Das Wunder an der Zimmerdecke

Dienstagmorgen. Ich atme tief ein und aus. Stehe wie ein Berg. Übe genüsslich Yoga. Ein freier Tag liegt vor mir, an dem ich einige Dinge tun und noch mehr Dinge lassen will. Ich atme tief ein und aus. Nun dehne ich mich stehend himmelwärts. Ein Mantra fällt mir ein, das ich spreche. Dazu drehe ich meine Wirbelsäule mit in Schulterhöhe ausgestreckten Armen in die Gegenrichtung zu den gekreuzt stehenden Beinen.

Und da, auf einmal, sehe ich es. Das Wunder an der Zimmerdecke. Es fließt durch die Luft. Langsam. Zierlich. Auf Augenhöhe hält es inne und schaut mich an. Schaut sie mich wirklich an? Können Spinnen Menschen anschauen? Seit heute wage ich, diese Frage mit ja zu beantworten. Ich sage Hallo. Kann ja nie schaden. So graziös wie sie sich vor mir schwingen lässt, so anmutig wie sie nun an ihrem Faden näher bodenwärts fließt, werde ich nicht mal im Traum Yoga üben können.

Notizzettel "Das Wunder an der Zimmerdecke"
Notizzettel „Das Wunder an der Zimmerdecke“

Du hast Mut, sage ich, aber du weißt ja bestimmt, dass ich dir nichts tue! Ich betrachte sie aufmerksam und versuche mir vorzustellen, wie es sich anfühlt, am selbstgesponnenen Faden zu baumeln. Voller Vertrauen, dass das, was ich da eben gesponnen habe, hält. Dass es mich trägt. Dass ich mich auf mich verlassen kann.

Wie ich sie so betrachte, klettert sie ohne äußeren Anlass wieder fadenaufwärts. Lächelt sie womöglich? Oder war das eben ein Zwinkern?
Danke!, sage ich und lege mich auf die Matte um die nächsten Asanas zu üben.

artgerechter Konjunktiv

Wenn mein (dein) Leben im Konjunktiv artgerechter wäre als dein (mein) Leben im Präsens, stimmt was nicht.

himmlisch

Langsamer müsste es sein, dieses Leben. So langsam wie ich Yoga übe. Atmen. Da sein – nicht mir vorauseilen in Gedanken. Denken und Bewegung synchronisieren. Die Dehnung spüren UND denken. Yoga, das merke ich immer wieder, ist viel mehr als Bewegung, Dehnung, Stille und Atem. Yoga ist auch hier zu sitzen und mich auf diesen Text zu konzentrieren. Mich konzentrieren. In den Schreibflow kommen.

(Bitte spätestens hier atmen)

Mich nicht ständig vom Gebimmel von Whatsapp ablenken lassen. Mich nicht von Gedanken an vorher und nachher ablenken lassen. Denn das ist es, was ich mag: mich längere Zeit ganz auf etwas einzulassen. Mich längere Zeit – zehn Minuten, mehrere Stunden – hinzugeben an das, was ich tue. Am liebsten an Dinge, die mich inhaltlich begeistern. Mein Ding tun. Das wäre artgerecht (jaja, schon wieder Konjunktiv!).

(Bitte spätestens hier wieder atmen)

Und nein, du musst das nicht Yoga nennen. Aber nenn es mit mir zusammen Selbstsabotage, wenn ich mich immer ablenken lasse. Oder ist es nur ein Zeichen der Zeit?

(Gerne und immer wieder: atmen!)

Da bimmelt es. Dort plingt ein Fenster auf. Ich muss doch nachschauen. Nein, das ist doch krank. Muss ich? Muss ich nicht!

Multitasking ist nichts für mich. Klar, kann ich es. Nein, ich kann es eigentlich nicht. Und noch eigentlicher will ich es gar nicht können. Es ist zu viel.

Und es ist zu wenig artgerecht.

Hund, Katz und Maus

Ich schiebe die Computermaus über den Tisch, um dieses Fenster hier anzuklicken. Damit ich mit Schreiben loslegen kann. Und jetzt schiebe ich sie auf dem Tisch herum, um eine Bilddatei einzufügen. Diese hier.

Hier seht ihr Mietze, wie sie ihre guten Vorsätze fürs neue Jahr sehr konsequent und sehr energiesparsam umsetzt. Sie übt Yoga ganz sanft. Im Schlaf. Irgendwie hat sie es voll kapiert mit dem Leben.

Katze im Hund_neu2

Katze im Hund_neuS1sm

(Draufklick für groß)

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Bilder:
Undogmatischer Appspresionismus (iPhoneArt mit Gimpunterstützung)