht sie aus, schön gebaut. Modern. Steril noch irgendwie und mit wenig Grün. Einige Wohnungen sind bereits bewohnt. Wie es sich wohl lebt in so einem Neubaugebiet? Niemand nativ. Alle wurzellos, sinniere ich vor mich hin. Ohne Quartiertraditionen. Alles möglich, alles neu. Chancen zum einen, große Herausforderung zum andern. Sich neu erfinden zu können klingt möglich, ist aber durch die gesellschaftlichen Vorgaben wohl doch eher eine Illusion.

An Baustellen vorbei, auf Holperpfaden, finden wir den Eingang des Megaeinkaufszentrums. Diesmal zahlen wir mit Bargeld, weil wir ja morgen schon Schweden verlassen werden. Mit schweren Taschen – ein paar leckere Geschenke mit im Gepäck – ächzen wir zurück.

Kleine Siesta. Es ist sieben. Spaßbad ja oder nein? Vor drei Jahren war der Eintritt noch im Campingplatzpreis inbegriffen. Diesmal ist es nur noch der Eintritt ins Außen- und Innenschwimmbad. Die Lost City-Rutschen, auf die sich Irgendlink so gefreut hat, kosten jetzt zusätzlich. Hm.

Dennoch spazieren wir hinüber und schwimmen ein paar Runden im Inbegriffen-Bereich. Sich ins Spaßbad reinmogeln ist nicht möglich, weil wir elektronische Armbänder tragen, die manche Türen öffnen, manche nicht. Weil aber die Verbindungstür zwischen Schwimmbecken und Spaßbad zufällig offen steht, gönnt sich Irgendlink dann doch einmal Rutschen. Doch schon werden wir auf die Schließzeiten aufmerksam gemacht.

Nach dem leckeren Abendessen – es ist kühl geworden – ziehen wir uns in die eigenen fünf Zeltwände zurück, wo ich bei meinen Recherchen entdecke, dass wir uns   morgen auch ab Göteborg rüber nach Dänemark verschiffen lassen könne statt ab Varberg. Was einige Pluspunkte hat: Ich mag Göteborg, es ist ab hier weniger weit zu fahren und der dänische Zielhafen – Frederikshavn – liegt zudem auch näher bei Dänemarks nördlichstem Punkt – Skagen –, den mir Irgendlink zeigen und sich auch selbst nochmals anschauen möchte. Hier radelte er vor sieben Jahren, als er die Nordsee umfuhr, vorbei. Lange her.

Die Nacht ist weniger laut als wir befürchteten. Die samstagfeierabendlichen Stimmen im nahen Wohnquartier verklingen und auch die nahe Straße brummt erträglich laut.

Jetzt sitzen wir an der noch sanften Morgensonne vor dem Zelt und hacken vor uns hin. Ich mag das.

Diverse Szenen aus Örebro (Fassaden, Objekte etc.) zu einer Collage zusammengestellt