Ich habe mich zurückgezogen, um im Innen zu suchen

Heute einen weiteren Text von Ksenia Anske, aktueller denn je:

Es gibt keine Pfade, wohin ich gehe, nur Chaos. Es gibt keinen Ton, nur verstümmeltes Rauschen. Es gibt kein Oben oder Unten, kein Links oder Rechts. Ich muss es aus dem Nichts erschaffen und einen Sinn für etwas bilden, das nie als sinnvoll gedacht war, und doch: wenn ich es nicht tue, wird es mich weiterhin jagen, sich an mich heranschleichen. Es wird mich weiterhin von innen auffressen, bis es mich hohl und spröde macht; und ich werde zusammenbrechen wie ein Hautsack ohne Knochen, die ihn halten könnten, sie sind verrottet, das Fleisch längst aufgefressen von (all) den Ängsten, den Zweifeln und dem Selbsthass. Es ist der Weg des Vollendens meiner Reise. Wenn ich endlich in der Lage sein werde, (meine Erfahrungen) zu teilen. Noch bin ich nicht durch, habe aber womöglich die dunkelste Ecke umgedreht.

Ich bin an der Unterseite des Denkens und des Umdenkens, des Träumens und des Wiederträumens, des Entdeckens und des Verlierens und des Wiederfindens jenes schwerfälligen Selbst, das vor langer Zeit verloren und zerrissen und über das Chaos, das sich in mir eingenistet hatte, verstreut worden war. Es ist schwer zu ertragen; es wiegt schwer, und es dreht meinen Weg, den ich gehen will, auf den Kopf; meine Vergangenheit, meine Erinnerungen, meine Geschichte, meine Lebensereignisse, die mich geformt und zerstört und mich von Neuem geformt haben. Vielleicht bin ich auf einer Pilgerreise, tief in meine eigene Psyche eindringend wie in eine Wüste, meine Füße durch den Sand des Unbekannten schleppend, meine Kehle tropfend, meine Augen von der Sonne geblendet, meine Haut täglich aufs Neue verbrannt, um bei Nacht von der Kälte zu erstarren und am Morgen erneut verbrannt zu werden.

Es gibt keinen Platz für etwas anderes an diesem trostlosen Ort. Ich muss da alleine durch. Ich muss nicht finden, was ich zu suchen glaubte, sondern was ich zu mir kommen lassen werde. Und dafür muss ich weiter suchen.

Es beunruhigte mich diese letzten Wochen sehr, mein völliges Desinteresse an allem, was um mich herum geschieht – das Leben meiner Familie, der Freunde, der kleinen Ereignisse in der Welt und die großen. Es ist, als würde ich über sie hinweg gleiten und sie nicht sehen. Auch mag ich nicht sprechen. Ich will nur schweigen und wandern und wandern und wandern, wohin niemand außer mir gehen kann. Und vielleicht fällt diese Wanderung mit dem Schluss von TUBE* zusammen, als ich an einen Ort gelangte, wo ich mit meinem inneren fünf Jahre alten Kind gesprochen habe und wir zusammen weinten. Und das war nicht genug, es fühlte sich vielmehr wie der Anfang der Rückholung an, (der Rückholung all dessen,) was verloren war. Manchmal bin ich so tief (in mir selbst) drin, dass ich absolut nicht unter anderen Menschen funktionieren kann. Ich kann nicht begreifen, was sie zu mir sagen oder was sie tun und warum es wichtig ist, und oft weiß ich nicht wie antworten.

Ich habe Menschen in dieser Phase ihrer Reise kennengelernt. Ich verstand sie damals nicht. Ich hielt sie für distanziert, für stehengeblieben. Oder ich dachte, sie sind traurig oder deprimiert. Jetzt weiß ich, dass es nichts dergleichen ist. Es ist nicht Unnahbarkeit, nicht Depression. Es ist eine andere Art von Isolation, die Art, durch die man (sich) alleine graben muss, weil das Graben nur von dem getan werden kann, der sucht.

In gewisser Weise teile ich dieses Stadium mit euch von diesem meinem anderen Ende aus, von wo aus nur ich blicken kann. Aber ich denke, ein Teil davon ist bei TUBE geschafft worden, und so verwandelte sich meine Geschichte in eine, die universell ist. Eine Geschichte jeder Frau, die ihr jüngeres Selbst sucht, um sich wieder mit ihm zu vereinigen, nachdem dieses Selbst brutal von ihr abgetrennt worden war. Die Doppelnatur vieler (verrät,) dass wir oberflächlich betrachtet nicht die sind, die wir wirklich in Fleisch und Blut (und in den Knochen) sind. Die Suche nach den (verlorenen) Teilen braucht Zeit, ebenso das Zusammenbauen, das Ausbessern, das Wiedereinsetzen. Ich dachte in letzter Zeit oft an ‚Die Näherin‘, jenes Buch, das ich über ein Mädchen schreiben werde, das andere Leute werden kann, indem sie ihre Kleider kopiert und sie sich anzieht. Die zerbrechliche Natur dieser Buchidee entspricht meine eigene zerbrechlichen Natur, meiner Sehnsucht, mich wieder zusammenzuheften, die Stiche zu Narben zu machen und dieses Narben-Kleid an einen Ort zu hängen, wo ich es sehen und wo es mich an die Kämpfe erinnern kann, die ich gewonnen habe, weil ich am Leben bin. Leider kann ich den Titel ‚Die Näherin‘ nicht verwenden und muss mir etwas anderes einfallen lassen. Es gibt bereits zu viele Bücher mit diesem Titel.

Aber ich verlasse das Thema (allmählich). Das ist gut so. Es sagt mir, dass ich die Schmerzen auf Papier gebannt habe, ebenso die Angst, dass ich, indem ich diese Zeit für mich suchte, irgendwie eine sehr sehr schlechte Mutter, eine schlechte Partner, eine schlechte Was-immer-du-willst gewesen bin. Bin ich nicht. (Doch) ich wusste es einfach nie, weil ich konditioniert worden bin, so zu denken. Verlernen ist schwer. Aber ich mache es. Ein Blog-Post zu seiner Zeit. Ein Buch auf einmal. Wort für Wort, Satz für Satz, Seite für Seite. Fußspuren hinterlassend, so dass ich, wenn ich bereit bin zurückzukehren, sie suchen kann. Und dann weiß ich, wie ich meinen Weg zurück finden kann und wie ich dir (mit)bringen kann, was ich gefunden habe.

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Copyright by Ksenia Anske (Quelle/Original), mit freundlicher Genehmigung.

Herzübersetzt von Sofasophia


* Ksenias aktuelles Romanmanuskript

Die Notwendigkeit von Stille

Von Ksenia Anske

Diese letzten Szenen von TUBE* haben mich ausgelaugt. Wenn ich jeweils mein Schreibwerk des Tages vollendet habe, bin ich leer und brauche Stille, um mich mit meinem kleinen Selbst zu versöhnen, das mir meine Geschichte erzählt, und um darüber nachzudenken, wie ich es am besten darstellen kann, dass (die Geschichte, die ich erzähle) nicht meine sondern Olesyas Geschichte ist. Um für sie zu fühlen, so viel zu fühlen, dass es daneben keinen Platz mehr für etwas anderes gibt. Dazu brauche ich Stille. Stille. Himmel und Bäume und Wind. Einfach nur Platz, um zu sein. Ohne zu reden, ohne eilig wohin rennen zu müssen oder wegzulaufen.

Vor Jahren konnte ich mir einen Ort wie diesen hier nicht vorstellen: einfach nur Frieden. Je mehr ich schreibe, desto weniger greift mich meine Leistungsangst an, desto weniger habe ich Angst davor, was die Leute über mich oder meine Bücher denken werden, desto weniger will ich jemandem etwas beweisen. Ich bin auf dem Weg, mein kleines Ich zurückzuerobern, so wie es sein wollte, als ich frei und wild und sorglos und glücklich war und einfach nur lebendig.

Ob ich nun Käfern beim Kriechen zuschaute und dabei in einem Haufen Dreck saß, (war egal, denn) es machte mich glücklich und ich kicherte. Oder ich hob Steine von der Straße auf, schiele gegen die Sonne und beobachtete die Kristalle in ihnen, sah sie funkeln und konnte mich so stundenlang beschäftigen. Es kümmerte mich nicht, ob es regnete und ich nass wurde oder ob mein Haar so oder anders aussah oder ob mein Körper falsch war oder mein Gesicht oder mein Geschlecht. Als ich auf der Brücke über einen kleinen Fluss lag, beobachtete ich, wie die Wasserläufer auf ihren langen, dünnen Beinen herumrannten und ich dachte, ich könnte das gleiche tun, wenn ich nicht so schwer wäre.

Ich dachte, dass meine Gedanken unglaubliche Wahrheiten waren, die ich alle auf eigene Faust herausgefunden hatte, nämlich dass die Menschen niemals starben; sie wurden einfach nur sehr alt, und wenn sie zu alt wurden, wurden sie wieder jung, und so ging es im Kreis. Und ich staunte über meine Erkenntnis, dass ich mich nie so ansehen können würde, wie es andere Leute taten, wenn ich nicht ständig in den Spiegel schaute – ich dachte über eine ganze Woche nach, starrte auf mein eigenes Spiegelbild und machte Gesichter.

Wenn ich barfuß herumlief, fand ich es so lustig, den Matsch durch meine Zehen fließen zu hören – es machte dieses lustige Geräusch –, dass ich nicht damit aufhören konnte, bis meine Zehen sich verkrampften.

Selbst das Schlafen war Magie, weil Träume kommen würden, und auch das Aufwachen war Magie, weil es einen neuen Tag mit neuen Dingen gab, die ich noch nicht gesehen oder gehört oder gerochen hatte.

Einfach nur sein, ohne Urteil, Zweifel, Furcht, Angst, Schüchternheit, Unentschlossenheit, Sorge, Angst, Müdigkeit, Nachdenken.

Ich spreche nicht über ein bestimmtes Alter. Ich spreche über Momente, die anfangs reichlich waren, und dann schwanden, als ich heranwuchs, und schließlich ganz verschwanden. Sie kommen jetzt zurück. Aus der Stille. Langsam. Einer nach dem anderen. Sie tauchen aus ihren Verstecken auf. Ich muss sie ausreden lassen. Ich muss geduldig warten, nichts tun, nur suchen und zuhören und nehmen, was ich bekomme.

Ich werde mich zurückfordern. Aus dem Nichts. Aus der Stille. Außerhalb des Schreibens.

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Copyright by Ksenia Anske (Quelle/Original), mit freundlicher Genehmigung.

Herzübersetzt von Sofasophia


* Ksenias aktuelles Romanmanuskript

Zwischenräume

Ich vermute, dass ich nicht die Einzige bin; ich ahne, dass die meisten von uns sie tendentiell vermeiden, diese Räume und diese Zeiten zwischen den Dingen. Wir füllen sie, wenn wir sie nahen sehen, schnell auf. Ich zum Beispiel schütte die Lücken mit Lesen, Filme gucken oder mit Aktivitäten auf dem Handy (wie Bilderbearbeiten, Twittern, Elloen u. a.) auf. Schnell, schnell, damit mich nicht etwa ein Hauch von Leere treffe.

Doch manchmal schaue ich ihnen in die Augen, diesen Räumen zwischen den Dingen, und schreite mitten hinein, mitten in diese Lücke, in dieses Nichts zwischen den Dingen. Schreibenderweise gelingt mir das meistens am besten oder Bilder bearbeitend oder malend. Und auch beim stillen Wandern. Manchmal.

Wenn ich mich in die Zwischenräume gewagt habe, bin ich jedes Mal froh darüber, denn dort geht es mir gut. Oft sogar viel besser als in den fest definierten Räumen, die die Zwischenräume flankieren. Seltsam also, dass ich mich ihnen immer nur mit gewissen Widerständen nähere. Oder so seltsam auch nicht, weil ich weiß, dass mich die Zwischenräume aus dem meist viel zu engen Zeitgewand heben und ich mich nach meinem Besuch in den Räumen zwischen den Dingen ein wenig desorientiert fühle.

Schreiben kann, schreiben muss aber nicht, zwingend dieses Ding sein, das mir den Gang zwischen den Räumen erleichtert.

Schreiben kann, schreiben muss aber nicht, Erlösung sein, doch manchmal ist selbst schreiben nichts anderes als hinkender Aktivismus.

Je älter ich werde, desto mehr ahne ich, dass es eigentlich diese Wanderungen zwischen den Räumen sind, die das Leben lebenswert machen. Es ist die Stille zwischen dem Lärm, dieses Hinfühlen inmitten von Aktionismus. Es sind die Zwischenräume, die alles verändern, das Davor und das Danach; und das Darüber und Darunter auch irgendwie, weil die beiden uns zeigen wollen, woher wir kommen und was uns hält. Die Zwischenräume machen den Unterschied, sie machen aus dem Immer-immer-gleich ein Immer-wieder-anders. Sie verschieben meine Wahrnehmung und machen es möglich, dass ich aus dem Drehen um mich selbst herausgerollt werde und auf einmal, im Gras auf dem Rücken liegend, die Wolkentiere spielen sehen kann, wo vorher nur ein paar Wolken durch den Himmel segelten.

Vielleicht besteht ja die Kunst aller Künste darin, diese Zwischenräume zu erkennen? Die eigentliche Kunst wäre es somit, die im Dialog mit den eigenen Zwischenräume gewonnenen Erkenntnisse auf unsere ART und Weise auszudrücken.

Ich jedenfalls brauche Räume, brauche Luft, brauche Zeit zwischen Dingen. Leerschläge. Lücken. Pausen.

Einen dieser Zwischenräume, ein Zwischenraum zwischen den Zwischenräumen vielleicht sogar, wird hoffentlich unsere Wanderung sein. Mit Irgendlink, diesem ganz besonders für das Lesen zwischen den Räumen begabten Menschen, werde ich in ca. zehn Tagen loswandern. An den Ufern des Rheins entlang soll die Reise führen. Ruhig und im ganz eigenen Tempo. Anfangen wollen wir im Bündnerland, am Tomasee.

Wir werden auf unserem neuen gemeinsamen Blog darüber schreiben. Hier könnt ihr mitwandern → flussnoten.de

Und hier hat Irgendlink gestern auch ein paar Zeilen darüber geschrieben → irgendlink.de

Lärm

Immer. Lärm. Immer. Überall.
Nicht nur für die Ohren, für die Augen ebenso:
Ablenkung. Immer. Überall.

Außen.
Innen?

Der Stille lauschen. Jetzt.

Keine Zeit!?

Ist es unsere Angst vor ihr,
die so viel größer und mächtiger ist als jeder Lärm?

Denn mächtiger und weiser als jeder Spiegel ist sie.

Was würde sie uns verraten?
Welche Geheimisse kennt sie?

+++

EDIT: Emils virtuelle Antwort gibt es hier (klicken).

Danke von Herzen!