Gesunder Menschenverstand im Labyrinth

Wir denken über Kurse in Gesundem Menschenverstand nach als wir zum Grenzbahnhof fahren, von wo aus Irgendlink nach ein paar Tagen bei mir in der Schweiz wieder nach Hause fahren wird. Und über Kurse mit Titeln wie ’Mein Weg durch das Labyrinth’ oder ’Wie komme ich da bloß wieder raus?’

Wir hatten uns über das Verhalten der Menschen unterhalten – auf der Straße und im Alltag. Über die Polarisierungen, die je länger je sichtbarer werden. Auf der Straße sind es – zum Beispiel – einerseits die Radfahrenden, andererseits die Autofahrenden. Oder einerseits die Autofahrenden, andererseits die Radfahrenden. Dieses ’Wir’ und ’die anderen’. Dieses Ich-bin-richtig-und-du-bist-falsch-Denken, das sich immer mehr in unseren Lebenshaltungen einschleicht, so leise, so unscheinbar, dass wir es gar nicht wirklich merken.

Die Bereitschaft zur Einsicht, dass wir alle Fehler machen und dass das in den meisten Fällen nicht schlimm ist und man einfach um Verzeihung bitten kann, ist vielen abhanden gekommen, sagt Irgendlink mit Blick auf den Straßenverkehr. Es müsste Fahrkurse geben, bei welchen die Kursteilnehmenden einmal als Radelnde und einmal als Autofahrende agieren, damit man beide Seiten erleben kann. Kursinhalte eigentlich, die sich auf das ganze Leben ausdehnen lassen. Kurse eben in Gesundem Menschenverstand. Und klar, auch bei einem Wechsel der Perspektive und der Position können wir natürlich nie genau wissen, wie es wirklich ist in der Haut des anderen zu stecken. Helfen würde es aber auch jeden Fall.

Gestern wollten wir zu einem Geländelabyrinth radeln, knapp sieben Kilometer von meiner Wohnung entfernt. Dass ausgerechnet gestern in meinem Wohnort SlowUp war, hatte ich völlig vergessen. Und dass die Route an meinem Haus vorbeiführt, war mir erst recht nicht bewusst gewesen. Für diese Aktionen, die an verschiedenen Sonntagen in der ganzen Schweiz durchgeführt werden, sind die Straßen für den Autoverkehr gesperrt. Dafür stehen sie in ganzer Breite offen für Langsamverkehr wie Fahrräder, Skates und so weiter. Früher, als diese Bewegung noch jung war, hatte ich auch das eine oder andere Mal mitgemacht. Aber seit der Funke auf die Masse übergesprungen ist (was ich im Grunde natürlich gut finde!), mag ich nicht mehr mitmachen. Alles, was mit Masse zu tun hat, gruselt mich.

Dass wir genau in die Richtung, aus der die Masse kam, radeln wollten, machte es nicht besser. Die uns entgegenflutende Menschenmenge hat mich am Anfang ganz schön fertig gemacht (ja, so bin ich). Wir wählten, wo immer möglich, Alternativstrecken, Schleichwege, doch natürlich hatte die Organisation die schönsten und besten Routen ausgewählt, manchmal die einzigen, und so fuhren wir etwa die Hälfte unserer Strecke gegen den Strom. Schließlich verließen wir diesen und fuhren auf Feldwegen. Bei dreißig Grad Hitze. Wir waren bis sechshundert Meter ans Labyrinth, das auf einem Hügel liegt, herangefahren – und kapitulierten. Ich vor allem. Die Hitze und mein Kreislauf werden niemals Freude, befürchte ich. Der Liebste meinte: Kein Problem. Wir müssen da nicht hoch. Wir müssen überhaupt nichts. Wir können einfach zurückfahren.

Taten wir dann auch. Diesmal sogar ein Stück im SlowUp-Strom. Zu einem wunderbaren Badeplatz am Zusammenfluss von Limmat und Aare. Was für eine Ruhe dort und wie gut das kühle Wasser tat!

Das Labyrinth von Chartres, welches für das Wiesenlabyrinth das Vorbild war.Ich könnte ja eigentlich heute zum Labyrinth fahren, sagte ich zu Irgendlink, als wir heute Morgen frühstückten. Genau … auf dem Rückweg vom Grenzbahnhof könnte ich dort vorbeifahren, es liegt ja fast am Weg.
Oder wir fahren nachher miteinander hin?, antwortete Irgendlink. Wir fahren einfach eine Stunde früher los.

Gesagt, getan. Weil es regnete, als wir das Dorf erreichten, fuhren wir auf Feldwegen direkt zum Labyrinth statt unten zu parken und hochzuspazieren. Kaum oben angelangt, hörte der Regen auf.

Doch was für eine Enttäuschung! Das Labyrinth war nicht wirklich auf den ersten Blick als solches sichtbar; halb zugewachsen, überwuchert lag es da. Wäre da nicht die Info-Tafel gewesen, hätten wir es vermutlich gar nicht bemerkt. Unsere Lust, es zu begehen, hielt sich in Grenzen.

Das Bild zeigt eine Luftaufnahme des Wiesenlabyrinths an einem wolkigen Sommertag unter blauem, wolkigem Himmel. Im Hintergrund Hügel und Wälder.
Quelle: http://www.labyrinth-international.org/labyrinth-remigen-ag.html

Aber es nicht zu begehen war dann doch keine Option. Wenigstens ein paar Schritte hinein mussten wir tun.

Ich wählte den Weg nach rechts, der, wie ich später auf der Grafik sah, eigentlich gar kein Weg war. Weil die Spur nicht wirklich gut sichtbar war, spielte das für mich keine Rolle. Wirklich verlaufen kann man sich in einem Labyrinth ja nicht. Auch Irgendlink schritt das Labyrinth ab. Beide hatten wir den Blick auf die Füße gerichtet, da es nicht immer ganz einfach zu erkennen war, wo eine Kurve oder eine Wendung kam. Mit diesem Blick auf den Boden auf den unmittelbar vor mir liegenden Weg, sagte ich nachher, könnte ich direkt den Blick fürs Ganze verlieren.
Manchmal kamen wir uns nah, kreuzten uns oder waren sogar auf parallelen Wegen unterwegs, manchmal war er genau gegenüber, maximal weit weg von mir. Manchmal entfernte ich mich von der Mitte, mal ging ich direkt auf sie zu, nur um im letzten Moment doch wieder eine Wendung zu nehmen, die mich weg aus der Mitte führte. Und irgendwann erreichte ich sie dann doch. Wie im richtigen Leben halt.

Etwa eine Viertelstunde waren wir still in unser Gehen vertieft. Meditativ.

Was soll ich sagen? Es hat gut getan. Die anschließende Neubewertung fiel positiv aus. Dieses halb zugewachsene Etwas inmitten einer Wiese an einem Hügel in den Fricktaler Hügeln hat mich wieder geerdet, nachdem ich am Morgen eher ein bisschen neben mir gewesen war.

Zweite Chancen haben auch Tage verdient, die in Schieflage anfangen.

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Unterwegs im Schwarzwald

Du könntest eigentlich das Zelt mitbringen, hatte ich vor einer Woche zum Liebsten gesagt. Wir könnten ja mal wieder. Den Liebsten muss man für solcherlei nicht erst groß überreden und so planten wir am letzten Donnerstagabend – er war ein paar Stunden vorher angekommen – einen kleinen Ausflug mit Zelt und schön und Natur und nicht zu weit und so. Innerschweiz? Hm. Joa. Oder Züri Oberland? Hm. Oder – wie wärs mit Schwarzwald? Wutachschlucht?

Der Zeltplatz, den wir aus dem Netz fischten, hatte sogar schon geöffnet und so haben wir am Samstagvormittag das Auto gepackt und sind losgefahren. Weit ist es ja nicht, aber weil die Grenze von all den Schweizer EinkaufstouristInnen verstopft war, fuhren wir einen kleinen Umweg und erreichten um eins den Camping Stühlingen.

Das Zelt hatten wir rasch aufgebaut – direkt beim gedeckten Pavillon mit drei Tischen darunter – und schon bald waren wir zu Fuß unterwegs. Ja, diese kleine Wanderung war genau das, was ich gebraucht hatte!

Nach einem kleinen Einkauf entfachten wir am Grillplatz am Ende des Campingplatzes ein Feuerchen und grillten unser Abendessen. Seelenwohltuend. Und ja, auch gut gegen die Kälte, ist so ein Feuer. Schließlich wurde es eine ziemlich kalte Nacht im Zelt, fünf Grad oder so, und es dauerte am Morgen eine ganze Weile, bis wir wieder warm hatten. Zumal die Sonne eine Weile brauchte, bis sie die Hügel überwunden und unsern Zeltplatz gefunden hatte. Zu allem Übel hatte ich Bauch- und Kopfweh und aus unerfindlichen Gründen meine Kopfwehtabletten nicht eingepackt. Mist aber auch.

Die nächste notfalldiensthabende Apotheke war in Neustadt bei Titisee und so planten wir kurzerhand um. Statt die Wutachschlucht zu erwandern, stand nun Tabletten kaufen auf dem Programm. Bis die Tabletten wirken würden, beschlossen wir es ruhig anzugehen. Überhaupt … es ruhig angehen ist eh genau richtig. Nach einem kleinen Spaziergang am Neustadter Stadtrand mit Sonnetanken fuhren wir an den nahen Titisee, das ich alsbald ’das Büsum, Helgoland und Interlaken des Schwarzwaldes’ nannte. So viele Touristen und Touristinnen auf einen Haufen! Von überall. Lange hielten wir es hier nicht aus. Uns zog es in die Natur und so fuhren wir doch noch in die Wutachschlucht, wie es uns die Zeltplatzbesitzerin am Vorabend ans Herz gelegt hatte.

Der Wegweiser in die Lotenbachklamm sprang uns beiden beim Wanderparkplatz bei der Schattenmühle sofort ins Auge. Da wir beide wegen der kalten Nacht wenig erholsam geschlafen hatten, beschlossen wir diese eher kurze Wanderung zu machen – knapp anderthalb Kilometer rauf und später wieder runter. Eine weise Entscheidung!

Zum einen war es ein wunderbares Stück Weg über felsiges Terrain, genau nach unserem Geschmack, zum anderen waren alle Leute unterwegs sehr freundlich und rücksichtvoll. Die Klamm? Einfach nur wunderschön! Sonnenlicht, das durch frühlingszartes Blätterdach fällt. Das Rauschen des Lotenbachs tat das seine. Meine Sinne waren weit offen und das Kopfweh endlich vergangen. Oben angelangt fanden wir eine Wiese, die geradezu zum Picknicken und zu einem Nickerchen einlud. Herz, was willst du mehr?

Später, zurück auf dem Zeltplatz, waren deutlich mehr CamperInnen auf dem Platz und ’unser’ Pavillon besetzt. Für die Nacht und den Montag war zudem Regen angesagt, sodass wir kurz überlegten, ob wir das Zelt abbauen und nach Hause fahren sollten. Nach einigem Hin und Her entschieden wir uns stattdessen, das Zelt hinten beim Grillplatz aufzubauen. Dass das erlaubt war, hatten wir erst am Samstagabend erfahren. Beim Grillplatz steht ein Schutzdach neben dem kleinen Bürohäuschen. Warum eigentlich nicht darunter das Zelt aufbauen?, fragte ich. Hey, super Idee, meinte der Liebste, das machen wir! Dann müssen wir am Morgen, wenn es regnet, nicht direkt aus dem Zelt in den Regen hineinklettern.

Wieder entfachten wir ein Feuer. Der Regen hielt sich brav zurück und wartete, in den Wolken hockend, die Nacht ab. Unser zweiter Abend in Stühlingen war deutlich wärmer. Was doch so ein paar Grade ausmachen! Auch die Nacht war weniger kalt als die vorherige und so schliefen wir beide tief und fest und wachten erholt und erfrischt auf. Das bisschen Regen, das nachts gefallen war, hatte uns nicht gestört. Am Morgen schien wieder die Sonne und so konnten wir gemütlich frühstücken und das Zelt abbauen.

Wir hatten uns entschieden, an die Rheinfälle zu fahren. Die größten Wasserfälle Europas. Und ja, ich bin tatsächlich – trotz der Nähe – noch nie dort gewesen, während Irgendlink, der ja ein paar hundert Kilometer weiter weg wohnt, schon einige Male – zuletzt auf der Flussnoten-Rheinradeltour – diese tosenden Wassermassen bestaunt hat.

Wenn schon, denn schon!, sagten wir uns und kauften Tickets für eine kleine Hafenrundfahrt. Uns hats gefallen.

Noch hielt das Wetter, obwohl die Sonne ab und zu Wolkenverstecken spielte, und so beschlossen wir, über Land zu fahren und irgendwo, an einem schönen Hügel, eine kleine Wanderung mit Picknick einzulegen, bevor wir wieder nach Hause fahren würden.

Unsere Pläne fielen buchstäblich ins Wasser. Der Regen hatte sich uns an die Fersen, an die Räder, geheftet und war immer genau dort, wo wir lang fuhren. Zuerst dem Lauf des Rheins folgend, später quer über Land. Und immer war der Regen auch schon da.

Okay, dann picknicken wir halt an meinem Esstisch!

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Nur schon zwei Tage reichen manchmal, um den Kopf wieder ein bisschen freier zu bekommen und all das, was uns im Alltag so selbstverständlich vorkommt, als wertvoll vor Augen zu führen. Ich sage ja nur: Badewanne.

Ein paar Reiseimpressionen (Galerie):

 

Artwalking mal wieder

Eigentlich wollten wir ja nur einige Beiträge zur wachsenden Bahnhofsbilder-Sammlung einer auf Twitter befreundeten Community schießen, doch auf einmal fanden wir uns in einem herzigen Dorf mit dem pittoresken Namen Waldfischbach-Burgalben wieder und suchten nach der Bahnhofsfotografierung mal wieder nach einem Geocache in den nahen Hügeln. Zwar haben wir den nicht gefunden, aber sonst ein paar schöne Motive. Denn echt jetzt, die Pfalz ist schön. Nicht immer und nicht überall. Aber gestern. Aber dort.

Gedankensplitter

Heute Morgen bin ich aus einem sehr seltsamen, sehr real anmutenden Traum erwacht. Erwacht worden, wachgeguckt worden. Als ich meine Augen aufschlage, ruhen jene des Liebsten auf mir und ich frage ihn, ob ich im Schlaf geredet habe.
Nein, sage er.
Wenn, dann hätte ich nach dir gerufen, sage ich.

Wir waren irgendwo in Schweden oder Frankreich unterwegs, mit dem Rad. Auf einer mehrtägigen, längeren Tour. Etwas also, das wir in echt zwar noch nie per Rad, wohl aber zu Fuß, erlebt haben. Nach einer Pause stehen wir wieder auf. Aus irgendwelchen Gründen vergisst Irgendlink sein Handy. Ich packe es ein, als er schon losgeradelt ist. Ich bummle offenbar so lange rum, dass wir uns aus den Augen verlieren. Im Traum fühlt sich das nichts ungewöhnlich an. Wir haben keinen Ort abgemacht, an welchem wir aufeinander warten werden. Wir haben auch, was für uns sehr typisch ist, kein Tagesziel anvisiert. Fahren einfach vorwärts. Als Kartenmaterialien nur die Handys. Zwar spüre ich keine Panik, aber das hier ist doch recht unfassbar und ich bin ratlos. Ja, ich bin beunruhigt und frage mich je länger je häufiger, ob Irgendlink vor oder hinter mir ist, weil ich an einer Abzweigung nach Gefühl rechts abgebogen bin. Er könnte sowohl links oder rechts lang gefahren sein. Oder er könnte an einer Bucht auf mich warten. So verstreichen die Stunden und langsam bekomme ich nun doch Angst, zumal ich kein Zelt dabei habe. Langsam wird es Abend. Unter normalen Umständen hätten wir längst gesimst, unter normalen Umständen hätten wir schon sehr bald aufeinander gewartet. So was kann uns eigentlich nicht wirklich passieren, aber was wäre, wenn?

Schließlich erwache ich. Wir überlegen, wie wir uns in einer solchen Situation, fern von zuhause, wiederfinden könnten.
Ich würde wohl, sage ich, im nächsten Ort – in einem Dorf, bei Privaten, in einem Restaurant, irgendwo – auf ihn warten und ihm von dort aus eine Mail schicken. Mails abfragen kann man ja sicher immer irgendwo – bei Privaten, in einem Restaurant, irgendwo. Ich würde ihm schreiben, wo ich bin und dort auf ihn oder auf eine Antwort warten.
Die Idee ist gut, sagt er, aber das Problem ist, dass ich mein Mailaccount-Passwort nicht im Kopf habe.

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Später sprechen wir über das Böse und ich überlege einmal mehr: Ist das Böse schon von Anfang an in uns drin? Ruht es solange, bis es geweckt wird? Oder ist es immer wach und sitzt abwartend am Spielfeldrand? Und wovon wird es geweckt oder ins Spiel geholt? Durch Abschauen und Nachahmen, durch zermürbende Umstände? Kommt es womöglich erst im Laufe des Lebens in uns hinein, wie manche glauben – und wenn ja, wodurch?
Ich denke ja eher, sage ich schließlich, dass wir Menschen wie Erde sind. Alles ist immer in uns drin. In Samenform. Kraut. Mitkraut. Unkraut. Alles da, alle Informationen und was immer eben Leben ausmacht.

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Gestern Nachmittag im Wald die Erkenntnis, dass es egal ist, in welchem Pappel vor Wald mit Wolkentürmen vor blauem HimmelLand auf dieser Erde ich auch immer bin: Wälder sind immer irgendwie ähnlich heimatlich; sie sind einfach so da und beruhigen mich. Ich fühle mich geborgen in der Natur.

Hier sind viele Bäume im Laufe des Winters umgestürzt. Manche müssen wir übersteigen, weil sie den Weg blockieren. Ist die Natur böse? Ist der Sturm, der die Bäume gefällt hat, böse? Vier unteschiedliche Federn auf schwarzem GrundNie. Ist die Natur gut? Hm.
Natur kennt keine Wertung.
Natur ist einfach.

Und wer immer nur in die Wolken guckt, sieht die schönen Federn und Kräuter, die auf der Erde liegen, nicht.