Im Klangbad

Ich bade in Musik.
Ich tauche ein in die Klänge, die von da unten auf der Bühne zu uns hinauffließen. Zu uns, die wir im zweiten Stock einen gemütlichen Platz gefunden haben.

Für einmal sind wir ganz oben, denn unten ist es schon ziemlich voll. Wir sind ein bisschen spät in der Mühle Hunziken angekommen, um dem italienischen Cantautore Mimmo Locasciulli* und dem Berner Rockmusiker Büne Huber zu lauschen. Ein bisschen spät sind wir schon in Bern losgefahren, wo wir uns mit den lieben Leuten der früheren Schreibgruppe getroffen haben.

Spät, aber nicht zu spät. Und dieser Blick von ganz oben hat echt was. Der Klang ist womöglich noch einen Tick ausgewogener als da unten. Übersichtlicher. Außerdem kann man sich hier oben freier bewegen als im Getümmel da unten. Altersweisheit. Und wir können uns hinsetzen und aufstehen ganz wie es uns beliebt. Selten habe ich ein Konzert so entspannt genießen können.

Ich schließe schon bald die Augen und lasse die Musik ein.

Sie setzt sich über die Haut, über meine Schranken aus Fleisch und Blut, hinweg, ergießt sich in meine Innenräume und tränkt mein Herz.
Sie überflutet den Tinnitus und durchdringt sogar die Denkschranken.

Ich bin
ich bin Musik
ich löse mich auf
in Farben
in Klänge
in Schwingungen
jeder Akkord entsteht genau jetzt
löst sich auf und
verbindet sich jetzt
und jetzt
verbinden sich Töne
verbünden sich Klänge
verschiedene Tonhöhen
Klänge aus verschieden Instrumenten
verschiedenen Farbschichten gleich
legen sich übereinander
mal Harmonie
mal Disharmonie
immer Gleichgewicht
fragil zwar
aber da
freundschaftliches Lachen zwischen den Menschen an den
Tasten
Saiten
Fellen
ich bin ein Teil dieses Resonanzkörpers
ich bin da
ich bin ganz
ich bin ganz da

Mimmo Locasciulli am Flügel, die Band in Action.


Berlin # 3 – Zu spät ist man immer rechtzeitig oder der geheime Keller

Nach einem zweiten inspirierenden Stadtspaziergang – diesmal zum Holocaust-Denkmal und von da aus zum Brandenburger Tor (wo ein großer Rummelplatz meine Sinne überflutet und nervt) und von da durch den Tiergarten zur Siegessäule – kommen wir erschöpft und verschwitzt in unserer Residenz an. Da wir die Tageskarte für alle öffentlichen Verkehrsmittel Berlins bewusst auch im Hinblick auf das geplante Konzert in Neukölln gekauft haben, müssen wir uns erstmal ein wenig erholen, um dem Berliner Nachtleben gewachsen zu sein.

Kurz vor neun Uhr, ausgeschlafen und frischgestärkt, fahren wir mit U- und Ring-Bahn an die Herrmannstraße, um uns von dort auf die Suche zu machen. Dass wir uns zeitgleich wie unsere New Yorker Freunde in Berlin aufhalten, ist Zufall, da wir unsern Besuch bei Frau Freihändig ja hatten verschieben müssen. Robert L. Pepper, Teil der New Yorker Band P.A.S., haben wir vor anderthalb Jahren bei einem kulturellen Anlass auf dem einsamen Gehöft kennengelernt (Kunstzwerg 2011). Mit seiner Frau Amber und seinem (und unserm Freund) Brandstifter tourt er zurzeit durch Europa und beglückt hier ein interessiertes Publikum mit seinen doch sehr speziellen Klangwelten, die mit allen möglichen Nicht-Instrumenten erzeugt werden. Kein Ton ist geplant und doch ist alles in sich ein wunderbares Klangerlebnis.

So weit so gut – nur: wo bitte findet das Konzert überhaupt statt? Weder Facebook noch Mails geben genaue Details her und nur dank Internetrecherchen kann Irgendlink die Hausnummer des Clubs ausfindig machen. Nachfragen bei unsern Freunden hätte ja den Überraschungseffekt zerstört.

Wir irren die Emser Straße auf und ab und suchen nach dem richtigen Eingang. Da? Vielleicht dort? Oder hier? Ein junges Pärchen, das eben die unscheinbare Türe eines unscheinbaren Hauses öffnet, fragen wir, ob das hier sucked orange sei. Ja! Wir schlüpfen glücklich hinter ihnen in den Vorraum. Räder stehen herum. Hinten ein Kleiderständer. Ansonsten keine Hinweise auf ein Konzert. Die beiden Eingeweihten öffnen eine dick gepolsterte Türe und deuten mit Fingern auf den Lippen an, dass wir ganz leise sein sollen. Wir schließen die Türe hinter uns und finden uns im Untergrund wieder. Ein düsterer Kellerraum, der wundersame Klänge verströmt. Und ein bisschen weniger wundersame Düfte von Zigarretten und andere Kräutern. Wie früher, als wir jung waren!, blitzt es mir durch den Kopf.

Treppe und Kellerraum sind voll. Etwa vierzig Leute lauschen mucksmäuschen still den sphärischen Klängen, doch die Musiker, die sie erzeugen, kennen wir nicht. Wir finden eine Nische, doch schon bald entdeckt Irgendlink die Bar und schlängelt sich durch, um uns Bier zu besorgen. Als er nach fünf Minuten noch immer nicht zurück kommt, mache ich mich leise auf die Suche.

Der Raum ist größer als gedacht und grenzt an einen weiteren gewölbten Raum, der knapp einen Meter siebzig hoch ist. Ich muss den Kopf nicht einziehen, die andern schon. Denn hier treffen wir sie, die andern. Die Vorband ist inzwischen mit ihrer Vorführung zu Ende.

Was für ein Wiedersehen! Robert stellt uns seine Frau Amber vor und wir tauschen schon bald angeregt aus. Nach der Pause gehts los mit ihrem Auftritt. Klasse! Wir sind keine Minute zu spät gekommen, obwohl wir nirgends eine Start-Zeit gefunden haben. Grund dafür war, dass Konzerte in diesen Räumen nicht wirklich legal sind und nur bei sehr sensiblem Umgang mit der lieben Nachbarschaft auch weiterhin stattfinden können. Bedingte Duldung.

Irgendlink und ich dokumentieren das Konzert. Fünfunddreißig Minuten lang spielen die drei, von einem Kumpel aus Berlin unterstützt, ein Stück, dass es so nie wieder geben wird. (Ich werde es später auf Youtube laden und hier einen entsprechenden Hinweis posten).

Nach dem Konzert setzen wir uns wieder in den Gewölberaum, der mit Sofas bestückt ist, und unterhalten uns mit Roberts Freund Nico aus New York, der uns von seinen Musikprojekten erzählt. Auch Brandstifter und Robert gesellen sich zu uns und so sind wir – mitten in Berlin – ein bisschen zuhause angelangt. Bei vertrauten Menschen. Schon morgen werden sie nach Polen weiterreisen – nach einem weiteren Konzert heute Abend.

Zurück bei Frau Freihändig, die schon die zweite Nacht beim Liebsten logiert und uns ihre Gemächer aufs Großzügigste überlassen hat, ist es mir, als wäre ich schon viele Tage hier, als wäre mir die Stadt vertrauter als sie es eigentlich sein kann – bin ich doch zum ersten Mal hier. Doch hoffentlich nicht zum letzten Mal.

Nur am Bier kann das ja wohl nicht liegen?

EDIT: Ein guter Artikel über PAS musique: bitte hier klicken.