Von Seilen und Ankern | #Schattenklänge

Kinder sind die Anker im Leben einer Mutter*, sagt Sophokles. Als sie diesen Satz liest, zufällig, absichtslos, schnappt sie nach Luft. Heute hat ihr Boot keinen Anker mehr. Heute haben manche Sätze, denen sie lauscht, die Macht, sie in eine andere Gegenwart zu werfen. Eine längst vergangene.

Eine dieser Gegenwarten gab damals vor, ein Synonym für Ewigkeit zu sein. Es war eine Gegenwart, in der sie sich ganz und heil fühlte. Sie sah sich ganz, sie fühlte sich ganz, sie dachte ganz und das alles, was sie ist und je war und je sein wird, war auf einen einzigen Punkt verdichtet. Dieses Jetzt und sie selbst waren eins, das Jetzt und sie waren heil.

Es ist dieser seltene Blick hinter den Vorhang, der ihr hilft; dieses Einswerden mit dem, was auch noch hätte sein können, wenn. Dieses Verschmelzen mit dem Damals und dem Jetzt und dem Schmerz, der irgendwann aufhört schmerzhaft zu sein, weil er irgendwann Teil geworden ist von ihr, so sehr, dass nichts mehr vorsteht und bei einer zufälligen Berührung weh tun kann. Festhalten lassen sich solche geradezu heiligen Trostmomente nicht, doch ohne sie würde sie sinken.

Da hinein Sophokles’ Satz. Ein schöner Satz. Eigentlich. Doch auf einmal treibt sie ab. Treibt ohne Anker auf offener See. Ohne Ufer in Sicht und auch ohne Navigationshilfe.

Sie treibt im Nebel und weiß, dass ihr jetzt selbst ein Anker nichts helfen würde. Er würde bestenfalls ein Weiterabtreiben verhindern. Sie kann nur warten, bis der Nebel verschwinden würde, verschwunden wäre. (Bis jetzt war er noch jedes Mal verschwunden.)

Und als die Sonne wieder durchbricht, sieht sie Land. Einen Anker aber hat sie noch immer nicht. Sie lenkt ihr Schiff in den Hafen, in der Hoffnung dass da jemand sei, der ihr ein Seil zuwerfen würde. Und so ist es.

Immer war da bisher jemand, der den Seilwurf konnte. Ist dieses Seil vielleicht der Anker all jener Mütter, deren Kinder nicht mehr leben? Ist es so, dass Mütter wie sie – vielmehr noch als andere, da sie keinen Anker mehr haben –, immer darauf angewiesen sein werden, dass da jemand steht, der Seilwerfen kann?


*Quelle: Sophokles; Phädra, Fragment 612, eigentlich: Söhne sind die Anker im Leben einer Mutter/Sons are the anchors of a mother’s life.


Diese Geschichte ist ein Beitrag für die Blogaktion #Schattenklänge . Zu den Spielregeln geht es hier → lang.

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Weil Du mir so fehlst – Geschichten von Leben und Tod | Schreibwettbewerb

Gerne weise ich euch auf einen Wettbewerb hin, bei dem ich wohl mitmachen werde.

»Da ist das Loch. Mitten in uns. Der geliebte Mensch verschwunden, und wie aus einem Vulkan schleudern aus unserem schwarzen inneren Krater heiße Gefühle hinauf.

WettbewerbslogoManchmal so eruptiv, dass man sich festhalten möchte und dass die Tränen verdampfen. Andere werfen mit Kraft in den Abgrund ihr ’Warum’, hoffend auf Echo. Aber nichts fällt, es bleibt wolkenleicht vor der Stirn, verhängt die Gedanken und denkt gar nicht daran hinabzustürzen. Einige von uns werden deshalb wütend, andere können nur noch: einatmen – ausatmen. Nichts weiter.«

Es gibt soviele Schattierungen der Trauer, erzählt uns davon. Erzähle wie Du es erlebt hast und auch was Dir half. Vielleicht ist Deine Geschichte für andere Trost.

Start ist am Totensonntag den 26. November 2017 bis Frühlingsanfang 20. März 2018

Hier lang geht es zu den Teilnahmebedingungen.
Weitere Infos gibt es hier: Bitte → klicken.

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Gerne teilen und weitererzählen!

Beim Tod von Kindern sind wir erstmal sprachlos

Tod und Sprachlosigkeit sind ein bekanntes Gespann. Wenn Kinder sterben Kinder, kommt Hilflosigkeit dazu und macht die Situation schier unerträglich. Um dem Trauerschmerz Raum und Worte zu gehen, habe ich ein knappes Jahr nach dem Tod meines Sohnes, vor zwölf Jahren, mit anderen Menschen, die um ein Kind trauern, eine Webseite kreiert.

Screenshot der Trauerwebseite Girasol

Beim kürzlichen Relaunch der Seite haben wir neu ein Blog integriert. Heute morgen ist der erste Text einer geplanten Artikelreihe unter dem Sammelbegriff Trauern im Alltag, erschienen, einer Reihe, die wir dort in loser Folge publizieren werden (Interviews, Buchbesprechungen, Nachrufe, Erinnerungen, Trostgeschichten etc.).

Claudia vom „Meine Schwester tot und ich hier“-Blog hat mich, unter dem Pseudonym Jana, interviewt und das Interview heute Morgen aufgeschaltet. Hier lang geht es direkt ⇒ zu diesem Interview auf unserer Trauerwebseite. Gerne dürft ihr unsere Seite besuchen und weiterempfehlen.

Unser Ziel ist es, Menschen, die um ein Kind trauern, Raum für ihre Trauer zu geben, ihnen Trost anzubieten sowie Tipps und Links zur Verfügung zu stellen.
Ziel ist es auch, den Tod von Kindern zu thematisieren. Und über den Tod zu sprechen. Über den Tod, den Verlust, das Loch, die Trauer, den Schmerz.
Denn geteilter Schmerz und geteilte Trauer sind wirklich leichter zu ertragen.

richtig sterben?

Ich weiß, ein heikles Thema. Je nachdem, was wir erlebt haben, tut es weh, über Selbstbestimmung bis zuletzt, nachzudenken, doch ich kann grad nicht anders. In letzter Zeit habe ich mich so intensiv mit Tod und Sterben auseinandergesetzt, bei anderen darüber gelesen (bei Larapalara über das ewige Leben und warum es keine Option ist, zum Beispiel, oder bei Luisa Francia, die ihre betagte Mutter pflegt) sowie selbst darüber geschrieben.

Gerne teile ich hier ein paar meiner Gedanken.

#Triggerwarnung: Sterben, Tod, Sterbehilfe

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Den richtigen Tod. Ja, ich wünsche ihn mir. Das für mich richtige Sterben. Dass ich den Zeitpunkt spüre, wenn es für mich zu gehen heißt.

Wir alle haben wohl schon von jenen Natives gehört, Ureinwohnerinnen und Ureinwohnern, die – wenn ihre Zeit gekommen ist – in die Wüste gehen und auf den Tod warten.

Wie könnte die Alternative, die Analogie dieses weisen Umgangs mit dem Tod in unserer Zeit, in unserer Gesellschaft aussehen? In der Schweiz ist die aktive Sterbehilfe zum Glück weniger tabuisiert als in vielen anderen Ländern. Die passive Sterbehilfe gehört hier sogar längst zum Pflegealltag. Und dennoch haftet dem Thema – und wie ich meine zu Unrecht – etwas unmoralisches an. Menschen sollen sich nicht zu Gott machen und über Leben und Tod bestimmen, sagen die Gegnerinnen und Gegner unter anderem. Und dass mit solchen Möglichkeiten Druck auf alte Menschen ausgeübt werde. Mag sein, aber, ist es denn nicht auch ein Eingreifen ins göttliche Drehbuch, wenn jemand nur dank eines fremden Herzens, fremden Blutes oder dank eines Antibiotikums weiterlebt, wo er doch natürlicherweise (= gottgewollt) gestorben wäre? Was wissen wir schon wirklich über diese letzten Dinge?

Ich stelle es mir schön vor, eines Tages Abschied von meinen mir lieben Menschen zu nehmen, weil ich bewusst entschieden habe, dass ich genug gelebt habe. Bevor alle Gebrechen, die das Altwerden mit sich bringt, meine Lebensfreude und Lebenslust niederdrücken können. Frieden machen mit dem Leben, Frieden machen mit dem Tod. Und dann den Cocktail trinken. So stelle ich ihn mir vor, meinen richtigen Tod.

Ich kenne Menschen, deren Meinung mir lieb und teuer ist, die dennoch mit meinen Gedanken sehr hadern. Und ja, ich verstehe ihre Argumente. Wird meine Vision vom „richtigen Tod für alle“ legalisiert, werden viele alte Menschen, die (böse ausgedrückt) nur Kosten verursachen, aber keine Leistungen mehr erbringen, nur noch mit einem schlechten Gewissen leben. Ganz besonders dann, wenn sie – anders als ich – keine selbstbestimmte Sterbeabsicht haben. Es könnte sie möglicherweise moralischer Druck einholen, ihnen oder ihren Nächsten und womöglich werden sie glauben, keine Daseinsberechtigung mehr zu haben. Ja, mag sein. Dennoch sollten wir als Gesellschaft lernen, über diese Thematik freier zu sprechen. Und vor allem soll der Wert jeden einzelnen Lebens nie in Frage gestellt werden. Ich spreche von wahrer Selbstbestimmung. Dazu gehört dann eben, dass jene, die den Cocktail wollen, ihn bekommen und jene, die ihn nicht wollen, keinerlei Druck haben dürften.

Schwierig, ich weiß, und ich habe nicht wirklich eine Ahnung davon, wie das gemacht werden kann.

Aber ich wünsche mir nicht nur für mich den richtigen Tod. Ich wünsche ihn mir für alle. Dazu gehört, dass wir das Tabu, das dem Tod anhaftet, überdenken. Unsere Angst vor der anderen Seite, die wir nicht kennen, ist natürlich und natürlich zutiefst menschlich. Immerhin geht es um die Endgültigkeit des Endes unseres irdischen Lebens. Da wir, im Gegensatz zu früheren Generationen, nicht mehr von einer in der Gesellschaft verankerten Religion aufgefangen werden, wird alles noch unfassbarer. Endloser, abgründiger. Da wartet auf die meisten von uns kein Himmel.

Nun ja, an den biblischen Himmel habe ich schon lange zu glauben aufgehört, nicht aber an etwas anderes, etwas Ewiges, Verbindendes, Inneres. Ich weiß nicht, ob es ist. Ob da etwas kommt. Ich weiß nur, dass ich in mir eine Ahnung habe, die alle meine Versuche, an nichts mehr glauben zu wollen, überlebt hat. Eine Ahnung, die von Ewigkeit und Liebe spricht.

Der Himmel und die Hölle sind in uns. Glaube ich. Alles ist in uns. Wieso sollte dann, wenn doch in allem, das ist, in allem das lebt, nicht – wie es uns das Wasser mit seinem Kreislauf und die Natur mit ihren Jahreszeiten lehren – etwas sein, das immer weiter geht? Über die Form, über die Gestalt mache ich mir keine Gedanken. Nicht mehr. Weil ich die Antwort nie kennen werde. Und weil es gut ist, nicht alles zu wissen.

Zu meiner Ahnung gehört auch, dass dasjenige, was dieses Alles ausmacht, viel größer ist, als das was wir sehen, glauben, erkennen, verstehen. Einfach deshalb, weil uns dazu die Sinne, die Rezeptoren fehlen, die verstehen könnten. Wir haben in uns (noch) keine Programme, die diese Wunder lesen und entschlüsseln können.

Könnten wir sie lesen, könnten wir sie entschlüsseln, wären es keine Wunder mehr, wäre alles klar. Und genau darum, so vermute ich, haben wir diese Programme nicht mitbekommen, vom Leben, von Wem-auch-immer. Um das Staunen nicht zu verlernen und die Demut. Möglicherweise werden diese uns fehlenden Rezeptoren im Laufe der Evolution des Menschengeschlechtes nach und nach entstehen? Möglicherweise.

Und möglicherweise ist alles ganz anderes als es je eine Prophetin, ein Lehrer, eine Spinnerin, ein Visionär, eine Magierin vorausgesagt hat?

Möglicherweise ist sogar der Tod etwas ganz anderes als wir denken.

Möglicherweise besteht der einzige Schreck des Todes darin, dass die Menschen, die weiterleben, es ohne den verstorbenen Menschen tun müssen.
Mit dieser Lücke.
Mit dem großen Fehlen.
Erfüllt von Leere bis zum Rand.

Das ist für mich der Fluch des Todes.
Das ist für mich das schier Unerträgliche.
Das, was ich nicht begreifen will.
Das, was mich immer wieder leiden lässt: Dass ich den geliebten Menschen nicht mehr berühren kann.

Verlust.
Für immer verloren.
Eine Amputation, die weit über Körperliches hinausgeht.
Die Seele wird angestochen.
Die Seele verliert ihren Halt.
Die Seele sackt in sich zusammen.

Leere, die bodenlos ist.
Schmerz, für den es nie Worte geben wird.
Ein Jetzt, das nie aufhört.
Eine Ewigkeit voll Nie.