In einem Zug zu lesen #16 – Tod in Winterthur von Eva Ashinze

Apropos Frauenkrimi: Vor einigen Wochen ist Eva Ashinzes zweiter Krimi erschienen, der, wie schon sein Vorgänger, in Winterthur spielt. Offenbar ist auch in dieser Zürcher Kleinstadt mit der angeblich höchsten Wohlfühlqualität aller Schweizer Städte nicht alles Gold was glänzt. Auch hier wird gemordet und auch hier werden auf offener Straße Menschen überfallen.

Buchcover Tod in Winterthur Am gleichen Tag wie Moira van der Meer, Rechtsanwältin und Ich-Erzählerin, den Auftrag bekommt, das Geheimnis dreier verlorener Eizellen in einer teuren Kinderwunsch-Klinik zu lüften, stirbt ihre erste große Liebe Jan, der mit seiner Frau Norah im Kunstgeschäft tätig war. Nun ja, Jan starb nicht nur, er wurde ermordet. Mit drei Schüssen. Von seiner Frau Norah, weiß Moira eigentlich nur, dass sie früher die beste Freundin ihrer seit vierundzwanzig Jahren verschollenen kleinen Schwester Maria war. Dennoch erklärt sie sich bereit, Norah moralisch und juristisch zu unterstützen. Während sie offiziell am Fall der verschwundenen Eizellen arbeitet, schaut sie aus persönlichem Interesse dem Ermittler Guido Béjart und der Staatsanwältin Kummer bei deren Ermittlungen über die Schultern. Sie will, dass Jans Mord unbedingt bald aufgeklärt wird.

Bald ist auch schon ein mutmaßlicher Täter gefunden, doch Moira zweifelt an seiner Schuld. Manches passt einfach nicht zusammen; oder zu gut. Jan und Norah seien ein Traumpaar gewesen, sagen alle der Befragten. Die Witwe trauert exzessiv und behauptet, ohne Jan nicht mehr leben zu wollen, doch warum sind denn beide Ehepartner ganz offensichtlich fremdgegangen? Und wie passen Jans Kompagnon Paul und Norahs beste Freundin Rebecca ins Bild?

Willy, Moiras rüstiger Nachbar und Vermieter, hilft beim Rätseln ebenso mit wie Moiras bester Kumpel Asim, der das asiatische Restaurant Alibaba führt. Und dass Moira im gleichen Aufwisch endlich auch das Rätsel um ihre verschollene Schwester Maria lösen will, interessiert natürlich nicht nur ihre Freunde, sondern auch Celina, Moiras alkoholkranke Mutter, und Moiras Vater, der schon vor vielen Jahren nach Nigeria zurückgekehrt ist. Besonders letzterer ermutigt seine Tochter in Telefongesprächen immer wieder nicht aufzugeben. Unsere Heldin durchlebt im Laufe der Geschichte ein Wechselbad der Gefühle, erleidet von jetzt auf gleich eine Panikattacke, spricht Alkohol und Nikotin mehr zu als gut für sie ist und stößt auch mal den einen oder anderen Menschen ziemlich vor den Kopf. Dennoch lässt sie sich nicht beirren und findet schließlich – nicht zuletzt dank eines Zufalls – für beide Fälle die entscheidenden Puzzleteile, die zur Aufklärung führen.

Ashinze zeichnet mit Moira eine sympathische junge Frau, die engagiert und gradlinig ihre Ziele verfolgt und ihrem Bauchgefühl traut. Sie ist alles andere als eine Superfrau, der alles in den Schoß fällt. Im Gegenteil. Beide Fälle gehen ihr sehr ans Eingemachte und wühlen sie auf. Dass das Verschwinden ihrer Schwester auf einmal wieder in den Vordergrund gerückt wird, überfordert sie fühlbar. Doch das und auch ein Überfall in der Winterthurer Innenstadt, bei dem sie verletzt wird, halten sie nicht auf. Zum Glück hat sie ein paar richtig gute Freunde, die ihr zur Seite stehen. Auch diese sind glaubwürdig gezeichnet.

Ashinzes Schreibstil überzeugt mit zumeist glaubwürdigen Szenen, Bildern und Dialogen. Sie verfolgt einen durchdachten Plot, der gut zum Umfeld und zu den gezeichneten Figuren passt. Dennoch stolpere ich über ein paar Kleinigkeiten. So frage ich mich zum Beispiel, warum Moira zur definitiven Aufklärung ihres Falles nicht ein seriöses Blatt hinzuzieht statt sich an die Boulevardpresse zu wenden. Und wieso muss es gegen Ende auf einmal so schnell gehen? Ein paar Zufälle, Ereignisketten und dramatische Lebensumstände weniger wären vielleicht fürs große Ganze glaubwürdiger gewerden. Ja, ich gestehe, dass manche Sequenzen und Umstände auf mich ein wenig konstruiert wirken. [Auch muss ich zugeben, dass die relativ vielen Fehler (Buchstabendreher & Co.) meinen Lesegenuß etwas getrübt haben. Da lässt meine Déformation professionelle als Korrektorin/Lektorin herzlich grüßen.]

Dennoch: Eva Ashinze hat mir ein tolles, spannendes Leseerlebnis beschert und meinen Einblick in den Alltag einer Schweizer Rechtsanwältin geweitet. Und ja, natürlich bin ich schon jetzt gespannt, wie es mit Moira weitergeht!

Buchinformation
Eva Ashinze, Tod in Winterthur
Orte Krimi
2017; 115×180 mm; 256 Seiten
ISBN 978-3-85830-222-9
CHF 26.00
Link zum Buch

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