Sich für sich selbst wehren

Mich für die Ungerechtigkeiten, die anderen geschehen, einzusetzen, ist mir nie schwer gefallen. Ungerechtigkeiten beim Namen zu nennen auch nicht. Aber mich für mich selbst stark machen ist neu für mich.

Ein Telefonanbieter, bei dem ich bereits ein Mini-Angebot für günstigeres Telefonieren zugebucht hatte, unterbreitete mir vor einem halben Jahr ein Rundum-glücklich-Paket, dem ich nicht widerstehen konnte.

Ja – nein – Jein ***

Was ich allerdings nicht wusste, weil es elegant verschwiegen und auf meine Nachfrage nur ausweichend und irreführend beantwortet wurde: Mein vorheriger Anbieter wird nicht einfach ausbezahlt, sondern läuft – wenn ich nicht kündige – weiter. Gut, darauf hätte man selbst kommen können, doch, wie gesagt, wurde auf meine Nachfrage ausweichend und irreführend geantwortet.

Nun denn, ich will hier niemanden mit detaillierten Infos langweilen …

Als schließlich die ersten Rechnungen – parallel, also auch vom alten Anbieter – eintrafen, in einer Zeit außerdem, wo mein Konto gefährlich nah am Gefrierpunkt war, regte sich Wut in mir. Das ist ungerecht! Ich werde ungerecht behandelt. Das lasse ich nicht mit mir machen.

Gut so. Ob ich schlussendlich gewinnen werde, weiß ich nicht, ich habe jedenfalls – trotz Androhung einer Sperre für heute – noch immer Internet. Gutes Zeichen. Mit Mails und eingeschriebenen Briefen mit dem Mailbrief drin – die Mails immer auch an KonsumentInnenschutz-Organen und Ombusstellen – habe ich mich detailreich gewehrt. Immer wieder wurde mir aus Kulanz eine kleine Gutschrift gewährt. Mal schauen.

Nein, es geht echt nicht nur ums Geld. Es geht darum, dass man mich nicht verarschen darf. Nicht einfach so. Nenn es Selbstlliebe.

Auch bei den Flugbuchungen neulich wurde ich mit unlauteren Mitteln (unklare Informationen) über den Tisch gezogen. Statt einer kurzfristigen Reiseversicherung für wenig Geld sitze ich nun auf einer Jahresversicherung für sechzig Euronen. Dankeschön.

Sich wehren oder schweigen? Wie haltet ihr es? Was tut ihr, wenn ihr ungerecht behandelt werdet?

Viele AnbieterInnen machen ihr großes Geld mit all den Menschen, die keine Lust und keine Zeit haben, sich zu wehren. Nicht für sich, nicht mittel- und langfristig für andere. Es ist viel bequemer und ich gestehe, dass ich auch nicht immer so kämpferisch war. Nicht immer die Kraft dazu hatte, vielmehr.

Wie auch immer: Selbst wenn dies alles – das Leben und der ganze materielle Klumbatsch –, was mir oft genug wie ein riesiges Theater vorkommt und eines Tages, wenn der letzte Vorhang fällt, alles (hoffentlich) gut sein wird, will ich doch heute und hier dafür sorgen, dass mein Leben und das meiner Mitmenschen, ein bisschen fairer wird.

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*** Das Bild ist eine Hommage an den Künstler Walter Neiger und sein Bild oui-non ( → hier klicken)

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Von A bis Z

Es ist halb sieben abends, als ich endlich loskomme. Im Auto Kram für fünf Tage. Auch Arbeitszöix. Laptop und Kunst und so. Ich fahre los. Der Tank ist fast voll. Der Verkehr moderat. Alles gut. Und auch die Rush hour, dieser tägliche Wahnsinn, für heute fast vorüber. Ich fädle mich in den Verkehr ein, höre Kristofer Åström beim Singen zu und lasse meinen Gedanken von der Leine.

Viel zu schnell bewegt sich ein Auto, denke ich bald, viel zu schnell für einen Menschen, viel zu schnell für eine Seele. Und zugleich kann es mir nicht schnell genug gehen, bis ich endlich dort bin, wo ich hin will. Zum Liebsten aufs einsame Gehöft. Paradox.

Menschen!, denke ich, Menschen – alles machen wir kaputt. Wir scheißen unserer Mutter in den Bauch, bloggte Glumm neulich, die Gräfin zitierend.*

Was ist das Schlimmste, was wir tun?, frage ich mich. Das Schlimmste? Krieg natürlich. Immer diese Powergames. Immer dieses Mehr-wollen, dieses Nicht-genug-bekommen, dieses Besser-sein-müssen-sollen-wollen … Wie ich mich vom einen Gedanken zum nächsten hangle, ist es mir wie beim Zoomen zumute. Zuerst Weitwinkel. Nun Zoom. Nun mich im Visier. Nicht verurteilend, einfach nur betrachtend.

Krieg fängt im Kleinen an!, predigte unsere Mutter immer. Frieden auch, sage ich. Stimmt ja auch. Frieden mit mir selbst? Ja, auch der. Ich schäle Schicht um Schicht – schon bald Basel, der Regen hat zum Glück aufgehört – und schaue mir bei der Häutung zu. Immer kommt noch was neues untendrunter zum Vorschein.

Unsere Unzufriedenheit  – ist sie nicht in erster Linie die Unzufriedenheit mit uns selbst. Weil wir nicht wirklich handeln, wie wir wollen. Weil wir nicht wirklich sind, wer wir sind. Weil …oh,  nun köchelt meine Gedankensuppe. Grenzübergang nach Frankreich soeben passiert. Die Suppe dickt ein. Die Essenz kommt zum Vorschein. Ihr Name ist Inkonsquenz. Darum, begreife ich, darum sind wir mit uns nicht im Frieden. Mit uns nicht. Mit der Welt nicht. Banal? Gut möglich. Mir egal, denn in mir drin habe ich diese Erkenntnis, die ja nun wirklich nicht neu ist, bisher nie so ganz mit allen Sinnen begriffen. Der Kopf reicht eben nicht um zu verstehen. Nicht ganz. Er ist nur ein Teil und selbst mein aktuelles Verstehen ist immer nur ein Anfang.

Immer weiter. Da vorne muss ich abzweigen, wenn ich nicht in Mulhouse landen will. Richtung Strasbourg.
Hey, was willst du denn? Blink doch, wenn du auf meine Spur willst, du Depp! Ich kann schließlich nicht Gedanken lesen? Puh. Wo war ich gleich?

Verstehen? Ähm, nein, Stopp! Inkonsequenz war das Stichwort. Gut. Also weiter. Was kann ich also tun, um meiner Inkonsequenz zu begegnen und wo bin ich selbst inkosequent – ganz konkret? Auto- statt Zugfahren, ja, das ist schon mal ein Thema. Als Grüne sollte ich doch eigentlich … Ja, aber die Reise zum Liebsten dauert mit dem Zug doch fast doppelt so lang und ist außerdem doppelt so teuer und überhaupt! Schon geht’s los. Die zwei Herzen in meiner Brust. Sie sind es, die sich nicht einig sind und mich zu all meinen inkonsequenten Taten verführen.

Baustelle bei Colmar. Schmalspur. Die Straße wird saniert. Wurde aber auch Zeit! versus Och, war das wirklich nötig?

Also, schön langsam, immer der Reihe nach. Die zwei Stimmen. Ja, ihr Gezänk macht mich oft sehr unzufrieden. Und Unzufriedenheit schürt bekanntlich neue Unzufriedenheit, wenn sie nicht gelöst wird. Meine Gedanken mäandern, ohne dass ich ihnen immer so genau beim Plappern zuhöre. Kurz vor Strasbourg merke ich auf, als es in der wilden Diskussion auf einmal um fehlende Selbstliebe als Ursache allen Übels geht.
Ja, genau!, werfe ich ein. Das ist der Punkt, um den sich alles dreht. Denn wenn ich mir mit Selbstliebe begegne, umfassend, umfassender, am allerumfassendsten, kann ich mir meine Inkonsequenz und alles, was daran klebt, jederzeit verzeihen – statt mich mit meiner Unfähigkeit fertig zu machen. Das eine nimmt mir Energie, das andere gibt mir welche. Und wenn ich mehr Energie zur Verfügung habe, kann ich auch konkrete Schritte tun, konsequenter zu handeln, zu denken, zu sein. Denn eigentlich-eigentlich-eigentlich möchte ich ja schon, aber eben …

Bei Haguenau verlasse ich die Autobahn und fädle mich nach zwei Kreisvortritten auf die Überlandstraße nach Norden, Richtung Bitche, ein. Bald da. Nur noch etwa siebzig Kilometer.

Die Sonne verabschiedet sich. Wunderbare Stimmung. Und eigentlich-eigentlich-eigentlich ist es ja schön, das Leben, aber eben …

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* “Weißt du, was Naturzerstörung ist, Joe? Naturzerstörung ist nichts anderes, als der eigenen Mutter in den Bauch zu scheißen.”