Verständnis

Drei rotbemützte Bäume
Drei rotbemützte Bäume, verfremdet

Ich verstehe, warum wir uns Halstücher und Mützen anziehen. Krawatten werden mir wohl immer ein Rätsel bleiben.
Ich mag Barfußgehen auf der Erde und durch nasses Gras. Gehen in Stöckelschuhen tut mir nur schon beim Zuschauen weh.
Ich verstehe mich auf Schönheit und Ästethik. Nicht auf Effekthascherei.
Ich kann Stimmungen hinter der Schminke lesen. Von Maskeraden und Make-Up verstehe ich nichts.
Ich verstehe etwas von der Sprache der Liebe. Nichts aber von jener der Image- und Machtsymbole.
Ich erkenne, wenn jemand Hilfe braucht. Von Intrigen und Powergames habe ich keine Ahnung.
Ich liebe es, spontane Geschenke zu machen, aber mit Schenken-auf-Befehl kann man mich weit weg jagen.
Ich verstehe etwas von Gefühlen, mit dem Missbrauch derselben bin ich allerdings immer wieder überfordert.
Ich mag es, mir eine eigene Meinung zu bilden, sie aber als die einzig richtige zu betrachten, geht mir gegen den Strich.
Ich freue mich über Rückmeldungen für mein Tun. Auf Lob zu warten mag ich dennoch nicht.
Ich mag es, Herzblut und Zeit an Freundinnen und Freunden zu verschenken. Mich aber von Menschen ausnutzen und klein machen zu lassen ist überflüssige Kraft- und Zeitverschwendung.
Ich echauffiere mich immer mal wieder über Dinge, die andere tun oder lassen. Hasskommentare und Hassaktionen* gehen dennoch absolut nicht.
Ich verhalte mich solidarisch. Ausgrenzung und Ausbeutung toleriere ich nicht.
Ich stehe für Würde. Sie ist weder freiwillig noch ein Konjunktiv, sondern ein Menschenrecht.


*Bitte Petition unterzeichnen: Effektiver Opferschutz von Betroffenen der Onlinekriminalität
Danke im Namen der Betroffenen.

Leere und so.

Inspiriert von Ulli, die gestern über die Leerheit bloggte, habe ich mich auf die Findung nach einem uralten Text gemacht. Geschrieben vor siebzehn Jahren, in Zürich. In einem anderen Leben.

Hier ist er.

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jetzt

hier fülle
da leere
beschenkt erfüllt vollgestopft überhäuft
ausgesogen beraubt befreit ausgeleert
negativ
positiv
bewerten
gegen teil
mitte
gleich gewicht
gerechtigkeit
extreme
kontraste
das eine nicht existent
ohne das andere
die summe aller zahlen ist null
ist alles ist nichts
illusion
nur das jetzt ist wirk lich
was war: illusion
was sein wird: erinnerung
hoffnung
gegenwart der punkt auf meiner unendlichen
gerade
der kreuzpunkt
aller unendlichen geraden ist jetzt
jeder punkt ein kreuzpunkt jeden lebens
unendlich
unfassbar
nur das jetzt ist wirk lich
jetzt be wirke
ich
mein leben
bringe es in die mitte
meine mitte
die universelle mitte
da ist liebe zu
mir
dir
allem sein
der punkt
die quelle
die mitte
keine illusion
wirk lich keit
die liebe
dort
nein
hier
bin
ich

4/98

einfach schreiben

Schreiben ist nicht einfach schreiben.
Malen ist nicht einfach malen.
Ist nicht einfach Buchstaben oder Farben mischen.
Ist nicht einfach beliebig auftragen.

Vielfach ist es …
vielerlei …

Ist hinsehen, ist hinhören, ist hinfühlen.
Ist wahrnehmen, ist filtern, ist abbilden, Und ja, ist auch verfremden.
Ist bewerten (immer. Auch wenn wir das nicht wollen). Ist Stellung beziehen (bin ich Beobachterin, Beteiligte?) Ist betroffen sein. Ist Zähne zeigen und Krallen (manchmal). Ist lachen (manchmal). Ist verarbeiten.

Ist die eigene Sprache finden (eine, die niemand so spricht. Eine auch, die niemand genau so versteht. Mein Gelb ist anders als deins). Ist übersetzen.

Ist auflösen …

Ist ankommen und weitergehen …

Jetzt

Beschenkt und erfüllt oder befreit und ausgeleert. Nennt sich Fülle und Leere.
Ausgesogen und beraubt oder vollgestopft und überhäuft. Nennt sich Leere und Fülle. Dito.
Wir bewerten Gegenteiliges. Mitte auch, und Gleichgewicht. Gerechtigkeit.
Wir beurteilen Extreme, Kontraste, Berührungen, Abstoßendes.
Ist nicht eins nur ohne das andere und die Summe aller Zahlen null?
Alles. Nichts.
Illusion nur.
Was war. Was sein wird.
Gegenwart als Punkt auf meiner schiefen
Gerade. Ist der Kreuzpunkt. Wie
jeder Punkt ein Kreuzpunkt jeden Lebens
sei. Und null. Immer nur null. Und Jetzt. Ist. Wirklich. Ist. Ganz.

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Quelle: Privates Archiv. Orignial aus dem Jahre 1998, nachbearbeitet und gekürzt.