Next Exit

Ich bin ja bekennende Fanin von Liz Ritschard, der Luzerner Tatortkommissarin. Gestern habe ich mir darum die neue, am Sonntag verpasste Folge Freitod* angeguckt.

Ich bekenne außerdem, dass ich seit vielen Jahren Mitglied von EXIT bin, einer Schweizer Freitodvereinigung, ähnlich jener, die im Tatort von den FundamentalistInnen bekämpft wird. Im Laufe meines Lebens habe ich mich schon umfassend mit dem Thema auseinandergesetzt. Die Fragen, die Liz Ritschard ihrem Teamkollegen Reto Flückiger stellt, sind mir daher nicht neu. Sie versucht wiederholt, seine Meinung zum selbstgewählten Freitod zu erfahren. Seine pragmatischen Antworten sprechen von der Angst vor dem heiklen Thema und vor dem Tod selbst.

Ausnahmsweise habe ich mir die anschließende Gesprächsrunde im Schweizer Fernsehen, Sternstunde Philosophie, angeschaut.

Ein Teilnehmer der Runde war richtig gruselig. Ich leide sehr darunter, wenn und wie Menschen, die keinen persönlichen Bezug zum Thema Suizid haben, darüber urteilen, was Menschen, die sie nicht verstehen, entschieden haben. Die anderen drei GesprächspartnerInnen diskutierten fair und offen, teils kontrovers, teils sich treffend, nur der eine, ein österreichischer Philosoph mit Hang zum Missionieren (K. P. Liessmann), hat sich extrem dagegen gewehrt, dem Menschen die freie Wahl zuzugestehen. Er hat damit sich und seine sozialen Kompetenzen meines Erachtens selbst disqualifiziert.

Ja, es verletzt mich, wenn ich höre, wie andere Suizid (pauschal) interpretieren und verurteilen. Wer keinen persönlichen Bezug zum Thema hat, sollte, finde ich, den Mund halten. Oder nachdenken darüber, wie es wäre, falls.

Wer selbst noch nie daran gedacht hat, sich das Leben zu nehmen, nicht mehr leben zu wollen und/oder wer niemanden kennt, der das getan hat, weiß nicht wirklich, oder jedenfalls nur theoretisch, was es heißt. Und was es alles umfasst.

Es gibt ja Leid, das als Begründung für eine Sterbebegleitung nachvollziehbarer ist als anderes. Finale Krankheiten zum Beispiel. Dafür hat fast jede/r Verständnis. Anders ist es schon mit dem Bilanzsuizid (»ich habe genug und gut gelebt, jetzt will ich sterben«) und nochmals anders ist es mit dem Suizid aus Verzweiflung/im Affekt bei dem die Angehörigen aus allen Wolken fallen. (»Aber man hätte doch sicher eine Lösung gefunden …«, »Warum tut er uns das an?«)

Lange Rede, kurzer Sinn: Welche Alternativen hat ein Mensch, der dieses Leben, diese Umwelt, seine Umstände etc. aus welchen Gründen auch immer nicht mehr erträgt? Welche würdevolle Alternative gibt es zum begleiteten Suizid? Ich kenne keine und finde es daher sehr gut, dass sich EXIT und andere darum Organisationen in der Schweiz darum kümmern, dass Menschen, die sterben möchten, würdevoll und selbstbestimmt sterben können.

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Ihr sagt, wir seien undankbar,
weil wir das Leben, das wir schier nicht ertragen,
wegwerfen wollen.

Ihr sagt, wir seien feig,
weil wir das Leben, nicht mögen und es lieber
gegen den Tod eintauschen möchten.

(9-2016)

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Eigentlich geht es hier ja um die eine grundsätzliche Frage: Was ist das Leben für uns? Und die kann jeder und jede ausschließlich für sich selbst beantworten und bitteschön akzeptieren, dass andere es anders sehen.


* Plot: Eine deutsche Staatsangehörige reist mit ihrer Tochter in die Schweiz, um hier zu sterben. In einem Wohnblock am Rande der Stadt wird sie von einem Team empfangen und würdevoll in den Tod begleitet. Am nächsten Tag wird eine der Sterbehelferinnen tot aufgefunden, brutal erschlagen.

Noch mehr Berlin

Gestern Nachmittag trafen wir uns mit dem Fotografen und Blogger Florian Fritsch, der viel über seine Heimatstadt zu berichten wusste. Kurz vor acht lud er uns vor dem Babylon Kino ab, wo wir uns die Premiere des neuen Pfälzer/Ludwigshafener Tatort, der Ende Oktober im Ersten ausgestrahlt wird, angucken durften. Persönlich anwesend waren Lena Odenthal/Ulrike Folkerts und Mario Kopper/Andreas Hoppe und andere Mitwirkende der Filmcrew. Die neue Tatort-Serie überrascht mit witzigen Dialogen und einer sehr dichten, nahen Kameraführung. Über den Plot verrate ich natürlich nichts, Ehrensache!

Statt weiteren Worten lasse ich heute Bilder sprechen …

Noch mehr Berlin gibts drüben bei Irgendlink.

Bilder: iPhone und Nikon (gemischt)

Melinda im Gulliverland

Große Kopfhörer über die Ohren gestülpt, ein glückseliges Lächeln auf den Lippen und einen großen Einkaufskarren vor sich her schiebend, spaziert ein Mann, bekleidet mit schwarzen Gummistiefeln, Shorts und gelber Outdoorjacke, durch die Regale eines Baumarktes und lädt seinen Wagen voll und voller. Die Ansage, dass der Laden in fünf Minuten geschlossen werde, hört er nicht. Er hört Musik. Als er bezahlen will – nachdem er unter fürchterlichen Verrenkungen in der unerlaubten, weil schon inventarisierten Zone eine Klobürste geholt hat –, wird er auf einmal zum Betreuer eines kleinen, nur arabisch sprechenden Mädchens. Er sei von der Polizei. Der Versuch, das Mädchen zu seinem vermeintlichen Vater ins Hotel jenseits des Parkplatzes zurückzubringen, mündet nach einer Schlägerei in eine dramatische Flucht. Mann und Mädchen finden sich in einer Hütte im Gulliversland, einem alten Spielplatz im Wald wieder. Drei schwarz gekleideten Araber mit Pistolen und einem Geländewagen auf den Fersen. Natürlich trifft irgendwann Hilfe ein, die Verfolger flüchten und Jens und das Mädchen sind in Sicherheit. Melinda hat sofort Vertrauen zu Jens gefasst. Er ist der einzige, den sie mit einem Lächeln belohnt, für alle anderen ist sie unnahbar und bewahrt ihr Geheimnis für sich.

So also gerät Jens, noch bevor er seinen Dienst antreten kann, eines harmlosen Samstagnachmittags mitten in einen äußerst dramatischen Fall, bei dem es um Drogenschmuggel in den Bäuchen afrikanischer Kinder geht. Die arabisch sprechenden Drahtzieher aus einem Phantasieland verstecken sich hinter diplomatischen Ämtern und sind, bis auf den Dolmetscher, dank ihrer Ämter unangreifbar. Die Mordermittlungen – das Opfer ist die angebliche Mutter Melindas – laufen beinahe nebenher. Zu sehr sind alle, vor allem die tussige Staatsanwältin, mit den diplomatischen Problemen beschäftigt.

Jens ist also der Neue. Der Neue, für den Lisa am Freitagabend versucht, das Büro, das sie ab nächster Woche mit ihm teilen wird, ein bisschen wohnlicher einzurichten. Wir sehen sie in einer der ersten Szenen des gestrigen Saarbrücker Tatortes Melinda, wie sie den Schreibtisch hin- und herschiebt und so die beste Arbeitsposition sucht. Kollege Horst schaut zu und rät zu einer Position mit Blickkontakt. Fast identisch wiederholt sich die Szene Tage später. Doch diesmal ist es Jens, der den Tisch hin- und herschiebt, kaum dass er das neue Büro betreten hat. Zwar trägt er nun weder Shorts noch Gummistiefel, doch seine indischen Wickelhosen sind auch nicht ohne. Er bringt eine Topfpflanze für den Schreibtisch und eine Klangharfe mit, die ihren Platz später über der Türe findet und Besuche ankündigt. Wie Lisa schiebt Jens nun den Tisch von da nach dort. Erneut fällt der Tipp: Wie wäre es mit Blickkontakt?

Es ist weniger der Plot dieser Geschichte an sich, der diesen Tatort zu einem Highlight am Tatort-Himmel macht, sondern die Besetzung. Und die Umsetzung. Ein bisschen muss ich an die Münster-Tatorte denken, doch Jens ist besser. Er ist zwar zum einen eine Lachnummer – was ihm am Arsch vorbeigeht, denn er weiß genau, was er kann und was er will –, zum andern aber ein messerscharf denkender, unkonventionell handelnder und sich auf seine Intuition verlassender Kriminalist. Einmalig die Szene im Pausenraum, wo er die Yogaübung Baum praktiziert, die beim Zentrieren hilft und auf einmal – mit einem lauten Aufschrei die Übung auflösend – das Kennzeichen des Verfolgerwagens herunterleiert. Alles toppt jedoch jene Szene, wo er mit seinem roten Roller an einer roten Ampel das Diplomatenauto einholt, worin Melinda sitzt. Er jagt sie ihrem angeblichen Vater ab und setzt sich mit ihr in das nebenan stehende Auto einer älteren Dame. Schon bald hat Jens diese von seiner Rettungsmission überzeugt und so versteckt sie die beiden in ihrem Haus. Margot Müller ist definitiv eine Seelenverwandte von Jens. Sie hat ihr Leben lang darauf gewartet, mal live in einem Krimi mitzuwirken. Mit viel Gespür schaffen es die beiden, Melina ihre Geschichte zu entlocken. Nicht zuletzt, weil Melinda von Anfang an Vertrauen zu Jens gefasst hat und eine begnadete Zeichnerin ist.

Einfach nur schräg ist die Beinahe-Schlussszene, das Showdown an der deutsch-französischen Grenze, wo der Dolmetscher wegen Mordes verhaftet wird. Wie Jens den einen der Araber, jenen der deutsch spricht, in die Zange nimmt, geht unter die Haut und zieht mir zugleich die Mundwinkel hoch.
Wenn du Melinda nicht wohlbehalten zurückbringt, komme ich zu dir. Ich weiß, wo du wohnst. Ich weiß, wo deine Familie wohnt. Ich werde kommen.

Dann übergibt er Melinda sein Handy. Nach langen Reisestunden ruft sie ihn schließlich an. Happy End. Schluss. Punkt.

Zugegeben, die Puristinnen und Traditionalisten werden aufschreien. Dieser Tatort ist anders. Dieser Tatort ist schräg. Aber dieser Tatort, trotz der dramatischen Ereignisse, die er transportiert, hat offensichtlich Spaß gemacht hat. Jedenfalls den Schauspielerinnen, Schauspielern und mir. Ich stelle mir vor, wie der eine oder andere Gag erst beim Spielen entstanden ist. Jens‘ Bürokollegin Lisa Marx, die am Anfang als coole Superwoman drauf war, schüttelt zwar auch am Schluss noch über Jens, der sich ein paar Disziplinarverfahren aufgehalst hat (und das noch bevor er offiziell angefangen hat), ein klein bisschen den Kopf, doch sie hat verstanden, dass sie sich auf ihn verlassen kann. Ob bis zur Pension, wird sich allerdings zeigen.

Ich freue mich bereits auf die Fortsetzung aus Saarbrücken!

(Rezension des Fernsehkrimis Tatort vom 27. Januar 2013, Melinda, Drehort: Saarbrücken)
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