Das geheime Leben der Ameisen vom Katzenfels

Alles vibriert. Die Luft schwirrt. Unzählige winzige Insekten glitzern im Sonnenlicht. Vor uns Bäume, hinter uns eine Felswand und rechts ein kleiner Wasserfall. Idylle vom feinsten. Blauhimmel, dazu eine sehr angenehme Lufttemperatur.

Rechts oben, am Hang, beobachte ich etwas Dunkles. Zuerst halte ich es von der Größe her für ein Eichhörnchen, doch dann stelle ich fest, dass es ein großer Vogel ist. Eine Krähe? Oh, der hat ja eine rote Haube, guck mal!, sage ich zu Irgendlink. Also doch keine Krähe. Was für ein schönes Tier!

Nun setzt sich der große Vogel auf einen abgebrochenen Baumstamm und hämmert los. Ein Specht? Hätte ich doch in der Schule besser aufgepasst! Sein Ruf tönt wie ein Ballon, den man – aufgeblasen – losfliegen lässt. Die entweichende Luft klingt dem Ruf dieses Vogels sehr ähnlich. Heute schließlich verrät mir das Internet, dass es ein Schwarzspecht ist. (So klingt er: Und so sieht er aus: ecosia.org/images?q=schwa)

Später, am Kneippbecken, eine kleine Wassertreten-Pause. Und der Beschluss noch nicht zurück zum Auto zu gehen, sondern noch einen zum Katzenfels zu spazieren, etwas mehr als einen Kilometer entfernt, wo wir uns, kurz pausierend und philosophierend, an den Holztisch setzen, der dort für müde Wandersleute steht.

Seit ich das Buch von der Schnecke lese [Das Geräusch einer Schnecke beim Essen von Elisabeth Tova Bailey], achte ich mich mehr denn je auf Unscheinbares in der Natur. (Vielleicht ist sogar der Lockdown mitverantwortlich.) Ich nehme Umwelt und Natur jedenfalls noch sinnlicher wahr als zuvor.

Der Tisch wirkt wie ein natürliches Terrarium für Ameisen. Wie wenig ich doch von ihnen weiß!, geht es mir durch den Kopf. Ich lasse mich ein und beobachte. Natürlich betrachte ich ihr Verhalten mit menschlichen Augen und natürlich versuche ich mit meinem menschlichen Wissen und Bewusstsein zu verstehen, was sie tun und warum. Wohin sie wuseln und was sie beabsichtigen.

Grundlosigkeiten kann ich mir bei einem Tier wie der Ameise, die es gemeinsam mit ihren Artgenoss:innen immerhin schafft, eine hochkomplexe Ameisenkolonie zu bauen, kaum vorstellen. Und doch: Meine eine Ameise hier, auf dem Tisch, wirkt trotz ihrer vermeintlichen Zielstrebigkeit doch sehr desorientiert.

Wohin will sie mit dem winzigen Holzstückchen hin, das etwa dreimal so lang ist wie sie selbst? Soll es Teil ihrer Behausung werden? Zuerst hängt sie es unter sich fest und geht damit wie mit einem dicken Bauchbeutel ein paar Zentimeter weit. Nur um sich einmal im Kreis gedreht wieder an der Ausgangsstelle einzufinden. Das Ding ist ihr aus den Armen und Beinen gerutscht. Sie lässt es los und geht ein bisschen ohne Ballast herum. Vielleicht ruft sie um Hilfe? Vielleicht überlegt sie, wäre sie denn ein Mensch, warum sie dieses Ding gleich noch wohin tragen wollte und ja, wohin überhaupt?

Sie packt es wieder an, allerdings nicht mehr so behände wie vorhin. Eher ein bisschen wacklig. Diesmal krabbelt sie über die etwa zwei Milimeter hohe Kante vom einen Tischbrett zum andern hoch und wäre dabei fast in der Ritze hängengeblieben. Sie schiebt sich nun etwa zwanzig Zentimeter weiter, immer geradeaus. Aha, doch irgendwie eine erkennbare Richtung! Kurz hilft ihr eine andere Ameise, die dann aber wieder loslässt und weiter in die vorher eingeschlagene Richtung rennt. Überhaupt: Wie sie rennen, die Ameisen!

Bald hilft eine zweite, aber auch sie hat bald genug. Oder wollte sie sogar meiner Ameise das Holzstück abnehmen? So richtig klar wird es nicht. Bald ist meine Ameise wieder müde vom Schleppen und macht erneut eine Pause. Geht ein bisschen ohne Ballast umher. Sondiert das Gelände. Kommt wieder zurück zum Holz, lädt es sich wieder auf und geht damit weiter. Aber zurück, also in die Richtung, woher sie kam. Zurück zur Ritze also. Diesmal fällt sie hinein. Oder lässt sie das Stück gar absichtlich hineinfallen? Und gibt es da eine Absicht? In der Ritze tummeln sich viele Ameisen und nun ist meine für mich, so ganz ohne Holzstück, nicht mehr als meine Ameise erkennbar.

Menschliche Effizienz geht anders. Oder bilden wir uns wenigstens ein.

Was weiß denn ich? Was weiß denn ich vom Leben in der Natur und vom geheimen Leben der Ameisen? Eins weiß ich allerdings: Ameisen hinterlassen ihre Umgebung niemals so kaputt wie wir. Und Hühner eher auch nicht.

Von Möchtegern-Wahrheiten

Er will bestimmt zum Wehr spazieren, zur Brücke bei der alten Spinnerei. So notiere ich es mir ins Handy. Keine fünf Minuten nachdem wir das Haus verlassen haben. Ziel: unbekannt. Einzig haben wir abgemacht war, dass er heute sagen würde, wohin wir wandern. Tags zuvor hatte ich nämlich die Route unseres Spaziergangs gewählt. So machen wir es zuweilen, wenn beiden egal ist, wo wir hin gehen, Hauptsache, ein bisschen raus. Hauptsache, ein bisschen die Füße vertreten.

Hätte ich nicht gesagt, dass ich wisse, wo es ihn hinziehe, als er die erste Richtungswahl vor dem Haus getroffen hat – ganz rechts, den Rain abwärts – wären wir ziemlich sicher genau dort gelandet. Beim Wehr. Bei der alten Spinnerei. Wie von mir vorausgesagt. Vielleicht ziemlich sicher.

Hätte ich nichts gesagt, hätte er nicht geantwortet. Hätte er nicht gesagt: Bin ich so leicht vorhersehbar? Und ich hätte wohl auch nicht lachend mit: Nicht immer, nur heute! geantwortet.

Wären wir woanders hin als da, wo wir hin sind, wenn ich nichts gesagt hätte? Und wenn ich nichts gedacht hätte? Oder wären wir doch genau dort, wo er – auf einer Metaebene, die ich nicht erahnen kann – im Grunde der Dinge die ganze Zeit schon hingewollt hatte?

So wandern wir also quer durchs Dorf, über eine Aarebrücke in die kleine Nachbarstadt, queren auch diese nur am Rand und sind schon bald am Fuß des Stadtberges. (Dass das ein Berg ist, wenn auch nur ein kleiner, merkt man erst, wenn man ihn ersteigt. Ansonsten würde ich Schweizerin ihn ja eher Hügel nennen. Schweizerische Bescheidenheit? Vergiss es. Oder gab es sie damals, als man den Hügel Berg nannte, vielleicht noch gar nicht?)

Am Fuße des Berges erneut die Diskussion, ob wir hier gelandet wären, wenn ich nicht gesagt hätte, dass ich weiß, wo es hingeht.
Ja, wir wären trotzdem hier gelandet. Weil selbst deine Aussage, du wüsstest, wohin es geht, meine Wahl im Voraus beeinflusst hat, Oder auch nicht, und ich einfach die ganze Zeit schon hier her wollte, sagt er.
Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Wir hätten unterwegs zig Möglichkeiten für neue Entscheidungen gehabt. Aber sicher bin ich mir nicht. Vielleicht ist es so. Vielleicht war es einfach unser Schicksal, hierher zu kommen?, sage ich.

Schließlich steigen wir auf einem kleinen, sehr steilen, sehr rutschigen Weglein den Berg hoch. Was für ein Abenteuer! Den Weg haben wir nur zufällig gefunden. War auch er unser Schicksal oder war es nur der Baumstamm, unser vorläufiges Ziel, auf den wir uns – oben angekommen – setzen um durchzuatmen? Wir keuchen und fühlen uns so gut, wie Erstbesteiger es immer tun.

Und nun: Rechts oder links? Rechts wäre wohl eine recht weite Wanderung zurück nach Hause, zumal es bereits eindunkelt. Also links? War auch das der Weg, den wir zu gehen hatten? Und wer oder was ist es, der oder das diese Wege weiß. Gibt es, wäre es so, denn überhaupt Wege, die wir wirklich-wirklich frei wählen können?

Ach, dieser mein Was wäre wenn-Determinismus, an den ich mal glaube, mal nicht? Oder gibt es sie doch, die Selbstbestimmung? Ich kann darüber nachdenken, so oft ich will und weiß hinterher weder mehr noch weniger. Und schon gar nicht, was wirklich wahr ist. Weil es womögliich, so dünkt es mich heute, kein wirkliches Wahr gibt, kein letztes zumindest. Oder doch?

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Der Determinismus (lat. determinare „abgrenzen“, „bestimmen“) ist die Auffassung, dass alle – insbesondere auch zukünftige – Ereignisse durch Vorbedingungen eindeutig festgelegt sind.[1] Die Gegenthese (Indeterminismus) vertritt, dass es überhaupt oder in einem bestimmten Bereich der Realität Ereignisse gibt, die auch hätten anders eintreten können.

In der heutigen Naturphilosophie wird üblicherweise „Determinismus“ spezifischer auf Ereignisse der Natur – oder einen bestimmten Bereich derselben – bezogen. Gestützt wird ein allgemeiner Determinismus zumeist durch die Annahme, dass strikte, nicht-probabilistische Naturgesetze über sämtliche natürlichen Prozesse regieren. Ob wiederum die besten physikalischen Theorien diese Annahme stützen, ist umstritten. Wenn geistige Zustände ebenfalls natürliche Zustände sind, scheint ein Determinismus Probleme für die Realität eines freien Willens zu erzeugen. Ob dieser Gegensatz besteht ist ebenso umstritten wie die jeweiligen Konsequenzen.

Quelle: Wikipedia

In den Pyrenäen #7 – Gestern: Meer und noch mehr.

Wunsch | Dass wir über dem großen Jahr nie die kleine Stunde vergessen, aber über der Stunde auch nie das Jahr.

Quelle: Solminore

Ein großer weiser Satz, den ich ähnlich gestern am Meer gefühlt habe, angesichts der Weite. Und der Winzigkeit eines Sandkornes, das Teil des ganzen Strandes ist und letzlich den Strand ausmacht.

Hier ein paar Impressionen von Leucate Plage und Umgebung. Viel Spaß!
Wie gehabt: Klick macht groß … 🙂

 

Nach unseren drei kurzen und so ganz unterschiedlichen Spaziergängen am Mittelmeer, waren wir bei H. & C. eingeladen, die vor acht Jahren von Deutschland nach Fitou ausgewandert sind. Ein sehr nährendes Zusammensein. Gespräche über authentisches Menschsein, Kunst und warum, was glänzt, nicht unbedingt Gold sein muss. Irgendlink nannte es auf dem Heimweg das Kratzen am Mythos Frankreich.

Nun winke ich euch allen dankbar und herzlich zu. Danke, dass ihr da seid und hier mitlest, mitgrübelt, mitlacht, mitspinnt!

Auf ein Neues, guten Rutsch und so weiter … 😉

À suivre demain … Morgen drüben, im 2015.

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Mehr Texte und Bilder gibt’s drüben bei Irgendlink.

Spazierensehen

Heute darf ich mit euch eine noch unveröffentlichte Geschichte von unterwegs teilen. Geschrieben hat sie Uwe Heckmann, dessen Bilder einige von euch von Pixartix und von seinem Blog kennen.

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Unterfuehrung-header_uweheckmann

Ach, dieses Gehen auf den Straßen der Stadt, wie es mich ablenkt und unterhält, abstößt und dann wieder mitreißt in den Fluss der winzigen Ereignisse und mit flüchtigen Begegnungen füttert, welche eine Mitschrift fordern, heute anders als gestern und morgen wieder neu.

Gleich beim Raustreten, diese Lichtfülle: blendend heller Sonnenschein, ein Vademekum auf einer Runde, die mich zunächst kurz den Stadtpark durchstreifen lässt. Dort springen mir die samtig grün in der Sonne leuchtenden Baumrinden in die Augen. Vereinzelt kommen mir Jogger mit ihren Leidensmienen entgegen, und eine walkende Rentnerschar kreuzt meinen Weg, aus deren Mitte ich das Satzfragment „schlau machen über die grünen Damen“ vernehme. Bevor ich länger über den möglichen Sinn dieser Verlautbarung ins Grübeln gerate, lenkt mich schreiender Graffitikitsch ab, der die strenge Tektonik einer Backsteinwand mit einer silbern glänzenden Haut und einem mir unbekannten Schriftzug bedeckt. Ich schlendere weiter, ohne Mühe und Not, überspringe federleicht die Baumschatten, höre in der Ferne das Lärmen der Spielplatzhirsche, schaue zwei Eichhörnchen beim Umkreisen eines Stamms im flotten Tanz ihres Liebesspiels zu, und pfeife dem dunklen Begleiter an meiner Seite ein munteres Liedchen.

Kurz hinter dem Park komme ich an einem „Space Art Center“ vorbei, in dem „TranceEvents“ angeboten werden. Amüsiert über diese „multikreative“ Erlebnishilfestellung erfreue ich mich am Anblick einer gewöhnlichen Plastiktüte, die durch den böigen Wind aufgeblasen und auf die Straße gefegt wird. Ein Auto überfährt sie mit einem hellen Ton, durch den einige Passanten erschrocken ihren Gang unterbrechen und innehalten. Die Ramschauslage eines Buchladens lasse ich aus Gründen meiner leichten Verführbarkeit lieber links liegen und trotte weiter durch verminte Grünanlagen, überhole einen übergewichtigen Briefträger mit honiggelbem Bürstenhaar, in dem sich Pappelsamen verfangen haben, und treffe in einer Einkaufsstraße auf rastlose Beauty-People beim Konsumglücksspiel, die ich treidelnd umgehe.

An einer Baustelle beneide ich für einige Momente den Kranführer wegen seiner Übersicht, mit der er das Wimmelleben unter sich zu betrachten in der Lage ist, bis mich das Wort „Tageszulassung“ in dem Schaufenster eines Autohauses zu einer Instant-Meditation über Tage mit und ohne Zulassung anregt: etwas loslassen, sich gehenlassen, andere fallenlassen, alles oder nichts zulassen. Als lässliche kleine Sünde gönne ich mir bei einer Bäckerei drei Quarkbällchen und gehe weiter, um nach wenigen Schritten einen Vertreter der Generation Golf beim Parken einzuweisen und dafür ein geschäftsmüdes Lächeln als Dankeschön zu erhalten.

Parfümbomben explodieren in der Nähe der „Wohnsinn“-Anlagen, wo betuchte und statusbewusste Mütter in spe ihren Nachwuchs stolzgeschwellt vor sich hertragen. Eine der Hochschwangeren wendet angeekelt den Blick von dem Schauspiel ab, das sich an der nahegelegenen Ampel ereignet. Dort taumelt ein junger Mann unruhig umher. Er versucht offenbar mit seiner rechten Hand aus der Hosentasche ein paar Münzen zu fischen, warum und zu welchem Ende bleibt auf immer unerkannt. Eine ewiglange Minute verbringt er mit dieser Tätigkeit in einer unbequemen, wankenden Körperhaltung. Als er sich aufrichtet, sehe ich, dass eine glühende Zigarette lose in seinem halboffenen Mund hängt. Dann nimmt er die beiden neben sich stehenden Bierflaschen an sich und torkelt bei Rot über die Straße. Von keinem Auto erwischt, doch von vielen Umstehenden ungläubig und missgünstig beobachtet, erreicht er unversehrt die andere Seite und entschwindet bei der nächsten Ecke in der Menge. Ich wundere mich über den passgenauen Satz, den ich unvermutet auf einem Mülleimer zu lesen bekomme: „Drink your Beer and Mosh“.

Zuletzt fällt mir noch ein „ReadyMix“-Lkw auf, der mich freudig heimkehren lässt, da dieser Name an meine promisken Augenreisen auf den Straßen der Stadt erinnert. Es ist ein ständiger Wechsel der Szenen, in die ich nicht eintrete, ein Puzzle zufälliger Bilder, die mein Blick isoliert und dann wieder dem Fluss der Erscheinungen übergibt, zwischen Sehen, Würdigen und Loslassen pendelnd, einzig betreut von meinen Assoziationen und inneren Texten, mit dem Vorteil, am Ende eines jeden Spaziergangs weder vollkommen zufrieden noch wirklich enttäuscht zu sein. Und so werde ich weiter hoffnungsfroh meine Tage verwalsern und dabei im steten Vertrauen auf den nächsten Schritt diese verspielt hinfälligen Scherben des Alltags sammeln: Was braucht man andere Abenteuer!

© für Text und Bild bei Uwe Heckmann | 2014