Zählen, was wirkt

Charlie Brown und Snoopy sitzen am See
Charlie Brown und Snoopy sitzen am See

Ist es womöglich die Illusion, die du liebst? Mitten in der Nacht weckt mich dieser Satz.
Meine Illusionen? Ja, die gibt es, Illusionen des Lebens, über meine Freundinnen und Freunde, über mein Land, meine Umwelt, meine Arbeit.

Lange liege ich da ich in einem äußerst seltsamen Zustand. Nicht schlafend, nicht wach. Und erst als der Wecker klingelt, stelle ich fest, dass ich wieder eingeschlafen bin.

Ist es womöglich wirklich die Illusion des Lebens, die ich liebe, statt der Wirklichkeit? Liebe ich eine Illusion meiner selbst? Ist die Liebe zu mir und zu meinen Lieben nur ein Trugbild oder womöglich das einzige, das trägt? Womöglich ist die Illusion das einzig Echte, wenn ich es mir so überlege? Oder anders gesagt: Ist nicht alles Illusion, was wir haben, was wir sehen, was wir anfassen? Die Materie tut ja eigentlich nur materiell und ist doch eigentlich nichts als Luft – mit ein paar Atomen drumrum. Oder so.

Was zählt wirklich?
Was wähle ich wirklich?Was wirkt wirklich?

Ja. Ich glaube, ich liebe die Illusion. Ich liebe Geschichten.

Eine falsche Wahrnehmung der Wirklichkeit sei sie, sagen die Suchmaschinen. Ich aber sage: Was ist denn die richtige Wahrnehmung der Wirklichkeit und wer sagt das? Ist die richtige Wirklichkeit die, dass sich die Menschheit selbst zerstört? Dass immer mehr Menschen aus der Zentrifuge geworfen werden, verschaukelt, verbrannt, verraten?

Kann ich denn anders lieben als die Illusion? Ist sie es nicht, die mich hoffen lässt? Wider alle Vernunft?

Diese Reise da

Dank Samtmuts Traum komme ich dem Knoten in meinem Schlauch, über den ich mich schon so oft genervt habe, von einer neuen Seite auf die Schliche. Ich stehe in ihrem Traum, wenn ich mich denn als die Akteurin in ihrem Traum sehen darf – und das stimmt mit meiner eigenen Wahrnehmung überein –, wohl wieder einmal am Anfang einer Reise. Von hier aus, am Bahnsteig stehend, habe ich Samtmuts Traumtext in mich hineingelassen und meinem Kopf-Herz-Team erlaubt, an ihrem Text so lange herumzuschrauben, bis er in mein Jetzt passt. Die Knoten haben mich am allermeisten überrascht, denn Knoten waren für mich bisher – obwohl ich Knoten in Schnüren und Wollknäueln fürs Leben gerne entwirre – immer negativ konnotiert. Als Blockaden und als Krebsgeschwüre gehörten sie für mich zu den lebensfeindlichen Dingen, die der Heilung und Entwicklung eher abträglich sind.

Und nun das: Am Anfang steht dieser ganz besondere Fahrkartenautomat, an dem man jede gewünschte Reise buchen kann. Die Front des Automaten, sein Display, zeigt ein Netzwerk an. Spiele wie Scotland Yard mochte ich ja immer gerne, und ja, das hier fühlt sich wie ein Spiel an, das Spiel vielleicht, aus dem mein Leben gewoben ist. Die einzelne Linien verbinden Knotenpunkte und das Gebiet, das hier gezeigt wird, ist unfassbar. Alle Linien aller Punkte sind miteinander verknüpft und erinnern mich an mein Weltbild, mein verinnerlichtest, schamanisch geprägtes: Alles ist miteinander verbunden, verwandt, voneinander abhängig und zusammenhängend, alles beeinflusst alles andere. Jede Handlung ist Teil von allem und hat (Aus-)Wirkungen.

Ich erkenne beim Blick auf das Netz, das ich auf dem Display sehe, dass ich theoretisch auf allen möglichen Umwegen an jedes erdenkliche Ziel gelangen kann, denn ich kann von jedem Punkt an jeden Punkt gelangen. Weil jedem Knotenpunkt, der gleichzeitig Zielpunkt sein kann, ein Steckloch zugeordnet, ist kann ich mit meinem Stäbchen meine Reise zusammenstellen. Ich mag es, dass keiner der Punkte mit Namen gekennzeichnet ist. So kann ich mich auf meine mentale Fähigkeit verlassen und aktiviere meine Intuition, statt mich von Wörtern, unter denen ich mir womöglich etwas ganz falsches vorstellen würde, bremsen zu lassen. Ich will den heute und hier richtigen Knotenpunkt erahnen, wissen, erkennen. Nun klinke ich mein Stäbchen in das entsprechende Loch. Das kleine Ding besteht aus weißer Energie, die sich mental sehr genau lenken lässt.

Weil ich inzwischen meinen vorläufigen Zielpunkt – und damit auch meine Reiseroute – näher bestimmt habe, kann ich mich nun voll und ganz – mental und auch physisch – auf dieses Ziel und auf diese Reise einlassen. Wenn der gewählte Knotenpunkt zugleich Zielpunkt ist, entsteht ein dicker Schlauch aus goldgelbem Licht, der aus meinem Bauch herausströmt und wie ein farbiger Regenschauer das anvisierte Ziel begießt. Eine Interaktivität, die ich nicht begreife, macht, dass ein innerer Energiestrom durch einen Schlauch aus Licht zwischen mir und dem Ziel hin- und herfließt. Dieser löst offenbar den abschließenden Buchungsvorgang im Automaten aus, denn ein violettes Klacken bestätigt die aktivierte Verbindung. Nun kann ich meine Reise beginnen.

[In der Übersetzung ins Leben hänge ich noch fest: Wo genau, weiß ich noch nicht so genau, aber dass ich von jedem Knoten an jeden Ort gelangen kann, ist unglaublich motivierend! Danke, liebe Samtmut, für dein Traumgeschenk.]

Die Sache mit den Träumen

Frau Samtmut hat mich angesteckt. Obwohl … Ich habe ja schon immer gerne geträumt und das im Traum Erlebte aufgeschrieben, aber dass ich mir vorgenommen hätte, zu einem bestimmtes Thema oder Wort zu träumen, ist mir vorher nie eingefallen. Seit Frau Samtmut Wörter gesammelt hat, um sie in der Traumwelt zu beackern, stelle ich mir am Abend zuweilen vor, worüber ich träumen könnte.

Nun ja, zuweilen ist bisher nicht mehr als ein Vorsatz. Gemacht habe ich es ja erst einmal. Gestern. Im Fieberdelirium. Nach der Arbeit hätte ich eigentlich mit Freundin L. (1) thermalbaden gehen wollen − mein diesjähriges Geburstagsgeschenk von ihr, schon mehrmals verschoben − doch aus mir unerfindlichen Gründen konnte ich mein Auto − oder wohl mein „Selbst“, wenn wir das Wort wortwörtlich nehmen − nicht starten. Für Rad oder Zug war ich zu müde, zumal ich im Grunde total den sozialen Overflow hatte; und kalt war mir auch. Und heiß. Fieber ein wenig. Der Tag war intensiv gewesen. Neben etwa vierzig bis fünfzig Mails klingelte dauernd das Telefon (ich müsste mal zählen!) und ständig klopfe es an der Tür und alle mussten kurz, wollten schnell, möchten was … und nebenher hätte ich ja auch noch ein paar andere Dinge bearbeiten sollen. Eigentlich.

An so Tagen wie gestern, an so Abenden vor allem, bin ich davon überzeut, dass ich doch nicht zur fähigen Dienstleisterin tauge, für die ich mich bisher gehalten habe. Oder schon, aber anders. Weil ich immer alles gebe. Und danach bin ich leer. So leer, dass ich gestern, als das Auto nicht anspringen wollte, meiner Freundin absagte und mir ein heißes Bad einlaufen ließ. Traurig zwar das eine, herrlich dafür das andere.

Später, im Bett, Tatort „Vebrannt“ gucken (empfehlenswert!). Früh das Licht löschen und als letztes an Samtmuts Traumexperimente denken. An Hallimasch, Emils Wortwunschbeitrag, und an den Knoten im Schlauch, den ich vorgeschlagen habe.

Dass ich danach einen so wunderbaren Traum träumen konnte, der mit einer alten, noch immer oft blutenden Wunde zu tun hat, überraschte mich. Im Traum war die Wunde, das Trauma, jedoch ungeschehen. Ich träumte, als wäre alles gut. Als wäre da nie ein Knoten gewesen. Im Schlauch. Auf dem ich noch immer viel zu oft stehe. Seltsam das.

Seltsam auch, dass das Auto heute wieder lief als wäre nichts gewesen. Eine Erweiterung meines Körpers, auf den ich gestern nicht hatte hören wollen?

[Und mein Scheff im Büro meinte sogar, er hätte mich abgeholt, wenn das Auto nicht gegangen wäre. Damit ich bei diesem Ekelwetter nicht hätte radeln müssen. Flott das!]

„Zu“ ist doof.

Seit ich bei Twitter bin, habe ich einen neuen Weg entdeckt, Dinge auf die lange Bank zu schieben. Ich lese Twitter, wie ich einen Roman lese. Ich lese in den Gedanken der Menschen, in den geschönten, in den ungeschönten. Oft in traurigen, verzweifelten, manchmal sehr komisches, dann wieder zynisches, groteskes; Philosophisches und Wortspielereien auch. Ich mag es. Aber es ist anstrengend, denn mein Problem ist, dass ich hinter jedem Wort den Menschen spüre, der es geschrieben hat. Und dann will ich natürlich, dass es ihm oder ihr gut geht. Dann will ich aber auch wissen, wie es mit ihr oder ihm weitergeht. Ich mische mich lesend in viele Leben ein, nicht aktiv zwar, aber als Voyeurin.

Voyeurin | pic by 1.000.000 pictures
Voyeurin | pic by 1.000.000 pictures

Will ich das wirklich und ist das womöglich eine Flucht aus oder zumindest eine Ablenkung vor dem eigenen Leben? Mein nächstes Problem ist, dass ich (fast) alles und (fast) alle ernst nehme. Dass ich nicht „nicht betroffen“ sein kann, wenn ich etwas lese. Dass ich nicht „keine Meinung“ haben kann. Und dann dieser Traum heute Nacht.

Meine neue Arbeitsstelle. Eine Art Flüchtlingszentrum. Ein Mix aus Europa und Afrika. Wir Angestellten hatten ein Großraumbüro in einer alten zugigen Lagerhalle. Unsere Schreibtische standen zu einem Labyrinth aufgestellt und wirkten allesamt improvisiert, ziemlich versifft und waren staubig. Auf einer Seite der Halle war eine Fensterfront, der Raum war ansonsten eher dunkel und mit Neonlicht erleuchtet. Eine Art Tresen im Bereich der Türe war die Rezeption, ansonsten alles offen. Keine Schutzräume, keine Türen außer der Eingangstüre.

Unser Team bestand aus einer extrem enthusiastischen Chefin (die ich in echt nicht kannte) und aus ein paar ArbeitskollegInnen von früheren Arbeitsstellen. Wir fingen alle zusammen an, eröffneten das Zentrum. Ich saß am Schreibtisch vor meinem Laptop und wusste nicht so genau, was ich sollte. Woraus meine Arbeit bestand. Im Team waren L. und R., meine unliebste und meine liebste Arbeitskollegin bei meiner letzten Stelle. Sozialarbeiterinnen. Sie waren dort wegrationalisiert worden und hier gelandet.

In der nächsten Szene gingen wir durch Slums, die von der Architektur definitiv in der Schweiz waren (ich tippe mal auf Bern), wir waren umgeben von schwarz- und braunhäutigen Kindern, die noch kaum Schweizerdeutsch konnten. Wir redeten mit ihnen, sie mit uns. Keine Ahnung, was der Sinn dieser Gespräche war. Es war berührend und beklemmend zugleich.

Zurück im Büro. Die Chefin ist tot. Ich weiß nicht mehr genau, ob wir sie gefunden haben oder jemand anders. Auch war es offenbar nicht der erste Mord in unserm Umfeld. Was tun? Wir müssen uns neu organisieren, damit der Betrieb weiterlaufen kann, sagte L.. R. schlug vor, dass L. vorläufig den Laden leiten könnte. Seltsamerweise war L. in diesem Umfeld viel freundlicher als ich sie an meiner letzten Arbeitsstelle erlebt hatte. Sie war echter und ohne dieses giftige Misstrauen, das sie mir gegenüber immer an den Tag gelegt hatte.

Alle waren einverstanden. Ich weiß noch, dass ich dachte und wahrnahm, dass ich mich an diesem Ort wohlfühle. Weil wir alle zusammen neu angefangen haben.

Zugleich empfand ich ständig einen leichten Ekel über die ganze Schmuddeligkeit der Welt, des Büros, der Slums, den ich zum einen rational wegzufühlen versuchte und zum andern hätte ich am liebsten mal alles richtig geputzt, am liebsten die ganze Welt in Ordnung gebracht. Dieses Gefühl war sehr stark, dass ich die Welt retten musste. Im Beiboot die Hilflosigkeit, meine Lebensgefährtin seit immer.

Der Tod der Chefin löste bei niemandem von uns ein Drama aus. Es gehörte wohl einfach dazu, wenn man so lebte wie wir. Wir alle lebten gefährlich, jeder und jede von uns konnte der oder die nächste sein.

Ich arbeitete gerne dort und fühlte mich wohl, doch daneben hatte ich auch mein anderes Leben. Das dort war nur meine Arbeitsstelle. Nicht das, wonach ich hungerte: Das tun, was mir am meisten entspricht. Danach suche ich noch immer. Im Traum ebenso wie im echten Leben. Und eigentlich habe ich es gefunden, mein Leben. Nur kann ich davon nicht leben. Paradox.

Ob es damit zusammenhängt, dass ich alles zu ernst nehme?
Dass ich mich zu viel einlasse auf die Leben der andern?
Dass ich zu viel …

„Zu“ ist doof. Vergleichen auch. Eigenschaften zu Problemen umbenennen auch. Und überhaupt: Das Leben ist nicht ideal.

Wieso fallen mir in letzter Zeit keine guten Schlusssätze ein? Mist.