Was Selbstoptimierung, Norm und Natur miteinander zu tun haben

Wann haben wir eigentlich aufgehört, zu wissen und zu spüren, was wir brauchen? Und wann haben wir aufgehört, uns selbst zu vertrauen, uns selbst zuzutrauen, dass wir wissen und spüren, was wir brauchen? (Im Kollektiv ebenso wie als einzelne.)

Ach, und wenn wir schon dabei sind: wann hat Natürlichkeit eigentlich aufgehört normal zu sein? Und seit wann sind natürlich und normal eigentlich keine Synonyme mehr? Wann ist die Norm zur Fiktion geworden, ideell, über(ge)zogen und je länger je unerreichbarer? Normieren als das Herumradieren an unscharfen und krummen Menschenlebenrändern und -kanten, mit dem Ziel einen erstrebenswerten, aber unerreichbaren Standard vom richtigen Menschsein zu schaffen (vom idealen Menschen ist es nicht weit zur idealen Rasse). Stichwort Selbstoptimierung. Stichwort Unzufriedenheit.

Unzufriedene Menschen sind leichter handzuhaben.

Dabei war am Anfang alles Natur. Sogar der Mensch. Alles war natürlich, hing zusammen, war voneinander abhängig. DAS war normal. DAS war natürlich.

Ich behaupte, dass das noch immer so ist mit dem Natürlichsein. Wir alle sehnen uns – wenn auch oft in einem winzigen verborgenen Winkel in uns drin – nach Natur. Natürlich sollte diese Natur aber möglichst überschaubar sein, zahm, schön und vor allem ungefährlich und kontrollierbar. Ja, wir wollen sie, aber dann doch nicht bedingungslos; wir wollen sie ohne dafür Abstriche machen und auf den gewohnten Luxus verzichten zu müssen.

Was ist heute denn noch normal und wie können wir leben? Wann haben wir aufgehört, uns selbst zu vertrauen, uns selbst zuzutrauen, dass wir wissen und spüren, was wir brauchen? Stattdessen fragen wir andere. Wir fragen die Influencer*innen, Gurus, Coaches, Medien, Gött*innen und die Werbung, wie wir leben sollen. Viele Antworten. Viel Verwirrung. Kopfverschmutzung. Umweltverschmutzung*. Von allem zu viel.

Außer von Klarheit und anderen wichtigen Dingen wie Selbstvertrauen und so weiter.

Mich nervt es zunehmend, dass alles, was der Mensch tut und denkt oder auch nicht tut und nicht denkt, einer Performance, einer Inszenierung zu bedürfen scheint. Außer jene wichtigen Dinge wie Klarheit und Konsorten, die verstecken sich. (So allerdings nähren sie unterschwellig unsere Sehnsucht.)

Nun gut, wahrscheinlich dienten die sozialen Netzwerke von Anfang an schon der Selbstdarstellung, und wahrscheinlich war das sogar von Anbeginn der Menschheit an so mit der Selbstdarstellung und vielleicht – wahrscheinlich sogar – steht hier irgendwo die Wiege der Kunst, die ja unter andrem Ausdruck von Suche ist, Gussform für Sehnsucht, Gefäss für Lebenshunger. Doch heute sind wir so viele und heute haben wir so viele Möglichkeiten und Werkzeuge, unsere Inszenierungen – immer noch perfekter – zu performen. Und heute haben wir dieses unendlich große Internet.

Ja, ich finde es – ohne Frage – gut, eigene Geschichten und eigene Erfahrungen zu teilen. Und ich bin froh um die Möglichkeiten. Sehr sogar. Aber mich befremdet und verstört es, wie zunehmend um alles herum eine Inszenierung geschaffen wird. Die Selbstdarstellungsmöglichkeiten werden, wie gesagt, immer professioneller, der Druck steigt, der Vergleich ebenfalls. Angefangen beim Selfie durchdringt die Selbstinszenierung inzwischen alle Lebensbereiche:
Da werden erlebte Erfolge perfekt performt, der perfekte Körper/die perfekte Figur zelebriert, die perfekten Ferien in Szene gesetzt. Und ja, zuweilen werden auch Krankheiten performt, das Scheitern, eine Lebenskrise …

Und hier komme ich zum kleinen feinen Unterschied, diesem Unterschied zwischen natürlichem Erzählen und Teilen von tollen oder tragischen Erfahrungen und eben der Inszenierung eines Erlebnisses, Ereignisses, Momentes. So sehr ich natürliches Teilen von Erlebnissen mag, so sehr gruselt mir vor all den Inszenierungen, von denen wir virtuell überschwemmt werden.

Inszenierung ist für mich eine Art Überzeichnung von Erlebnissen, ein Aufblähen von Emotionen mit der Botschaft ’Seht her, was ich für tolle (oder für tragische) Gefühle habe!’ und ’Seht her, wie toll ich bin!’. Und es heißt für mich auch, sich und das, was man zeigen will, nicht einfach so, wie es ist, zu zeigen, sondern es eben in Szene zu setzen, es und sich selbst richtig auszuleuchten, ins richtige Licht zu stellen, die richtige Pose einzunehmen, die richtigen Ausschnitte zu wählen und –besonders wichtig! –, das, was stört, auszublenden.

So liefern wir uns selbst und unserm Publikum unsere ganz persönliche Scheinwelt. Wir füttern Illusionen, wie es bis dahin das Privileg der Film- und Literaturwelt gewesen war. Wir verarschen uns selbst und die andern gleich mit, denn Inszenierung ist eine Form von Selbstzensur.** Oder was ist es anderes als Selbstzensur und Selbstbeschneidung, wenn wir uns immer nur von unseren besten Seiten zeigen dürfen, zeigen zu müssen meinen? Na ja, immerhin bekommen wir viele viele Likes für unsere Mühe. Für unsern selbstgestrickten Selbstoptimierungswahnsinn. Und das ist doch die Mühe wert, oder?

Obwohl dahinter, so vermute ich, die tiefe und sehr menschliche Sehnsucht, umfassend gesehen und umfassend geliebt zu werden, steht, kann doch genau das auf diesem Weg nicht passieren. Wir beschneiden uns als Ganzes. All das andere an uns und in uns, was auch gesehen und geliebt werden will, haben wir schließlich ausgeblendet.

So zementieren wir das Bild eines perfekten, jederzeit verfügbaren, fitten und flexiblen Menschen, der jederzeit alles schaffen kann (wenn er nur genug will) und so geben wir, weil wir bei diesem Theater mitmachen, der (Selbst-)Ausbeutung Vorschub. Damit dient Selbstoptimierung schlussendlich weniger uns selbst als unseren Arbeitsgeber*innen.

Aber vielleicht ist es ja doch noch nicht zu spät, wieder zu lernen, uns und unserer Natur zu vertrauen und uns zuzutrauen, zu wissen und zu spüren, was wir wirklich brauchen.


*Ist es eigentlich ein Zeichen von Selbsthass oder eher von hochmütiger Egozentrik, die Natur und andere Mitmenschen zu zerstören und zu hassen?

**Mit den Buchstaben des Wortes Inszenierung lässt sich übrigens Zensur schreiben: NEIG IN ZENSUR. Alles klar?!

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