Wem gehört unser Sterben? | Über Ferdinand von Schirachs Verfilmung ’Gott’

Was für ein Film! Ein Kammerspiel, ein Theaterstück, das den provokativen Titel ’Gott’ trägt, geschrieben von Ferdinand von Schirach, gespielt von einer kleinen Gruppe Schauspieler:innen, die allesamt in ihren Rollen überzeugen.

Wir sind als Zuschauer:innen Teil des Publikums in einem großen Tagungszimmer, das einer Verhandlung innerhalb der fiktiven deutschen Ethikkommission beiwohnt. Am Schluss dürfen wir sogar abstimmen, denn am Ende der TV-Ausstrahlungen auf ARD und SRF fand ein Voting, das auf ARD mit einer Zweidrittelmehrheit dem Antragsteller das erhoffte Okay zu seinem Anliegen erteilte. (Das Ergebnis von SRF finde ich leider nicht, gehe aber davon aus, dass es ähnlich ausgefallen ist.)

Screenshot einer Filmszene aus dem besprochenen Film. Links im Bild der Antragsteller Richard Gärtner, rechts im Bild sein Anwalt. Sie sitzen an einem Tisch, schauen nach vorne links und hören aufmerksam jemandem zu.
Screenshot einer Filmszene aus dem besprochenen Film.

Worum es geht?

»Ferdinand von Schirach fragt in ’Gott’, ob der Mensch sein Leben nach seinem freien Willen beenden darf: Ein Mann will nach dem Tod seiner Frau ein Medikament, das ihn tötet. Sein Fall wird vor dem (fiktionalen) Ethikrat diskutiert.  […]

Der 78-jährige ehemalige Architekt Richard Gärtner (Matthias Habich) möchte seinem Leben ein Ende setzen. Dies soll jedoch nicht im Ausland, sondern ganz legal mit der Hilfe seiner Hausärztin geschehen. Für Dr. Brandt (Anna Maria Mühe) kommt es aus persönlicher Überzeugung nicht infrage, ihrem zwar betagten, aber körperlich und geistig gesunden Patienten, ein todbringendes Präparat zu besorgen. Richard Gärtners Fall wird exemplarisch vor dem Deutschen Ethikrat diskutiert. Strittig ist dabei nicht die Frage, welche Formen von Sterbehilfe für Ärzte straffrei sind, sondern ob Mediziner dem Patientenwunsch eines Lebensmüden entsprechen sollten – egal ob jung, alt, gesund oder krank.

Ethikrat-Mitglied Dr. Keller (Ina Weisse) befragt die Sachverständigen und lässt so die unterschiedlichen Experten zu Wort kommen. Die Verfassungsrechtlerin Prof. Litten (Christiane Paul) und Biegler (Lars Eidinger), der Anwalt von Richard Gärtner, stehen Bischof Thiel (Ulrich Matthes) und Ärztekammerchef Sperling (Götz Schubert) dabei mit unterschiedlichen Meinungen gegenüber. Am Ende richtet sich die Ethikrat-Vorsitzende (Barbara Auer) direkt an das Publikum: Soll Richard Gärtner das tödliche Präparat bekommen, um sich selbstbestimmt das Leben zu nehmen?

[…] Der bekannte Strafverteidiger, Schriftsteller und Dramatiker von Schirach zeigt […], dass die Frage, ob ein Mensch sein Leben nach seinem freien Willen beenden darf, Teil des gesellschaftlichen Diskurses ist, aber die persönliche Entscheidung in jedem Einzelfall schwierig bleibt.«

Quelle: www.srf.ch

Unglaublich berührend und überzeugend spielt Matthias Habich den sterbewilligen Richard Gärtner. Gesund, aber lebenssatt, lebensmüde, seit drei Jahren Witwer, hat er sein Leben zu Ende gelebt. Wie er von seiner langjährigen Liebesbeziehung zu seiner Frau erzählt und wie er sich davor fürchtet, wie sie in einem Krankenhaus dahinzuvegetieren, geht mir unter die Haut.

Ich hätte ja nie gedacht, dass ich je Lars Eidinger zu seinem Schauspiel applaudieren könnte. Den Anwalt spielt er so hervorragend, dass ich ihn ihm abnehme. Keine sympathische Figur zwar, nein, aber in sich überzeugend und kompetent. Insbesondere bei seinem Schlussplädoyer hatte ich regelrecht Gänsehaut.

Doch am meisten resonierte ich mit der Haltung von Christiane Paul, die als Verfassungsrechtlerin Prof. Litten über das Recht auf ein selbstbestimmtes Sterben referierte.

Ebenfalls zu Wort kamen ein Arzt und ein Bischof. Beide lehnten sie aus unterschiedlichen Gründen den Antrag des Antragsstellers ab. Auch diese Rollen waren hervorragend gespielt, auch wenn ich ihre Sicht der Dinge nicht teilen kann.

Die Frage am Schluss hallt nach: Wem gehört unser Sterben? Schon lange beschäftigt mich das Thema Suizid, habe ich doch so viele Suizide in nächster Nähe erlebt, dass eine Hand nicht mehr zum Aufzählen reicht. Allen voran mein damaliger Mann, der dabei unsern gemeinsamen, dreijährigen Sohn ’mitgenommen’ hat (siehe auch hier). Doch darum geht es mir hier und heute nicht.

Im Film ’Gott’ wird als erste die Hausärztin des Antragstellers, Frau Dr. Brandt, befragt, die dem übrigens legalen Wunsch Richard Gärtners aus ethischen Gründen nicht nachkommen kann. Sie wird vom Anwalt des Antragsstellers zu erfolglosen, missglückten Suiziden befragt und erzählt, wie schwierig das Leben von betroffenen Menschen, die nach einem solchen Unglück oft seelisch und körperlich schwer beschädigt weiterleben, aussehen kann. Daraus leitet der Anwalt über zur Frage, warum es für seinen Mandanten so wichtig sei, auf legalem Weg ein sicheres Mittel zu bekommen.

Genau da will ich anknüpfen. All den verzweifelten Menschen, die sich im Laufe meines Lebens in meiner Nähe suizidiert haben, hätte ich es von tiefstem Herzen gewünscht, dass sie die Möglichkeit gehabt hätten, legal ein todsicheres Mittel zu erhalten. Dass sie mit ihrem Sterbewunsch nicht alleingelassen gewesen wären. Dass ihr Sterbewunsch, der ja vor allem eine So-kann-und-will-ich-nicht-mehr-weiterleben-Sehnsucht ist, kein Tabu mehr hätte sein müssen, kein Verbrechen, keine Verdammnis durch bigotte Menschen, sondern etwas, worüber offen und ohne Scham und Pein gesprochen wird. Und auch ohne, dass mit einer Einweisung in die Psychiatrie gedroht wird.

Im Film werden viele Informationen und Zahlen genannt, die ich jetzt nicht mehr alle zitieren kann, doch geblieben ist mir, dass von jenen Menschen, die in ihrem Staat, rechtmäßig und ärztlich verschrieben, ein Sterbemittel erhalten haben, nur etwa ein Drittel auch tatsächlich davon Gebrauch gemacht hat. Nur schon das Wissen um die Möglichkeit, dass man sich, wenn das Leid unerträglich werden sollte, selbst von der Bürde des Lebens befreien könnte, hilft wohl beim Weiterleben. So schlussfolgere ich.

»Ist ein Mensch krank, darf er das Mittel bekommen, aber ein gesunder Mensch darf das nicht!«, höre ich zuweilen. Auch im Film sagt das jemand. (Ich weiß jetzt leider nicht mehr wer und wann. Vielleicht war es Frau Dr. Keller, die Vertreterin des Ethikrates.)

Ich aber sage: Gesundheit ist trügerisch. Weder körperlich noch psychisch gesund zu sein ist aller Weisheit letzter Schluss. Es geht vielmehr darum, ob ein Mensch dieses Leben als für sich grundsätzlich und sehr persönlich als lebenswert erfährt – und zwar langfristig. Wer die Welt und sein/ihr Leben nicht mehr erträgt, ist nicht zwingend psychisch krank.

Auch die psychische Gesundheit oder Krankheit ist ein zu berücksichtigendes Kriterium, denn was nützt ein gesunder Körper, wenn der Seelenmotor langfristig nicht mehr kann, lebensmüde, lebenssatt, erschöpft, kraftlos ist. So war beispielsweise mein Mann zwar körperlich gesund, trotzdem war er immer wieder schwer psychotisch. Eine lange, schwierige, traumatisierende Geschichte, die mit einem legal verschriebenen, tödlichen Barbiturat vielleicht anders geendet hätte, würdiger.

Ich jedenfalls habe großen Respekt vor jenen mutigen Ärzt:innen, die Rezepte für Sterbemittel ausstellen. Sie helfen den Sterbewilligen auf einem schweren Weg. (Für mich ist das übrigens eine ähnliche ethische Diskussion wie das unbedingte Recht jeder Frau auf Abtreibung.) Es ist ein Abwägen zwischen dem einen und dem andern Leid. Dem des betroffenen Menschen und dem seiner Angehörigen. Was zählt mehr? Ich vermute übrigens, dass ein legaler, angekündigter Suizid weniger Verstörung hinterlässt als ein unerwarteter.

Auch wenn es jetzt nicht zum Antragssteller im Film passt, muss ich das hier noch loswerden: Auch einer/einem Psychischkranken darf das Recht auf ein Sterbemittel nicht verwehrt bleiben, finde ich, denn nicht jede:r Psychischkranke ist therapiewillig und wirklich nicht jede psychische Krankheit therapierbar. Manch psychisches Leid ist mindestens genauso unerträglich wie manch körperliches zum Beispiel durch Krebs verursachtes Leid.

Ich weiß nicht, wie die Rechtslage in der Schweiz ist. Dank Organisationen wie EXIT ist hierzulande der Umgang mit dem Thema weniger tabubehaftet als in Deutschland, darum stelle ich mir gern vor, dass ein offener Dialog über Suizid langfristig zu weniger Suiziden führt. Nicht zuletzt, weil es sich in einer offenen Gesellschaft besser lebt als in einer bigotten.


Danke an Frau Croco, denn bei ihr habe ich das erste Mal von diesem Film erfahren, den ich mir gestern Abend in der Mediathek anschaute.

Von Seilen und Ankern | #Schattenklänge

Kinder sind die Anker im Leben einer Mutter*, sagt Sophokles. Als sie diesen Satz liest, zufällig, absichtslos, schnappt sie nach Luft. Heute hat ihr Boot keinen Anker mehr. Heute haben manche Sätze, denen sie lauscht, die Macht, sie in eine andere Gegenwart zu werfen. Eine längst vergangene.

Eine dieser Gegenwarten gab damals vor, ein Synonym für Ewigkeit zu sein. Es war eine Gegenwart, in der sie sich ganz und heil fühlte. Sie sah sich ganz, sie fühlte sich ganz, sie dachte ganz und das alles, was sie ist und je war und je sein wird, war auf einen einzigen Punkt verdichtet. Dieses Jetzt und sie selbst waren eins, das Jetzt und sie waren heil.

Es ist dieser seltene Blick hinter den Vorhang, der ihr hilft; dieses Einswerden mit dem, was auch noch hätte sein können, wenn. Dieses Verschmelzen mit dem Damals und dem Jetzt und dem Schmerz, der irgendwann aufhört schmerzhaft zu sein, weil er irgendwann Teil geworden ist von ihr, so sehr, dass nichts mehr vorsteht und bei einer zufälligen Berührung weh tun kann. Festhalten lassen sich solche geradezu heiligen Trostmomente nicht, doch ohne sie würde sie sinken.

Da hinein Sophokles’ Satz. Ein schöner Satz. Eigentlich. Doch auf einmal treibt sie ab. Treibt ohne Anker auf offener See. Ohne Ufer in Sicht und auch ohne Navigationshilfe.

Sie treibt im Nebel und weiß, dass ihr jetzt selbst ein Anker nichts helfen würde. Er würde bestenfalls ein Weiterabtreiben verhindern. Sie kann nur warten, bis der Nebel verschwinden würde, verschwunden wäre. (Bis jetzt war er noch jedes Mal verschwunden.)

Und als die Sonne wieder durchbricht, sieht sie Land. Einen Anker aber hat sie noch immer nicht. Sie lenkt ihr Schiff in den Hafen, in der Hoffnung dass da jemand sei, der ihr ein Seil zuwerfen würde. Und so ist es.

Immer war da bisher jemand, der den Seilwurf konnte. Ist dieses Seil vielleicht der Anker all jener Mütter, deren Kinder nicht mehr leben? Ist es so, dass Mütter wie sie – vielmehr noch als andere, da sie keinen Anker mehr haben –, immer darauf angewiesen sein werden, dass da jemand steht, der Seilwerfen kann?


*Quelle: Sophokles; Phädra, Fragment 612, eigentlich: Söhne sind die Anker im Leben einer Mutter/Sons are the anchors of a mother’s life.


Diese Geschichte ist ein Beitrag für die Blogaktion #Schattenklänge . Zu den Spielregeln geht es hier → lang.

Weil Du mir so fehlst – Geschichten von Leben und Tod | Schreibwettbewerb

Gerne weise ich euch auf einen Wettbewerb hin, bei dem ich wohl mitmachen werde.

»Da ist das Loch. Mitten in uns. Der geliebte Mensch verschwunden, und wie aus einem Vulkan schleudern aus unserem schwarzen inneren Krater heiße Gefühle hinauf.

WettbewerbslogoManchmal so eruptiv, dass man sich festhalten möchte und dass die Tränen verdampfen. Andere werfen mit Kraft in den Abgrund ihr ’Warum’, hoffend auf Echo. Aber nichts fällt, es bleibt wolkenleicht vor der Stirn, verhängt die Gedanken und denkt gar nicht daran hinabzustürzen. Einige von uns werden deshalb wütend, andere können nur noch: einatmen – ausatmen. Nichts weiter.«

Es gibt soviele Schattierungen der Trauer, erzählt uns davon. Erzähle wie Du es erlebt hast und auch was Dir half. Vielleicht ist Deine Geschichte für andere Trost.

Start ist am Totensonntag den 26. November 2017 bis Frühlingsanfang 20. März 2018

Hier lang geht es zu den Teilnahmebedingungen.
Weitere Infos gibt es hier: Bitte → klicken.

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Beim Tod von Kindern sind wir erstmal sprachlos

Tod und Sprachlosigkeit sind ein bekanntes Gespann. Wenn Kinder sterben Kinder, kommt Hilflosigkeit dazu und macht die Situation schier unerträglich. Um dem Trauerschmerz Raum und Worte zu gehen, habe ich ein knappes Jahr nach dem Tod meines Sohnes, vor zwölf Jahren, mit anderen Menschen, die um ein Kind trauern, eine Webseite kreiert.

Screenshot der Trauerwebseite Girasol

Beim kürzlichen Relaunch der Seite haben wir neu ein Blog integriert. Heute morgen ist der erste Text einer geplanten Artikelreihe unter dem Sammelbegriff Trauern im Alltag, erschienen, einer Reihe, die wir dort in loser Folge publizieren werden (Interviews, Buchbesprechungen, Nachrufe, Erinnerungen, Trostgeschichten etc.).

Claudia vom „Meine Schwester tot und ich hier“-Blog hat mich, unter dem Pseudonym Jana, interviewt und das Interview heute Morgen aufgeschaltet. Hier lang geht es direkt ⇒ zu diesem Interview auf unserer Trauerwebseite. Gerne dürft ihr unsere Seite besuchen und weiterempfehlen.

Unser Ziel ist es, Menschen, die um ein Kind trauern, Raum für ihre Trauer zu geben, ihnen Trost anzubieten sowie Tipps und Links zur Verfügung zu stellen.
Ziel ist es auch, den Tod von Kindern zu thematisieren. Und über den Tod zu sprechen. Über den Tod, den Verlust, das Loch, die Trauer, den Schmerz.
Denn geteilter Schmerz und geteilte Trauer sind wirklich leichter zu ertragen.