Artwalking mal wieder

Eigentlich wollten wir ja nur einige Beiträge zur wachsenden Bahnhofsbilder-Sammlung einer auf Twitter befreundeten Community schießen, doch auf einmal fanden wir uns in einem herzigen Dorf mit dem pittoresken Namen Waldfischbach-Burgalben wieder und suchten nach der Bahnhofsfotografierung mal wieder nach einem Geocache in den nahen Hügeln. Zwar haben wir den nicht gefunden, aber sonst ein paar schöne Motive. Denn echt jetzt, die Pfalz ist schön. Nicht immer und nicht überall. Aber gestern. Aber dort.

Gedankensplitter

Heute Morgen bin ich aus einem sehr seltsamen, sehr real anmutenden Traum erwacht. Erwacht worden, wachgeguckt worden. Als ich meine Augen aufschlage, ruhen jene des Liebsten auf mir und ich frage ihn, ob ich im Schlaf geredet habe.
Nein, sage er.
Wenn, dann hätte ich nach dir gerufen, sage ich.

Wir waren irgendwo in Schweden oder Frankreich unterwegs, mit dem Rad. Auf einer mehrtägigen, längeren Tour. Etwas also, das wir in echt zwar noch nie per Rad, wohl aber zu Fuß, erlebt haben. Nach einer Pause stehen wir wieder auf. Aus irgendwelchen Gründen vergisst Irgendlink sein Handy. Ich packe es ein, als er schon losgeradelt ist. Ich bummle offenbar so lange rum, dass wir uns aus den Augen verlieren. Im Traum fühlt sich das nichts ungewöhnlich an. Wir haben keinen Ort abgemacht, an welchem wir aufeinander warten werden. Wir haben auch, was für uns sehr typisch ist, kein Tagesziel anvisiert. Fahren einfach vorwärts. Als Kartenmaterialien nur die Handys. Zwar spüre ich keine Panik, aber das hier ist doch recht unfassbar und ich bin ratlos. Ja, ich bin beunruhigt und frage mich je länger je häufiger, ob Irgendlink vor oder hinter mir ist, weil ich an einer Abzweigung nach Gefühl rechts abgebogen bin. Er könnte sowohl links oder rechts lang gefahren sein. Oder er könnte an einer Bucht auf mich warten. So verstreichen die Stunden und langsam bekomme ich nun doch Angst, zumal ich kein Zelt dabei habe. Langsam wird es Abend. Unter normalen Umständen hätten wir längst gesimst, unter normalen Umständen hätten wir schon sehr bald aufeinander gewartet. So was kann uns eigentlich nicht wirklich passieren, aber was wäre, wenn?

Schließlich erwache ich. Wir überlegen, wie wir uns in einer solchen Situation, fern von zuhause, wiederfinden könnten.
Ich würde wohl, sage ich, im nächsten Ort – in einem Dorf, bei Privaten, in einem Restaurant, irgendwo – auf ihn warten und ihm von dort aus eine Mail schicken. Mails abfragen kann man ja sicher immer irgendwo – bei Privaten, in einem Restaurant, irgendwo. Ich würde ihm schreiben, wo ich bin und dort auf ihn oder auf eine Antwort warten.
Die Idee ist gut, sagt er, aber das Problem ist, dass ich mein Mailaccount-Passwort nicht im Kopf habe.

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Später sprechen wir über das Böse und ich überlege einmal mehr: Ist das Böse schon von Anfang an in uns drin? Ruht es solange, bis es geweckt wird? Oder ist es immer wach und sitzt abwartend am Spielfeldrand? Und wovon wird es geweckt oder ins Spiel geholt? Durch Abschauen und Nachahmen, durch zermürbende Umstände? Kommt es womöglich erst im Laufe des Lebens in uns hinein, wie manche glauben – und wenn ja, wodurch?
Ich denke ja eher, sage ich schließlich, dass wir Menschen wie Erde sind. Alles ist immer in uns drin. In Samenform. Kraut. Mitkraut. Unkraut. Alles da, alle Informationen und was immer eben Leben ausmacht.

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Gestern Nachmittag im Wald die Erkenntnis, dass es egal ist, in welchem Pappel vor Wald mit Wolkentürmen vor blauem HimmelLand auf dieser Erde ich auch immer bin: Wälder sind immer irgendwie ähnlich heimatlich; sie sind einfach so da und beruhigen mich. Ich fühle mich geborgen in der Natur.

Hier sind viele Bäume im Laufe des Winters umgestürzt. Manche müssen wir übersteigen, weil sie den Weg blockieren. Ist die Natur böse? Ist der Sturm, der die Bäume gefällt hat, böse? Vier unteschiedliche Federn auf schwarzem GrundNie. Ist die Natur gut? Hm.
Natur kennt keine Wertung.
Natur ist einfach.

Und wer immer nur in die Wolken guckt, sieht die schönen Federn und Kräuter, die auf der Erde liegen, nicht.

 

Der Kohlraub zu T. oder das etwas andere Containern

Wir hatten die Wanderschuhe geschnürt, gestern Nachmittag, und fuhren mit dem Auto einfach mal drauflos. Irgendwohin, wo wir noch nie gewesen sind. Die Sonne hatte uns herausgelockt, hatte von Weitblick und Übers-Land-Wandern geschwärmt.

Da, guck, da könnten wir rauf! Beim Vorüberfahren entdecken wir auf einem kleinen Hügel eine kleine Ruine, doch in der unmittelbaren Nähe ist keine Parkbucht, der Weg zudem kurvig und schmal. So parkten wir im nächsten Dorf und wanderten zwischen Häusern, an Gärten und Bauernhöfen vorbei an einen nahen Bach, der uns von der Ruine trennte. Auf einmal fanden wir, wider Erwarten, eine kleine Brücke.

Lektion 1: Alles ist anders als es scheint.

Einem wunderbaren kleinen Wanderweg durch den steilen Wald bergan folgend, finden wir uns auf einmal auf einer kleinen Ebene mit Feldern und Wiesen wieder, an deren Ende die Ruine auf uns wartet.

Lektion 2: Umwege sind oft schöner als direkte Wege.

Eine Performance könnten wir es nennen, das hier, und ich könnte, so sagte ich zu Irgendlink, ich könnte morgen einen vollumfänglich im Konjunktiv geschriebenen Blogartikel kreieren. Im Artikel würde es, so sagte ich, um dieses Kohlfeld hier gehen. Um die Fülle und den Überfluss zum einen und um die Wegwerfmentalität zum anderen. Um die Schönheit im Zerfall und um den Reichtum, den man nur findet, wenn man sich bückt. Im Krieg, sagte ich, im Krieg wäre dieses Feld hier nicht so, wie es jetzt ist und nun wisse ich nicht, ob ich darüber froh oder traurig sein solle. Dass kein Krieg ist. Und dass wir von dem, was hier noch rumliegt, einen Jahr lang leben könnten.

Lektion 3: Es hat genug für alle. Eigentlich.

Containern kann man offenbar auch auf dem Land. Nur ohne Container. Wir bücken uns und ernten einige krause Köpfe. Irgendlink nicht ganz ohne Skrupel, weshalb wir uns gegenseitig beim Weiterwandern erzählen, was wir sagen werden, wenn uns jemand des Kohldiebstahls bezichtigen würde. Unsere Geschichten werden skuriller, je weiter wir wanderen.

Zurück beim Auto, das nahe beim dörflichen Werkhof auf uns wartet, finden wir weitere Sujets. Auch hier wieder Abfall. Überfluss. Reichtum.

Lektion 4: Schönheit ist überall und liegt im Auge der Betrachtenden. Kunst auch.

Lektion 5: Spielen macht Spaß.

Am Abend gabs – wen wundert’s? – Kohl. Kohlroulade, blanchierte und mit Kicherbsen-Gemüse-Zöix gefüllte Kohlblätter. So lecker.

Und über die Krönung unserer Kohl-Performance kichern wir noch immer. Unsere neue Kunstrichtung heißt nämlich Des Kaisers neue Fürze.

Mut zur Pause

Es war heiß, doch keine Geschichte hat verdient, so anzufangen. Nun ja, immer noch besser als mit „Es regnete“ anzufangen – selbst wenn es das tat (also regnen) – oder mit „Ich träumte“.

Dennoch. Dass es heiß war, spielte womöglich nur eine untergeordnete Rolle. Heiß konnte es ja immer sein und fast überall. Zudem ist ein winterlich überheizter Büroraum so unangenehm wie ein sommerlich schwüler Platz in einer großen Stadt. Und natürlich gilt das ebenso für Regen – sogar wenn du drin bist – und für Träume.

Angenehm oder unangenehm hängt nicht zwingend davon ab, wie es wirklich ist, da draußen, sondern davon, wie wir etwas wahrnehmen. Und wie wir es annehmen. Wie wir uns diesem Es, diesem Etwas, diesem Zustand, diesem Umstand hingeben können. So wie alles, was wir wahrnehmen (fast immer) in eine unserer Wahrnehmungsschubladen fällt. Wobei wir manche Dinge natürlich auch mal so mal so wahrnehmen.

Regenwandern, hitzewandern, regenradeln, hitzeradeln – vielleicht sind die Umstände, die uns das Wetter beschert, doch nicht ganz so nebensächlich, nicht ganz so leicht dem gewünschten Vorankommen unterzuordnen?

Das Wetter, so philosophierten Irgendlink und ich heute vor einer Woche, kurz bevor wir nach 20 Tagen Rheinwandern (ab Quelle in den Bergen) den Bodensee ereicht hatten, das Wetter ist das einzige, das wir Menschen nicht wirklich beeinflussen können. Da: Der Fluss im Wort, der Einfluss. Ja, den Fluss, den Rhein, haben wir beeinflusst, ihn gezähmt und ihn darum zum immer wieder Überschwemmen gezwungen, weil ihm die Mäander fehlen, die seinen Überfluss relativieren könnten. Wir haben ihn zwischen Deiche – zwischen Doppel- und Dreifachdeiche – gezwängt, aber das Wetter? Das Wetter, nein, das haben wir nicht im Griff.

Ja, ich bin eine Schönwetterwanderin und -radlerin, dennoch lehrt mich das Wetter Demut. Nun ja, ich übe noch. Ich hadere schnell, weil es mir unangenehm ist, wenn ich allzu sehr schwitze, allzu sehr nass vom Regen werde.

Vielleicht ist es eine Frage der Haltung? Nein, nicht vielleicht. Es IST eine Frage der Haltung (und ja,  klar, eine gute Ausrüstung hilft, aber sie wirkt sich nur bedingt auf die Haltung aus und ersetzt diese keineswegs).

Unterwegs zu sein, fordert Mut. Und ja, es macht auch Mut, den eigenen Rhythmus zu finden und ihm entsprechend Pausen zu machen. Sich selbst zuliebe das eigene Tempo zu finden. Um der Ruhe willen, die dabei in uns wachsen kann.

Frau Rebis radelt mit ihrem Sohn von ihrem Zuhause in Süddeutschland nach Berlin. Sieben Tage sind die beiden bereits unterwegs. Frau Rebis twittert und bloggt. Und ja, auch sie macht Pausen, Denkpausen, in denen sie sich schreibend mit Fragen des Lebens auseinandersetzt, die uns alle – als Reisende ebenso wie als Alltagsmenschen – angehen und berühren.

Hier lang → geht’s zu ihrem Blog, das ich allen, die bewusst unterwegs durchs Leben sind, gerne zu lesen empfehle. Frau Rebis twittert hier.

Bank im Wald, an WaldwegZwei Räder an Straße, Lichtung, Pause - im Hintergrund HügelBeide Bilder sind von Frau Rebis, freundlich ausgeliehen.

Auch der Emil ist unterwegs – er pilgert zu Fuß auf den Spuren der Jakobspilger von Görlitz südwärts Richtung Vacha, auf der Via Regia, wie der Ökumenische Pilgerweg auch heißt. Damit erfüllt er sich zwei schon lange gehegte Wünsche: das Fernwandern zum einen, das Pilgern auf Jakobswegen zum andern. Hier → lang gehts zu seinem Blog. Und hier twittert der Emil und ich freue mich sehr, auch ihn als Leserin begleiten zu dürfen. Es ist sehr ermutigend zu sehen, wie er sich mit dem Wandern auseinandersetzt und vorankommt auf seinem inneren und äußeren Weg.

Tafel aus Stein mit dem Satz "Hör auf das, was du weißt, statt auf das, was du fürchtest." -Richard BachPause im Regen in einem Hütchen, mit Bank. Der Rucksack zum Trocknen auf der Bank, das braune Cape hängt an der Wand.Beide Bilder sind von Der Emil, freundlich ausgeliehen.

Unterwegs zu sein, fern der persönlichen Komfortzonen, ist eine Herausforderung, die ich je länger je mehr wertschätze. Es geht ums Vorankommen – innen und außen –, nicht primär um das Ziel an sich. Und ja, fast nebenbei geht es auch darum, sich selbst besser kennenzulernen, zu reifen, zu verstehen, in Kontakt mit sich und seiner Umgebung zu sein, zu bleiben, zu kommen. Dazu wechselt die Umgebung stetig, mal ist sie vertraut, fremd, lieblich, lärmig, wunderschön, garstig … vieles können wir im Voraus recherchieren, doch ein Faktor wird immer unberechenbar bleiben: das Wetter.

Für heute waren eigentlich Regenfälle angesagt gewesen, den ganzen Tag; hier jedenfalls. Doch als Irgendlink und ich heute um halb zwölf losgeradelt sind – er, um zurück zum Rhein zu gelangen und mit ihm weiter Richtung Norden zu fließen, ich, um ihm auf dem ersten Stück zu begleiten – war der Himmel zwar grau, aber trocken. Und ist es noch. Für mich definitiv die Schublade „angenehmes Radelwetter“.

Ja, ich gestehe es, ich bin froh, wenn die Menschen, die ich mag, wohlbehütet – will heißen unfallfrei und trocken, aber auch nicht allzu sonnenverbrannt – durch den Tag kommen, den sie draußen, unterwegs in der Natur, den Elementen ausgesetzt, verbringen.

Irgendlinks Reise am Rhein könnt ihr weiterhin hier (→ klicken) verfolgen.

Drei Flüsse werden einer. Im Vordergund Irgendlink mal links, mal rechts, dank Bildaufnahmetechnik als Panorama