satzzeichnen

Ich bin gar nicht mehr so sicher, ob ich wirklich einen bitterbösen Artikel über Satzzeichen und Leerschläge schreiben soll will. Ich meine, was soll das bringen? Jene, denen richtige Rechtschreibung wichtig ist, praktizieren sie eh schon mehr oder weniger (von Tippfehlern mal abgesehen) und die andern werden meinen Artikel sowieso ignorieren oder belächeln. Wie neulich auf fb. Da war eins dieser ach-so-weisen Textbilder, das sie darüber mokiert hat, dass sich gewisse Menschen gerne über Genitiv-Apostrophe auslassen um sich als gebildete Menschen zu profilieren. Okay, was immer jemandes Motivation für Kritik ist, sei dahingestellt. Und die Sache mit den Genitiv-Apostrophen lassen wir mal. Die habe ich früher schon diskutiert und ehrlich gesagt habe ich diesen Windmühlenkampf längst aufgegeben. Schreibt doch eure Apostrophe, wo immer sie nicht hingehören (bei Peter’s Salon und bei LKW’s und wo immer ihr wollt. Mir doch egal), aber nehmt bitte um Dudenswillen wenigstens den richtigen Apostroph (‚) und nicht einen armen unschuldigen Akzent (`oder ´). Bitte!

Womit wir schon beim nächsten Thema wären: die richtigen Akzente benützen. Sie sollten eigentlich heute – im Zeitalter freier digitaler Wörterbücher – auch in Unkenntnis einer Sprache nicht mehr Glückssache sein. Eigentlich. Denn wenn du nicht sicher bist, kannst du ja einfach Online-Leo, Google-Translater und Konsorten fragen. Die wissen es nämlich, auch wenn sie im Übersetzen ganzer Satzkonstrukte immer mal wieder ziemlich komisch sind.

Was ich sagen will: Für (fast) alles, was wir im Reich der Rechtschreibung NICHT selbst wissen, gibt es eine Antwort auf Duden oder auf Wikipedia. Sogar für die richtigen Satzzeichen. Und für Leerzeichen ebenfalls. In letzter Zeit entdecke ich die Sache mit den zu-vielen Leerschlägen immer häufiger. Als habe sich die englische Praxis nun (nach dem vermaledeiten Genitiv-S) auch die Unterwanderung der deutschen Leerschlag-Praxis vorgenommen. Vor und nach einem Slash/Schrägstrich kommt in der deutschen Sprachgebrauch nämlich kein Leerschlag, ebensowenig hat es nach einer Öffnungsklammer einen Leerschlag und ganz sicher nicht vor einem Punkt, Komma, Fragezeichen oder Ausrufezeichen. Nein. Weil Duden es so sagt. Natürlich kann man sich fragen, wozu Rechtschreibung überhaupt dient. Klar. Und warum Duden das Maß aller Dinge sein soll. Darf. Muss. Fragst du dich auch, warum du bei Rot nicht über die Straße solltest? Eben …

Damit wären wir nun bei der Sache mit der Freiheit. Natürlich kannst du schreiben wie du willst. Ich zum Beispiel schreibe in eher persönlichen Texten wie Mails und Blogkommentaren fast immer rein klein, wobei ich alle andern Rechtschreiberegeln beachte. Weil ich meine schnellen Gedanken so nackt und frei ins Netz werfen will, wie sie mir durch den Kopf gehen. Oft schreibe ich dabei eben so schnell, dass ich keine Zeit für die Großstelltaste habe.

Schreibe ich aber einen Text, mit dem ich vor mir oder andern Gedanken ausbreiten oder eine Geschichte erzählen will, einen Text also, der meine Ansprüche an einen guten Text erfüllen soll und/oder mit dem ich mich an ein Publikum wenden will, habe ich das innere Bedürfnis, damit ein gewisses ästhetisches Verlangen in mir zu nähren. Sprach- und Textharmonie sowie Sprachkomposition hängen bei mir mit möglichst richtig angewandter Rechtschreibung zusammen. Man mag das (oder gar mich?) kleingeistig nennen und Rechtschreibung als unkreativ verteufeln, doch dann übersieht man etwas für mich sehr Wesentliches: Ähnlich wie eine Kunstmalerin die Regeln der Farbenlehre intuitiv verinnerlicht hat, gelten für mich auch in der Sprache gewisse Gesetze – eben die „Gesetze der richtigen Schreibung“ – als Leitplanken, innerhalb derer ich mich umso freier tummeln kann, den Verkehrsregeln, wie gesagt, nicht unähnlich. In diesem meinem Sprachuniversum – meinem Sprachaquarium sozusagen – können bei mir alle möglichen bunten Fische schwimmen. Da hat es auch Platz für sprachliche Neuschöpfungen und andere übermütige Satzkonstruktionen und schrille Inhalte. Nur zu!

Leitplanken sind nicht mehr und nicht weniger als Leitplanken. Will ich möglichst genau verstanden werden, ist es an mir, mich möglichst verständlich auszudrücken und meine Leserinnen und Leser nicht noch mit seltsamer Interpunktion und sonstigem pseudokreativem Zugemüse interpunkuteller oder rechtschreiberischer Art zu verwirren. Ich brauche meine kreative Energie lieber für Inhalte als für neo-originelle Zeichensetzung.

NACHTRAG: In diesem Artikel über den Sinn der Rechtschreibung kritisiere ich keineswegs Menschen mit einer Rechtschreibeschwäche. Ich kritisiere auch nicht Menschen, die mit der Sprache kreativ arbeiten.

Back to topic: Leerschläge sind wichtig, keine Frage! Sie sind die Pausen im Satz, die Auftakte vor jedem neuen Wort. Sie sind in Geschichten ebenso wichtig wie in Melodien. Sie trennen, was nicht ein einziges Wort sein soll und fehlen dort, wo etwas zusammengehört. Sie geben der Sprache Rhythmus und Luft, sie sind das Atemholen in der Sprache.

Ebefalls ganz luftig sind die Gedankenstriche (Halbgeviertstriche), die länger sind als die kurzen Bindestriche (Details kennt Wikipedia). Richtig, meine geliebten Gedankenstriche sind von je einem Leerschlag flankiert und stellen eine Aussage frei, die als Ergänzung des restlichen Satzinhaltes zu verstehen ist. Diese Ergänzung könnte eigentlich genauso gut nicht da stehen, denn der Satz geht nachher so weiter wie er davor aufgehört hat. Wie bei Klammern. Und doch ist der Inhalt nicht unwesentlich, enthält er doch oft einen kleinen Blick hinter den Vorhang … Er ist das Flüstern im Satz, der Zwischenraum.

Sprache ist für mich so viel mehr als die Aneinanderreihung von Buchstaben, Wörtern, Zeichen, Sätzen und Abschnitten zu Artikeln oder Geschichten. Meine Beziehung zu Sprache ist eine Art Liebesgeschichte. Ich liebe Wörter. Und ich liebe den Raum zwischen den Zeilen. Ich liebe die Luft, die Wörter dann aufwirbeln, wenn sie etwas Wesentliches sagen oder etwas noch Verborgenes ist mir aufwecken. Ich liebe die Abenteuerreise, auf die mich Wörter mitnehmen, wenn ich ihnen genau und mit dem Herzen zuhöre. Ach, ich könnte euch noch so viel erzählen über die Feinheiten der Sprache. Doch wen interessiert das schon?

Nein, bitterböse ist mein Text nun wirklich nicht geworden. Doch vielleicht macht er ein bisschen Mut, sich auf die Welt hinter den Wörtern einzulassen und die Rechtschreibung als das anzusehen, was sie ist: als Hilfe für eine möglichst missverständliche Verständigung.

Kreuz und quer im Kopf

Mit jedem Wort, das meinen Mund verlässt, laufe ich Gefahr, falsch verstanden zu werden. Sogar mit jedem nicht ausgesprochenen Wort. Kommt noch eine Fremdsprache ins Spiel, erst recht. Schon seit einer Woche bewegen wir uns auf dem einsamen Gehöft in der Südpfalz mitten im schottisch-englischen Sprachraum, denn Ray, unser Gast, versteht – außer Dankeschön und Bitteschön – kein Deutsch.

Mein Kopf ist zurzeit ein einziger Eintopf aus Schweizer- und hochdeutschen Gedanken und meinen englischen Übersetzungsversuchen. Komplexe und banale Gedanken ganz nah beieinander. Das Hirn arbeitet ständig auf irgendwelchen Hochtouren, funktioniert wie ein Katalysator, hält mich hellwach. Ich schlafe mit englischen Wortgeweben ein, spreche im Halbschlaf mit dem Liebsten englisch und suche zuweilen das deutsche Wort für einen Begriff, der auf Englisch ohne groß nachzudenken da ist. Nicht, dass ich besonders gut englisch könnte, nein, eher ist es so, dass die Sprache – erst einmal aus irgendwelchen kümmerlichen Kammern meines Gedächtnisses ausgepackt und nun wild geworden, da endlich befreit – übermütig ihr Comeback feiert (wie heißt das gleich auf Deutsch?) und sich nicht so schnell wieder bändigen lassen will. So ungefähr.

Zugegeben ganz schön anstrengend, zumal ich ja – wie ich dieser Tage oft denke – ein ziemlich fauler Mensch bin. Oder wohl besser eine ambitionslose Minimalistin, die nur tut, was sich ihr zu tun aufdrängt und was notwendig ist (allerdings fällt ihr auch das Nichtstun sehr schwer und andere sagen, dass meine Sicht hier gar nicht stimmt). Nun wird es kompliziert. Dass ich nur tue, was notwendig sei, schrieb ich eben, doch wer sagt (wem), was notwendig ist?

Wie Ray, Irgendlink und ich gestern Nachmittag nach einem Ausflug auf der Terrasse sitzen und Tee und Kuchen genießen, fangen wir an über meine These zu diskutieren, die da lautet:
Würde jeder und jede hinter sich aufräumen und putzen, bevor sie oder er den Platz oder Raum verlässt und weitergeht, wäre die Welt eine bessere.

Dass ich aufräumen und putzen als Metapher meine, muss ich den beiden Männern erst mal erklären, stelle dabei aber fest, dass das Ganze für mich ebenso als Nicht-Gleichnis, also wortwörtlich, einigermaßen passt. Damit wir uns richtig verstehen: Ich glaube nicht, dass die Welt durch mehr Putzen besser wird, eher so: wenn wir achtsam mit ihr, unsern Mitmenschen und uns selbst umgehen, hin und wieder auf das zurückschauen, was wir angerichtet haben, bewusster und rücksichtsvoller unsere Umgebung in unser Lebenskonzept einbeziehen, wäre die Welt anders, ich behaupte besser, lebenswerter. Dabei geht es für mich in erster Linie um Respekt und Wertschätzung. Es braucht nicht viel – eigentlich nur achtsame Aufmerksamkeit – um meiner Umgebung zu zeigen, dass ich sie ernst nehme, dass sie mir wertvoll ist. (Frage an mich: Zeugt der Status Quo unserer Gesellschaft davon, dass vielen Menschen ihrer Umwelt gegenüber diese Wertschätzung fehlt? Wenn ja, warum?)

Zum Beispiel: Ich räume mein oder auch unser aller Geschirr weg, nachdem ich etwas gegessen habe und trage es zur Spüle. Jemand von uns wird das Geschirr später spülen und noch später trocken zurück in den Schrank stellen. Was wäre, wenn wir das nicht tun würden, im Kleinen so wenig wie im Großen …?

Ist es also – um zu meiner Frage nach der Definition von Notwendigkeit und zu meiner tollen These zurückzukommen – notwendig für eine bessere Welt, dass wir hinter uns aufräumen? Besonders dann, wenn unsere Talente ganz woanders liegen? Es gibt doch so viel wichtigeres als diese verdammte Sache mit der Ordnung und Sauberkeit (und ja, ich tue auch viele andere Dinge lieber als Geschirrspülen …)

Ich schweife ab. Wir sitzen also am Tisch, wie oft in diesen Tagen, und diskutieren über Gott, die Welt, die Männer und die Frauen. Stimmt es wirklich, dass sich Frauen schneller an Unordnung und Dreck stören, wie Ray behauptet. Ich weiß es nicht, bringe den persönlichen Ekelpegel ins Spiel, wie Irgendlink und ich jenen Punkt nennen, ab welchem einem Dreck und Chaos geradezu körperlich weh tun. Gar nicht so leicht, dieses Wort zu übersetzen, zumal Leo für Ekel eine ganze Palette an Vorschlägen hat, die Ray alle als zu stark ablehnt. Auf das Thema sind wir gekommen, weil Irgendlink montags und dienstags bei einem unglaublich chaotischen Umzug mitgeholfen hat und dabei Schmutz und Durcheinander in kaum zu übertreffendem Ausmaß ertragen musste. (Müßig zu sagen, dass der Umziehende männlich war? Klischees wollen doch einfach ab und zu gestreichelt werden.)

Rücksicht. Noch so ein Wort, das Menschen, die zusammensitzen, -wohnen, -leben betrifft, egal ob sie das lang- oder kurzfristig tun.
Wie würde ich, wenn ich du wäre?, frage ich mich oft. Nein. Ich frage nicht wirklich, ich denke die Frage noch nicht einmal, ich fühle sie, habe sie ganz und gar verinnerlicht. Und von da aus, irgendwo aus meiner Mitte, interpretiere ich meine Mitmenschen. Ständig.
Wie kann ich mich verhalten, dass du dich wohlfühlt? Auch das denke ich nicht wirklich und doch verhalte ich mich so. Dass das nicht alle so handhaben, weiß ich schon lange. Erschrecken tut es mich dennoch immer wieder, wie geradezu unsensibel manche Menschen mit ihren Freunden und Mitmenschen umgehen. Gestern Abend, in Kollege T.s köstlicher Tapas-Bar, wohin uns Ray zu seinem Urlaubsabschluss eingeladen hat, kam das Gespräch wieder auf diesen unsäglichsten aller Umzüge, denn auch Kollege T. hat bei diesem mitgeholfen und – ebenso wie Irgendlink – viel Zeit, Mühe und Energie hineingesteckt. Als Lohn ein Dankeschön hätte den beiden schon gereicht. Fürs Erste. Ob das zu viel verlangt ist?

Gewohnheiten. Vieles tun wir, weil wir es so gelernt haben – oft so unbewusst und unreflektiert, dass wir noch nicht mal sagen könnten, warum wir es tun. Vieles jedoch tun wir aus Überzeugung.

Hinter sich aufzuräumen zum Beispiel, wenn ich hier von mir ausgehen darf. Zwar habe ich es als Kind beigebracht bekommen, dennoch tue ich es aus Überzeugung und weil es mir ein Bedürfnis ist. Weil ich Ordnung mag. Ich tue es aber ebenso aus Rücksichtnahme und Respekt meinen Mitmenschen gegenüber. Kann ich es dennoch von andern erwarten?
Wahrnehmen, was andere benötigen – auch das habe ich unterwegs gelernt, aber darf ich das bei andern voraussetzen?
Die Grenzen anderer zu respektieren, lernte ich dadurch, dass andere die meinen immer wieder eintraten. Grenzen anderer zu respektieren – zumindest das will ich von anderen erwarten. Obwohl ich weiß, dass es gefährlich ist, Erwartungen an meine Umwelt zu haben, denn machen Erwartungen mich letztlich nicht unfrei?

Nicht nur mit jedem Wort, das meinen Mund verlässt, laufe ich Gefahr, falsch verstanden zu werden und nicht nur mit jedem nicht ausgesprochenen Wort. Auch geschriebene Worte sind gefährlich, ungeschrieben ebenso. Auch Bloggen, meiner Meinung nach eine der demokratischten Formen der freien Meinungsäusserung, ist gefährlich. Was soll’s: Leben ist gefährlich.

Thank you very much. You’re welcome.

Nostalgia – Gedanken einer Heimatlosen

Sehnsucht und Heimweh … es gibt sie nur, weil es Liebe, weil es Heimat gibt, spreche ich unterwegs ins iPhone. Schreiben kann ich ja nicht beim Autofahren. Sehnsucht und Heimweh – zwei Schmerzen, die sind, weil wir Fühlende sind. Und warum tut Erinnern meistens weh? Bedeutet das, dass ich damals Fehler gemacht habe? Oder einfach, dass etwas unwiederbringlich vorbei ist? Ich möchte das, was damals war, hier und heute nicht mehr in meinem Leben. Ich lebe jetzt.

Dennoch ist es da, dieses Heimweh, wann immer ich in der Region Bern, wo ich etwa zehn lange Jahre gelebt habe, unterwegs bin – ganz besonders wenn ich Richtung Oberland fahre. Ist es Heimweh längi Zyti, wie die BernerInnen so schön sagen? Muss man einen Weg nur oft genug gefahren, gewandert, geradelt und geschlendert sein, um ihn später als Heimat wiederzuerkennen? Muss man alle Nischen, Schleichwege und Abkürzungen einer Stadt oder eines Dorfes kennen, damit sie Heimat genannt werden dürfen? Müsste dann nicht auch meine aktuelle Wohnumgebung heimatliche Gefühle in mir auslösen – zumal ich ja hier in der Gegend aufgewachsen bin und immerhin etwa fünfundzwanzig Jahre gelebt habe, jedenfalls im Umkreis von etwa zehn Kilometern. Warum überfallen mich diese heimatlich-sentimentalen Gefühle vorwiegend im Kanton Bern? Nur dort wird mir das Herz auf diese ganz bestimmte Art weit und ich fühle mich als Nachhausekommende.

Nach meinem heutigen Recherche-Termin in Thun habe ich mir den Rest-Nachmittag freigegeben.
Du sollst morgen baden gehen!, habe ich gestern – im besten Scheffintonfall – zu mir gesagt. Und zwar sollst du zu deinem Lieblingsbadesee fahren. Und so packte ich, trotz der nicht so tollen Wettervorhersagen, heute meine Badesachen ein. Der Himmel schien sich zum Glück nicht wirklich an die Wettervorgaben halten zu wollen. Jedenfalls kein Regen in Sicht. Nur ein paar Wolken.

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Kurz vor sechzehn Uhr. Ich und der See, allein zu zweit. Das Wasser zwanzig Grad. Wärmer als die Luft. Ich ziehe mich um und steige hinab. Wie schön es doch ist, mich auf dem Rücken zwischen den Seerosenblättern hindurch in die Mitte des Sees treiben zu lassen. Ich schwimme auf dem Rücken, die Ohren im Wasser, und lausche. Nur meine Schwimmbewegungen höre ich so. Wenn ich brustschwimme, höre ich nur die Kühe auf der nahen Wiese, die sich die Neuigkeiten des Tages erzählen, und einen Traktor am andern Ufer des Sees. Eine Stunde später spaziere ich erholt zurück zum Auto. Auf dem Weg zur Straße treffe ich eine Frau. Wir grüßen uns und grinsen uns wissend zu: sie geht dorthin, wo ich war. Der See ruft. Ich bleibe fünf Meter später stehen und drehe mich um. Aber … das ist doch … Im gleichen Augenblick hat sie sich ebenfalls umgedreht und sieht mich an.
Wir kennen uns! Du warst doch ein paar Jahre mit M. zusammen!, sagt sie.
Genau, und du, du bist … Moment, ich hab’s gleich, du bist H.!
Viele Jahre haben wir uns nicht mehr gesehen, darum schwatzen wir ein wenig und dann geht jede ihres Weges. Noch im Auto grinse ich über diesen Zufall.

Wie ich durch Wichtrach fahre, kann ich nicht widerstehen. Ich halte an und überfalle den örtlichen Käseladen, während draußen die Kinder aus dem Schulhaus strömen. Fünf Uhr. Wochenende. Friedliche Dorfszene. Wie ich diesen Augenblick geniesse! Das Teeniegirl vor dem Laden, das, mondän gekleidet, an seinem Smartphone fummelt, will so gar nicht vor diesen altmodischen Laden passen. Bestimmt verflucht sie es, in einem solchen Kuhdorf zu leben.

Ich betrete schmunzelnd den kleinen Dorfladen, wo der Käse, aus der Gegend, noch offen zu kaufen ist, die Joghurts ebfalls aus der Region stammen, alles so kühl und frisch duftet und die Verkäuferinnen alle Zeit der Welt haben. Ich gebe mich als Heimwehbernerin zu erkennen, doch mein falscher Dialekt verrät, dass ich nicht wirklich von hier bin. Nein, konstatiere ich, wie ich Minuten später den Motor wieder starte, auch hier bin ich nicht zu Hause, aber auch dort nicht, wo meine Sprache gesprochen wird … Weder noch. Am einen Ort fehlt mir die richtige Sprache, am andern das richtige Herzklopfen.

Würde ich wieder in der Region Bern wohnen, hätte ich gewiss bald andere Dinge, Orte und Menschen, nach denen ich mich sehnte. So war es schon immer. Ankommen ist leichter gesagt als getan und das Leben ist eben nicht ideal, wie meine Freundin M. so schön sagt. Und wie sich ein Leben ohne Sehnsucht anfühlt, wage ich mir lieber gar nicht erst vorzustellen.

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Bild:
undogmatischer Appspressionismus (iPhoneArt mit Gimpunterstützung)

mit Wörtern malen

Über den Unterschied zwischen der Arbeit einer Töpferin und eines Bildhauers haben J. und ich schon oft diskutiert. Die eine erschafft aus nichts – sprich: etwas nur für sie in ihrem Innern sichtbarem –, ein Werk, eine Schale, eine Figur. Aus nichts anderem als einem Klumpen Lehm. Aus einer formlosen Masse. Auch der Kunstmaler und die Schriftstellerin gehören übrigens zur Spezies Töpferin: aus den von ihnen bevorzugten Grundmaterialien – Wörter, Farben – formen sie Unsichtbares in Sicht- und Fassbares um. Der Bildhauer dagegen nimmt den vorhandenen Stein und befragt ihn und sich nach dessen Essenz. Mit Fingerspitzengefühl, Materialkenntnis, Kunstverständnis sowie Klopf- und Schleifgeräten arbeitet er heraus, was im Stein schlummert. Auch die Fotografin und der Appspressionist gehören zur Familie der Bildhauer – sie nehmen sich, was da ist und verdauen es neu. Pixelmeißelei nennt J. das. Unter anderem.

Ich mag das eine so sehr wie das andere. Und die diesen Arbeiten innewohnende Wahr- und Weisheiten. Mal geht es darum, das eigene Innere nach außen zu krempeln, mal geht es darum hinzuschauen und bereits Vorhandenes, Gesehenes, Gedachtes, Beobachtetes in eine eigene, neue Form zu bringen. Natürlich schöpft auch der Bildhauer aus seinem Innern, klopft die dort aufgehängten Bilder nach neuen Inspirationen ab, und die Töpferin schaut ebenfalls nach außen und synchronisiert Innenschau und Außenwelt. Wohl niemand tut nur das eine.

Gestern habe ich L. kennengelernt, einen sogenannt geistig behinderten Mann. Hat er niemanden, der ihm zuhört, weiß er trotzdem sich und seinem Spiegelbild eine ganze Menge zu erzählen. Nicht sehr gut verständlich für „normale“ Ohren allerdings, doch egal. Hauptsache es kann raus. Höre ich ihm aufmerksam zu, erzählt er mir davon, dass er Angst vor dem Regen hat. Und auch, warum. Er will wissen, ob ich mich auch vor dem Regen fürchte, was ich verneine. Erst gegen Schluss unserer Begegnung verstehe ich die Geschichte, denn die einzelnen Teile seiner Erzählung hat er mir nicht chronologisch präsentiert (wozu auch!), sondern Puzzleteilen gleich, die erst als ganzes ein sichtbares Bild ergeben. Seine Angst vor dem Regen begründet sich, so glaube ich nun zu wissen, in einem an Weihnachten gemachten, unangenehmen Erlebnis: Nass und kalt war es und er wäre wohl damals lieber nicht hinaus gegangen. Vermutlich ist dabei die eine oder andere schöne Erinnerungen an weiße Weihnachten kaputt gegangen. Dass wir „Normalen“ sein Wort Angst hier wohl eher mit Abscheu oder Abneigung umschreiben würden, ist nicht relevant. Angst steht für Unangenehmes. Das muss reichen. L. malt mit andern Farben als ich und du.

Seine Ausdrucksversuche grenzen, will er verstanden werden, an Schwerarbeit.
Wieso versteht die mich denn nicht?, denkt er womöglich. Wieso muss ich alles immer und immer wieder erzählen, bevor sie endlich kapiert? Schwer von Begriff ist sie, ja, wirklich, darum belohne ich sie mit einem Lachen, wenn sie mich richtig wiederholt. Endlich hat sie es kapiert.

L. ist der Töpfer, der in seinem Innern nach formbaren Lauten, Farben und Mustern forscht. Er ist der Bildhauer, der die Wörter, die er aufschnappt, in seine Sätze mit einbaut. Und auf einmal gelingt ein verständlicher Satz. Was für ein Erfolgserlebnis! Und so gar nicht selbstverständlich.