Der alte Mann und das Wasser

Unser erstes Mal sollte auf dem Bözberg sein. Ein neues Zelt will schließlich getestet werden. Darum haben wir letzten Freitagmorgen beschlossen, es ein erstes Mal trocken aufzubauen. Also noch ohne Übernachtung. Auf dem Spielplatz einer Dorfschule.

Dazu muss erzählt werden, dass mir auf meinen Hilfeschrei nach dem Bündnerland-Ausflug neulich, als ich des Liebsten Wanderzelt eine enge Sardinendose genannt und mir ein größeres, aber ebenso leichtes Wanderzelt gewünscht hatte,  ein Twitterer, dessen Weltreise wir vor einigen Jahren in dessen Blog live mitverfolgt hatten, sein ’altes Zelt’ zum Testen und Kaufen angeboten hatte. Mit seiner Partnerin zusammen hatte er mit ebendiesem Zelt die Welt bereist.

Und was soll ich sagen? Das Zelt fühlt sich noch fast wie neu an und sieht auch so aus, denn es wurde sehr gut gepflegt. Es ist viel größer, aber nur ein winziges bisschen schwerer als das von Irgendlink. Und es hat, was mir sehr wichtig war, zwei seitliche Eingänge, so dass wir nun einfacher ein- und aussteigen können. Gerade bei nächtlichem Pinkelmüssen oder so ist das sehr genial. Und es hat auch mehr Platz für unsere Sachen. Und mehr Platz für das Kochen vor dem Zelt. Kurzum: Wir sind beide schockverliebt, nachdem wir das Zelt das erste Mal auf dem Bözberg aufgebaut haben.

Auf dem Rückweg fahren wir an die Aare und stellen fest, dass sie durchaus noch eine erträgliche Badetemperatur hat. Hätte. Schade, dass ich mein Badezeug nicht dabei habe. Irgendlink hupst in der Unterhose rein, der Glückliche.

Am Samstagmorgen wissen wir nur, dass wir mit dem Zelt und den Rädern losfahren werden. Aber wohin ist unklar. Die Region Hallwilersee steht zur Diskussion, der Aareweg zum Rhein ebenso und natürlich auch das Fricktal, diese Landschaft, die uns mit ihren Dörfern, Weilern und Hügeln immer wieder so bezaubert. Also fahren wir ohne Plan los und entscheiden laufend. Es wird schließlich ein spannender Mix aus Vertrautem und Neuem.

Doch zuerst kaufen wir im Unterdorf ein Brot, zwei Dosen Bier und ein paar Goodies. Wir radeln zuerst der Reuss und später der Aare entlang Richtung Villigen und Böttstein und auf einmal sind wir in Laufenburg am Rhein. Und es hat noch nicht mal wirklich weh getan. Zumal wir immer wieder Pausen machen. Gegen Abend finden wir, in den Hügeln in der Nähe von Kaisten, eine Wiese, auf der wir praktisch unsichtbar sind, aber einen wunderbaren Ausblick haben. Hier bleiben wir.

Auf dem Trangia kochen wir unser Abendessen und bauen später, kurz vor Sonnenuntergang, das Zelt auf.

Zur Feier des Sonnenuntergangs stoßen wir aufs Leben und die Liebe an. Nach einem Nachtspaziergang genießen wir den vielen Platz im Zelt. Leider habe ich gegen Morgen schreckliche Träume von Krieg und Tod. Meinem intensiven Nachdenken und Mitfühlen mit den Menschen in Moria geschuldet? Selbst wenn ich (wie schon so oft) versuche, mich wenigstens für einen Tag nur auf meine kleine Welt einzulassen, nehme ich ja doch immer alles mit. Die Welt ist in mir, ich bin die Welt, wir alle sind die Welt.

Nun ja, richtig gut schlafen geht anders, aber weil ich genug Platz habe, mich, ohne dabei den Liebsten zu stören, hin und her zu wälzen, war das Wachliegen nicht so schlimm wie in Irgendlinks schmalem Wanderzelt. Ich genoß die Nachtgeräusche. Lauschte Eulen und Käuzchen. Dort ein Rascheln, da ein Zischen und ein Klopfen in den Bäumen.

Um acht tauchen wir aus unsern Nachterlebnissen auf und begrüßen uns und den neuen Tag. Kaffee und Tee im Bett; hach, wie ich das liebe! Das Frühstück verschieben wir auf später. Auf eine Bank. Und das Zelt packen wir nass ein. Auch das wird später trocknen dürfen. Es ist schattig auf unserer Wiese, nicht kalt, eher frisch auf die angenehme Art.

Später, bei einer Halbschatten-Bank, breiten wir das Zelt auf der sonnigen Wiese und über meinem Fahrrad aus; es darf an der schon warmen Sonne trocknen, während wir gemütlich frühstücken. Später radeln wir weiter südwärts. Nicht mehr auf Radwegen nun, sondern auf Wanderwegen, weil wir zum Sennhütten-Kneipchen wollen, das wir diesen Juni auf einer Wanderung entdeckt haben. Sagte ich Wanderwege? Bergwege eigentlich eher, denn das Gefälle war streckenweise 36%. Ich übertreibe nicht. Die Wasserwaage in meinem Handy hat es gemessen. Es ist schlicht zu steil zum fahren. Räderschieben ist anstrengend, jedenfalls wenn es so steil bergan geht. Wir schieben darum immer abwechselnd mal das eine, mal das andere Rad zu zweit hoch. Total müssen wir wohl etwa einen bis zwei Kilometer schieben. Einmal sogar über eine Treppe. (Das kommt davon, wenn man Wanderwege radeln will.)

Aber dann sind wir da. Das Sennhütten-Beizli ist voll. Es summt und brummt. Wir fragen am Selbstbedienungstresen, ob wir eine Bank neben der Scheune im Schatten aufstellen dürfen. Weg vom Gewusel. Dürfen wir. Auch frisches Wasser bekommen wir. Einfach so. Und Kuchen. Und Getränke.

Wir lagern gemütlich und füttern unsere Handys übers mitgebrachte Solarpanel. Nach einer ausgiebigen Siesta fahren wir weiter, runter nach Kästhal, weiter nach Effingen, weiter nach Linn, weiter nach Bözberg. Vieles nun ist Abfahrt. Manches steil, meistens aber moderat, so wie ich es mag. Staunen darüber, dass wir zuvor sooo viel hochgeradelt sind.

In Linn finden wir endlich einen Brunnen, doch als wir unsere leeren Flaschen füllen wollen, sehen wir, dass es kein Trinkwasser ist. Ein alter Mann im Bauernhaus gegenüber spricht uns an. Wir dürfen unsere Flaschen füllen. Meine ist noch halbvoll, das reicht bis daheim, aber Irgendlink nimmt das Angebot gern an und folgt dem Mann in die Bauernküche. So sollte es sein, denke ich. Teilen aus der Fülle, die wir haben.

Von Bözberg radeln wir über Riniken nach Umiken und sind schließlich wieder an der Aare. Und diesmal haben wir die Badesachen dabei, und diesmal will ich baden. Es ist heiß. Und das kalte Wasser tut so gut.

Wir dösen und auf einmal kriecht das Kopfweh der letzten zehn Tage wieder in meinem Schädel herum. Umso besser tut die Siesta. Wir genießen die Frühabendstimmung und irgendwann radeln wir noch das letzte Stück wieder nach Hause.

Und jetzt weiß ich übrigens, dass ich für kommende Touren Anhängertaschen brauche und dass das mit dem Radeln vielleicht doch etwas für mich sein könnte. Nicht im großen Stil wie der Liebste, aber ab und zu so dreißig, vierzig Tageskilometer mit dem Zelt? Ja, das könnte mir durchaus gefallen.

Gesunder Menschenverstand im Labyrinth

Wir denken über Kurse in Gesundem Menschenverstand nach als wir zum Grenzbahnhof fahren, von wo aus Irgendlink nach ein paar Tagen bei mir in der Schweiz wieder nach Hause fahren wird. Und über Kurse mit Titeln wie ’Mein Weg durch das Labyrinth’ oder ’Wie komme ich da bloß wieder raus?’

Wir hatten uns über das Verhalten der Menschen unterhalten – auf der Straße und im Alltag. Über die Polarisierungen, die je länger je sichtbarer werden. Auf der Straße sind es – zum Beispiel – einerseits die Radfahrenden, andererseits die Autofahrenden. Oder einerseits die Autofahrenden, andererseits die Radfahrenden. Dieses ’Wir’ und ’die anderen’. Dieses Ich-bin-richtig-und-du-bist-falsch-Denken, das sich immer mehr in unseren Lebenshaltungen einschleicht, so leise, so unscheinbar, dass wir es gar nicht wirklich merken.

Die Bereitschaft zur Einsicht, dass wir alle Fehler machen und dass das in den meisten Fällen nicht schlimm ist und man einfach um Verzeihung bitten kann, ist vielen abhanden gekommen, sagt Irgendlink mit Blick auf den Straßenverkehr. Es müsste Fahrkurse geben, bei welchen die Kursteilnehmenden einmal als Radelnde und einmal als Autofahrende agieren, damit man beide Seiten erleben kann. Kursinhalte eigentlich, die sich auf das ganze Leben ausdehnen lassen. Kurse eben in Gesundem Menschenverstand. Und klar, auch bei einem Wechsel der Perspektive und der Position können wir natürlich nie genau wissen, wie es wirklich ist in der Haut des anderen zu stecken. Helfen würde es aber auch jeden Fall.

Gestern wollten wir zu einem Geländelabyrinth radeln, knapp sieben Kilometer von meiner Wohnung entfernt. Dass ausgerechnet gestern in meinem Wohnort SlowUp war, hatte ich völlig vergessen. Und dass die Route an meinem Haus vorbeiführt, war mir erst recht nicht bewusst gewesen. Für diese Aktionen, die an verschiedenen Sonntagen in der ganzen Schweiz durchgeführt werden, sind die Straßen für den Autoverkehr gesperrt. Dafür stehen sie in ganzer Breite offen für Langsamverkehr wie Fahrräder, Skates und so weiter. Früher, als diese Bewegung noch jung war, hatte ich auch das eine oder andere Mal mitgemacht. Aber seit der Funke auf die Masse übergesprungen ist (was ich im Grunde natürlich gut finde!), mag ich nicht mehr mitmachen. Alles, was mit Masse zu tun hat, gruselt mich.

Dass wir genau in die Richtung, aus der die Masse kam, radeln wollten, machte es nicht besser. Die uns entgegenflutende Menschenmenge hat mich am Anfang ganz schön fertig gemacht (ja, so bin ich). Wir wählten, wo immer möglich, Alternativstrecken, Schleichwege, doch natürlich hatte die Organisation die schönsten und besten Routen ausgewählt, manchmal die einzigen, und so fuhren wir etwa die Hälfte unserer Strecke gegen den Strom. Schließlich verließen wir diesen und fuhren auf Feldwegen. Bei dreißig Grad Hitze. Wir waren bis sechshundert Meter ans Labyrinth, das auf einem Hügel liegt, herangefahren – und kapitulierten. Ich vor allem. Die Hitze und mein Kreislauf werden niemals Freude, befürchte ich. Der Liebste meinte: Kein Problem. Wir müssen da nicht hoch. Wir müssen überhaupt nichts. Wir können einfach zurückfahren.

Taten wir dann auch. Diesmal sogar ein Stück im SlowUp-Strom. Zu einem wunderbaren Badeplatz am Zusammenfluss von Limmat und Aare. Was für eine Ruhe dort und wie gut das kühle Wasser tat!

Das Labyrinth von Chartres, welches für das Wiesenlabyrinth das Vorbild war.Ich könnte ja eigentlich heute zum Labyrinth fahren, sagte ich zu Irgendlink, als wir heute Morgen frühstückten. Genau … auf dem Rückweg vom Grenzbahnhof könnte ich dort vorbeifahren, es liegt ja fast am Weg.
Oder wir fahren nachher miteinander hin?, antwortete Irgendlink. Wir fahren einfach eine Stunde früher los.

Gesagt, getan. Weil es regnete, als wir das Dorf erreichten, fuhren wir auf Feldwegen direkt zum Labyrinth statt unten zu parken und hochzuspazieren. Kaum oben angelangt, hörte der Regen auf.

Doch was für eine Enttäuschung! Das Labyrinth war nicht wirklich auf den ersten Blick als solches sichtbar; halb zugewachsen, überwuchert lag es da. Wäre da nicht die Info-Tafel gewesen, hätten wir es vermutlich gar nicht bemerkt. Unsere Lust, es zu begehen, hielt sich in Grenzen.

Das Bild zeigt eine Luftaufnahme des Wiesenlabyrinths an einem wolkigen Sommertag unter blauem, wolkigem Himmel. Im Hintergrund Hügel und Wälder.
Quelle: http://www.labyrinth-international.org/labyrinth-remigen-ag.html

Aber es nicht zu begehen war dann doch keine Option. Wenigstens ein paar Schritte hinein mussten wir tun.

Ich wählte den Weg nach rechts, der, wie ich später auf der Grafik sah, eigentlich gar kein Weg war. Weil die Spur nicht wirklich gut sichtbar war, spielte das für mich keine Rolle. Wirklich verlaufen kann man sich in einem Labyrinth ja nicht. Auch Irgendlink schritt das Labyrinth ab. Beide hatten wir den Blick auf die Füße gerichtet, da es nicht immer ganz einfach zu erkennen war, wo eine Kurve oder eine Wendung kam. Mit diesem Blick auf den Boden auf den unmittelbar vor mir liegenden Weg, sagte ich nachher, könnte ich direkt den Blick fürs Ganze verlieren.
Manchmal kamen wir uns nah, kreuzten uns oder waren sogar auf parallelen Wegen unterwegs, manchmal war er genau gegenüber, maximal weit weg von mir. Manchmal entfernte ich mich von der Mitte, mal ging ich direkt auf sie zu, nur um im letzten Moment doch wieder eine Wendung zu nehmen, die mich weg aus der Mitte führte. Und irgendwann erreichte ich sie dann doch. Wie im richtigen Leben halt.

Etwa eine Viertelstunde waren wir still in unser Gehen vertieft. Meditativ.

Was soll ich sagen? Es hat gut getan. Die anschließende Neubewertung fiel positiv aus. Dieses halb zugewachsene Etwas inmitten einer Wiese an einem Hügel in den Fricktaler Hügeln hat mich wieder geerdet, nachdem ich am Morgen eher ein bisschen neben mir gewesen war.

Zweite Chancen haben auch Tage verdient, die in Schieflage anfangen.

Meine Räder und ich

Seit Tagen steigen Erinnerungen hoch. Zum Beispiel an die Sache mit Ostern. Wie war das gleich gewesen, früher? Eier suchen gabs bei uns nicht. Meine Mutter hat uns ja auch nie Märchen erzählt. Das sind doch Märchen, ich erzähl euch doch keine Lügengeschichten. Ab und zu las sie eine Kindergeschichte aus einer Zeitschrift vor. Das wars schon. Gut, dass ich schon sehr früh lesen konnte. Und alles zu lesen begann, was mir in die Finger kam.

Karfreitag habe ich während meiner Ausbildungszeit gerne meditativ und auch gerne alleine verbracht. Ich fuhr zum Beispiel mit meinem bordeauxroten Rennrad an den Hallwylersee – hin und zurück dreißig Kilometer. Womit wir bei meinem Fahrrädern wären …

Hach, mein rotes Rad, mein erstes eigenes Rad! Meine Räder waren nicht einfach Fahrräder. Nicht einfach nützliche Dinge, mit denen man von A nach B fuhr. Nein, so wie auch meine Autos Persönlichkeiten sind und waren, waren und sind das auch meine Räder. Jedes schrieb mit mir ein Stück Lebensgeschichte.

Fahren lernte ich auf dem roten Kindervelo meiner Schwester. Ich war wohl sieben oder acht. Unsere Straße war dazu wie geschaffen, ein wahres Kinderparadies. Samt Wald. Ein Biotop für Kinder. Radfahren, Rollschuhlaufen, Federballspielen, im Wald Baumhütten bauen … ja, das war alles wirklich gut und schön. [Neben allem andern Scheiß.]

Mit zwölf kam ich in die Oberstufe. In die Bezirksschule im Nachbarort. Wohin ich mit dem alten Rad meiner Mutter fuhr. Als ich es zu benutzen begann, war das gute Teil schon über zwanzig Jahre alt. Es hatte eine Sturmey Archer-Dreigang-Schaltung, einen zweifarbigen Ledersattel und einen schweren, dunkelgrünen Rahmen. Altmodisch wie sonst was. Für eine Zwölfjährige war so ein Teil unglaublich peinlich. Andererseits (und wenn ich ganz ehrlich bin) habe ich das Teil geliebt. Ich trug es auf wie eins jener alten Kleidungsstücke, die wie angegossen sitzen und trotzdem längst von allen andern in die Kleidersammlung geworfen worden wären. Natürlich moserte ich rum und wünschte mir ein eigenes neues Fahrrad. Was aber nicht so einfach war, weil das Geld fehlte.

Schließlich begann meine Schwester nach ihrer Konfirmation mit der Lehre und kaufte sich vom ersten Lehrlingslohn und dem Konf-Geld ein Mofa. Ich besuchte nun bereits das zweite Jahr der Bezirksschule und durfte ab sofort ihr vier Jahre altes Fahrrad auftragen. Ein Durchschnittsmodell, wie auch meine Mitschülerinnen sie trugen fuhren. Goldmetallic der Rahmen. Warum sie damals nicht das alte Mutterrad hatte benutzen müssen, frage ich mich heute zum ersten Mal. Vermutlich hatte sie sich erfolgreicher als ich dagegen gewehrt? Das konnte sie nämlich viel besser als ich. Doch ich, ich träumte – trotz hübschem goldenem – noch immer vom eigenen neuen Fahrrad.

Ein Jahr später wurde mein Traum wahr, denn ich gewann bei einem Wettbewerb ein nigelnagelneues Velo. Dumm nur, dass ich inzwischen erfolgreich meine Mofaprüfung abgelegt und sich mein Traum vom eigenen neuen Fahrrad in den vom blauen Mofa gewandelt hatte. Längst hatte ich auch auf Mofas von Kollegen und Kolleginnen einschlägige Erfahrungen gesammelt. Mein Vater half mir, meinen Traum zu verwirklichen. Er verhandelte mit dem Zweirad-Händler im Nachbardorf, der schließlich mein gewonnenes Fahrrad in Zahlung nahm und mir gegen einen Aufpreis ein quietschblaues Mofa, ein Puch Maxi, verkaufte. Das gleiche wie meine Freundin U.. Fast alle aus meiner Klasse kamen inzwischen mit dem Mofa in die Schule. Nach der Schule fuhren wir ab und zu in die nahen Hügel und kurvten herum. Ein Mofa war für uns das Synonym für Freiheit.

Viele Jahre, auch als ich schon in A.und noch später in B. zur Schule ging, fuhr ich mit meinem Maxi durch die Welt. Treu und zuverlässig brachte es mich ans Ziel. Doch auf einmal erwachte der Traum vom Fahrrad wieder. Freundin D. hatte sich beim Fahrradhändler W. im Oberdorf einen pinken Renner spritzen lassen. Boah, so ein geiles Teil! Zwar nicht in pink, aber so ein Renner war doch genau das, was ich mir immer gewünscht hatte! Außerdem jobbte ich ja in den Schulferien immer und hatte mir inzwischen etwas zusammengespart. Für gute Noten kam auch immer was dazu und so konnte ich bald zum Velo-W. gehen und mir mein eigenes Traum-Velo zusammenstellen. Bordeauxrot musste er sein, der Rahmen meines „Halbrenners“ – damals meine Lieblingsfarbe. Dazu hatte er einen schwarz ummantelten Rennlenker, feine Spritzschutzbleche und einen feinen Gepäckträger, auf den ich einen ebenso feinen Gitterkorb – ein Geburtstagsgeschenk meines Bruders M. – klemmte. Okay, so ein Korb auf einem Renner mag ein Stilbruch sein, doch ich musste und wollte mit dem Rad ja zur Schule und hatte immer viel zu schleppen. Oder ich fuhr mit meinem Rad an Karfreitag an den Hallwylersee oder mit der Jugendgruppe an die Aare. Das Mofa stand nun hinten in der Garage, nicht mehr vorne, und wurde immer seltener gebraucht.

Als ich nach meinem ersten Arbeitsjahr – als sozialpädagogische Praktikantin – als Zweiundzwanzigjährige für ein weiteres Praktikum ein Jahr ins Tessin fuhr, nahm ich nur das rote Fahrrad mit. Auch später, als ich nach Bern zog, um Buchhändlerin zu werden, kam mein rotes Rad mit und erkundete mit mir diese Stadt, die mir viele Jahre später wieder Heimat wurde.

Irgendwann kam der Tag, da mein rotes Rad starb. Die genauen Umstände habe ich vergessen. Es war, so meine ich mich zu erinnern, geklaut und kaputtet worden und wurde später wiedergefunden. Die Reparaturen hätten mehr gekostet als ein neues Rad, doch weil ich als Buchhändlerin nur wenig verdiente und das Wenige für eine Reise sparte, konnte ich mir kein teures Markenrad kaufen. Also musste ein günstiges Stadtfahrrad her. Das Teil hielt nicht lange, ich erinnere mich kaum an seine Farbe und es war oft kaputt. Wenige Jahre später wurde es von einem schönen neuen türkisfarbenen Citybike mit breiten Reifen, die auch auf ungeteerten Wegen und im Wald etwas taugten, abgelöst. Inzwischen war ich das erste Mal verheiratet, lebte in der gleichen Gegend wie heute und arbeitete zuerst im Kinderheim und später in der örtlichen Buchhandlung. Das Bike war damals mein Alltags- und Freizeitmobil. K. und ich verbrachten unsere Freizeit oft auf den Sätteln unserer Stahlrosse. Daran hat sich bei mir bis heute nichts geändert. Nur dass auch mein türkisses Pferdchen eines Tages seinen Dienst aufgab. Ich vererbte es einer Organisation, die ausrangierte Räder reanimiert und nach Afrika schickt. Der Gedanke, dass mein altes Rad noch immer irgendwo lebt, macht mich noch heute froh.

Mein aktuelles (Marken-)Fahrrad habe ich vor elf oder zwölf Jahren in T. gekauft, als ich mit meinem zweiten Mann im Berner Oberland gewohnt hatte. Dieses silberfarbene Rad mit blauen Teilen da und dort hat längst seine Marke überlebt. Zugegeben, es ist in die Jahre gekommen und längst trägt und fährt es nicht mehr nur Originalteile. Noch nie war ein Rad so lange bei mir. Dem Liebsten-sei-Dank, der es immer wieder zum Laufen bringt.

Heute Nachmittag – nach einem regionalen GeocacherInnentreffen in der Nähe meiner Wohnung – radelten wir beide noch ein wenig an die nahe Reuss.
Einfach drauflos.
Über Stock und Stein. Waldwege.
Ab und zu schieben, wo der Weg zu schmal, der Wald zu dicht ist.
Bei jeder Verzweigung entscheiden, wo lang wir fahren wollen.
Wie im richtigen Leben.