Dass du nicht mehr leben willst. Ein Brief | #Depression #notjustsad

Lieber Mensch

Du sagst, dass du keine Kraft mehr hast, weiterzuleben. Dass das Leben so weh tut, dass du es kaum mehr erträgst. Ich sehe deine Tränen. Ich spüre deinen Schmerz. Ich höre dir zu, halte dich und weine mit dir. Ich versuche, zu verstehen, auch wenn ich weiß, dass das nicht wirklich geht.

Du magst nicht mehr leben. Immer wieder sagst du es.

Die Fragen, die ich mir stelle, wenn ich dich das sagen höre, sind vielleicht nicht die, die sich die meisten anderen stellen. Ich studiere zum Beispiel definitiv nicht über deine Zwangseinweisung in die Psychiatrie nach. Und nein, ich studiere auch nicht darüber nach, wie ich dich retten könnte.

Ich versuche einfach nur zu fühlen, wie du dich wohl fühlst. Ich nehme dabei wahr, was dir jetzt weh tut, aber ich nehme auch wahr, was früher war. Was du schon alles erlebt hast. All das, was dich schon als sehr junger Mensch immer wieder aufgerieben hat. (Natürlich gelingt mir das nicht ohne Vergleiche mit meinen eigenen Wunden, doch solange ich mir dessen bewusst bin und nicht von mir auf dich schließe, ist das in Ordnung. Zumal ich ja deine Wunden nicht heilen kann. Ich kann bestenfalls Salbe auftragen.)

Ja, es ist eine verdammte Scheiße, was dir da alles passiert ist, was du alles erlebt hast. Was dich alles geprägt hat. Schrecklich auch, dass damals niemand da war, der dir geholfen hat. Nein, niemandem dürfte das passieren, auch nicht Teile davon. Kein Mensch darf einem anderen Menschen solche Dinge antun! (Auch wenn man selbst kaputt ist, darf man andere Menschen nicht kaputt machen.) Es geschieht dennoch. Tagtäglich.

Ich spüre dein Leid. Manchmal ist es für mich als Zuhörerin schier unerträglich schmerzhaft. Wie viel schlimmer muss es dann für dich sein?

Ja, ich verstehe, dass du nicht mehr leben magst.

Die Fragen, die ich mir stelle, sind nicht: Wie kann ich dich retten? Wie kann ich verhindern, um jeden Preis, dass du dir etwas antust, dass dir das Leben nimmst?

Damit wäre dir nicht geholfen, nicht wirklich. Ich darf dich nicht zum Leben zwingen.

Die Fragen, die ich mir stelle, lauten: Womit kann ich dich überzeugen, dass sich ein Weiterleben lohnt, trotz all des erlebten Bullshit, trotz all der Feindseligkeiten auf dieser Welt und in deiner Umgebung, trotz all der existentiellen Ängste, die in deinem Leben sehr real sind? Wie kann ich dir erlebbar machen, dass du um deinetwillen ein liebenswerter Mensch bist, auch wenn du keine Kraft mehr hast? Wie kann ich dich unterstützen? Wie kann ich dazu beitragen, dass die Welt ein Ort ist, auf dem es sich auch für Menschen, die keine Kraft mehr haben, erträglich leben lässt.

Ich bin die Letzte, die es verurteilen oder nicht verstehen würde, wenn du eines Tages genug hast und den Tod wähltest. Du würdest eine große Lücke hinterlassen, nicht nur bei mir, bei anderen, aber ich würde es akzeptieren.

Ich wünsche mir, dass du nicht in erster Linie aus Rücksicht auf andere hier bleibst, am Leben. Ich wünsche dir, dass du in erster Linie dir zuliebe leben kannst.

Ja, das ist es, worüber ich nachdenke, während ich dir zuhöre. Während ich deine Tränen sehe. Während ich deinen Worten und deinem Schmerz lausche.

Mögest du entdecken, wie gut es sich anfühlt, dir zuliebe zu leben.
Mögest du dich lieben, von Kopf bis Fuß, immer ein bisschen bedingungsloser, immer ein bisschen befreiter vom Denken und den Rückmeldungen anderer.

Du bist es wert. Du bist liebenswert.


Ich habe diesen Brief für dich geschrieben – und für dich und dich auch. Und ja, ich habe ihn auch für mich selbst geschrieben. Für den Fall, dass ich es mal wieder vergessen sollte, dieses Liebenswertvollsein.

Inspiriert hat mich unter anderem ein Text, den ich heute im Blog Dare to be mad gelesen habe. Er heißt Ein paar Worte zu Suizid:

Ich zitiere:
»Es macht mich unendlich traurig, wenn ein Mensch so lange gekämpft hat, eine Zeit lang sogar glücklich war, therapeutisch an sich gearbeitet hat, für andere viel bedeutet hat, anderen Betroffenen helfen konnte und so viel zu geben hatte und am Ende doch unter der Last seiner seelischen Wunden zusammenbricht. Chester Bennington wurde als Kind sexuell missbraucht. DAS hat ihn umgebracht. Wenn einer schuldig ist, dann die Täter aus seiner Kindheit. Manchmal ist das, was Menschen erleben und erleiden mussten, so unendlich furchtbar, dass sie nicht mehr damit leben können. Therapie hin, liebevolle Familie her. Es zerreißt mir das Herz, wenn ein Mensch psychisch so schwer verletzt ist, dass ihn nichts Heilendes mehr erreicht.«

Unerwünschte Erweiterungen

Der gestrige Polizeiruf 110 ist ja echt etwas vom heftigsten, was ich je gesehen habe. Wahnsinn auch fand ich diese Verknüpfung des zu lösenden Falls mit Bukows Privatleben.

Zur Geschichte:

Katrin König und Alexander Bukow geraten mitten in ein Familiendrama. Arne Kreuz, ein bisher unbescholtener Familienvater, befindet sich nach Trennung und Jobverlust im freien Fall. Er hat seine Frau sowie seinen jüngsten Sohn getötet. Jetzt ist er flüchtig – und auch von seinen Kindern Nicole und Jonas fehlt jede Spur. Unter Hochdruck versuchen Bukow, König und ihr Team, das tragische Verbrechen zu begreifen, den Amok laufenden Mann zu finden und Nicole und Jonas zu retten. Es beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit – und die Kommissare können nur erahnen, welches Ziel sich Arne gesetzt hat.

(Quelle: ARD mediathek, Link: siehe unten)

Nein, ich werde nun nicht das Drehbuch loben, obwohl es wirklich saugut war. Die schauspielerische Leistung ebenfalls. Und auch die Story werden ich nicht besprechen.

Nein. Ich schreibe, weil ich mich outen will. Ich will nicht euer Mitleid, bitte nicht, und nein, ich habe keine Ahnung, wie sich die Diskussion, die ich womöglich lostrete, entwickeln wird, doch es ist mir ein Bedürfnis, hier und jetzt einmal zu sagen, dass ich …

Hm. Wie schreibt man so was? Dass ich auch das Opfer (die Hinterbliebene, die Betroffene?) eines sogenannten Erweiterten Suizides war bin war. Ich hasse die Wörter Opfer und Erweiterter Suizid. Erstes impliziert eine passive Haltung, die ich – dank intensiver Arbeit an mir – allmählich ablegen durfte. Wie schreibe ich es denn nun, dass es richtig rüberkommt? Und was ist richtig? Gibt es das in solchen Fällen überhaupt? Vielleicht so: Ich hatte einen Partner, der so ähnlich wie Arne tickte. So ähnlich und doch anders. Zwar hatte ich nicht drei Kinder wie Jeanette und Arne, ich hatte „nur“ eins. Ich hatte einen wunderbaren, goldigen, lebensfrohen Sohn, der an seinem dritten Geburtstag mit seinem Vater zusammen gestorben ist.

Erweiterter Suizid – auch das: ein falscher Begriff. Er impliziert, dass die Person/en, die mit dem Menschen, der den Suizid begeht, einverstanden sind. Mag sogar sein, dass in solchen letzten Momenten so etwas wie Einverständnis besteht. Ein Kind versteht längst nicht alles, was ein sterbewilliger Elternteil sagt. Beschlossen hat. Will. Und dieser wohl auch selbst nicht. Dennoch: Einverständnis ist eins, freie Wahl etwas total anderes.

Andreas Schmidt spielt den psychisch kaputten Vater Arne mit einer so überzeugenden Ambivalenz, dass ich nicht anders kann als ein klein bisschen besser zu verstehen. Nicht gutheißen, keine Sekunde, aber verstehen. Wie ich das auch den Vater meines Sohnes konnte. Und kann. Eine kranke Art von Liebe, sage ich mal wenig differenziert und vereinfacht. Krass wird dieses Dilemma im Film vor allem am Schluss, am Strand, wo es um das Leben von Sohn Jonas geht.

Ebenfalls krass finde ich, dass Bukows Privatleben eine ähnliche Krise erfährt, die auch Arne wenige Wochen zuvor erlebt hat. Seine Frau hat sich entschieden, ohne ihn weiterzuleben. Was das mit einem Menschen macht, wie es ihn durcheinanderbringen kann, erfährt Sascha Bukow wortwörtlich am eigenen Leib. Sein Glück ist, dass er Teil eines Teams, eines funktionierenden sozialen Netzes ist und die Gabe hat, zu reflektieren.

Arne hatte das nicht mehr. Oder nie. Was dann, wenn nicht …?

Müsste man sich mehr einmischen in die Beziehungen anderer?, fragte mich nach meinem Drama eine Freundin.
Ich weiß es nicht.

Über Ursachen kann immer nur spekuliert werden. Und sie variieren von Situation zu Situation.

Wie kann man das Leben seiner Mitmenschen, die Welt, so mitgestalten, dass solche Situationen gar nicht erst entstehen müssen?
Ich weiß auch das nicht.

Am Ende sind immer mehr Fragen als Antworten. Und das gilt es zu akzeptieren. Vielleicht.

Ich habe gelernt, dass Verzeihen etwas ist, dass man im Grunde vor allem um seinetwillen tut. Um sich zu versöhnen mit seiner Geschichte. Ohne Verzeihen gibt es nur schwer „ein Leben danach“.

Etwas anderes, was ich im Kontext mit Suizid noch loswerden möchte: Suizid kann man selten oder nie als eine isolierte Handlung anschauen. Sie ist eine Folge gesellschaftlicher Prägungen und unzähliger Erlebnisse, Erfahrungen, Verletzungen. Ich spreche niemandem das Recht ab, seinen Tod selbst zu bestimmen. Aber bitte allein.

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ARD-Mediathek
www.ardmediathek.de/tv/Polizeiruf-110/Familiensache-Video-tgl-ab-20-Uhr/
www.ardmediathek.de/tv/Günther-Jauch/Familiendrama-wenn-Eltern